Politische Wissenschaften

Die Politikwissenschaft oder Politologie versucht, das Wesen der Politik zu ergründen und in der Vielfalt der politischen Ereignisse Gesetzmäßigkeiten festzustellen, die Prognosen oder Entscheidungen über zukünftige Entwicklungen erleichtern. Das Interesse der Historiker gilt dagegen eher den Ereignissen selbst als ihren vergleichbaren oder gegensätzlichen Wesenszügen. In der Politikwissenschaft wird vorzugsweise mit vergleichenden Methoden gearbeitet. Soll sich z. B. ein Politologe zu der Behauptung äußern, dass die parlamentarische Demokratie die beste aller Regierungsformen sei, so wird er sein Urteil erst dann formulieren, wenn er eine Reihe parlamentarisch regierter Länder mit Staaten verglichen hat, die in anderer Form regiert werden. Entwicklung der Politikwissenschaft
Der Politiker, also der Praktiker der Politik, sieht seine Aufgabe darin, gesellschaftliche Interessen seiner Gruppe durchzusetzen oder mit denen anderer Gruppen in Einklang zu bringen, er versucht, politische Probleme zu lösen. Der Politologe, der Theoretiker der Politik, will diese Probleme nicht lösen, er analysiert sie, macht sie verständlich. Seine Erkenntnisse können allerdings wiederum praktisch genutzt werden. Seitdem Politikwissenschaft als selbständige Disziplin an den Universitäten gelehrt wird, erweckt sie mehr und mehr das Interesse der breiten Öffentlichkeit. Zweifellos hat sie auf das Denken und die Handlungsweise vieler Politiker unserer Epoche spürbar Einfluss genommen. Die junge Wissenschaft der Politik befasste sich zunächst vornehmlich mit Verfassungsproblemen. Verfassungen sind schriftlich oder mündlich überlieferte Grundgesetze, an denen sich die Regierenden und die Verfasser aller weiteren Gesetze orientieren. Die Ausgangsthese für die ersten Verfassungsdiskussionen lautete: Das politische Leben einer Gesellschaft vollzieht sich gemäß ihrer Verfassung. Dazu wurden u. a. folgende Fragen gestellt: Wie garantiert die Verfassung die Bürgerrechte? Welches ist das bessere parlamentarische System: das Ein-Kammer- oder das Zwei-Kammern-System? Zur Beantwortung solcher Fragen untersuchte man die entscheidenden Institutionen – die gesetzgebende (legislative), die ausführende (exekutive) und die richterliche Gewalt – sowie alle Gesetze, die deren Beziehungen untereinander regeln. Da die Politologen für ihre Untersuchungen Kontakte mit den betreffenden Parlamentariern, Beamten und Richtern aufnehmen mussten, profitierten besonders diese von den neu gewonnenen Erkenntnissen. Verfassungsfragen gehören noch heute zu den Hauptinteressen der Politologen, seit den zwanziger Jahren wurde das Aufgabenfeld der Politikwissenschaft aber – zunächst vor allem in Amerika – wesentlich über das bloße Verfassungsrecht hinaus erweitert. Arbeitsfeld der Politologie
Für das Verständnis politischer Vorgänge reicht bloße Kenntnis der staatlichen Institutionen nicht aus. Die Politologie untersucht deshalb, wie Beschlüsse Zustandekommen, wie stark »pressure groups«, z. B. Gewerkschaften, Unternehmerverbände, politische Parteien und Bauernverbände, Einflüsse geltend machen können. Da die moderne Politologie ihre Analysen und Ableitungen nicht nur auf die politischen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten und in Europa beschränken will, muss sie Analyse Methoden entwickeln, die auch in anders strukturierten Gesellschaften zu praktikablen Ergebnissen führen. Eine weitere Methode der Untersuchung politischer Probleme ist die Systemanalyse. Der Systemanalytiker auf dem Gebiet der Politik untersucht nicht spezifische politische Institutionen der Gesellschaft, also etwa ihr Parlament, ihre Regierung oder ihr Wahlsystem, ihn interessiert, wie sich diese Gesellschaft oder Gesellschaftsgruppe als »politisches System«, d. h. als in sich stabile Struktur, verhält, wenn sie herausgefordert wird. Solche Herausforderung kann in Veränderungen der Umweltverhältnisse bestehen oder in Ansprüchen innen- oder außenstehender Gruppen, die mit dem Wesen des Systems nicht vereinbar sind. Politische Praxis
Die Verhaltensweisen stabiler politischer Strukturen zu untersuchen, ist allerdings für viele Politologen heute weniger interessant als das Studium eines eher dynamischen Phänomens des Machtkampfes. Auf diesem Gebiet gilt es z. B. herauszufinden, welcher Art die Beziehungen zwischen den Gewerkschaften und Parteien sind, oder welches Verhältnis zwischen den Führern von Gewerkschaften oder Parteien und der jeweiligen Basis, den einfachen Organisationsmitgliedern, besteht. In diesen Studien wird nicht nur festgestellt, wer letztlich die Entscheidungen trifft, sondern auch, wessen Interessen sie wirklich dienen und welche Konsequenzen sie haben. Die Frage nach der Machtverteilung in den westlichen Industrienationen wird von den Politologen unterschiedlich beantwortet. Einige sind der Auffassung, in ihren Gesellschaften seien die Machtverhältnisse zwischen den Gruppen ausgeglichen, andere sehen die Macht auf eine einzige Gruppe, Elite oder auch Klasse konzentriert. Politologen befassen sich auch mit speziellen Aspekten des politischen Lebens, z. B. mit dem Wahlkampf. Sie analysieren Wahlkampftaktiken und Wirksamkeit der Mittel politischer Propaganda, untersuchen Wahltrends und analysieren die Gründe für den Sieg oder die Niederlage bestimmter Parteien oder einzelner Kandidaten.