Vorurteil und Intoleranz

Vorurteile sind vorgefasste, meist negative Meinungen über Menschen, die einer ethnischen, religiösen, sozialen oder sonstigen Sondergruppe angehören oder auch nur irrtümlich zugeordnet werden. Häufig führt das bloße Vorurteil gegen solche Menschen zu ihrer offenen Diskriminierung. Was ist ein Vorurteil?
Vorurteile haben meist mehrere, eng miteinander verknüpfte Ursprünge. Eine der deutlich erkennbaren Quellen ist die einfache Überlieferung: Man übernimmt die Vorurteile von den eigenen Bezugsgruppen – den Eltern, Lehrern. Freunden, Vorgesetzten – und unterliegt dabei dem Irrtum, dass die Meinung dieser meist übergeordneten Personen auch richtig sein muss. Die sogenannte Teilhabe an Meinungen ist ein Grundelement jedes Sozialverbandes, sei dieser nur eine Familie oder ein ganzer Kulturkreis. Die Vorurteile der verschiedenen Kulturkreise haben jeweils eigene Muster, die sich allerdings im Laufe der Geschichte verändern können. Ein Gruppenvorurteil äußert sich in gleichartigen Ausdrucks- und Handlungsweisen der Gruppenmitglieder, wobei es natürlich stets Varianten gibt, die vom Status und der Persönlichkeit des einzelnen abhängen. Mit dem Begriff des Vorurteils sind Vorstellungen von gefühlsbetonten Urteilen und starrer Rechthaberei verbunden. Tatsächlich neigen Vorurteils volle Menschen dazu, Wahrnehmungen so zu arrangieren, dass sie ihren vorgefassten Meinungen entsprechen. Zur offenen Diskriminierung der Sondergruppe kommt es häufig dann, wenn sie als Konkurrent auf sozialer oder wirtschaftlicher Ebene betrachtet wird. Ethnozentrismus und Rassismus
Zu den sogenannten kulturellen Vorurteilen zählen zwei Typen. Der erste Typus – der Ethnozentrismus – ist ein Überlegenheitsgefühl aus Stolz auf soziale und kulturelle Errungenschaften der eigenen Gruppe, der zweite – der Rassismus – basiert auf der Überzeugung, einer Gruppe mit genetischen Vorzügen anzugehören. Für Rassisten sind andere Gruppen häufig »Untermenschen«. In allen Gesellschaften bevorzugt das Individuum Menschen »eigener Art« als Freunde, Kollegen oder Verwandte. Entsprechend neigt der Mensch auch auf internationaler Ebene dazu, nur Völker und Gruppen als gleichwertig zu akzeptieren, mit deren kulturellen Institutionen er sich identifizieren kann. Dieses Phänomen des Ethnozentrismus, alle Völker und Gruppen abzulehnen, die »anders« sind, hat im Lauf der Weltgeschichte eine unheilvolle Rolle gespielt. Nur häufige und intensive internationale Begegnungen können bewirken, dass die Völker und ethnischen Gruppen ihr gemeinsames und daher verbindendes menschliches Erbe erkennen. Innerhalb einer Gesellschaft betonen Menschen mit ähnlichem sozialen Hintergrund und verwandten Neigungen und Abneigungen ihre Zusammengehörigkeit oft durch die Wahl desselben Wohnviertels. Es bietet ihnen emotionalen Rückhalt und in Sonderfällen Schutz. Die Entwicklungsgeschichte des Vorurteils ist kompliziert. Vorurteile und Diskriminierung traten zwar schon bei fast allen frühgeschichtlichen Gesellschaften auf, doch handelte es sich meist nur um den ethnozentristischen Typus. Selbst das Kastensystem der Hindus reflektiert noch die kulturelle Unterlegenheit der drawidischen Stämme gegenüber den arischen Eroberern. Auf Rassismus stoßen wir dagegen in den zentralafrikanischen Reichen Ruanda und Burundi. Hier errang ein Stamm auf Grund physischer Vorteile die Vorherrschaft. Die großen, kräftigen Tutsi (15%) beherrschten die Hutu (83 %) und die zwergwüchsigen Twa (2 %). Vielleicht fehlte das rassistische Vorurteil in der Frühzeit, weil die Gesellschaften selbst klein und homogen waren und zunächst nur spärliche Berührungen mit anderen – andersartigen – Völkern hatten. Sklaverei und Vorurteile
Kolonialisierung und Handel mit schwarzen sklaven schufen einen neuen Typus zwischenmenschlicher Beziehungen. Außerdem leiteten sie die Entwicklung einer neuen Art von Vorurteilen ein. Im Gegensatz zum Sklaven des spätrömischen Reiches oder des mittelalterlichen Spanien, der noch ein Minimum an Rechten hatte, wurde der Sklave in Amerika rechtlich den Haustieren oder beweglichen Gütern gleichgestellt. Der Grund für diese grausame Form der Sklaverei war der akute Arbeitskräftemangel in der Neuen Welt. Weiße, in Europa angeworbene Landarbeiter machten sich stets nach kurzer Zeit selbständig, denn Land gab es im Überfluss. Eine Zwischenlösung bildeten Verträge über eine siebenjährige Dienstzeit, mit der die Überfahrtkosten abgegolten wurden, die der Grundbesitzer vorgelegt hatte. Der nächste Schritt war schließlich die totale Versklavung der aus Afrika importierten Arbeitskräfte. Das seit jeher emotionsbelastete Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß verschlechterte sich noch mehr. Zwar war es seit Jahrhunderten üblich, dass Hellhäutige bzw. Europäer auf Schwarze herabsahen, doch die neue Form der Sklaverei verschärfte den Rassenkonflikt. Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts versuchten gelegentlich, Menschen wie Tiere oder Pflanzen zu klassifizieren. Dabei wurden die schwarzen stets als eine Ordnung minderwertiger Menschen angesehen. Da bis zum Ende des 19. Jahrhunderts über die menschliche Physis noch viele Unklarheiten bestanden konnte aus bloßen Spekulationen eine pseudowissenschaftliche Rassentheorie Erwachsen, die späteren Generationen bei der Unterdrückung von Minderheiten, Volksgruppen oder ganzer Völker als Rechtfertigung diente.