Macht Klasse und sozialer Status

Die Mechanismen, mit denen Gesellschaften ihre Mitglieder integrieren und kontrollieren, reichen nie aus, um einen dauerhaften sozialen Frieden zu garantieren. Alle Gesellschaften durchleben im Laufe ihrer Geschichte Aufstände oder Revolutionen und müssen sich mit Gesetzesübertretungen und Verbrechen auseinandersetzen. Solche Erscheinungen beweisen aber noch nicht die Untauglichkeit einer gesellschaftlichen Struktur. Stets werden Macht und materielle Werte sowie soziale Vorrechte ungleichmäßig unter den Mitgliedern einer Gesellschaft verteilt sein, zur Bildung sozialer Klassen führen und Interessenkonflikte verursachen. Ausübung der Macht
In allen Gesellschaften üben einige Individuen oder bestimmte soziale Gruppen Macht über andere aus. Diese beruht auf der Verfügungsgewalt über die Ordnungsorgane (Polizei, Militär) oder begehrte Güter und Prestigepositionen. Der deutsche Soziologe Max Weber (1864-1920) zeigte, dass eine Gruppe nur so lange die Herrschaft innehat, wie die Beherrschten die Autorität der Herrschenden akzeptieren und damit auch deren Legitimität der Machtausübung. Wenn die Bevölkerung bestehende Machtstrukturen bejaht, so kann das auf Tradition beruhen, wie in Monarchien, das kann auch auf Grund von Rechtsnormen geschehen, wie in einem konstitutionellen parlamentarischen System. Schließlich kann Zustimmung zum Teil auf dem Charisma der Führer beruhen, wie in Diktaturen beispielsweise in Italien unter Mussolini oder in Deutschland unter Hitler. Wenn Machtausübung als legitim betrachtet wird, entspricht sie fast immer auch den allgemein gültigen sozialen Normen der betreffenden Gesellschaft: Haben vorwiegend private Unternehmer die Gewalt inne, wird die wichtigste soziale Norm z. B. die Respektierung des Eigentums sein. Es gehört zu den Merkmalen der Macht, dass sie beinahe immer auch Widerspruch hervorruft: Die Beherrschten beginnen von einem bestimmten Zeitpunkt an, die Legitimität der etablierten Gewalt in Frage zu stellen. Es kann allerdings geschehen, dass sie nicht wahrnehmen, wie stark ihre Handlungen unter Kontrolle stehen. Sie erkennen ihren eigenen Status nicht, ihr Sozialisationsprozess kann sogar bewirken, dass sie bewusst im Interesse der Machtträger handeln. In den westlichen Industrienationen des 19. Jahrhunderts beruhte die Herrschaft der besitzenden Klassen auf ihrer Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel (Bodenschätze, technische und Transportmittel, Energiequellen). Soziale Klassen
Soziale Klassen sind Gruppen von Individuen mit gemeinsamen sozialen und wirtschaftlichen Interessen. Sobald sich die Individuen dessen bewusst sind, bildet sich ein Klassenbewusstsein, d. h. das Bewusstsein eines gemeinsamen Interesses, das bei extremer Herausforderung die Basis einer sozialen Revolution bilden kann. Parteizugehörigkeit resultiert oft aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Klasse, sie kann aber auch ethnisch, regional oder religiös begründet sein. In den kapitalistischen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts bildeten sich zwei große soziale Gruppen heraus: die Klasse der Besitzenden “oder Unternehmer und die Klasse der Besitzlosen oder Arbeiter. Inzwischen ist aus den Angestellten und qualifizierten Arbeitern ein neuer Mittelstand klasse entstanden. In der ursprünglichen Arbeiterklasse sind im Wesentlichen nur die meist ungelernten oder angelernten, jedenfalls wenig qualifizierten, überwiegend körperlich Tätigen, verblieben. Grundsätzlich entwickeln sich soziale Klassen allmählich. Neuerdings versuchen aber einige Staaten der Dritten Welt, bestimmte Gesellschaftsstrukturen, z. B. die Herrschaft des Mittelstandes in einer technisch entwickelten Wirtschaft – ganz gleich, ob sozialistisch oder kapitalistisch bestimmt -, direkt, ohne Vorstufen, zu etablieren. Klassenzugehörigkeit und soziale Rollenerwartung sind eng verknüpft. So haben in Ländern mit gleichen Bildungschancen alle Mittelstands Kinder immer noch bessere Bildungsmöglichkeiten als Arbeiterkinder. Elite und Macht
Eine herrschende Elite ist eine Gruppe, die die Machtinstrumente des Staates kontrolliert. Sie kann im Interesse der gesamten Gesellschaft oder auch nur zum eigenen Nutzen handeln. Sie stützt sich entweder auf die Zustimmung der Gesellschaft oder auf Militär- und Polizeikräfte des Staates sowie auf die Propaganda. Im Prinzip stellen die Staatsbürokratie der UdSSR und die Militärregimes lateinamerikanischer und vieler afrikanischer Staaten solche Eliteherrschaften dar, auch wenn sie in manchen Fällen die Interessen bestimmter Klassen wahrnehmen. Der amerikanische Soziologe C. Wright Mills (1916-62) konstatierte, dass von 1950 bis 1960 in den USA eine relativ kleine Gruppe, bestehend aus Unternehmern, Spitzenpolitikern und Militärs, alle wichtigen nationalen Entscheidungen traf. In Demokratien üben Elitegruppen oft dadurch Macht aus, dass sie die Themenstellungen bei Wahlen und Volksentscheiden bestimmen können. Soll z. B. ein neues städtisches Verkehrssystem eingerichtet werden, müsste man zunächst über Nutzen und Nachteile für die Region debattieren und schließlich über die Annahme des Projektes abstimmen. In der Praxis hat oft die machtausübende Gruppe längst die Einrichtung des Systems beschlossen, und der Öffentlichkeit werden nur noch sekundäre Probleme zur Diskussion vorgelegt.