Frühe Staaten und Großreiche

Kulturen werden häufig nach ihrem Beitrag zum technischen Fortschritt beurteilt. Legt man diesen Maßstab an die frühen Kulturen an, gewinnt man den Eindruck einer relativ erfindungsarmen, technisch stagnierenden Epoche. Tatsächlich beruhten aber auch schon diese Kulturen auf einer der wichtigsten »Erfindungen«, die die Menschheit je gemacht hat: auf politischer Organisation, dem Staat. Fast alle wichtigen politischen und sozialen Institutionen der Moderne sind bereits in den frühen Kulturen nachweisbar, u. a. Typen demokratischer und totalitärer Regierung, Klassen- und Kastensysteme, Bürokratie, Städte und kommunale Verwaltungen, Berufssoldatentum, Steuerwesen, Volkszählungen, Schrift und Wissenschaften, Gesetzgebung und Gerichtshöfe, Ordnungskräfte (Polizei), Geldwirtschaft, Fernhandel, Hochreligionen und Priesterschaften. Die Entwicklung früher Staaten und Imperien
Die frühesten Staaten und Stadtstaaten (Sumer, Akkad) hatten relativ geringe Einwohnerzahlen und bedeckten verhältnismäßig kleine Territorien. Sie führten ihre Existenz auf einen göttlichen Willensakt zurück, waren also Theokratien, ihre Regierungen wurden zum Teil von einer mächtigen Priesterschaft kontrolliert, neben der sich allmählich jedoch starke weltliche Machthaber entwickelten, die gleichzeitig immer auch oberste militärische Befehlshaber waren. Da diese Staaten über die materiellen Voraussetzungen zum Unterhalt stehender Heere verfügten, waren sie in der Lage, Eroberungskriege zu führen. So entstanden die ersten Reiche der Assyrer, Hethiter, Ägypter und Perser durch Expansion in angrenzende Territorien. Die Schwäche dieser Großreiche war ihre mangelhafte Integration. Die desintegrierenden Kräfte bewirkten, dass sich immer wieder Teile vom Großreich lösten, sogar das Kernland eroberten oder das Reich durch innere Kämpfe derartig schwächten, dass fremde Eroberer erfolgreich sein konnten. Die Gefahren einer Dezentralisierung der Reichsverwaltung erkannten die Herrscher dieser Staaten schon recht früh, immer wieder versuchten sie durch neue Kontroll- und Sicherheitssysteme die Einheit ihrer Staaten zu bewahren. Zu diesen Versuchen gehörten: häufiger Austausch der Provinzbeamten, Heiraten zwischen den Familien der Herrscher und der Statthalter in den Provinzen, Kautionen bei der Besetzung von Provinzposten, Inspektion, Revision und selbst Bespitzelung der Provinzverwaltungen, Vergabe von Handelskonzessionen und Stellungen im Kultwesen und der Verwaltung gegen Treuegelöbnis für den Herrscher. Auch der Bau von Straßen, Kanälen, Schiffen und die Entwicklung schneller Nachrichtenverbindungen dienten in erster Linie dem Zweck, die Provinzen enger an die Zentralmacht zu binden. Die Lebensbedingungen der Bauern
In den Darstellungen der Geschichte der frühen Kulturen wird in erster Linie von Königen, Kaisern und Priestern, gelegentlich auch von Künstlern, Philosophen und Stadtbewohnern berichtet. Die Bevölkerungsmehrheit jener Epochen, der Bauernstand, wird in den Quellen, folglich auch in der Geschichtsschreibung, meist nicht erwähnt. Dabei machte erst die Arbeit des Bauern die frühen Staatsbildungen möglich: Die landwirtschaftliche Überschuss Produktion bildete die Voraussetzung dafür, Mitglieder der Gesellschaft von der Nahrungsmittelerzeugung freizustellen und mit nichtagrarischen, spezialisierten Aufgaben zu betrauen. Der Bauer musste staatliche Leistungen, z. B. Bewässerungs-, Verteidigungs- und Bevorratungssysteme, mit einem erheblichen Teil des Ertrags seiner Arbeit und seines Bodens bezahlen. Darüber hinaus konnte er zum Kriegsdienst herangezogen werden. Der sesshafte Bauer hatte zunächst ebenso hart zu arbeiten wie der Nichtsesshafte Bauer vorangegangener Zeiten, auch seine Ernte deckte zunächst gerade seinen Lebensunterhalt. Dennoch veränderte sich seine Lebensform wesentlich. Dauerfeldbau, die Entwicklung von Bewässerungssystemen und der Einsatz von Zugtieren erforderten eine strengere Arbeitsplanung und -disziplin. Im Gegensatz zum Nichtsesshaften Bauern erzielte der sesshafte Ackerbauer bald mehr Nahrungsmittel, als er für sich selbst verbrauchte. Diese Überschüsse musste er zum Teil als Zwangsabgabe abliefern, zum Teil konnte er damit die Güter anderer Erzeuger erwerben oder die Dienstleistungen von Spezialisten bezahlen. Über örtliche Verwaltungsbeamte und Priester, vor allem aber durch seine Abgaben und unmittelbaren Arbeitsleistungen für den Staat war der sesshafte Bauer mit einem politischen und wirtschaftlichen System verknüpft, ja dessen integrierender Bestandteil geworden, das weit über die ihm vertraute Dorfgemeinschaft hinausreichte. Die Entwicklung des Stadtbürgertums
Der Bauer, so wichtig er im Staatsgefüge war, hatte jedoch wie der besitzlose ungebildete Stadtbewohner keinen Einfluss auf die politischen Kräfte, die sein Leben gestalteten. In den Städten entwickelte sich dagegen allmählich eine neue Klasse – die des Stadtbürgers -, die politische Rechte gegenüber dem Staat und auch politische Ämter beanspruchte. Dank ihrer Bildung und ihrer Rolle im Wirtschaftsleben konnten die Stadtbürger Ansprüche auf politische Mitsprache oft wenigstens teilweise gegenüber den theokratisch militärischen Machthabern durchsetzen. Doch blieb die von der Staatsbürokratie geregelte Planwirtschaft Voraussetzung für das von Fernhandel und künstlicher Bewässerung abhängige zivilisierte städtische Leben, für die rechenhafte altorientalische Stadtwirtschaft.

Forum (Kommentare)

Info 22.11.2017 17:39
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.