Romantische Kunst: Historienmalerei

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden die Prinzipien, Ansichten und Wertungen der Aufklärung von allen Seiten angegriffen und in Frage gestellt. Ihr entschiedenster Gegner war der in Genf geborene französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712-78), der heute als »Vater« der Romantischen Bewegung gilt. Nach ihm sollten Erkenntnis und Handeln vom Gefühl und nicht vom Verstand bestimmt werden, er bestritt die klassische Auffassung, nach der die Kunst im Dienst der Moral stehe. Für britische und deutsche Dichter wie William Blake (1757 bis 1827), der auch Maler war und seine poetischen Werke selbst illustrierte, und Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) war das Unbewusste die Quelle von Kunst und Poesie, sie machten zum ersten Mal die Wahrhaftigkeit zum Prüfstein für den künstlerischen Wert. Die Romantik in der französischen Malerei
Die Entwicklung der Romantik lässt sich am besten anhand der französischen Malerei verfolgen. Nur in Frankreich bestand nämlich die Tradition, Staatsaufträge für große historische Gemälde zu vergeben, an Auswahl und Behandlung der Themen lässt sich eine allmähliche Entwicklung nachweisen, die mit einem fast reinen Klassizismus beginnt und zu einer mehr oder weniger reinen Romantik führt. Die Abwendung vom Klassizismus begann in der Malerei von Jacques-Louis David (1748-1825). Nicht dass er die Stilmittel der Klassik, ihre Klarheit, Präzision und Strenge, die Anspielungen auf die Antike und auf Nicolas Poussin aufgegeben hätte, doch in einem Gemälde wie »Der ermordete Marat« (1793) fühlt man unter der äußeren Ruhe etwas von den durch Rousseau geweckten Empfindungen, die Bedrohtheit menschlichen Lebens und Wirkens, die Macht des Fanatismus und des Zufalls, den morbiden Reiz der Gewalt. Zum Teil rühren diese Eindrücke vom Thema her: Ein einzelner Mann, der zum Besten der Gesellschaft zu arbeiten glaubt und von ihr niedergestreckt wird. Nicht die Natur, sondern der Mensch steht hier im Mittelpunkt dramatisch bewegter Bilder, der allein einer Übermacht Trotz bietet und ihr schließlich unterliegt, sei es der Gesellschaft, der Natur, den unerforschlichen Göttern in ihrem unbegreiflichen Ratschluss oder gar dem Universum selbst. Die »Poesie« des Krieges
In der Zeit nach David verstärkte sich dieser Drang zum Emotionalen, wenn auch die klassische Form noch nicht gesprengt wurde. Antoine-Jean Gros (1771-1835) brachte die »erregende Poesie« (wie man sie damals empfand) des Napoleonischen Krieges zum Ausdruck, eine von Schrecken und Zerstörung gekennzeichnete Poesie. Theodore Gericault (1791-1824) verkörperte das nächste Stadium, der einsame Mensch ist bei ihm der Wahnsinnige, der Schiffbrüchige, der Reiter auf wildem Pferd, aber auch der verzweifelte Künstler. Schließlich bedeutet das Werk von Eugene Delacroix (1798-1863) den Höhepunkt im Kampf gegen die Klassik und Durchbruch und Ende der Romantik. Er ging zwar niemals ganz von den klassischen Prinzipien ab (wahrscheinlich könnte das ohnehin kein Franzose), doch standen seine Werke in direktem Gegensatz zu den Werken seines älteren Zeitgenossen, des Klassizisten Jean Auguste Dominique Ingres (1780-1867). Wie Delacroix zusammenfassend sagte, war die romantische Malerei geprägt durch Farbe, Bewegung, breite Pinselführung und durch die ungehemmte Darstellung der Gewalt. Eine Erörterung der romantischen Historienmalerei in anderen Ländern ist sehr viel schwieriger, da es dort keine so ungebrochene Tradition gab. In England wuchs das Interesse für das Irrationale, wie es z. B. in Werken von Johann Heinrich Füssli (1741-1825) und William Blake zum Ausdruck kam, es erreichte seinen Höhepunkt vor 1800, früher als anderswo, doch blieb diese Richtung ohne Fortsetzung. Füssli suchte die psychologischen Zustände des Terrors und des Alptraums, Blake seine »Visionen der Ewigkeit« zum Ausdruck zu bringen. Die deutsche romantische Malerei ging andere Wege. Caspar David Friedrich (1774-1840) brachte die romantische Grundidee in der Grenzenlosigkeit und Gefühlsbetontheit der Landschaft zum Ausdruck, Philipp Otto Runge (1777-1818) zeichnete die Tiefe der menschlichen Seele, deutete in symbolhaften Gestalten die Natur. Moritz von Schwind (1804-71) gestaltete deutsche Vergangenheit aus Sagen und Märchen, die allerdings schon bei ihm, mehr noch bei seinen Nachfolgern oft in gefährliche Nähe süßlicher Sentimentalität geraten. Die Brüder Ferdinand (1785-1841) und Friedrich (1791-1859) Olivier, Franz Pforr (1788-1812), Carl Philipp Fohr (1795-1818) und andere im Süden, vor allem in Rom lebende Maler verbinden Formstrenge Zeichnung mit einer Phantasie- und Zauberwelt. Eine Erneuerung der religiösen Kunst versuchten diese »Nazarener« (zu denen auch Peter von Cornelius, Julius Schnorr von Carolsfeld, Wilhelm von Schadow zählten). Ein Darsteller der Gewalt
Die italienische Malerei brachte in dieser Zeit nichts Bedeutendes hervor, doch in Spanien gab es einen wichtigen Maler, Francisco de Goya (1746-1828), der vielleicht am schwersten von allen einzuordnen ist. Formal war er kein Klassizist, doch seine Graphik »Der Schlaf der Vernunft erzeugt Ungeheuer« kann als Warnung davor gedeutet werden, was geschieht, wenn die rationale, d. h. die »klassische« Ordnung zerbricht. Er war kein revolutionärer Verehrer der Gewalt, doch schreckte er nicht davor zurück, sie ohne den üblichen Unterton von Moral in ihren schrecklichsten und blutigsten Formen darzustellen.

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Info 26.09.2017 - 21:59
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