Die Industrielle Revolution

Die ersten 70 Jahre des 19. Jahrhunderts brachten für Großbritannien einen noch nie dagewesenen wirtschaftlichen Aufschwung. Er wurde in erster Linie von der bereits im 18. Jahrhundert entstandenen ersten industriellen, städtischen Gesellschaft getragen. Dem Bevölkerungswachstum folgte eine beschleunigte Industrialisierung, sie stützte sich auf die ständige Expansion des Handels und die Produktion im Fabriksystem mit Hilfe dampfgetriebener Maschinen. Die Dampfkraft konnte auch für den Transport – nach Erfindung von Eisenbahn und Dampfschiff – eingesetzt werden. Die Verstädterung führte in Großbritannien zur Entwicklung vieler sozialer und politischer Einrichtungen, die im Verlauf der weiteren Industrialisierung auch von anderen Ländern Europas übernommen wurden. Großbritannien, »Werkstatt der Welt«
Die wirtschaftliche Entwicklung Großbritanniens zwischen 1800 und 1870 verlief atemberaubend auch im Vergleich zu der schon stürmischen Entwicklung im späten 18. Jahrhundert. Die Produktionszuwächse sprengten jeden bis dahin üblich gewesenen Rahmen. Die Roheisenproduktion nahm um das 60fache zu, die Kohleproduktion verzehnfachte sich ebenso wie der Handel. Großbritannien hielt, ja vergrößerte seinen Vorsprung vor anderen Nationen. Zur Zeit der berühmten Ausstellung 1851 war es zur industriellen Werkstatt der Welt geworden. Großbritannien stellte einen Großteil der Weltproduktion an Textilien, Stahl und Maschinen her. Eine massive Zunahme seiner Exporteinnahmen war Folge des Freihandels, für den sich vor allem der Premierminister Robert Peel (1788-1850) in den Jahren 1841 bis 1846 einsetzte. Nach 1850 weitete sich der Handel sogar noch schneller aus als in der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Neue Industrien wie die Stahlerzeugung (z. T. basierend auf dem neuentdeckten Bessemer-Prozess) und der Schiffbau bildeten ein Gegengewicht zu Großbritanniens einseitiger Exportabhängigkeit vom Textil- und Eisenwarensektor. Die Entwicklung des Eisenbahnwesens nach der Eröffnung der ersten Strecke zwischen Stockton und Darlington im Jahre 1825 gab der Wirtschaft einen der stärksten Impulse während des ganzen Prozesses der Industrialisierung. Mit der Eisenbahn war es nun möglich, .schwere Güter billig zu transportieren, diese neue Nachfrage kam vor allem der Eisen- und Stahlindustrie zugute. Die Eisenbahnen ermöglichten eine weitere Konzentration der Produktion, da Rohstoffe und Fertigwaren über weite Entfernungen von und zu den Häfen transportiert werden konnten. Während des »Eisenbahnfiebers« um 1845 wurde von Unternehmern wie George Stephenson, Isambard Kingdom Brunei, George Hudson und Thomas Brassey in Großbritannien ein dichtes Eisenbahnnetz gebaut. Die finanziellen Erfordernisse führten zu neuen Finanzierungstechniken und Verbesserungen im Bankwesen. Das Finanzierungssystem
Mit der Beschleunigung der industriellen Entwicklung entstand die Notwendigkeit eines effektiveren Bankensystems. In Großbritannien wurden nach 1826 die weniger zuverlässigen »Landbanken« durch die überregionalen Aktienbanken verdrängt. Der »Bank Charter Act« von 1844 schuf für die Bank von England die Funktion einer zentralen Notenbank und einer Garantiebank für das Bankensystem. Unternehmensformen, Unternehmenshaftung und Finanzierung wurden Mitte des 19. Jahrhunderts in vielen Gesetzen über Haftungsumfang und Gesellschaftsrecht geregelt. Das Wachstum von Industrie und Handel führte zu einer Expansion der Effektenbörse und zum Aufstieg regionaler Warenbörsen. Um 1870 war England das Industrie- und Finanzzentrum der Welt. Der private Wohlstand nahm zu. Bevölkerungswachstum
Die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung wurde in ganz Europa von einem Wachstum der Bevölkerung begleitet. Die englische Bevölkerung wuchs zunächst am schnellsten, sie verdoppelte sich zwischen 1801 und 1851. Um 1850 war Großbritannien bereits kein Agrarstaat mehr, über die Hälfte seiner Einwohner lebte in Städten. 1801 gab es in Europa nur 14 Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern, 1870 waren es schon über 100. Die Entwicklung der Städte brachte eine ganze Reihe sozialer und politischer Probleme mit sich. Um mit ihnen fertig zu werden, leistete Großbritannien mit einigen grundlegenden Sozialeinrichtungen Pionierarbeit, Maßnahmen zur Förderung der allgemeinen Gesundheit, Mindestanforderungen an sanitäre Einrichtungen und an Wohnungen sowie die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung durch eine Berufspolizei wurden von anderen Ländern übernommen. Ebenso halfen billige Postdienste, Zeitungen und Verkehrsmöglichkeiten, das menschliche Elend im Gefolge der Verstädterung zu mildern. Die Fabrikarbeitsgesetze regelten um 1830 Kinder- und Frauenarbeit und Arbeitszeit. Unter den frühen Pionieren wie Robert Owen (1771-1858) und Robert Applegarth organisierten sich die Arbeiter in Gewerkschaften, politischen Bünden und in Genossenschaften, um ihren wirtschaftlichen und politischen Status zu verbessern. Dass im kontinentalen Europa die wirtschaftliche Entwicklung erst um 1870 ins Rollen kam, kann an dem Wachstum des Schienennetzes sowie an der Produktion von Textilien, Stahl und Kohle abgelesen werden. Belgien, Frankreich und Deutschland machten dabei die größten Fortschritte. Um die Jahrhundertwende hatten die USA und Deutschland Großbritannien relativ und absolut eingeholt.