Die Oper im 19. und 20. Jahrhundert

Um die Wende zum 19. Jahrhundert wandten sich Konzertbesucher aus dem Mittelstand verstärkt den Aufführungen der öffentlichen Opernhäuser zu. Die dadurch ermöglichte Erweiterung der Spielpläne gestattete vielen Komponisten, sich in erster Linie der Oper zu widmen. Das Publikum begrüßte diese Unterhaltung, weil sie psychologisch und musikalisch ansprechender war als prunkvolle höfische Schauspiele. Ernste und komische Oper
Die traditionellen Strömungen der ernsten und der komischen Oper blieben zwar getrennt, aber nunmehr konnte man beide Formen regelmäßig in Opernhäusern sehen. Die von ihrem Wesen her dramatische Form der Oper begann, mehr und mehr politische und soziale Zustände – freilich oft verkappt – widerzuspiegeln, so z.B. das Risorgimento, die italienische Einigungsbestrebung, in den Werken von Giuseppe Verdi (1813-1901), nationale Traditionen in den russischen Opern von Modest Mussorgsky (1839-81) und Michail Glinka (1804-57) oder im Schaffen des Böhmen Bedrich Smetana (1824-84). Schließlich trat eine mehr realistische Note hervor, wie im Verismus der Opern von Pietro Mascagni (1863-1945), Ruggiero Leoncavallo (1858-1919) und Giacomo Puccini (1858-1924). Wolfgang Amadeus Mozart (1756-91) schrieb im letzten Jahr seines Lebens die Opera seria »La Clemenza di Tito« in Italienisch und das Singspiel (eine heitere Oper mit teils gesungenen, teils gesprochenen Texten) »Die Zauberflöte« in deutscher Sprache. Sie kündigte die spätere Entwicklung der deutschen Oper mit ihrem Bestreben nach Einheit von Musik und Drama an. Ludwig van Beethoven (1770-1827) lieferte mit seiner einzigen Oper »Fidelio« (1805) einen gewichtigen deutschen Beitrag. Es blieb jedoch der geschickten Hand von Carl Maria von Weber (1786-1826) mit seinem »Freischütz« und der »Euryanthe« vorbehalten, das Erbe zu schaffen, auf dem Richard Wagner aufbauen sollte. Der Einfluss Rossinis
Diese junge Entwicklung in den verschiedenen Zweigen des deutschen Opernschaffens hatte gegen die traditionelle Vorherrschaft der Italiener, insbesondere gegen die Vorliebe für die Musik Gioacchino Rossinis (1792-1868), zu kämpfen. Seine zahlreichen komischen Opern, darunter »Der Barbier von Sevilla«, »Die Italienerin in Algier« und »Cinderella« brillierten mit ihren vielgeliebten Gesangsnummern und demonstrierten einen erstaunlichen Fortschritt der Instrumentierung. Die legendären Gesangsvirtuosen der damaligen Zeit wie Maria Malibran, Luigi Lablache, Giovanni Rubini und Giulia Grisi ermunterten die Nachfolger Rossinis, einen Vincenzo Bellini (1801-35), einen Gaetano Donizetti (1797 bis 1848), im selben Stil zu schreiben. Bellini gab sich in »Die Nachtwandlerin« und in »Norma« mehr romantisch, während Donizettis schnell hingeworfene Arbeiten – er schrieb den »Don Pasquale« in acht Tagen – hauptsächlich als Bravourstücke für die Sänger gelten können. Die große Oper und die Zeit danach
Während die Opera comique in Frankreich unter dem Einfluss Rossinis stand, begründete Giacomo Meyerbeer (1791-1864) ab 1830 die Tradition der Grande Opera. Als Gegengewicht zur Schwülstigkeit seiner »Hugenotten« und seines »Propheten« entwickelte sich in den fünfziger Jahren ein lyrischer Stil, vertreten durch Charles Gounod (1818-93) und Jules Massenet (1842-1912), während Hector Berlioz (1803-69) eigene Wege ging. Unterdessen hatte Verdi 1842 in Italien den »Nabucco« geschrieben und sich zu einem geeinten Italien bekannt. Seine Opern zeigten nun immer mehr seelische Vertiefung und psychologischen Scharfsinn. Den Höhepunkt bildeten die großartigen Dramen »Rigoletto«, »Der Troubadour«, »La Traviata«. Seine beiden letzten Opern »Othello« und »Falstaff« sind mehr auf unendliche Melodie als auf Nummernarien angelegt, ein Stil, den Richard Wagner (1813-83) in seinen Musikdramen entwickelt hatte. Bezeichnend auch die hochdramatische Rolle, die schon Wagner dem Orchester zugeteilt hatte. In Russland begann die Entwicklung einer nationalen Oper mit Glinka. Nunmehr erblühte sie in den Werken von Alexander Borodin (1833-87), Nikolaj A. Rimskij-Korsakow (1844-1908), Mussorgsky und Pjotr I. Tschaikowsky (1840-93). Ein anderes Hauptwerk, das die Richtung zu einer realistischen Oper einschlug, ist die Oper »Carmen« des französischen Komponisten Georges Bizet (1838-75). Zur selben Zeit schrieb Claude Debussy (1862-1918) seine einzige Oper »Pelleas et Melisande«, die halb impressionistische Vertonung eines Stückes von Maurice Maeterlinck. Nach Debussy entwickelte sich im 20. Jahrhundert eine Vielfalt von Techniken und Stilen der Oper. Mit dem Schwinden der italienischen Vorherrschaft entstanden Opern in vielen Sprachen. Einige, wie die von Richard Strauss (1864-1949), Leos Janacek (1854-1928) und Sergej Prokofjew (1891-1953), tragen nationale Züge, andere griffen auf die Klassik zurück wie Igor Strawinskys (1882-1971) »Oedipus Rex« in lateinischer Sprache. Das Ensemble reicht vom Kleinen – in »Herzog Blaubarts Burg« von Bela Bartok (1881-1945) kommen nur zwei Personen vor – bis zur Schilderung einer ganzen Stadt in der satirischen Oper »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« von Kurt Weill (1900-50). Kino, Fernsehen, Radio sowie Schallplatte und Kassette verdrängten das Zeitgenössische zugunsten eines mehr historischen Repertoires. Benjamin Britten (1913-76) und Gian Carlo Menotti (geb. 1911) schrieben Opern fürs Fernsehen.

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Info 26.09.2017 - 00:09
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