Die Revolutionen von 1848

In einer revolutionären Zeit war 1848 das Jahr der Revolutionen. In Frankreich, Italien, Deutschland und einigen Ländern Osteuropas wurden die Regierungen durch Aufstände erschüttert. Es weitete sich nachteilig für die Sache der Revolution aus, dass es keinen gemeinsamen Plan gab, und dieser Mangel an Koordination erwies sich für die Revolutionäre als verhängnisvoll. Politische Reformen durch Revolten
Die Wurzeln der Aufstände in ganz Westeuropa ähnelten sich im Allgemeinen. Die industrielle Revolution hatte den traditionellen Lebensstil grundlegend verändert, ein städtisches Proletariat und ein Bürgertum waren entstanden, die nach politischer Macht strebten. Die wirtschaftlichen und sozialen Unruhen wurden noch durch den autokratischen Regierungsstil verschärft, der ein Erbteil des Wiener Kongresses von 1815 war. Die Intellektuellen traten deshalb für politische Reformen ein. Nach den Missernten von 1845,1846 und 1847 herrschte in vielen Gebieten Hungersnot, sie trieb die verzweifelten Massen auf die Straße. Ihnen war jede politische Veränderung recht, die ihre Lebensverhältnisse verbesserte. Bezeichnenderweise lagen die Unruheherde in den Großstädten. Die industrielle Revolution hatte Tausende in die Städte gelockt, die ihnen jedoch nur Elendsbedingungen zum Leben und Arbeiten boten. Diese Menschen wurden durch die zweite Krise von 1848 besonders hart getroffen, nämlich durch den Zusammenbruch des internationalen Kreditwesens, der zu wirtschaftlichem Bankrott und Arbeitslosigkeit führte. Diese Arbeitslosen schlossen sich den Hungernden auf den Straßen an. Diese verzweifelte Lage wurde dann noch durch eine europäische Cholera-Epidemie verschlimmert, die Angst und Schrecken verbreitete. Erste Erfolge
Zunächst brachen Aufstände in Italien aus. In Frankreich musste Louis-Philippe (1773 bis 1830) abdanken (Februar Revolution 1848). Im März gab der erzwungene Rücktritt des Protagonisten europäischer Restauration, des Fürsten Metternich (1773-1859), den Revolutionären zusätzlichen Auftrieb. Vom Ausmaß der Unruhen überrascht, konnten sich die Regierungen der einzelnen Länder nicht gegenseitig zu Hilfe kommen. Sie sahen die einzige Hoffnung darin, Konzessionen zu gewähren. Liberale Verfassungen wurden überall erlassen, der österreichische Kaiser, der Papst und die Könige von Frankreich und Preußen verließen fluchtartig ihre Hauptstädte. Mit den liberalen Revolten flammte gleichzeitig der Nationalismus in einigen Ländern auf. Das Reich der Habsburger mit seinen Einfluss Sphären in Italien und Deutschland schien dem Untergang geweiht. Ungarn erklärte seine Unabhängigkeit, in Böhmen entstand eine Nationalbewegung, und ein slawischer Kongress trat zusammen, der über die Rolle der Slawen im Habsburgerreich beraten sollte. In Italien rief Giuseppe Mazzini (1805-72) zur Bildung eines neuen italienischen Staates auf. Zur gleichen Zeit entsandte König Karl Albert von Sardinien-Piemont eine Armee in die Lombardei, um die Österreicher zu vertreiben und ein norditalienisches Königreich zu gründen. In Deutschland trat das erste deutsche Parlament, die Frankfurter Nationalversammlung, zusammen, um ein einheitliches Deutsches Reich und eine demokratische Verfassung zu schaffen. Diese politischen Ereignisse zeigten den Grad der Entfremdung von den Ergebnissen des Wiener Kongresses von 1815. Nichtsdestoweniger kam die Woge der Revolution Mitte 1848 zum Stehen. Anfangserfolge hatten keinen Bestand. Die Habsburger nutzten mit ihrer traditionellen Politik des Divide et impera die tiefen Meinungsverschiedenheiten unter den Revolutionären aus. Kroaten und Rumänen, die die ungarische Willkürherrschaft empörte, erhoben sich gegen Lajos Kossuth (1802-94), den neuen ungarischen Führer. Ihre Armeen machten dadurch indirekt die Sache der Habsburger zu ihrer eigenen. In Italien wurden die Streitkräfte Karl Alberts (1798-1849), des Königs von Sardinien-Piemont, von der österreichischen Armee in zwei Feldzügen geschlagen. Die angestammte Loyalität zu den bestehenden italienischen Einzelstaaten beraubte ihn tatkräftiger inländischer Unterstützung. Die Katholiken schreckten vor dem Ungehorsam gegenüber dem Papst zurück, der Gewaltakte gegen die katholischen Habsburger verboten hatte. In der Paulskirche in Frankfurt kam es zu endlosen Debatten, ohne dass sich die Abgeordneten der Nationalversammlung einigen konnten bis es zu spät war. Überall waren die bürgerlichen Schichten, zunächst Führer der Revolution, entsetzt über die Kräfte, die sie entfesselt hatten. Da die Revolution in die Anarchie abglitt, begrüßten sie die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung. 1849 kehrte wieder Ruhe ein. Die Reaktion hatte gesiegt. Die führenden Kräfte der Revolution hatten gegen die Armeen von Österreich, Preußen, Russland und Frankreich keine Chance. Außerdem lehnte der größte Teil der Bevölkerung, nämlich die Bauern, die Revolution ab. Das Erbe von 1848
Die Revolutionen brachten aber trotz alledem Fortschritte. In ganz Österreich-Ungarn wurde die Leibeigenschaft abgeschafft. Piemont und Preußen behielten ihre Verfassungen, die als Schritte auf dem Weg zur nationalen Einigung in Italien und in Deutschland 1871 angesehen werden können. Die Regierungen achteten von nun an auch mehr auf das materielle Wohlergehen ihrer Untertanen. Zunächst aber folgte auf die Revolutionen von 1848 eine Periode, in der demokratische oder liberale Gedanken weitgehend unterdrückt wurden.