Herrschaft des Rechts

Man sagt, dass sich Gesetz und Gerichte zwar häufig irren können, ihre Herrschaft aber niemals in Zweifel gezogen werden darf. Das Recht verlangt Gehorsam, die in seinem Namen verhängten Sanktionen – Vermögens- oder Freiheitsstrafen – können recht unangenehm sein. Wir akzeptieren das Recht jedoch, weil es notwendig ist, um unsere Lebensordnung zu gewährleisten. Recht und Gerechtigkeit
Es gibt zahlreiche Theorien über die Quellen gesetzlicher Autorität. Jean-Jacques Rousseau (1712-78) meinte, um Gehorsam gegenüber dem Recht zu erreichen, sei ein »Sozialkontrakt« (Gesellschaftsvertrag) erforderlich, den freie Bürger freiwillig akzeptiert haben. In direktem Gegensatz dazu vertrat der englische Jurist John Austin (1790-1859) die Auffassung, Recht sei nichts anderes als eine Reihe von Befehlen des Herrschers an seine Untergebenen. Zur gleichen Zeit beschrieb Friedrich von Savigny (1779-1861) das Recht als eine Sache, die aus dem Geist der Nation, ihrer Entwicklung und Geschichte natürlich erwachse. Tatsächlich zeigt das Rechtssystem jeder Nation unverwechselbare Charakterzüge. Dennoch haben alle Rechtssysteme grundlegende Gemeinsamkeiten. Die wichtigsten sind die Idee der Gerechtigkeit, der Wunsch nach Ausgewogenheit zwischen den Bedürfnissen des einzelnen und denen der Gesellschaft sowie eine angemessene Abgrenzung der Einzelinteressen gegeneinander. Ein schwieriges Problem bei der Suche nach Gerechtigkeit umschrieb William Blake (1757-1827) so: »Ein einheitliches Gesetz für den Löwen und den Ochsen bedeutet Unterdrückung«. Das Recht, das dem Löwen angemessen ist, könnte dem Ochsen gegenüber ungerecht sein und umgekehrt. Der Gesetzgeber kann jedoch nicht individuelle Gesetze für jedes Mitglied der Gesellschaft erlassen. Seine Aufgabe ist vielmehr, allgemeine Regeln zu schaffen. In die meisten Rechtssysteme sind daher Mechanismen eingebaut, mit denen gesetzbedingte Ungerechtigkeiten abgewehrt werden können. So wandten die Kirchengerichte des Mittelalters bereits Billigkeitsregeln zum Schutz des einzelnen vor gesetzlichen Nachteilen an. Auch im kaiserlichen China hatten die Richter schon die Aufgabe, eine allzu starre Gesetzesanwendung zu vermeiden, um die Umstände des Einzelfalles gebührend berücksichtigen zu können. Das Recht im Altertum
Das Gesetz beruht auf dem Bedürfnis nach Sicherheit. Seit die Menschheit über die Schrift verfügt, wurden Gesetze aufgezeichnet, womit ihr Inhalt dauerhaft fixiert war. Nun konnte sich jedermann auf das Gesetz berufen. Bald wurden Gesetzbücher zusammengestellt. Eine der ältesten uns bekannten Gesetzessammlungen ist der Kodex des babylonischen Königs Hammurapi (1792-50 v. Chr.). Seine 300 Gesetze befassen sich, wie auch unser heutiges modernes Recht, u. a. mit dem Handelsrecht, Erbrecht, Arbeits- und Eherecht sowie mit Eigentums- und Tötungsdelikten. Ein anderer Gesetzestyp sind die Zehn Gebote, der Moses nach der Überlieferung der Bibel um 1200 v. Chr. am Berg Sinai den Juden verkündete. Sie enthalten Prinzipien, die nach und nach zur Grundlage des Rechts in fast allen Teilen der Welt wurden. Die alten Griechen versuchten das Recht zu humanisieren. Sie entwickelten die Idee, dass die Regeln geändert werden müssten, wenn sie nicht mehr den Bedürfnissen der Gesellschaft entsprächen. Das erscheint uns heute als selbstverständlich, aber in früheren Gesellschaften wurde das Gesetz als etwas Gottgegebenes angesehen, das fest und unwandelbar war. Die großen griechischen Denker wie Sokrates, Platon und Aristoteles beschäftigten sich ebenfalls mit der Bedeutung der Gesetze und ihren Grundlagen. Einige ihrer Ideen übernahmen die Römer, im Allgemeinen lag aber deren Genius mehr auf der praktischen Seite des Rechts. Sie suchten in erster Linie Ordnung und Wirksamkeit der Verwaltung in ihren Gebieten durchzusetzen. Zwar ist gesagt worden, das beste Rechtssystem der Welt, nämlich das römische, habe mit einer Gesetzessammlung begonnen (Zwölftafelgesetz) und geendet. Das römische Recht fand jedoch nicht mit dem »Corpus iuris civilis«, der Gesetzessammlung des Kaisers Justinian I. aus dem 6. Jahrhundert, seinen Abschluss, denn viele seiner Prinzipien finden sich sogar noch heute in zahlreichen Rechtssystemen. Moderne Rechtssysteme
In unserer Zeit existieren Hunderte von Rechtssystemen, aber viele von ihnen gehen auf dieselben Quellen zurück. Die Systeme lassen sich deshalb in Gruppen zusammenfassen. Zwei Gruppen haben besondere Bedeutung: einmal die im Wesentlichen auf dem römischen Recht beruhenden bzw. aus diesen entwickelten Rechtsordnungen, zu dieser Gruppe zählen die meisten Länder unseren Planeten. Zum anderen die hauptsächlich aus dem mittelalterlichen Gemeinen Recht (common law) Englands entwickelten Systeme. Sie sind in den meisten englischsprechenden Ländern verbindlich. Für das Recht zahlreicher Länder des Vorderen Orients und Nordafrikas ist die islamische Rechtslehre grundlegend. Allerdings darf nicht verkannt werden, dass kein Rechtssystem aus einer einzigen Quelle gespeist wurde, alle Systeme haben sich im Laufe der Zeit durch zahlreiche Einflüsse politischer und wirtschaftlicher Art fortentwickelt. In Deutschland sind das mittelalterliche germanische und das römische Recht miteinander verschmolzen worden.

Forum (Kommentare)

Info 23.11.2017 19:20
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.