Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung

Geschichte ist der chronologische Bericht über vergangene Ereignisse und unsere Interpretation dieser Ereignisse. Um zum vollen Verständnis der Vergangenheit zu gelangen, müssen wir aber auch die Entwicklungsstufen der menschlichen Gesellschaften berücksichtigen. Gesellschaftliche Entwicklungsstadien entsprechen keineswegs immer den Epochen oder Zeitaltern, in die die Historiker die Vergangenheit untergliedern. Es gibt z. B. für die großen Abschnitte der europäischen Geschichte – Altertum, Mittelalter und Neuzeit – keine Entsprechung in der Sozialgeschichte. Ebenso wenig wie die Stufen der sozialen Entwicklung mit den großen historischen Epochen korrespondiert, lassen sich ihnen bestimmte Regionen oder Techniken zuordnen. Nomadisierende Viehzüchter können in kleinsten Verwandtschaftsverbänden, aber auch in zentralistischen Häuptlingsgesellschaften organisiert sein. Der gesellschaftliche Entwicklungsprozess vollzieht sich weder in starren Mustern noch auf vorgezeichneter Bahn. Eine Gesellschaft reagiert vor allem durch Adaptation auf die Herausforderungen der Umwelt, seien sie physikalischer oder gesellschaftlicher Natur. Das Resultat solcher Anpassungsvorgänge besteht meistens in Varianten des bereits existierenden Organisationsschemas. Nur gelegentlich führen sie zu höherwertigen, komplexeren Gesellschaftsformen, also zu erkennbar neuen Stufen sozialer Organisation. Als Vorgänge dieser Art lassen sich z. B. im Altertum die Sesshaftwerdung und ortsfeste Agrarwirtschaft im Vorderen Orient, in der Neuzeit die industrielle Revolution bezeichnen. In beiden Fällen entstanden Gesellschaften mit markant veränderten Strukturen. Der Versuch, Stufen oder Stadien der gesellschaftlichen Entwicklung gegeneinander abzugrenzen, verfolgt zwei Ziele: die Schwerpunkte im Verlauf der Sozialgeschichte zu lokalisieren und einen kausalen Ablauf historisch-soziologischer Prozesse zu konstruieren. Allerdings kam es bei den Bemühungen der Anthropologen immer wieder zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten über Natur und Verursachung sozialökonomischer Prozesse, der Streit der Wissenschaftler über die Determiniertheit allen historischen Geschehens, also über die Grundlagen des Geschichtsverständnisses überhaupt, besteht fort. Die »neolithische Revolution«
Die Forschungsergebnisse des englischen Archäologen V. Gordon Childe (1892-1957) lassen heute den Schluss zu, dass in der Jungsteinzeit (Neolithikum) eine Veränderung der Gesellschaftsstrukturen stattgefunden hat. Diese sogenannte »neolithische Revolution« ist aber als evolutionärer Prozess zu verstehen. Die Domestizierung von Tier und Pflanze – zwei Techniken, die erst den Ackerbau möglich machten – veränderte die Beziehungen des Menschen zu seiner Umwelt grundlegend. Der systematisch betriebene Ackerbau und die Viehzucht erhöhten das Nahrungsmittelangebot um etwa das Zwanzigfache, ein Spielraum, der vom Bevölkerungswachstum bald ausgefüllt war. Die sesshaften Gesellschaftsverbände am Ende des Neolithikums waren also meist größer als die Fischer-, Jäger- und die Sammlervölker (zusammenfassend auch »Wildbeuter« genannt) am Beginn dieses Zeitalters. Dennoch war die soziale Struktur dieser Verbände nicht grundlegend verändert, sie beruhte nach wie vor auf Verwandtschaftsbeziehungen und Egalität ihrer Mitglieder. Die Häuptlingsgesellschaft
Erst allmählich entwickelten sich unter besonders günstigen Verhältnissen in einzelnen Regionen differenziertere, hierarchisch strukturierte Gesellschaften, an deren Spitze ein Häuptling stand. Sobald diese Häuptlingsposition erblich wurde, hatte die neue gesellschaftliche Ordnung eine Form gewonnen, die sich deutlich vom Wildbeuterverband unterschied, denn die sozial weitgehend ungeschichteten Jäger- und Sammlergesellschaften kannten nur zeitlich begrenzte, mit wenig Macht ausgestattete Führerpositionen. Die Merkmale der neuen Gesellschaftsform waren: zahlenmäßig größerer Umfang, Zentralisierung der Macht, politische Integration der Teile (Stämme, Klans und sonstige Gruppen), Differenzierung (d. h. Verteilung von Macht, Besitz und Verfügungsgewalten an Einzelpersonen, bestimmte Familien oder größere Untergruppen), Neigung zur Expansion infolge starker Bevölkerungszunahme sowie Integration (oder Untergang) der unterlegenen, niedriger organisierten Gesellschaften. Die Häuptlingsgesellschaften waren vermutlich die direkten Vorläufer der ersten echten Staatsformen: der Stadtstaaten in Mesopotamien und anderen Gebieten Vorderasiens, die den Häuptling bzw. die Herrscherfamilie mit dem Machtmonopol und dem Anspruch einer weitgehend omnipotenten, nicht selten religiös fundierten Regierungsgewalt auf Herrschaft über die Mitglieder der Gesellschaft ausstatteten. Der Nationalstaat
Rückblickend kann man feststellen, dass die Menschheit während der längsten Zeit ihrer Geschichte in Gesellschaftsverbänden mit gleichbleibender, relativ einfacher Struktur lebte. Der einzelne Verband hatte relativ wenige, untereinander gleichberechtigte Mitglieder, deren Integration vorwiegend durch Verwandtschaftsbande und nur in geringem Maß durch einen Führer oder Häuptling bewirkt wurde. Mit der Entwicklung der Agrargesellschaft formierten sich zentralisierte Häuptlingsgesellschaften und, in ihrem Gefolge, Stadtstaaten. Die jüngsten Nachfolgeformen dieser Art sozialer Organisation sind die heutigen Nationalstaaten, die sich als Strukturen der politischen Herrschaft durchgesetzt haben.

Forum (Kommentare)

Info 18.12.2017 00:25
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.