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Soziale Strukturen

Die Soziologie analysiert die verschiedenen Arten zwischenmenschlicher Beziehungen und die sich daraus entwickelnden sozialen Strukturen. Deren Umfang ist unterschiedlich: Er reicht vom kleinen Familienverband über Agrar- und Industriegesellschaften bis hin zu Nationalstaaten und Imperien. Jeder Gesellschaftsordnung sind Mechanismen eigentümlich, die die Eingliederung des Individuums bewirken. Meist enthält sie auch Elemente, die sich in Interessenkonflikten und Ungleichheiten bei der Verteilung sozialer Positionen manifestieren. Soziale Strukturen existieren unabhängig vom Individuum, erfassbar sind sie aber nur aus der Art, in der sie das Individuum erfährt. Zugang zur Soziologie
Soziologische Theorien und die Resultate soziologischer Forschungsarbeit sind meist komplexer Natur und daher für den Laien schwer verständlich. Doch wenigstens zu den Grundgedanken der Soziologie dürfte jedermann Zugang finden, denn sobald sich ein Individuum als Mitglied der menschlichen Gesellschaft begreift, ist es – im weitesten Sinne des Begriffs – bereits ein Soziologe. Schon zur Bewältigung des Alltags muss der einzelne über ein Minimum von Einsichten in Struktur, Gesetze und Rangordnungsvorstellungen seiner Gesellschaft verfügen. Die Soziologie ist demnach so alt wie die menschliche Gesellschaft selbst. Den Anstoß zu ihrer Verselbständigung als wissenschaftliche Disziplin im 19. Jahrhundert gab jedoch erst die immer größere Arbeitsteilung in den westlichen Industrienationen. Der Franzose Emile Durkheim (1858-1917) leistete für die moderne Soziologie Pionierarbeit. Er erkannte, dass bestimmte soziale Verhaltensweisen des Individuums von der Struktur seines Sozialverbandes geprägt sind. Nach Durkheim sind z. B. gleichartige Verhaltensweisen mehrerer Mitglieder eines Sozialverbandes oder auch Verhaltensabweichungen beim Vergleich verschiedener Verbände vornehmlich aus der jeweiligen Verbandsstruktur und nicht aus der Natur der Individuen zu erklären. Durkheim erläuterte seine Theorie an einem extrem individuellen Akt, dem Selbstmord. Er wies nach, dass unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen auch unterschiedlich hohe Häufigkeitsraten für Selbstmorde entsprechen. Tatsächlich sind das Verhalten des Individuums, seine ethischen, politischen und religiösen Grundsätze, selbst noch die Art seiner Behausung und Einrichtung, seiner Nahrung, seiner Essgewohnheiten und Kleidung von der Gesellschaft, der Gruppe und den Untergruppen geprägt, deren Mitglied er ist. Soziale Normen und Rollen
Das Individuum unterliegt dem Einfluss und der Kontrolle seiner Gesellschaft, indem es deren soziale Gesetze (Normen) und die ihm zugedachte Rolle akzeptiert sowie die mit der Rolle verbundenen Verhaltenserwartungen erfüllt. Beeinflussung und Kontrolle sind bald mehr, bald weniger spürbar, ihrer tatsächlichen Ausmaße wird sich das Individuum meist nicht bewusst. Viele Menschen glauben, eine freie Entscheidung zu fällen, wenn sie in Wirklichkeit doch lediglich ihre Rolle erfüllen und den sozialen Normen ihrer Gesellschaft entsprechen. Die sozialen Normen, denen sich das Individuum zu beugen hat, bestehen nicht nur aus schriftlich fixierten Gesetzen. Vielmehr regelt eine große Zahl ungeschriebener teesetze die zwischenmenschlichen Beziehungen oft bis ins kleinste Detail. Der Sozialisierungsprozess
Im Lauf seines »Sozialisierungsprozesses« gewinnt der Mensch Einsicht in die Normen der Gesellschaft und der verschiedenen sozialen Gruppen, deren Mitglied er ständig oder zeitweilig ist. Solche Gruppen sind beispielsweise die Familie, die Mitschüler, die Kollegen am Arbeitsplatz oder im Berufsverband. Der Sozialisierungsprozess bewirkt, dass das Individuum die Normen seiner Gesellschaft zu seinen persönlichen Normen macht, nach und nach bildet sich ein moralisches Gewissen (Schuldgefühle) aus, das zur Selbstkontrolle im Sinne der Gesellschaft befähigt. Sobald diese Kontrolle mangelhaft funktioniert, werden die daraus resultierenden Normabweichungen durch Strafen geahndet (Todes- oder Gefängnisstrafe, Verlust des Arbeitsplatzes, Ausstoßung aus der Gruppe). Der Schweregrad der Bestrafung hängt davon ab, wie sehr das Normempfinden der Gesellschaft durch die Abweichung verletzt wurde. Das Individuum erfährt seinen sozialen Status (den Rang oder Platz in der Gesellschaft) aus den Rollen, die ihm zugedacht sind. Fast jeder Mensch erfüllt täglich eine Vielzahl von Rollen, die ihm die wechselnden Bezugsgruppen (in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde oder im Verein) diktieren. Dabei legt er ständig eine Rolle ab, um eine andere anzunehmen. Unter der sozialen Rolle verstehen wir die Summe der Erwartungen, die eine Gesellschaft oder Gruppe an das Verhalten des Rolleninhabers stellt. Solche Erwartungen betreffen weniger dessen konkrete Handlungen als sein Verhalten in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich aus der Rolle ergeben. Manche Rollen erfordern nur Beziehungen zu einer Einzelperson (Ehemann zur Ehefrau), andere zu einer Vielzahl von Menschen (Kellner zu seinen Vorgesetzten einerseits, zu den Gästen andererseits). Die Rollenerwartungen drücken nicht die Wünsche und Vorstellungen des Rollenträgers aus, sie sind das Produkt der sozialen Normen. Die soziale Rolle und der soziale Status sind Grundelemente der sozialen Struktur.

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