Realistische Malerei im 19. Jahrhundert

Unter Realismus versteht man in der Malerei den Stil, der nach vorbehaltloser Darstellung der Wirklichkeit strebt. Er blühte im Wesentlichen in den Jahren von 1840 bis 1870. Es ist bezeichnend, dass sich die neue Kunst der Photographie in dem gleichen Zeitraum entwickelte. Soziale Zusammenhänge
Die Photographie als das Höchstmaß realistischer Abbildung bedeutete eine Herausforderung, zugleich aber Beeinflussung der Malerei. Anfangs war es hauptsächlich die Malerei, die die Photographie beeinflusste (viele der frühen Photographen hatten als Maler angefangen), doch etwa ab 1860 ging der Einfluss in die umgekehrte Richtung. Im Realismus verbinden sich soziale wie ästhetische Motive. In England, wo diese Malerei bald schon nach 1800 auftritt, beruhte ihr Erfolg vor allem darauf, dass die Kunst zum ersten Mal auch beim einfachen Volk populär wurde. Die mehr traditionsgebundene Malerei, die nur eine gebildete Minderheit ansprach, trat in der Gunst des Publikums zurück. An ihre Stelle trat eine neue, unmittelbare Darstellung, die (in den Grenzen des guten Geschmacks) die Dinge so darstellte, »wie sie waren«, malerische Technik und Auffassung beruhten auf der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, verbunden mit einem starken erzählenden Element, so dass man Bilder »lesen« konnte wie einen Roman. Wegbereiter dieser populären erzählenden Malerei war David Wilkie (1785-1841), der zwar für aristokratische Auftraggeber arbeitete, dessen Kunst durch Ausstellungen und Drucke aber ein breites Publikum erreichte. Wilkie war in den ersten 40 Jahren des 19. Jahrhunderts der populärste englische Maler, sein Stil wurde mehr oder weniger zum Vorbild für alle späteren viktorianischen Maler. Anders in Frankreich, Dort begann der Realismus später. Er war auch populär wie in England, aber eher ernst, engagiert, ja revolutionär. Während in England der Realismus im Rahmen der Akademie entstand, dem Sitz des offiziellen, aristokratischen Geschmacks, wurde er in Frankreich teilweise als Angriff auf die von der Pariser Ecole des Beaux-Arts, der Hüterin akademischer Werte, geförderte, offizielle Historienmalerei verstanden. Der Einfluss Gustave Courbets
Der führende französische Realist war Gustave Courbet (1819-77), dessen Laufbahn als Maler etwa von 1845 bis bald nach 1870 reichte. Er war aggressiv, ein Bohemien und »Provinzler«, Demokrat, wenn nicht Revolutionär, er prägte die Doktrin, die zum Schlachtruf der Realisten wurde, der Maler müsse »seiner eigenen Zeit gehören«. »Malen ist eine im Wesen konkrete Kunst«, schrieb er, »und kann nur in der Darstellung realer, existierender Dinge bestehen.« Courbets großer Erfolg kam im Ausland mit einem eigenen Saal im Münchner »Glaspalast« (1869). Anders als die englischen Maler vernachlässigte Courbet das erzählende Moment, er zeigte eigentlich zum ersten Mal die kleinen Leute aus der Provinz und Angehörige der Arbeiterklasse im Alltag. Ein Bild wie »Die Begegnung«, auf dem der reiche Bourgeois und Auftraggeber seinen Hut vor dem wandernden Künstler (Courbet selbst) zieht, erregte Anstoß nicht nur wegen der Umkehrung der »normalen« Beziehung zwischen Maler und Auftraggeber, sondern auch deshalb, weil anscheinend ein »interessantes« Motiv fehlte. Mit Courbet nahm der französische Realismus eine klassenbewusste, politische Färbung an, er wurde mit unerfreulichen, hässlichen Themen identifiziert. Es fällt auch auf, dass realistische Bilder von nun ab oft dunkel im Ton und graubraun in den Farben gehalten sind, ähnlich wie die Photographien der Zeit. Zwar hat Courbet seine Arbeit wohl nicht als Mittel sozialer Propaganda gesehen, doch hatte er auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht, viele Maler haben diese Möglichkeit genutzt. Jean-Francois Millet (1814-75) z. B. zeigte das harte Leben einer unterdrückten Bauernschaft, die Trost nur in der Religion fand, in England spezialisierte sich der aus Deutschland stammende Maler und Graphiker Hubert von Herkomer nicht nur auf Porträts der Gesellschaft, sondern auch auf die Darstellung der Industriearbeiter. Im 19. Jahrhundert wurde zum ersten Mal in der Geschichte die Arbeit als Thema der Malerei ernst genommen, sie wurde nicht mehr in symbolischer Verbrämung gezeigt, sondern als oft zermürbende und eintönige Schufterei. Während in den USA immerhin die Arbeitswelt von Chirurgen und Erfindern in Thomas Eakins (1844-1916) einen Chronisten fand, war die kräfteverzehrende Knochenarbeit als Gegenstand künstlerischer Behandlung in Deutschland im vorigen Jahrhundert eine Ausnahme, so etwa bei Adolph Menzel (1815 bis 1905) in seinem »Eisenwalzwerk« (1875). Moral, Mythologie und Geschichte
In England entstand in den Jahren um 1850 die Bewegung der Präraffaeliten, die mit den Mitteln der realistischen Malerei Themen persönlicher Moral und religiöse Motive behandelte. In beiden Fällen gab es eine Schockwirkung, ähnlich wie bei Courbet, im Wesentlichen aus dem gleichen Grund: nämlich dass Kunst den Menschen verunsicherte statt ihn einfach zu erfreuen. Schließlich drang der Realismus zunehmend auf das Gebiet der historischen und mythologischen Malerei vor, er korrumpierte diese einst mehr intellektuell-literarische Kunst zur Darstellung einer imitierten, konstruierten Vergangenheit, das zeigt z. B. die eklektische Vorstellung des altgriechischen und altrömischen Alltags durch Edward Poynter (1836-1919) und andere Maler.

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Info 22.11.2017 17:42
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