Romantische Kunst: Die Landschaft

»Alles ist luftiger und leichter als das Bisherige, es drängt sich alles zur Landschaft«, schrieb 1802 der deutsche Maler Philipp Otto Runge (1777-1818). Das war in mancher Hinsicht übertrieben, aber doch zutreffender, als er vielleicht selber wusste, denn auch in England war um diese Zeit wie in Deutschland die Landschaftsmalerei populär geworden. Zuvor hatte man die Landschaft trotz großer Vertreter im 17. Jahrhundert wie Nicolas Poussin und Claude Lorrain für wenig mehr als eine unbedeutende Form der Dekoration gehalten. Nun aber gebrauchte man die Landschaft als ein Mittel, um Gefühle auszudrücken, nicht die äußere Schönheit von Wald, Feld und Himmel war das Wesentliche, sondern das »Innenleben« der Natur. Die deutsche Landschaftsmalerei
In Deutschland, wo die Kunst, besonders die Malerei, stärker philosophisch bestimmt und theoretisch fundiert war als in England, versuchten die Maler die Grundidee der Romantik zum Ausdruck zu bringen: den alles, auch die Natur durchdringenden, fast heilig zu nennenden Geist, der analog zum Menschengeist nicht ruhend, sondern Wachstum und Wandel unterworfen ist. Es war das Anliegen der romantischen Landschaftsmaler, die wechselnden Zustände der Natur als Symbole für die Vielfalt menschlicher Gefühle darzustellen. Carl Gustav Carus (1789-1869), ein jüngerer Zeitgenosse Runges und Anhänger Friedrichs, drückte es so aus: »Wie das Schwingen einer Saite eine ähnlich, doch tiefer oder höher gestimmte zweite Saite zum Mitschwingen bringen kann, so können auch verwandte Zustände der Natur und der menschlichen Seele aufeinander einwirken«. Philipp Otto Runge starb jung, seine Arbeiten erscheinen zu wenig ausgereift, um mehr als einen fragmentarischen, exzentrischen, wenn auch hochinteressanten Abglanz dieser Ideen zu geben. Seine Landschaften sind Beispiele mystischer Natursymbolik. Sein visionärer Geist war in seiner kühnen Originalität seinem englischen Zeitgenossen William Blake (1757-1827) verwandt, obwohl wahrscheinlich keiner von der anderen Existenz wusste. Die größte deutsche Landschaft der Romantik war Caspar David Friedrich (1774-1840), seine Kunst erscheint zunächst mehr von der Tradition bestimmt. Die Landschaft im Laufe des Jahres, im Laufe der Geschichte ist sein Hauptthema. Doch auch für ihn war die Natur nur die Verkörperung eines inneren Lebens, ein fortwährender Prozess entsprechend der inneren Bewegung des Künstlers. Caspar David Friedrich vertiefte sich in die wechselnden Stimmungen von Luft und Licht und erfasste sie mit einer Zartheit, einer sanften Melancholie, die in der gesamten Malkunst fast ohne Beispiel ist. Vor der groß gesehenen Landschaft steht klein der Mensch, betrachtend und oft voller Resignation. Die englische Tradition
In Deutschland entstanden zwar die reinsten und reifsten romantischen Landschaften, England hatte aber in dieser Zeit die längste und vielseitigste Tradition in der malerischen Erfassung der Landschaft. In Frankreich hingegen war, was in der Landschaftsmalerei neu war, nicht romantisch, und was romantisch war, nicht neu. Die Merkmale der deutschen Landschaftsmalerei
Betonung der Stimmung, Betrachtung der Natur als Prozess und nicht als Zustand, Erfassung des hinter der optischen Erscheinung stehenden Geistes sind in unterschiedlichem Maße auch in der englischen Malerei vorhanden. Andeutungsweise erschienen sie zuerst in den stillen, heiteren Aquarellen aus den Alpen von John Robert Cozens (um 1752-99) und in Thomas Girtins (1775-1802) malerisch freien, empfindsamen Aquarellen der Täler von Yorkshire. Deutlicher sind diese Merkmale in der Wiedergabe des sturmgepeitschten Meeres durch William Turner (1775-1851) in einer bis ins Visionäre gesteigerten Behandlung von Licht und Atmosphäre, ebenso deutlich sind diese Merkmale in John Constables (1776-1837) Gefühl für die der schlichten Natur innewohnenden moralischen und religiösen Werte und in Samuel Palmers (1805-81) Ausspruch, ein Stückchen Natur werde meistens viel schöner dadurch, dass die Seele es in sich aufnimmt. Bewegung und Himmel
Im Ganzen ist jedoch die englische Landschaftsmalerei weniger mystisch, sie ist empirischer als die deutsche. Den romantischen Gedanken des Vorübergehenden, Unbeständigen drücken die englischen Maler hauptsächlich in der Bewegung aus, als über den Himmel gewehte Wolken oder als windgepeitschte Wellen. In beiden, ja in allen Ländern ist der Himmel der Mittelpunkt der romantischen Landschaftsmalerei, er war nach John Constable (1776-1837) »die Grundnote, der Maßstab, das wichtigste Ausdrucksmittel des Gefühls«. Constable war nicht der einzige, sondern nur der bekannteste Landschafter seiner Zeit, der Himmelsstudien machte und auf der Rückseite Datum, Tageszeit und Windrichtung vermerkte. In seinen Landschaften tauchte er einfache bäuerliche Szenen in Himmelslicht, um ihnen Leben und Poesie zu verleihen. Turner verfuhr ähnlich, mit einer größeren Freiheit der malerischen Erfindung, bis er schließlich die Form fast in einem Schleier von Licht und Farbe auflöste. Die nächste, letzte »romantische Generation« produzierte Landschaften, die fast nur noch Gefühlsausdruck sind wie etwa die apokalyptischen und grandiosen Phantasien von John Martin (1789-1854) oder, als anderes Extrem, die intimen pastoralen Visionen von Samuel Palmer (1805-81).