Vorstaatliche Gesellschaften

Der Mensch der Frühzeit wird einerseits als Individualist, andererseits als Konformist – als Sklave der Stammesbräuche – dargestellt. In dieser Beschreibung liegt kein Widerspruch. Vorstaatliche Gesellschaften kennen zwar keine Gesetze, über deren Einhaltung eine staatliche Instanz wacht, ihre Mitglieder haben aber zahlreiche Bräuche und Verhaltensweisen entwickelt, die Interessenkonflikte und Anarchie verhindern sollen. Der Staat späterer Gesellschaften lässt sich demgegenüber entweder als Instrument zum Schutz von Leben und Besitz der Staatsbürger definieren oder als Institution, die die Freiheiten des einzelnen zum Wohl des Ganzen einschränkt. Jede Organisation ist ein System, das Teile zu einer Gesamtheit zusammenfasst. In diesem Sinn kennen vorstaatliche Gesellschaften zwei Typen der sozialen Organisation, die sich nach ihrer Größe und dem Typus der verbindenden Organisation unterscheiden. Die Stammesgesellschaft
Der erste Typus ist die Stammesgesellschaft. Sie baut sich aus Segmenten auf, die von Familien, Sippen oder differenzierten Clans gebildet werden. Alle Segmente dieser Gesellschaft sind gleichberechtigt (egalitär) und durch Heirat, Blutsverwandtschaft oder Abstammung miteinander verbunden. In der Familie übt das Familienoberhaupt Autorität über Frauen und Kinder aus. In der Sippe ordnen sich die Jüngeren dem Ältesten unter. Es gibt aber weder einen Führer noch eine Führungsgruppe mit der Funktion, die Beziehungen zu anderen Segmenten des Verbandes zu regeln und zu sichern. Da vorstaatliche Gesellschaften keine soziale Differenzierung kennen, leisten alle Männer, alle Frauen und alle Familien die gleiche Arbeit. Kleidung, Schmuck, Nahrung, Behausungen, Geräte und natürlich auch Rituale und Götter sind für alle Verbandsmitglieder gleich. Die Einheit des Ganzen beruht auf der Gleichheit seiner Einzelteile. Der französische Soziologe und Anthropologe Emile Durkheim (1858 bis 1917) sprach von einer »mechanischen Solidarität« primitiver Gesellschaften im Gegensatz zur »organischen Solidarität« differenzierterer Gesellschaften. Die Schwäche des Segmentsystems liegt darin, dass seine Teile autark und nicht integriert sind und sich deshalb leicht vom Verband lösen können, ohne dass dieser übrigens deshalb zugrunde ginge. Auch in egalitären Gesellschaften gibt es Führerpositionen, aber sie sind nur mit beschränkter Autorität ausgestattet. Der Führer kann lediglich bei besonderen Gelegenheiten -auf der Jagd, im Kampf, bei Zeremonien – Befehle erteilen. Da sich sein Einfluss auch dann nur auf sein eigenes soziales Segment, z. B. seinen Verwandtschaftsverband oder sein Dorf, erstreckt, ist er nur einer von vielen anderen »Segmentführern« einer derartig organisierten Gesellschaft. Der zweite Typus vorstaatlicher Gesellschaften ist die Häuptlingsgesellschaft. Sie kennt schon die »organische Solidarität«, d. h. ihre spezialisierten Teile hängen voneinander ab. Das Ganze besteht zwar immer noch aus formal gleichberechtigten Segmenten, aber diese unterliegen bereits einer Rangordnung (Hierarchie), die sich an politischen und wirtschaftlichen Funktionen orientiert. So gibt es Häuptlinge und Häuptlingsfamilien, es gibt einfache Verbandssegmente und schließlich Individuen oder ganze Segmente, die sich schon auf gewisse Verwaltungsaufgaben spezialisieren. Die Verwandtschaftsgruppe
In vorstaatlichen Gesellschaften treten echte soziale Beziehungen meist nur innerhalb der Verwandtschaftsgruppe auf. Hier sind alle älteren Männer »Väter«, ihre Frauen »Mütter«, alle Gleichaltrigen sind »Brüder« bzw. »Schwestern«, und alle Frauen aus der Sippe der Ehefrau heißen ebenfalls »Ehefrau«. Die Beziehungen der Verbandsmitglieder untereinander regelt eine rigorose Etikette. Verstöße, z. B. mangelnder Respekt vor einem »Vater« oder sexuelle Anspielungen vor einer »Schwester«, werden sofort durch soziale Diskrimination des Schuldigen, durch die Verweigerung von Unterstützung in Notfällen oder, im Extrem, durch Achtung und Verstoßung aus der Gruppe geahndet. Strafen
Vorstaatliche Gesellschaften haben noch keine Institutionen, die über die Einhaltung der Ordnung wachen. Dennoch wissen ihre Mitglieder die eigenen Rechte zu schützen. Auf dem Weg der Selbsthilfe holt der Bestohlene sein Eigentum zurück, bestraft er einen Ehebrecher oder sichert er sich eine Wiedergutmachung. In den meisten Fällen wird der Geschädigte dabei von seiner ganzen Gruppe unterstützt. Fehden, die aus solchen Selbsthilfeaktionen erwachsen, gehören zum Alltag vorstaatlicher Gesellschaften, erst der Staat mit seinen Rechtsinstitutionen vermag sie zu unterbinden. Fehden drohen sich ständig zu steigern, denn jeder Racheakt ruft seinerseits Vergeltungsmaßnahmen hervor. Allerdings verhindern meist die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Gruppen und die daraus hervorgehenden Schlichtungsbemühungen von Gruppenangehörigen, die außerhalb des Streites stehen, dass die Fehde zu einer Existenzbedrohung für den ganzen Verband wird. In Häuptlingsgesellschaften ist die Selbstjustiz schon weitgehend eingeschränkt. Die Häuptlinge – sind zwar noch keineswegs unparteiische Richter – meist sind sie mit einer der streitenden Parteien enger verwandt als mit der anderen -, aber gegen ein Bußgeld gewähren sie den Schuldigen oft in ihren Dörfern Zuflucht vor der Rache der Geschädigten.

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Info 22.11.2017 17:41
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