Die deutsche und die italienische Einigung

Die Nationalstaaten Italien und Deutschland wurden geschaffen trotz nur beschränkter Unterstützung durch das Volk, trotz enger Bindungen zu bestehenden Einzelstaaten und trotz der Nachbarschaft zweier Mächte, deren Interessen durch diese neuen Staaten bedroht wurden Österreich-Ungarn und Frankreich. Die neuen Nationen entstanden wesentlich dank der ehrgeizigen Politik ihrer stärksten Komponenten Piemont und Preußen. Sie waren das Werk zweier überragender Staatsmänner: Camillo Benso di Cavour (1810-61) und Otto Eduard Leopold von Bismarck (1815-98). Die Geburt eines geeinten Italiens
Als Ministerpräsident von Piemont (seit 1852) hatte Cavour seinen Staat zu einem Magneten für die übrigen italienischen Staaten gemacht. Er schuf eine funktionsfähige parlamentarische Demokratie, führte moderne Arbeitsmethoden in Landwirtschaft und Industrie ein und verband die Wirtschaft von Piemont mit dem übrigen Europa durch ein Eisenbahnnetz und den Ausbau des Hafens von Genua. Mit König Viktor Emanuel II. (1820-78) an der Spitze, der als italienischer Patriot galt, und einer kleinen, schlagkräftigen Armee wurde Piemont der Brennpunkt nationaler Hoffnungen. Hilfe von außen war notwendig, um die Österreicher aus dem Land treiben zu können. Frankreich wurde zu einer Hauptfigur in Cavours diplomatischem Spiel: Im Vertrag von Plombieres (1858) verpflichtete sich Napoleon III. (1808-73) gegen Abtretung von Nizza und Savoyen seitens Piemonts zur Hilfeleistung in einem künftigen Krieg. 1859 verstand es Cavour, Österreich zum Angriff auf Piemont herauszufordern. Das französisch-piemontesischer Heer schlug die Österreicher entscheidend bei Magehta und Solferino. Piemont gewann die Lombardei. 1860 schlossen sich Parma, Modena und die Toskana, die ihre Herrscher vertrieben hatten, und die bisher unter päpstlicher Herrschaft stehende Romagna nach einer Volksabstimmung dem Königreich Sardinien-Piemont an. Als sich die Sizilianer 1860 gegen Neapel erhoben, kam ihnen Giuseppe Garibaldi (1807-82) mit 1000 Mann zu Hilfe. Binnen weniger Wochen war die Armee Neapels aus Sizilien vertrieben, und Garibaldi marschierte bald auch im Triumph in Neapel ein. Sein nächstes Ziel war Rom. Er musste aber damit rechnen, dass französische und österreichische Truppen zum Schutz des Papstes anrücken würden, wenn er Rom angriff. Cavour entsandte eine piemontesische Armee, um Garibaldi zuvorzukommen. Dieser trat daraufhin in einer dramatischen Szene den Süden Italiens an Piemont ab. Nun war noch Venetien von den Österreichern besetzt, und in Rom herrschte, gestützt auf eine französische Garnison, der Papst. 1861 nahm Viktor Emanuel II. den Titel eines Königs von Italien an. Als Verbündeter Preußens im Krieg gegen Österreich 1866 gewann er Venetien. Im Jahr 1870 zog Frankreich seine Truppen aus Rom ab, italienische Truppen besetzten die Stadt, die nach einer Volksabstimmung mit Italien vereinigt wurde. 1871 wurde Rom Hauptstadt und Viktor Emanuel II. König des geeinten Italiens. Preußen und Bismarck
Im Norden war Bismarck im Jahr 1862 zum preußischen Ministerpräsidenten ernannt worden. Er stand in der Folge einer liberalen Mehrheit im Parlament gegenüber, die er aber durch geschicktes Taktieren dazu brachte, seine Politik zu unterstützen. Der Zollverein und die Verdichtung des Eisenbahnnetzes hatten bereits einen Teil der Hindernisse auf dem Weg zur deutschen Einheit weggeräumt. Bismarck war entschlossen, österreichische Einflüsse auszuschalten und Deutschland unter Führung Preußens zu einen. Trotz des Widerstandes im katholischen Süddeutschland gegen die Vorherrschaft der protestantischen Preußen erreichte er nach drei Kriegen sein Ziel. Bismarcks diplomatisches Geschick bestand u. a. darin, dass jeder Krieg nur gegen einen einzigen Gegner geführt wurde. Im Deutsch-Dänischen Krieg (1864) wurde Dänemark von Preußen und Österreich geschlagen und zur Abtretung der Herzogtümer Schleswig und Holstein gezwungen. Die Errichtung einer gemeinsamen Verwaltung dieser Herzogtümer durch Preußen und Österreich enthielt so viel Konfliktstoff, dass es 1866 zum »Deutschen Krieg« zwischen beiden Mächten um die Vorherrschaft in Deutschland kam. Frankreichs Neutralität war durch vage Zusagen über territoriale Zugeständnisse erkauft worden, und Napoleon III. hatte infolge der Kürze des Krieges nach nur sieben Wochen wurde die österreichische Armee am 3. Juli 1866 bei Königgrätz geschlagen keine Zeit, sich über seinen Fehler klar zu werden. Als nächstes gelang es Bismarck, Napoleon III. in dem Streit zwischen Frankreich und Preußen um die Thronfolgekandidatur in Spanien durch einen diplomatischen Schachzug die Veröffentlichung der »Emser Depesche« in eine unhaltbare Lage zu bringen: Frankreich erklärte Preußen am 19. Juli 1870 den Krieg. Schon am 2. September musste die französische Hauptarmee bei Sedan kapitulieren, bis Ende Januar 1871 brach der Widerstand in ganz Frankreich (das sich nach der Abdankung Napoleons III. zur Republik erklärt hatte). Eine Welle der nationalen Begeisterung ergriff Deutschland. Bismarck konnte in langen Verhandlungen (Ende 1870) schließlich auch die süddeutschen Fürsten zum Zusammenschluss mit dem Norden zu einem zweiten Deutschen Reich bewegen. Am 18. Januar 1871 wurde Wilhelm I. von Preußen von den in Versailles versammelten deutschen Fürsten zum Deutschen Kaiser proklamiert.