Klassisch-romantische Dichtung in Deutschland

Im Gegensatz zu »Klassizismus«, der Bezeichnung wiederholt auftretender imitativ-antikisierender Kunstformen, ist »Klassik« ein an der »klassischen« Antike gemessener Normbegriff, mit dem man den oder die Höhepunkte einer Nationalliteratur auszeichnet. Als erste klassische Periode der deutschen Literatur gilt die staufische Dichtung um 1200. Die hier gemeinte Epoche umfasst im engeren Sinn nur die Jahre zwischen 1786 und Schillers Tod (1805), im weiteren Sinne lässt sie sich jedoch als die Zeit von 1786 bis zu Goethes Tod (1832) verstehen, zumal die Romantik als Gegenströmung die Klassik nicht etwa zeitlich ablöste, sondern sich gleichzeitig mit dieser aus der Philosophie des Idealismus entwickelte. Obwohl die deutschen Dichter der Klassik und Romantik wie wenige vor und nach ihnen Eingang in die Weltliteratur (ein Begriff von Goethe) gefunden haben, ist die deutsche Klassik nicht in die Ordnungsschemata der französischen oder englischen Literaturgeschichtsschreibung eingedrungen. In Deutschland hat man vielfach Klassik und Romantik zusammen mit der vorausgehenden Geniezeit, der Zeit des antirationalen, aus eigenen und englischen Dichtungstraditionen schöpfenden Sturm und Drang, zu einer Einheit zusammengefasst. Die Oberbegriffe lauteten dann »Deutsche Bewegung« oder schlicht und plausibel »Goethezeit«, denn Johann Wolfgang von Goethe war, auch durch sein langes Leben (1749-1832), die beherrschende Gestalt des gesamten Zeitraums, um ihn sammelten sich, an ihm schieden sich die Geister der Epoche. Geistige und historische Grundlagen
Das zentrale politisch-historische Ereignis der Zeit war die Französische Revolution nebst ihren Folgen (zentral regierter, bürgerlicher Nationalstaat in Frankreich sowie Napoleons Aufstieg) und Nichtfolgen (Bestand feudaler Kleinstaatlichkeit ohne gemeinsame Verfassung in Deutschland). Deutschland war zerrissen: Das Zentrum des Sturm und Drang, die Reichsstadt Straßburg, stand unter französischer Oberhoheit, Weimar, die Kapitale der Klassik, war ein politisch unbedeutendes Residenzstädtchen, die Hauptstädte der Romantik hießen Jena, Berlin, Heidelberg und vielleicht noch Tübingen. Ein deutsches Paris hat es -sieht man vom Berlin der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts einmal ab – nie gegeben. Wie eine, allerdings großartige Ersatzleistung mutet daher die weltbürgerliche Universalität der klassisch-romantischen Dichter und Philosophen in der Goethezeit an: Vielseitige, supranational gesinnte Aufnahmebereitschaft für die durch Gotthold Ephraim Lessing (1729-81) und Johann Joachim Winckelmann (1717-68) neu interpretierte Antike, für die von Johann Gottfried von Herder (1744-1803) fruchtbar gemachte Kenntnis des Mittelalters und der Volksdichtung, der Geschichte überhaupt, die durch Herder und C. M. Wieland (1733-1813) entfachte Begeisterung für das »Originalgenie« Shakespeare, die Gefühlsbetontheit und Wahrheitsliebe Friedrich Gottlieb Klopstocks (1724-1803) wie die Homer-Übertragung von Johann Heinrich Voß (1751-1826), nicht zuletzt auch die Philosophie Immanuel Kants (1724-1804) dies alles machte die Klassik zu einem Kulminationspunkt der Kultur und der Literatur. Ein sittlich-humanes Menschheitsgefühl schuf sich seine harmonische Synthese aus Verstand und Empfindsamkeit, aus Titanentum und bürgerlichem Ethos eine Harmonie, die innerer Dynamik nicht entbehrte. Weimarer Klassik
Wieland lebte seit 1772 in Weimar, wo er bis 1810 eine der wichtigsten Kulturzeitschriften der Zeit herausgab. 1775 holte der junge Herzog Karl August (1757-1828) seinen Freund Goethe nach Weimar, Herder, Friedrich von Schiller (1759-1805) und ein Strom ehrfürchtiger oder skeptischer Besucher folgten nach. Goethe, der mit hohen Ämtern, u. a. der Leitung des Hoftheaters und 1815 dem eines ersten Ministers betraut wurde, hatte damals schon »Die Leiden des jungen Werthers« und die Dramen der Sturm-und-Drang-Zeit (»Götz von Berlichingen«, »Urfaust«) hinter sich, eine Zeit des Übergangs ist durch die Prosafassungen der »Iphigenie« und des »Tasso« charakterisiert. 1786 bricht er zu seiner ersten italienischen Reise auf: Im Land der Klassik findet er zu einer neuen Form. Er dichtet die »Römischen Elegien« und bringt die jambischen Fassungen der »Iphigenie auf Tauris« und des »Torquato Tasso« mit heim. Seit 1794 datiert die Freundschaft mit Schiller, beide schreiben ihre berühmten Balladen. Schiller, der Dichter der »Räuber« und »Kabale und Liebe«, erarbeitet in den wenigen ihm verbleibenden Jahren seine klassischen Dramen: »Wallenstein«, »Maria Stuart«, »Die Jungfrau von Orleans« und »Wilhelm Teil«. Goethe schreibt seinen großen Bildungsroman »Wilhelm Meister« und die beiden Teile des »Faust«, den er in seinem Todesjahr vollendet. Die romantische Gegenströmung
Religion, Herz, Phantasie, Traum, Spiel und Märchen, Natur als Empfindungsraum der Seele das sind die Schlüsselbegriffe einer synästhetischen, romantischen »progressiven Universalpoesie« (Friedrich v. Schlegel), deren revolutionärer Drang immer auch ins Private umkippen kann. Die Romantik kann in mancher Hinsicht als gefährdeter, »poetischer« und »moderner« empfunden werden als die Klassik. Stehen Jean Paul (eigentlich Johann Paul Friedrich Richter, 1763-1825), Friedrich Hölderlin (1770-1843) und der geniale Dramatiker Heinrich von Kleist (1777-1811) noch zwischen beiden Strömungen, so zeigt sich romantischer Geist am deutlichsten bei Novalis, E. T. A. Hoffmann (1776-1822), Clemens Brentano (1778-1842) und Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857).

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Info 22.11.2017 17:32
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