Psychische Erkrankungen

Der Zweig der Medizin, der sich mit der Erkennung, Behandlung und Verhütung seelischer Erkrankungen befasst, heißt Psychiatrie. Die Bezeichnung ist aus zwei griechischen Wörtern zusammengesetzt, die »Seele« und »Heilkunst« bedeuten. Die Übergänge zur Medizin als der Wissenschaft, die sich mit organischen Störungen befasst, sind fließend. Heute kann die Psychiatrie besser als früher die Beziehungen zwischen körperlicher und seelischer Verfassung überblicken, und die Medizin berücksichtigt zunehmend auch die Tatsache, dass der psychische Zustand eines Menschen sich als körperliche Krankheit manifestieren bzw. sie verschlimmern kann. Ursachen
Psychische Störungen haben meist komplexe Ursachen. In der Praxis unterscheidet man zwischen endogenen Störungen, die auf Erbfaktoren oder Veränderungen des Keimguts zurückgehen, und exogenen Störungen, zu denen es etwa durch Verletzungen und Erkrankungen, durch seelische Belastungen (z. B. einen schweren Verlust, unerwartete finanzielle Rückschläge   oder  Arbeitslosigkeit)  kommt. Disposition (»Bereitschaft«) eines Menschen und Belastungen bestimmen jedoch meist gemeinsam Art und Ausmaß der psychischen Reaktion. Während der eine auch mit einem schweren Schicksal recht gut fertig wird, wird ein anderer schon durch einen relativ leichten Rückschlag umgeworfen. Symptome
Alle seelischen Funktionen können von quantitativen und qualitativen Störungen betroffen sein. Im Folgenden wird auf die wichtigsten Krankheitszeichen eingegangen. Störungen der Wahrnehmung: Halluzinationen nennt man Wahrnehmungstäuschungen, bei denen der Gegenstand nur in der Einbildung vorhanden ist, Illusionen solche, bei denen ein vorhandener Gegenstand oder Sachverhalt »umgedeutet« wird. Denkstörungen bestehen in Ideenflucht, bei der sich unzusammenhängende Gedanken rasch aneinanderreihen, in Perseverationen, bei denen der Patient immer wieder von denselben Gedanken heimgesucht wird, in Denkhemmungen, bei denen ein Gedankengang plötzlich blockiert wird, in Zwangsgedanken, die sich trotz aller Ablenkungsversuche immer wieder einstellen (der Zwang wird dabei als innerlich und nicht als Ergebnis äußerer Beeinflussung erlebt), und Gedankenentzug, einem Phänomen, bei dem der Patient das Gefühl hat, dass er aufgrund äußerer Mächte die Verfügung über sein Denken verliert. Dabei kann er sich einbilden, dass fremde Gedanken in ihn hinein verpflanzt oder eigene weggenommen werden oder dass andere seine Gedanken mitdenken und auf diese Weise seine geheimsten Überlegungen erfahren. Wahn
Unter Wahn versteht man eine falsche Annahme von hoher subjektiver Überzeugungskraft. Der Patient ist dabei unfähig, das Absurde oder Unmögliche seiner Vorstellung einzusehen oder sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Der Wahn wird häufig unterstützt durch Wahrnehmungstäuschungen und durch formale Denkstörungen, bei denen logische Zusammenhänge unterbrochen, falsche Schlüsse gezogen und Begriffsbedeutungen unzulässig ausgedehnt werden. Gedächtnisstörungen bestehen in Störungen der Informationsaufnahme (z. B. durch Konzentrationsmangel), der Behaltensleistung und der Wiedererinnerung. Bei pathologischem Erinnerungsverlust wird häufig die Lücke mit Erfundenem ausgefüllt (z. B. im Alkoholdelirium). Gefühlsstörungen umfassen abnorme Veränderungen der Intensität oder Dauer emotionaler Reaktionen. Mit Stimmungsstörungen meint man längerfristige Veränderungen der Grundstimmung, vor allem depressive (Traurigkeit, Ängstlichkeit) oder manische (unkontrollierte Heiterkeit) Verstimmung. Depersonalisation nennt man eine Störung des Ich-Erlebnisses, bei der der Patient sich im Vergleich zu früher verändert fühlt. Er sieht sich z. B. als Automat und glaubt sein Verhalten von außerhalb zu überwachen. Derealisation meint eine Störung, bei der jemandem die Welt als fremd bzw. stark verändert vorkommt. (Anflüge von Depersonalisations- und Derealisationserlebnissen treten gelegentlich auch bei psychisch völlig gesunden Menschen auf.) Bewusstseinsstörungen bestehen in Veränderungen der Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit, in verlangsamtem Denken sowie in mangelnder Zielstrebigkeit des Denkens und Handelns. Auch mangelnde Orientierung in Raum und Zeit, unzusammenhängendes und uneinfühlbares Verhalten sowie Benommenheit in allen Schweregraden bis zur Bewusstlosigkeit kommen vor. Motorische Störungen können bestehen in Antriebsmangel und verlangsamtem Sprechen und Handeln bis zur Erstarrung (Stupor). Ebenso tritt aber auch Hypermotorik bis zur Tobsucht (vor allem in manischen Zuständen) auf. Katatone Stereotypen (ständige Wiederholung von Bewegungen oder Sprachfloskeln) und Ticks (Grimassieren, Zucken usw.) sind ebenfalls motorische Symptome psychischer Störungen. Hauptgruppen
Man unterscheidet drei Hauptgruppen psychischer Erkrankungen: die Psychosen, die wiederum in endogene (Schizophrenie, manisch-depressives Irresein) und exogene (körperlich begründbare Psychosen) unterteilt werden, die Neurosen, bei denen Angstzustände, Zwangsverhalten, hysterische und depressive Erscheinungsbilder vorkommen, schließlich verschiedene andere Persönlichkeits- und Verhaltensanomalien, die unter dem Begriff »Psychopathie” zusammengefasst werden.