Der Roman im 19. Jahrhundert

Die vielen drucktechnischen Neuerungen des 19. Jahrhunderts hatten wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung und Verbreitung des Romans im vergangenen Jahrhundert. Die Verwendung metallener Druckpressen, des Stahlstichs und, nach 1848, der Stereotypie sowie die Einführung der Rotationsmaschine veränderten den Produktionsablauf entscheidend. Auch die Methoden der Vermarktung wechselten: Leihbibliotheken und wohlfeile Ausgaben von erfolgreichen Titeln halfen eine Leserschaft zu befriedigen, die sich durch die wachsende Bevölkerung und das steigende Bildungsniveau ständig vergrößerte. Neue Formen des Romans
Im Roman sind es jetzt vor allem die Probleme der neuen Industriestädte, die in dem intellektuellen Klima Europas nach der Französischen Revolution den Literaten interessante Stoffe liefern. Schon bei Schriftstellern wie Jane Austen (1775-1817) und Sir Walter Scott (1771-1832) erkennt man eine subtile, wenn auch konservativ geprägte Empfänglichkeit für sozialen und ökonomischen Wandel. Jane Austen schilderte mit feiner Ironie das Leben und Treiben ihrer eng begrenzten Welt. Scott entwickelte den historischen Roman, indem er sich auf Themen aus der schottischen Geschichte stützte. Dieselbe Popularität genossen seine Nachfolger, William Makepeace Thackeray (1811-63), Anthony Trollope (1815-82) und vor allem Charles Dickens (1812-70). Dickens stellte mit gefühlvollen Darstellungen des Stadtlebens im Zeitalter der Industrialisierung, die von brillanter Komik und zuweilen von verzweifelter Traurigkeit zeugen, eine erstaunlich enge Verbindung zu seinen Lesern her. Um die Mitte des Jahrhunderts veröffentlichten die Schwestern Bronte ihre Romane. Charlotte (1816-55) war erfolgreicher, aber Emily Jane (1818-48), Autorin bedeutender Gedichte und des Romans »Sturmhöhe«, wird von der Literaturwissenschaft höher geschätzt. Der Roman in Westeuropa
Unter den bedeutenden englischen Schriftstellern der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind vor allem George Meredith (1828-1909), Samuel Butler d. J. (1835-1902) und Thomas Hardy (1840-1928) zu nennen. Die Literatur Frankreichs war in dieser Zeit viel bürgerlicher und weniger prüde als die englische. Die Realisten Stendhal (eigentlich Marie-Henri Beyle, 1783-1842), Honore de Balzac (1799-1850) und Gustave Flaubert (1821-80) behandeln mit minuziöser Genauigkeit Themen aus der französischen Geschichte und aus dem Leben des Bürgertums. Die romantische Geisteshaltung fand in den Werken von Victor Hugo (1802-85) und George Sand (1804-76) Ausdruck. Der führende Kopf des literarischen Naturalismus, fimile Zola (1840-1902), schildert Menschen, die er als durch Vererbung und Umgebung streng determiniert auffasste. Den breiten Erfolg, den Alexandre Dumas d. Ä. (1802-70) mit seinen geschichtlichen Romanen errang, konnte sein gleichnamiger Sohn (1824-95) wiederholen. Die überragende Gestalt Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) stellt das deutschsprachige Romanschaffen bis weit in die zweite Hälfte des Jahrhunderts hinein in den Schatten. Ihm gegenüber erscheinen die Namen Theodor Storni (1817-88), Fritz Reuter (1810-74) und Wilhelm Raabe (1831-1910) beinahe unbedeutend. Theodor Fontane (1819-98) schildert kunstvoll-unpathetisch das Berliner Bürgertum und den märkischen Adel mit scharfer Beobachtungsgabe und gütigem Humor Fontane wurde zu Recht als »Vater« der neueren deutschen Prosa von Weltrang bezeichnet. Auch der große realistische Bildungsroman »Der grüne Heinrich« (1854) des Schweizers Gottfried Keller (1819-90) muss hier angeführt werden. Eine Sonderstellung nahmen die historischen Romane (Conrad Ferdinand Meyer, Willibald Alexis, Joseph Viktor von Scheffel und Gustav Freytag) sowie der Professoren Roman (Georg Moritz Ebers und Felix Dann) ein. Die italienische Prosa des 19. Jahrhunderts war von einem einzigen Buch beherrscht: Alessandro Manzonis (1785-1873) »Die Verlobten«. Leben und Wirken Manzonis waren stark von Walter Scott beeinflusst. Russland und Amerika
Die ersten großen russischen Romanciers des 19. Jahrhunderts sind Michail Jurjewitsch Lermontow (1814-41) und Nikolaj Wassiljewitsch Gogol (1809-52). Ihre Nachfolger Iwan Sergejewitsch Turgenjew (1818-83), Fjodor Michajlowitsch Dostojewskij (1821-81) und Lew Nikolajewitsch Tolstoj (1828-1910) prägten die westeuropäische Kultur entscheidend, nachdem ihre Arbeiten in die französische, deutsche und englische Sprache übertragen worden waren. Tolstojs »Krieg und Frieden« (1864-69) und »Anna Karenina« zählen zu den klassischen Werken der Weltliteratur. Während Dostojewskij dem Roman vor allem durch seine intellektuelle Betrachtungsweise neue Impulse gab, hat Henry James (1843-1916) sich verdient gemacht, indem er diese literarische Gattung durch neue schriftstellerische Techniken bereicherte. Zwar verbrachte Henry James den größten Teil seines Lebens in Europa, blieb aber im Wesentlichen stets Amerikaner. Formale Komplexität, gepaart mit ironischer Indirektheit, ist auch ein Kennzeichen der Arbeiten von Nathaniel Hawthorne (1804-64), Herman Melville (1819-91) und Mark Twain (1835-1910). James brach übrigens mit der Tradition, der Erzähler müsse alles wissen, er wählte statt dessen einen oder zwei seiner selbstgeschaffenen Charaktere, die er, jeweils von ihren Standpunkten aus, die Geschichte erzählen ließ.

Forum (Kommentare)

Info 22.11.2017 17:43
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.