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Die Musik der Romantik

Im Lauf des 19. Jahrhunderts begann man, in dem Komponisten mehr und mehr einen schöpferischen Künstler zu sehen, statt nur den Handwerker, der für einen Auftraggeber Musik zu liefern hatte. Beethovens Einfluss
Die Musik Ludwig van Beethovens steht auf dem Boden der Klassik Haydns und Mozarts, die Entwicklung, die sein Schaffen von dieser Grundlage aus genommen hat, kann man als musikalische Parallele zu der allgemeinen, von der Romantik eingeleiteten Befreiung des Individuums sehen. Seine 3. Symphonie, die »Eroica« (1803/04), bildet in dieser Hinsicht einen Wendepunkt. Die Kraft, die hier durchbricht, erfüllt auch die meisten seiner späten Symphonien, Solokonzerte und Klaviersonaten. Praktisch steht die gesamte europäische Musik des weiteren 19. Jahrhunderts unter dem beherrschenden Einfluss Beethovens, der die klassischen Formen Sonate, Symphonie, Konzert, Quartett, die er vorfand, mit einer neuen musikalischen Intensität erfüllte. Manche der auf Beethoven folgenden Komponisten nahmen diese von ihm errungene Freiheit des individuellen Ausdrucks als selbstverständlichen Ausgangspunkt, anstatt sie (wie Beethoven) in zuchtvoller und schöpferischer musikalischer Logik erst zu erringen. Die ersten Großen der Romantik
Carl Maria von Weber (1786-1826) wird allgemein als der erste wirkliche Romantiker angesehen und gilt als Wegbereiter der deutschen romantischen Oper. Seine relativ »leichten« Klavierstücke waren für die immer beliebter werdenden öffentlichen Konzerte bestimmt, bei denen Virtuosen wie der Geiger Niccolö Paganini (1782-1840) triumphale Erfolge feierten. Von völlig anderem, ganz privatem Charakter waren die musikalischen Abende, die Franz Schubert (1797-1828) in Wien veranstaltete. Diese »Schubertiaden« vereinten Dichter und Musiker. Das Lied ist nur eine der Gattungen, in denen die damalige Musik sich literarischen Einflüssen weit öffnete. Besonders die Bereiche und Motive des Phantastischen und des Heroischen zogen die Musiker an. So schrieb Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-47) eine konzertante Ouvertüre zu Shakespeares »Sommernachtstraum« (1830). Hector Berlioz (1803-69) war ein leidenschaftlicher Verehrer Shakespeares, Byrons, Walter Scotts und Goethes, viele seiner Werke lassen diese Einflüsse erkennen. Seiner »Symphonie fantastique« (1830) liegt ein literarisches »Programm« zugrunde. Berlioz ist einer der einflussreichsten Komponisten seines Jahrhunderts, auch durch sein Lehrbuch »Grand Traite d’instrumentation et d’orchestration moderne«, das erstmals 1844 erschienen ist. Auch Robert Schumann (1810-56) hat Anregungen aus Werken romantischer Schriftsteller wie z. B. E. T. A. Hoffmann aufgenommen. Noch kühner ging Franz Liszt (1811-86) vor, der es unternahm (nach seinen eigenen Worten), Meisterwerke der Musik zu schaffen, die solche der Literatur in sich aufgenommen hatten. Liszt schuf die neue Form der »symphonischen Dichtung« (»Tasso«, »Mazeppa«), die sowohl die Handlung wie die psychologischen Aspekte einer Erzählung oder eines Gedichts musikalisch gestaltet und deutet. Unter den zahlreichen Komponisten, die diese Form aufgenommen und weiterentwickelt haben, ragt Richard Strauss (1864-1949) hervor. Nationalismus und Romantik
Obwohl die Revolutionen von 1848 in ganz Europa unterdrückt wurden, gaben sie doch überall dem Nationalgefühl neuen Auftrieb, und das drückt sich auch in der Musik aus. Frederic Chopin (1810-49), der im Pariser Exil nicht aufhörte, als polnischer Patriot zu fühlen, drückte in seinen Mazurkas und Polonaisen seine Sehnsucht und Hoffnung für sein unterdrücktes Heimatland aus. In Böhmen erwiesen sich Antonin Dvofak (1841-1904) und Bedrich Smetana (1824-84) als überzeugte (tschechische) Nationalisten, in Norwegen Edvard Grieg (1843-1907) und in Russland, dem von Michail Iwanowitsch Glinka (1804-57) gesetzten Beispiel folgend, Modest Mussorgsky (1839-81), Alexander Borodin (1833-87) und Nikolaj Rimskij-Korsakow (1844-1908), während Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840-93) sich von diesen Tendenzen fernhielt. In Deutschland überragt Richard Wagner (1813-83) alle seine Zeitgenossen. Wagners Versuch, aus germanischem Mythen- und Sagen gut ein neues Musikdrama zu entwickeln, das die Stelle der traditionellen Oper einnehmen sollte, hat im Grunde – außer vielleicht in den Werken seines Sohnes Siegfried Wagner (1869-1930) – kaum Nachfolge gefunden. Seine chromatischen Harmonien und der berauschende Klang des von ihm meisterhaft beherrschten Orchesters haben hingegen bleibenden Einfluss ausgeübt, sie bilden einen Kulminationspunkt der romantischen Musik. Während Komponisten wie Franz Liszt Wagnerbewunderten, haben andere Meister wie Johannes Brahms (1833-97), Anton Bruckner (1824-96) und auch Gustav Mahler (1860-1911) stärker auf klassische Vorbilder zurückgegriffen. Eine letzte Blüte der romantischen Musik mit stark nationaler Färbung erlebten England durch Sir Edward Elgar (1857-1934), Finnland in den Werken von Jean Sibelius (1865-1957), Frankreich durch Cesar Franck (1822-90) und Camille Saint-Saens (1835-1921). Der in der zweiten Jahrhunderthälfte entstandene musikalische Impressionismus, dessen Höhepunkte die Werke Claude Debussys (1862-1918) darstellen, ist richtungweisend für die Musik des 20. Jahrhunderts geworden.

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