Geschichte der Therapie psychischer Erkrankungen

Früher glaubte man, dass psychisch Kranke von Geistern, Dämonen, Göttern oder anderen übermenschlichen Mächten besessen seien. Entsprechend merkwürdig waren die Heilversuche, sie gründeten sich vorwiegend auf Suggestion. Verrücktheit früher
Die griechischen Ärzte Hippokrates (etwa 460-377 v. Chr.) und Galen (129-199 n. Chr.) bestimmten das medizinische Denken des Abendlandes von der Antike bis in die Neuzeit. Ihre Theorie ging aus von vier Flüssigkeiten im menschlichen Körper (Blut, Schleim, weiße und schwarze Galle). Die verschiedenen Temperamente wie auch psychische Erkrankungen entstünden, so glaubte man, durch ein Ungleichgewicht zwischen diesen Körpersäften. Ein Übermaß an schwarzer Galle (Melancholie) etwa wurde als Ursache von Trübsinn angesehen. Die Heilmethoden zielten auf eine Wiederherstellung des Gleichgewichts: Dampfkuren, Bäder, Diät und Brechmittel standen im Vordergrund. Die arabische Medizin setzte im Mittelalter die griechische Tradition fort. Zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert wurden in Damaskus, Kairo und Bagdad zahlreiche Häuser für psychisch Kranke eingerichtet. In Europa übernahmen seit der Ausbreitung des Christentums die Klöster und andere Einrichtungen christlicher Nächstenliebe die Sorge für psychisch Kranke. Das erste Hospital speziell für »Irre« wurde vermutlich 1409 in Valencia (Spanien) eröffnet. Mitleid mit den Verrückten und bessere Betreuung durch religiöse Institutionen gingen Hand in Hand mit der umgekehrten Tendenz des Volkes, psychisch Kranke ebenso wie Arme, Krüppel und sozial Gestrauchelte aus der Gesellschaft auszuschließen. Hinzu kamen im europäischen Mittelalter Zauber- und Hexenwahn sowie die Furcht vor Irrglauben und Besessenheit. Schwere Symptome psychischer Erkrankungen wie Tobsuchtsanfälle wurden bösen Geistern zugeschrieben, um sie auszutreiben, wurden die Kranken vielfach gefoltert, eingesperrt und sogar getötet. Hiergegen schrieb ein englischer Franziskaner ein Buch, »De proprietatibus rerum«, das sehr bekannt wurde. Er unterschied darin zwischen körperlichen und seelischen Ursachen psychischer Erkrankungen und empfahl für alle schweren psychischen Störungen Ruhe, einschläfernde Mittel und Musik als Therapie. Im 17. und 18. Jahrhundert machte die Medizin große Fortschritte. Im Verstehen der psychischen Störungen kam sie jedoch kaum weiter, allzu groß war die Neigung, Verrücktheit als moralische Minderwertigkeit und Degeneration der Persönlichkeit zu erklären. Der Beginn eines neuen Verständnisses
Franz Mesmer (1734-1815) machte magnetische Ströme im Körper für die Entstehung psychischer Störungen verantwortlich, durch besondere magnetische Kräfte des Therapeuten ließen sie sich, so glaubte Mesmer, wieder entfernen. Mesmer arbeitete mit Hypnose. Um die gleiche Zeit behauptete Franz Joseph Gall (1758-1828), im Gehirn 27 Organe entdeckt zu haben, die für die einzelnen psychischen Funktionen verantwortlich seien. Entwicklung und Funktion dieser Gehirnorgane ließen sich nach Gall sogar an der äußeren Schädelform ablesen. So wurde bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Phrenologie populär, die Kunst der Beurteilung von Charakter und psychischer Stabilität aus der Schädelform. Inzwischen wurden Irre nicht mehr nur eingesperrt, sondern auch behandelt, große psychiatrische Kliniken und private Irrenanstalten entstanden überall. Die Zustände dort waren allerdings oft schrecklich, die Behandlung bestand vorwiegend in zweifelhaften physikalischen Maßnahmen. Die Entwicklung der modernen Psychiatrie
Dank des Wirkens fortschrittlicher Mediziner besserte sich das Schicksal der psychisch Kranken allmählich, die beliebten mechanischen Zwangsmaßnahmen wichen anderen Behandlungsmethoden, die auf Verständnis sowie auf weitgehender Freiheit und manueller Beschäftigung der Patienten beruhten. Gleichzeitig entwickelte sich die Psychopathologie in zwei verschiedene Richtungen: Der eine Ansatz führte zu dem auch heute noch gültigen Klassifikationssystem psychischer Störungen. Der zweite war durch die Entdeckung des Unbewussten bestimmt. Der französische Psychiater Pierre Janet (1859-1947) nahm eine hierarchische Ordnung der psychischen Funktionen an. Zuunterst sah er die automatisch ablaufenden Prozesse (wie sie bei psychischen Erkrankungen ohne Kontrolle durch Bewusstsein und Willen auftreten) und zuoberst die geistigen, bewusst erlebten, willentlichen Vollzüge. Janets Theorie und die Hypnosedemonstrationen, die Jean Martin Charcot (1825-1893) am Krankenhaus »La Salpetriere« in Paris durchführte, bildeten den Ansatzpunkt für die Theorie von Sigmund Freud (1856-1939) über das Unbewusste, der eine neue Auffassung über die Entstehung psychischer Erkrankungen vertrat. Die Entdeckung der therapeutischen Wirksamkeit von Elektroschocks bei Schizophrenie bzw. bei schweren depressiven Zuständen, die Entwicklung wirksamer antipsychotischer Arzneimittel (z. B: Chlorpromazin) und das langsame Schwinden der Auffassung, dass psychische Störungen vorwiegend oder ausschließlich erblich bedingt seien, kennzeichnen die Fortschritte in der Erforschung psychischer Erkrankungen. Da in Europa jeder neunte Mann und jede sechste Frau irgendwann im Leben wegen psychischer Störungen einen Arzt oder Psychologen aufsuchen, liegt die Notwendigkeit für ein angemesseneres Verständnis und bessere Behandlungsmethoden seelischer Erkrankungen auf der Hand.

Forum (Kommentare)

Gerhard 01.05.2017 um 09:21:11 Uhr.
Super Artikel hat mir viel geholfen
Caroline 03.05.2017 um 06:30:54 Uhr.
danke! Super Artikel