Individuum und Gesellschaft

Soziale Klassen und Gruppen sind keine konkreten Gebilde, sie existieren nicht an sich, sondern nur im Bewusstsein ihrer Mitglieder. Will man die Struktur der Gruppe begreifen, muss man also auch ihre Bedeutung für die Individuen untersuchen, die sich als dazugehörig betrachten. Soziale Situationen
Die Definition einer sozialen Situation hängt von dem Individuum ab, das sie wahrnimmt, und das Individuum reagiert wiederum auf diese Situation entsprechend seiner subjektiven Wahrnehmung. Mehrere Individuen können demnach ein und dieselbe Situation sehr unterschiedlich auffassen. So hängt z. B. der Feuerbefehl gegen eine aufgebrachte Menge davon ab, ob die Autoritäten den Vorgang als Revolte oder nur als relativ harmlosen Protest ansehen. Das Individuum unterliegt bei der Definition sozialer Situationen dem Einfluss seiner sogenannten Bezugsgruppe. Diese Bezugsgruppe, d. h. Menschen, die für den Betreffenden Bedeutung haben, können die Familie, die Nachbarn oder die Arbeitskollegen sein, sie kann sich aber auch durch die Kirche, eine Partei, eine Alters oder Geschlechtsgruppe oder eine soziale Klasse darstellen. Das Individuum orientiert seine eigenen Wertmaßstäbe und Verhaltensnormen an denen der Bezugsgruppe. Diese Gruppe liefert dem Individuum auch die Basis für sein eigenes Rollenverständnis, und obgleich sie keine echte soziale Gruppe ist, übermittelt sie dem einzelnen doch die gesellschaftlichen Normen. Ein Arzt, für den der Medizinerstand die Bezugsgruppe bildet, orientiert sich eher an dessen Vorstellung von dem Berufsstand als am Beispiel einzelner Kollegen. Die soziale Rolle
Der bedeutende amerikanische Soziologe und Sozialpsychologe George H. Mead (1863 bis 1931) hat die Wechselwirkung zwischen Individuum und sozialer Umwelt untersucht. Er stellt fest, dass sich das Individuum dauernd in einem Spannungszustand befindet, der daraus resultiert, dass dem spontanen Drang zur Selbstverwirklichung ständig der Zwang zur Anpassung an gesellschaftliche Normen entgegenwirkt. Für Mead besteht das »Ich« aus einer sozialen und einer individuellen Komponente. Das soziale »Ich« (von Carl Gustav Jung »Persona« genannt) ist gleichsam der Eindruck, den wir auf unsere Umwelt zu machen glauben. Die Wertmaßstäbe für diesen Eindruck gewinnen wir, indem wir uns in die anderen versetzen und uns gedanklich selbst betrachten. Den Gegensatz zu dieser kontrollierenden Instanz bildet das individuelle »Ich«, unser spontanes nicht vorhersehbares Reagieren auf die Umwelt. Dank dieser Komponente sind unsere Handlungen nicht vollständig sozial determiniert. Die soziale Rolle des Individuums ist zwar von den gesellschaftlichen Normen bestimmt, sie erlaubt dennoch ein gewisses eigenständiges Verhalten, in dem es seine Individualität ausdrückt. Der amerikanische Soziologe Erving Goffman (1922-1982) hat in zahlreichen Studien die Grundmechanismen sozialen Verhaltens dargestellt. Er konnte nachweisen, dass es durchaus normal ist, wenn sich ein Individuum öffentlich von der Rolle distanziert, die es tatsächlich erfüllt. Es will mit diesem Verhalten den Eindruck erwecken, dass es für sein »Selbst« einen Freiraum bewahrt. Als Folge dieser Erkenntnis hat Goffman begonnen, das spontane »Ich« in sozialen Situationen zu erforschen. Spezielle Studien befassen sich mit dem Verhalten des Individuums in alltäglichen Situationen, denn auch die Analyse scheinbar trivialer Vorgänge, z. B. ein Gespräch an der Theke, vermittelt dem Soziologen Erkenntnisse, die für das Verständnis komplizierterer Strukturen nützlich sind. So kann die Beobachtung von Polizisten im Umgang mit Menschen verschiedener Klassen und Rassen den Zugang zum Verständnis bestimmter krimineller Verhaltensweisen dieser Menschen bilden. Richtungen der modernen Soziologie
An vielen Universitäten gibt es die Soziologie als selbständige Disziplin erst seit den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts, obwohl wesentliche Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet schon lange vorher geleistet wurden. Zwischen 1940 und 1960 dominierten zwei vor allem in Amerika entwickelte Typen der Sozialwissenschaften. Der erste war stark theoretisch orientiert, Man versuchte, Methoden und Denkmodelle zu entwickeln, die für die Analyse aller Gesellschaftsformen verwendbar wären. Der zweite Typus, die empirische Sozialforschung, ging dagegen von Tatsachen aus, also von Daten und sonstigen Informationen, die für viele gesellschaftliche Bereiche in großer Zahl gesammelt wurden. Die Vertreter dieser Richtung sahen ihre Aufgabe darin, soziale Tatbestände systematisch zu ermitteln, nicht aber sie moralisch zu bewerten. Seit dem Ende der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts rückt man von der Soziologie als reiner Tatsachenwissenschaft wieder ab, der Mensch in seinen Beziehungen zur Gesellschaft tritt neuerlich in den Vordergrund des Interesses. Entsprechend dieser neuen Tendenz ist, zu beobachten, dass viele moderne Soziologen beratend oder durch kritische Veröffentlichungen in das gesellschaftliche Geschehen einzugreifen versuchen. Sie hoffen u. a., den Missbrauch der Macht zu verringern, indem sie zeigen, was Macht ist und in welcher Form sie sich äußert. In diesem Bemühen knüpfen sie an die »Urväter« der Soziologie an, die ihr höchstes Ziel in der Schaffung einer neuen, besseren Gesellschaft erblickten.

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Info 18.01.2018 05:02
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