Politische Ideen im 19. Jahrhundert

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hätte sich sicher fast jeder Bürger mit einem politischen Bewusstsein auf Befragen ab konservativ oder liberal bezeichnet. Einem Konservativen wäre die Definition seines politischen Standpunktes relativ leicht gefallen: Er bejahe die bestehende Ordnung, lehne radikale soziale Veränderungen ab und betrachte das Gedankengut des englischen Staatstheoretikers Edmund Burke (1729-97) als sein geistiges Rüstzeug. Burke hatte in seinen populären »Reflections on the Revolution in France« (Betrachtungen über die Französische Revolution, 1790) erklärt, dass jeder auf allgemeinen Theorien basierende Versuch, den organisch gewachsenen Staat bzw. seine Bürger gewaltsam zu verändern, zur Zerstörung der Gesellschaft führe. In der politischen Praxis ließ sich der entschiedene Konservativismus, besonders nach dem Sturz seines Protagonisten, des Fürsten Metternich (1848), nur noch schwer verteidigen. Der österreichische Staatskanzler hatte ein strenges Polizei- und Zensurwesen aufgebaut, um »demagogische Umtriebe«, im Grunde aber jeden sozialen Wandel zu verhindern. Metternich musste 1848 aus Wien fliehen. Aus Metternichs Sturz zog der konservative britische Premierminister Benjamin Disraeli (1804-81) Konsequenzen: Er billigte der Arbeiterschaft in den Großstädten durch eine zweite Wahlrechtsreform das Stimmrecht (»Tory-Demokratie«) zu. Auch der preußische Ministerpräsident Fürst Otto von Bismarck (1815-98) proklamierte nach dem Vorbild Napoleons III. (1808-73) im Jahre 1860 das allgemeine Stimmrecht und verfocht als deutscher Reichskanzler in den achtziger Jahren eine fortschrittliche Sozialgesetzgebung. Der Hintergrund dieser Gesetzgebung war jedoch, die Arbeiterschaft der erstarkenden Sozialdemokratie zu entfremden. Der Verfall des Liberalismus
Der klassische Liberale war überzeugt, dass Fortschritt nur durch »freie Institutionen« zu erzielen sei. In Frankreich und England verstand man darunter freie Parlamentswahlen, Ministerien, die dem Parlament verantwortlich waren, eine unabhängige richterliche Gewalt, Freiheit der Person, der Rede und der Religionsausübung und das Recht auf Eigentum. Ein Liberaler in Russland wagte dagegen allenfalls, für einen starken Staatsrat als Beratungsorgan des Zaren zu plädieren. Doch selbst in Frankreich entwickelte sich mit dem Staatsmann und Historiker Francois Pierre Guillaume Guizot (1787-1874) eine liberale Richtung, die das Erreichte für den Gipfel aller freiheitlichen Möglichkeiten hielt und damit selbst schon wieder konservativ war. Zu den auffälligsten Erscheinungen im 19. Jahrhundert gehörte der Niedergang des Liberalismus als politische Macht. Seine »freien Institutionen«, geistige Kinder des Aufklärungszeitalters, wurden zunehmend zu einer Bastion, die dem zu Wohlstand gelangten Bürgertum zur Verteidigung seines Besitzes diente. Die Ereignisse von 1848 führten zu der Erkenntnis, dass die Liberalen ihre Ideale verleugneten, sobald sie mit der Aussicht konfrontiert wurden, die Macht mit den unteren Volksschichten teilen zu müssen. Der Aufstieg des Sozialismus
Der Sozialismus begann in der Mitte des 19. Jahrhunderts viele vom Liberalismus Enttäuschte in seinen Bann zu ziehen. Der prominenteste Theoretiker war zweifellos Karl Marx (1818-83). Der junge Marx ließ sich durch verschiedenartige Quellen inspirieren. Den nachhaltigsten Einfluss übte jedoch das Werk des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) aus. Karl Marx war überzeugt, dass Geschichte in jedem Falle ein Entwicklungsprozess zu höheren Formen des sozialen Daseins sei, ein Prozess, der nicht kontinuierlich, sondern in »revolutionären Sprüngen« verlaufe, wobei jede erreichte Stufe wiederum die Ursachen ihrer eigenen »Aufhebung« produziere. Im »Kommunistischen Manifest«, das Marx im Revolutionsjahr 1848 veröffentlichte, spiegelte sich noch seine Hoffnung auf eine rasche Änderung der bestehenden Ordnung wider. Nach der Niederwerfung der Revolution betonte Marx stärker den deterministischen Aspekt seiner Lehre. Danach musste die Bourgeoisie aufgrund der ihr innewohnenden Widersprüche untergehen: Das Kapital würde in der Hand von immer weniger Einzelunternehmern oder Kapitalgesellschaften akkumuliert und die Arbeiterschaft immer stärker ausgebeutet werden, so dass sie sich nur durch eine Revolution aus diesem Zustand befreien könne. Die damit erreichte »Diktatur des Proletariats« sei aber nur Wegbereiter für den idealen Endzustand, die klassenlose Gesellschaft, die den Staat überflüssig mache. Die »Pariser Kommune« von 1871 gab Marx noch einmal die Hoffnung auf eine revolutionäre Veränderung der Gesellschaft, später glaubte er, Wahlen könnten bei vollem Stimmrecht des Proletariats die bestehende Gesellschaftsordnung auch auf friedliche Weise beseitigen. Die Entstehung des Nationalismus
Mehr als marxistische Ideen beherrschten jedoch nationalistische Gedanken das 19. Jahrhundert. Die Quellen waren sehr unterschiedlich, selbst Johann Gottfried von Herders (1744-1803) Lehre von der Geprägtheit des Menschen durch seine Kultur und Sprache gehörte dazu. Herder wurde Initiator intensiver historischer Sprachstudien. Historische Wörterbücher entstanden, Volkslieder und Märchen wurden gesammelt, das Studium der nationalen Geschichte intensiviert. Auch aus solchen Ansätzen entwickelten sich nationalistische Vorstellungen, die im Extremfall in Kriege ausarteten.

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Info 22.11.2017 17:33
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