Anfänge der Kultur

Unter Kultur wird im allgemeinen ein Komplex sehr unterschiedlicher Elemente verstanden. Es gehören u. a. dazu Schrift, Städte- und Staatsgründungen, Verwaltungs- und Kriegswesen, aber auch Handel, Metallbearbeitung. Handwerk und Technik. Will man das Entstehen der menschlichen Kultur untersuchen, wird man die Ursprünge dieser Elemente erforschen müssen. Merkmale der Kultur
Wissenschaftler früherer Generationen sprachen oft schon dann von einer »Kultur«, wenn nur eines der oben genannten Elemente in einer Gesellschaft festzustellen war. Diese Auffassung ist jedoch angreifbar. Zwar fiel wirklich in einigen Regionen die Kenntnis der Metallbearbeitung mit der Entwicklung zivilisierter Gesellschaften zusammen, in der Frühgeschichte anderer Erdteile, z. B. Nord- und Südamerikas, hat die Metallurgie aber nie eine wesentliche Rolle gespielt. Auch das Kriterium der Schrift überzeugt nicht: In einigen frühen Reichen, so bei den Sumerern, war die Schrift bekannt, in anderen großen Kulturen, z. B. der Inka, fehlte sie. Ebenso wenig ist das Kriterium der Stadtgründungen haltbar, denn im frühen Ägypten und in Mittelamerika stand die Anlage großer religiöser Zentren und nicht die Gründung von Städten am Beginn der Kultur. Nach Ansicht vieler Forscher der Gegenwart ist ausschließlich die Ausbildung der staatlichen Organisationsform ein universelles Kriterium für den Beginn der Kulturepoche einer Gesellschaft. Nur die staatliche Organisation vermochte komplexe Gesellschaften zu kontrollieren, sie allein ermöglichte den Bau von Städten, Pyramiden, Tempeln und Bewässerungsanlagen, vermochte Eroberungskriege zu führen, Metallbearbeitung und andere Handwerke zu fördern und die Schrift als wichtiges Hilfsmittel der Verwaltung zu entwickeln. Allgemein akzeptiert ist die These, dass in alten wie in modernen Staaten stets eine herrschende Gruppe das Machtmonopol beansprucht. Weniger einhellig sind die Meinungen über die Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft. Den besten Zugang zu diesem Problem bietet die Analyse der frühesten Staatsformen, die nicht direkt aus egalitären Stammesgesellschaften, sondern aus bereits hierarchisch gegliederten Häuptlingsgesellschaften hervorgegangen sind. Das Häuptlingsamt war schon erblich, wenn auch nicht mit absoluter Macht ausgestattet, die Gesellschaft bereits in Schichten und Klassen gegliedert und die Wirtschaft zentralistisch verwaltet. Theorien der Staatenbildung
Über die Entstehung des Staates gibt es viele Theorien, von denen jede einen anderen Faktor als ausschlaggebend bezeichnet. Nach der »Eroberungstheorie« entsteht ein Staat, wenn eine Gesellschaft eine andere unterwirft und sich selbst zur herrschenden Klasse macht. Die Geschichte lehrt aber, dass die Eroberer fast immer – die Unterworfenen manchmal – schon in komplexen Sozialgefügen organisiert waren. Der Staat ist also eher eine Voraussetzung als die Folge von Eroberungskriegen. Die »Kreuzungstheorie« sieht den ausschlaggebenden Faktor für die Staatenbildung im Handel. Dieser Theorie zufolge ließen sich Kaufleute aus vielen Gebieten der damaligen Welt an den Schnittpunkten der großen Handelsrouten nieder. Da den neuen Gemeinwesen mangels gemeinsamer kultureller Bande die Anarchie drohte, gaben sie sich selbst eine ordnende Instanz – den Staat. Kritiker dieser Theorie weisen darauf hin, dass am Fernhandel über die großen Routen fast immer nur Angehörige von Gesellschaften beteiligt waren, die schon vorher eine staatliche Organisation besaßen. Die »hydraulische Theorie« (Bewässerungstheorie) setzt Staatenbildung und geografische Verhältnisse in enge Beziehung. Die trockenen oder halbtrockenen Stromtäler des Nil, Indus, Euphrat, Tigris und des Gelben Flusses mit ihren periodischen Überschwemmungen oder die ariden Küstenregionen in Peru erforderten komplizierte Bewässerungssysteme, deren Anlage und Unterhalt nur eine große, leistungsfähige Organisation, eben der Staat, garantieren konnte. Zweifellos spielt die Bewässerungstechnik für die meisten der frühen Gesellschaften eine wichtige Rolle, doch ist auch sie wohl eher eine Folge als die Ursache von Staatsgründungen. Einfache Bewässerungssysteme besaßen sicher schon die vorstaatlichen Gesellschaften, doch erst durch die Initiative einer neuen, übergreifenden Instanz – des Staates – wurden sie zu komplizierten, großräumigen Anlagen ausgebaut. Die »Begrenzungstheorie«
Diese Theorie nennt mehrere Faktoren, die gemeinsam zur Staatenbildung geführt haben sollen, nämlich Ackerbau, Bevölkerungswachstum und Expansion auf Nachbarterritorien. Ein Zusammentreffen dieser Faktoren war vor allem in Regionen zu beobachten, die entweder von Wüsten, Meeren oder Gebirgen als natürliche Grenzen umgeben waren und sich durch besonders günstige Lebensbedingungen von den angrenzenden Territorien unterschieden. Sobald in solchen Gebieten der Ackerbau höhere Erträge brachte, wuchs auch die Einwohnerzahl, woraufhin die landwirtschaftliche Erzeugung gesteigert wurde, während gleichzeitig die Bevölkerung weiter zunahm. Wenn dieser Prozess in Überbevölkerung und Nahrungsmangel mündete, wurden Eroberungskriege geführt. Die Besiegten unterwarfen sich dem Sieger: Der Schritt zur neuen, hierarchisch gegliederten Häuptlingsgesellschaft war damit vollzogen. Aus der hierarchisch gegliederten Häuptlingsgesellschaft gingen später höher organisierte Staatsformen, in besonders günstigen Fällen Großreiche hervor. Grundlage der alten chinesischen Zivilisation wie auch einiger anderer früher Zivilisationen war ein gut entwickeltes Bewässerungssystem. Es ermöglichte 2-3 Ernten pro Jahr und damit ein so großes Nahrungsangebot, dass nicht mehr alle Menschen nur in der Landwirtschaft tätig sein mussten. Dennoch ist bis heute kein Beweis für die Theorie erbracht, dass sich die ersten zentralistischen Staatsbürokratien deshalb entwickelten, weil sie für die Organisation von Bewässerungssystemen besonders geeignet waren. Zumindest haben archäologische Untersuchungen in Mittelamerika und Mesopotamien nicht zwingend nachgewiesen, dass die Entstehung früher Zivilisationen kausal mit der Anlage von Bewässerungssystemen zusammenhing.

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Info 23.11.2017 19:19
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