Primitive Gesellschaften

Während der längsten Zeit ihrer Geschichte kannte die Menschheit nur einfache gesellschaftliche Organisationsformen. Als vor etwa 500 Jahren die europäische Expansion einsetzte, waren die meisten Menschen in Afrika, Australasien, im nördlichen Asien, Ozeanien und fast überall auf dem amerikanischen Kontinent noch in solch relativ einfachen Sozialverbänden organisiert. Ihre Lebensformen haben viele unserer Vorstellungen über die Kulturen in vor- und frühgeschichtlicher Zeit beeinflusst. Der Begriff »primitiv« ist hier als anthropologischer Terminus, also ohne jede wertende Bedeutung gebraucht. Er wird auf Gesellschaften mit egalitärer, verwandtschaftlicher Struktur angewendet, in denen der Häuptling noch wenig Macht besitzt, das technologische Wissen dieser Gesellschaften ist relativ gering. Familien verbänden in frühen Kulturen
Die ersten einfachen Technologien dienen zunächst vor allem der Nahrungsbeschaffung: Sammeln, Fischen, Jagen, Viehzucht, Ackerbau. Zwischen Männern und Frauen herrscht meist Arbeitsteilung, aber jede Familie ist in der Regel – bis auf geringe Ausnahmen -autark (wirtschaftlich unabhängig). Nur bei wenigen großen, die Kraft der einzelnen Verbände übersteigenden Aufgaben (z. B. Anlegen von Fluchtburgen) kommt es zur Kooperation mit anderen Familien. Alle primitiven Gesellschaften sind relativ klein. Die Untergrenze – zwei bis drei Dutzend Personen -ergibt sich aus der Notwendigkeit und den Vorteilen eines Mindestmaßes an Arbeitsteilung beim Nahrungserwerb, der Kinderaufzucht, der Kranken- und Altenversorgung. Die Obergrenze – einige hundert Personen – wird von den Möglichkeiten der Nahrungsversorgung bestimmt Außerdem versagt bei höherer Mitgliederzahl die Integrationskraft des Verbandes: Allzu viele individuelle Bedürfnisse zerstören den Verband. Bei Überpopulation kommt es deshalb fast immer zur Aufspaltung in mehrere Verbände. Primitive Gesellschaften sind überwiegend Familienverbände. Die Kernfamilie (Eltern und Kinder) ist meist Teil der nächstgrößeren Einheit, der erweiterten Familie (drei Generationen). Sogar darüber hinausgehende Bindungen beruhen noch auf Verwandtschaftsverhältnissen, der gesamte Sozialverband ist eine »Verwandtschaft«. Höhepunkte im Leben des Verbandes sind die kritischen Daten im Leben der einzelnen Mitglieder (Geburt, Pubertät, Heirat und Tod), ihnen gelten die Übergangsriten. Auch egalitäre primitive Gesellschaften kennen Unterschiede im sozialen Status der Mitglieder: Männer stehen über Frauen, Alte über Jungen, der geschickte Jäger hat mehr Prestige als der erfolglose. Prestigepositionen variieren hier nach Zahl und Art ständig entsprechend der Zahl der Personen, die sie gerade auszufüllen vermögen. Sie führen noch nicht zu verfestigten sozialen Strukturen, sondern bleiben ständigen Veränderungen unterworfen. Die Rollen der Familien
Primitive Gesellschaften sind wie ihre Grundelemente, die Familien, einfach strukturiert. Der Familie fallen im Verband mehrere Rollen zu: Sie ist einerseits die wirtschaftliche Grundeinheit, andererseits bildet sie bei besonderen Aufgaben sozialer, ritueller oder ökonomischer Art zusammen mit anderen Familien größere soziale Einheiten. Die einfache Struktur der primitiven Gesellschaft schließt aber nicht aus, dass der Verband als Ganzes spezialisiert ist, und zwar auf die Ausnutzung weniger, manchmal sogar nur einer einzigen Nahrungsquelle. So hing der kalifornische Indianer vollständig von der Buchecker ab, während für den sibirischen Jäger und Viehzüchter das Rentier die Lebensgrundlage bildete. Eine solche Spezialisierung erweist sich dann als gefährlich, wenn sie zur Erstarrung führt und verhindert, dass sich eine Gesellschaft an Veränderungen der Umweltverhältnisse anpasst, neue Techniken entwickelt bzw. neue Organisationsformen ausbildet. Die Notwendigkeit zu solchen Strukturveränderungen kann z. B. dann eintreten, wenn eine höher organisierte Gesellschaft in der unmittelbaren Nachbarschaft eines einfach strukturierten Verbandes auftaucht. Ist der relativ einfachere Verband zur Um- oder Neustrukturierung nicht fähig, wird er entweder integriert oder verdrängt. So mussten Wildbeutervölker, die ihre Lebensweise auch nach der Entwicklung des Ackerbaus bewahrten, in die Randzonen der Erde – Tundren, arktische Gebiete oder Wüsten – abwandern, während die neuen, Ackerbau treibenden Gesellschaften dank ihrer effektiveren Technologien bald weite Teile der Erde einnahmen. Auswirkungen der europäischen Expansion
Die rasche Ausdehnung der europäischen Kultur auf alle Kontinente begann im 16. Jahrhundert. Sie war eine Herausforderung, gegen die sich die primitiven Kulturen nicht behaupten konnten. Aus Territorien, die den Europäern als Siedlungsgebiete geeignet erschienen, wurden die Eingeborenen oft durch die überlegene Waffentechnik der Kolonisten oder durch eingeschleppte Infektionskrankheiten, gegen die sie noch keine Resistenz besaßen, »verdrängt«, die Überlebenden durften allenfalls Reservate (in Gegenden, auf die die Weißen keinen Wert legten) bewohnen. Die zweite Methode, eroberte Gebiete zu nutzen, bestand darin, die Eingeborenen zur Arbeit auf den Plantagen, Farmen oder in den Bergwerken der europäischen Besitzer zu zwingen. So wurden die von Europäern überlagerten primitiven m Gesellschaften doppelt geschädigt: Sie verloren ihre angestammten Territorien und ihre besten Arbeitskräfte an die neuen Herren.

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Info 21.02.2018 18:33
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