Entwicklung der Archäologie

Schon in der Zeit der Renaissance wurde das Interesse des Menschen an seiner eigenen weit zurückliegenden Vergangenheit wach. Allerdings reicht das Verlangen, etwas über die Vorfahren zu wissen, noch viel weiter zurück. Nabonid, der letzte König des neubabylonischen Reiches (Regierungszeit 556-539 v. Chr.), ließ den Grundstein eines Tempels ausgraben, um dessen Alter festzustellen: Er kam auf 3200 Jahre. Das Wissen der Renaissance
In der Renaissance wurde diese Form der Vergangenheitserfahrung von zwei Entwicklungen entscheidend bestimmt: Einmal wurden die für die Archäologie wichtigen Schriftsteller (Vitruv, Lukrez, Plinius, Pausanias) immer wieder herausgegeben und durch den aufkommenden Buchdruck weit verbreitet, so dass die Gebildeten dieser Epoche mehr und mehr den Weg der Menschheit aus der Unzivilisiertheit über die Barbarei in die Zivilisation verfolgen konnten. Zum anderen machte das Zeitalter der Entdeckungen die Neue Welt zugänglich, diese stand weitgehend noch auf der Kulturstufe der Steinzeit. Dem Zeitalter der Aufklärung entsprachen auch Spekulationen über den Ursprung des Menschen. Im späten 18. Jahrhundert häuften sich die Beweise dafür, dass die Erde sehr alt sei, jedenfalls viel älter als die Bibel angab, nach der die Erde vor rund 4000 Jahren erschaffen worden sein sollte. Eine Revolution im Denken setzte ein. Das zeigten die 1785 erschienenen Arbeiten des schottischen Geologen James Hutton (1726-97) bis hin zu den »Principles of Geology« (1830-33) von Huttons Landsmann Sir Charles Lyell (1797-1875). 1859 rief Charles Robert Darwin (1809-82) mit seinem Werk »Über den Ursprung der Arten durch natürliche Zuchtwahl« neue Vermutungen über die Herkunft des Menschen hervor. Archäologie und Kunstgeschichte
Im 18. Jahrhundert konzentrierte sich das historische Interesse auf Griechenland. Die englischen Architekten Nicholas Revett und James Stuart nahmen 1751-54 die Baudenkmäler Athens auf, Johann Joachim Winckelmann (1717-68) schuf mit seiner »Geschichte der Kunst des Altertums« (1764) statt der bisher üblichen Künstlergeschichte eine Stilgeschichte, in der er die Grundlagen des künstlerischen Schaffens berücksichtigt, damit entwickelte er eine grundlegend neue Betrachtungsweise, die von der neueren Kunstwissenschaft, vor allem von der vergleichenden Kunstgeschichte, übernommen worden ist. Als einer der ersten hielt Christian Gottlob Heyne (1729-1812) zum ersten Mal an einer deutschen Universität, in Göttingen, Vorlesungen und Übungen zur Archäologie. Die von Heyne geschaffenen Sammlungen von Büchern, antiken Originalen und Gipsabgüssen boten zum ersten Mal in Deutschland praktisches Anschauungsmaterial für den Universitätsunterricht in Mythologie und Kunstgeschichte der Antike. 1829 wurde dann als Zentrum internationaler archäologischer Forschung das Istituto di corrispondenza archeologica in Rom gegründet, aus dem das spätere »Deutsche Archäologische Institut« (seit 1871) hervorging. Von Griechenland in den Orient
War bis zum Ende des 18. Jahrhunderts das archäologische Interesse fast ausschließlich auf Griechenland gerichtet, so änderte sich das mit Napoleons Feldzug nach Ägypten (1798/99), ihn begleitete ein Gelehrtenstab, der in 36 Bänden über seine Forschungen berichtete. 1842-45 legte eine preußische Forschungsexpedition unter Karl Richard Lepsius (1810-84) eine noch heute unentbehrliche Sammlung von Bild- und Inschriftenkopien an. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden auch die großen Kulturen im Nahen Osten entdeckt. Nach 1840 arbeitete Sir Austen Henry Layard (1817-94) in Ninive, französische und britische Gelehrte rivalisierten um die Ausbeute der archäologischen Stätten in Assyrien und Babylonien. Der deutsche Archäologe Heinrich Schliemann (1822-90) grub (zwischen 1870 und 1882) Troja aus und führte 1874-76 Grabungen in Mykenä durch, damals lernte die Welt die Pracht des bronzezeitlichen Griechenlands kennen, einer vorher unbekannten Kultur, deren Vorläufer erst ab 1900 in Knossos auf Kreta entdeckt wurden. Systematik und Wissenschaft
Die lange Geschichte der Menschheit und die große Zahl von Entdeckungen aus prähistorischer Zeit wurden in ein Schema der aufeinanderfolgenden Stein-, Bronze- und Eisenzeit gebracht. Dieses chronologische Schema wandte der Däne Christian Jürgensen Thomsen (1788-1865) erstmals 1816 bei der Ordnung von Museumsmaterial an. Sein Nachfolger Jens J. A. Worsaae (1821-85) bestätigte dieses System mit Hilfe der Stratigraphie, des geologischen Studiums der Bodenschichten. Augustus H. Pitt-Rivers (1827-1900) erkannte, dass bessere Grabungsmethoden notwendig waren, um Zeugnisse der Vergangenheit zu erwerben, und schuf erstmals eine Art Systematik. In gewisser Hinsicht geht die Entwicklung der prähistorischen Studien, die in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts mit Gordon Childe (1892-1957) begonnen hat, immer noch weiter. Das Alter des Menschen wurde durch die Arbeiten des Engländers Louis Leakey (1903-72) in Afrika ständig weiter in die Vergangenheit zurückdatiert. Die gleichzeitige Entwicklung archäologischen Denkens in den Vereinigten Staaten beeinflusst die Vorstellungen in Europa und umgekehrt. Die Archäologie wird mehr und mehr zu einer einheitlichen Disziplin in der ganzen Welt.

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Info 26.09.2017 - 00:15
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