Der Wiener Kongress

Noch bevor Napoleon I. im Jahre 1814 zum ersten Mal gestürzt wurde, hatte Fürst Metternich (1773-1859) vorgeschlagen, eine internationale Konferenz einzuberufen, die eine Ordnung in Europa herstellen sollte, welche den Verhältnissen vor der Französischen Revolution entsprach. Zur Ratifizierung der im 1. Pariser Frieden vom 30. Mai 1814 getroffenen Vereinbarungen wurde dieser Kongress wirklich nach Wien einberufen. Tonangebend waren von Anbeginn an die vier Großmächte Österreich, England, Preußen und Russland. Der französische Außenminister Charles Maurice de Talleyrand-Perigord (1754-1838) nutzte die Meinungsverschiedenheiten unter den Großmächten aus und führte das Frankreich der Bourbonen aus seiner Isolierung als geschlagene Nation in den Kreis der Großmächte zurück. Die Neuordnung Europas
Man hoffte, dass keine Macht mehr als einen gerechten Anteil an der Napoleonischen Hinterlassenschaft erhalten und ein Interessengleichgewicht hergestellt würde. Russland war jedoch der Gewinner des Kongresses, es schob seine Grenzen weit nach Westen vor und wurde zu einer latenten Gefahr für Mittel- und Westeuropa. Von dieser Zeit an bis zum Krimkrieg (1854-56) war die europäische Diplomatie von der Furcht vor Russland beherrscht. In Wien ging es jedoch vor allem darum, zu verhindern, dass Frankreich einen neuen Krieg auslöste. Drei Pufferstaaten wurden geschaffen: Das Königreich Piemont wurde gestärkt, Belgien (bisher die österreichischen Niederlande) wurde mit Holland zum Königreich der Vereinigten Niederlande zusammengeschlossen. Da das Heilige Römische Reich zerfallen war, entstand der Deutsche Bund, 39 Fürstentümer und freie Reichsstädte schlossen sich unter Österreich als Präsidialmacht zusammen. In den Friedensschlüssen von Paris (1814 und 1815) behandelte man Frankreich großzügig. Die Grenzen von 1790 wurden wiederhergestellt, eine Besatzungsarmee sollte nur so lange im Land bleiben, bis Frankreich eine Entschädigung von 700 Millionen Franc an die Alliierten gezahlt hatte was 1818 erfüllt war. Obwohl in Ludwig XVIII. (1755-1824) die Monarchie wiederhergestellt war, sah er sich zur Einhaltung der 1814 von ihm in Frankreich erlassenen Verfassung (»Charte Constitutionelle«) genötigt. Das Prinzip der Legitimität
Neben den territorialen Veränderungen hielt man eine politische Regelung zur Aufrechterhaltung des Friedens für wesentlich. Der Wiener Kongress gab der Französischen Revolution die Schuld an den Umstürzen und Kriegen der vorausgegangenen Jahre, er vertrat die Ansicht, dass die Stabilität in Europa nur durch die Restauration der legitimen Monarchien gesichert werden könnte. Um künftige Unruhen in Mitteleuropa zu verhüten, sollten die Staatsoberhäupter des Deutschen Bundes Verfassungen in ihren Ländern erlassen ein Rat, der weitgehend ignoriert wurde. Zur Durchsetzung der Wiener Beschlüsse erneuerten Österreich, Russland, Preußen und England ihre Viererallianz und verpflichteten sich, die getroffenen Regelungen, notfalls mit Gewalt, 20 Jahre aufrechtzuerhalten. Viscount Castlereagh, der britische Außenminister, betrachtete die Allianz als Grundlage für das Kräftegleichgewicht in Europa. Die vier Mächte vereinbarten, regelmäßig Konferenzen abzuhalten, um Streitfragen friedlich zu bereinigen. Aber die in Wien zutage getretene weitgehende Übereinstimmung existierte auf den vier folgenden Kongressen (zwischen 1818 und 1822) kaum noch. Österreich, Preußen und Russland hatten im September 1815 die »Heilige Allianz« gebildet. Sie vertraten die Auffassung, dass die Großmächte in denjenigen europäischen Ländern intervenieren sollten, in denen die Legitimität, also die Regierung des angestammten Monarchen, bedroht schien eine Doktrin, die England ablehnte. England entsandte deshalb zu diesen Kongressen keine offiziellen Vertreter mehr. Schließlich versetzte England der Kongress runde den Todesstoß, als es die griechische Unabhängigkeit gegen die Interessen Russlands und die Proteste Österreichs und Preußens durchsetzte. Konsequenzen für Europa
Die Beschlüsse des Wiener Kongresses waren für die nächste Generation in Europa bestimmend. Die Kontinentalmächte hatten sich verpflichtet, den von ihnen geschaffenen Status quo zu bewahren. Liberale Kräfte, die durch Verfassungen die Befugnisse der Monarchen einengen wollten, unterlagen fast überall. Erfolg hatten sie nur in Frankreich, der Schweiz und in Belgien (1830), weil eine Intervention in diesen Ländern damals nicht im Interesse aller Großmächte lag. In Polen kam es zu patriotischen Unruhen, wachsende Spannungen belasteten Italien und Deutschland. Die alten Vielvölkerstaaten setzten sich aber noch einmal durch: die Habsburger Monarchie und das Osmanische Reich. Der griechische Aufstand (1821) hatte für das Osmanische Reich verhängnisvolle Konsequenzen. Sein Erfolg ermutigte andere Völker auf dem Balkan, nach Unabhängigkeit zu streben. Die Habsburger gliederten Kroaten und Italiener ihrem Viervölkerreich ein. Der nationalstaatliche Gedanke war aber seit den Befreiungskriegen auch hier nicht mehr auszulöschen. Metternich setzte auf dem Wiener Kongress und den nachfolgenden Treffen sein ganzes staatsmännisches Können und im Deutschen Bund seine Autorität ein, um jedes Aufflackern nationaler Bestrebungen im Keim zu ersticken. Dem Metternichschen System gelang es, wenigstens im formalen Sinn, den Frieden in Europa eine Zeitlang zu sichern.