Die Lehre vom Menschen

Im Lauf der Geschichte sind immer wieder primitive Stämme oder Völker von anderen, bereits höher entwickelten Völkern entdeckt worden. Griechen, Römer und Chinesen des Altertums verstanden unter der Entdeckung fremder Völker jedoch stets die Eroberung der von diesen bewohnten Territorien. Sie hegten für die Unterworfenen kein völkerkundliches, sondern ein rein machtpolitisches Interesse, stets waren sie von ihrer eigenen kulturellen Überlegenheit überzeugt (Ethnozentrismus). Erst im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Anthropologie (Lehre vom Menschen) zu einer selbständigen Wissenschaft. Sie befasste sich mit der Erforschung der Sitten und Bräuche primitiver Völker und Stämme, zunächst nur in der Absicht, aus diesen Erkenntnissen auf die allgemeine Entwicklungsgeschichte der Menschheit rückschließen zu können. Die moderne ethnologische Anthropologie beschreibt dagegen zweckfrei die verwandten bzw. unterschiedlichen Merkmale der Kulturen. Die europäische Expansion
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts begannen Portugiesen, Spanier, Engländer, Franzosen, Holländer und andere Nationen mit großen Entdeckungs- und Forschungsreisen. Die beteiligten Seefahrer, Kaufleute, Missionare und Pelztierjäger verfolgten in erster Linie private Interessen (Eröffnung von Handelsrouten und Missionsstationen, Landgewinnung, Kolonialisierung oder auch die Entdeckung sagenhafter Reiche, z. B. des »Eldorado«), dennoch verdanken, wir ihnen eine Fülle erster Erkenntnisse über die »unzivilisierten« Völker. Wissenschaftlich wertvolle Beobachtungen lieferten in der voranthropologischen Epoche jedoch erst die Naturforscher. Ihre Einsichten in die Gesellschaftsstrukturen der fremden Völker waren zwar noch dürftig, aber ihre Beschreibungen von deren Sitten und Bräuchen vermittelten schon ein weit objektiveres Bild als die meist oberflächlichen und mehr oder weniger phantastischen Reiseerzählungen. Mit der zunehmenden Kolonialisierung Afrikas, Asiens, und der pazifischen Inselwelt im 19. Jahrhundert wuchs auch das Wissen über die »primitiven« Völker der Erde. Allerdings war der Wunsch, die Mentalität der neuen Untertanen zu verstehen, bei den Kolonialherren unterschiedlich stark ausgeprägt, manche hielten die Eingeborenen für Lebewesen, die nur zwecks besserer Verwendbarkeit in den Plantagen und Bergwerken zivilisiert und christianisiert werden mussten. Frühe Anthropologie
Bis 1870 hatte sich so viel Detailwissen über die Kulturen der Erde angesammelt, dass die Schaffung einer speziellen wissenschaftlichen Disziplin – der Anthropologie – nötig wurde, wenn man das Material sinnvoll verarbeiten wollte. Erst dank der vergleichenden Methoden der Anthropologie ließen sich viele Phänomene deuten, die bis dahin unerklärlich waren oder als seltsam galten, z. B. die Sitte mancher Eingeborenen, die Schwägerin als die eigene Ehefrau vorzustellen oder sich während der Schwangerschaft der Ehefrau »krank« in die Hängematte zu legen. Stießen die Anthropologen auf verwandte Erscheinungen in verschiedenen Erdteilen, forschten sie nach gemeinsamen historischen Quellen oder gegebenenfalls nach den Gründen für solche Parallelentwicklungen. Der englische Völkerkundler Edward B. Tylor (1832-1917) beschränkte sich noch wie viele seiner Kollegen auf die Auswertung fremder Forscher- und Reiseberichte. Der Amerikaner Lewis H. Morgan (1818-81) verfasste dagegen die erste systematische Darstellung einer primitiven Kultur – der Irokesen – aufgrund eigener Forschungsarbeit an Ort und Stelle. Morgan, Tylor und andere Anthropologen ihrer Zeit entwickelten Fragenkataloge, Vergleichsmethoden und schließlich auch Theorien, die insgesamt den Weg zu einem wissenschaftlich fundierten echten Verständnis primitiver Kulturen eröffneten. Schon die frühe Anthropologie definierte die Menschen als Lebewesen, die derselben Gattung, aber unterschiedlichen Kulturen angehören. Sie beschritt verschiedene Wege, um die Menschheitsgeschichte nachzukonstruieren, und kam zu dem übereinstimmenden Ergebnis, dass der Mensch schon in frühgeschichtlicher Zeit in Familien- oder anderen Kleinverbänden gelebt hat, also in Gesellschaftsformen, die auch heute noch existieren. Damit war bereits eine wichtige Erkenntnis gewonnen, aber überzeugende Verallgemeinerungen wurden erst durch die Weiterentwicklung der Ethnographie, der beschreibenden Völkerkunde, möglich. Diese erfasst systematisch die Sitten, Institutionen und Prozesse im Sozialleben der Naturvölker. Zunächst beruhte nur Morgans Irokesen Studie auf der Anwendung ethnographischer Methoden, bald erkannten aber auch andere Anthropologen, dass sie den sichersten Weg zum Verständnis fremder Kulturen darstellten. Die Ethnographie, eine Langzeitmethode
Die Methoden der Ethnographie sind leicht zu beschreiben, aber ihre Anwendung ist mühevoll. Um sichere Erkenntnisse zu gewinnen, muss der Forscher selbstverständlich die Sprache des betreffenden Eingeborenenstammes sprechen, er muss möglichst intensiv für längere Zeit am Stammesleben teilnehmen, um zu einer weitgehenden Identifikation mit der Denk- und Handlungsweise der Eingeborenen zu gelangen. Pionier dieser intensiven Ethnographie war der englisch-amerikanische Völkerkundler Bronislaw Malinowski (1884-1942) mit seiner Studie über die Bewohner der Trobriandinseln bei Neuguinea. Seither haben Hunderte von ethnographischen Studien dazu beigetragen, unsere Kenntnisse über die Naturvölker der Erde wesentlich zu erweitern.

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Info 26.09.2017 - 00:21
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