Der Wandel im Strafvollzug

In primitiven Gesellschaften wird Unrecht im Allgemeinen durch Vergeltung oder Schadenersatz wiedergutgemacht. In entwickelten Gesellschaften ist diese Form privaten Ausgleichs nicht mehr möglich, Unrecht gilt mehr als ein Akt, der den Interessen der Gemeinschaft zuwiderläuft, und nicht so sehr als eine Schädigung der Interessen eines einzelnen. Das Recht zu strafen ist heute der staatlichen Gewalt vorbehalten. Strafe soll nicht nur Sühne für ein Unrecht sein, sondern auch andere mögliche Täter abschrecken und solche bessern, die gesetzliche oder moralische Regeln bereits gebrochen haben. In den verschiedenen Gesellschaftssystemen und zu verschiedenen Zeiten hatten diese Strafziele jeweils ein anderes Gewicht, auch die Methoden, um sie zu erreichen, waren jeweils unterschiedlich. Die Strafen
Man kann vier Kategorien von Strafen unterscheiden: Wiedergutmachung, soziale Strafen (öffentliche Demütigung), Körperstrafen und physische Beseitigung der Täter. Die üblichen Strafen für kleine Vergehen waren entweder Wiedergutmachung (einschließlich verschiedener Formen von Geldbußen) oder öffentliche Demütigung letztere gibt es in den meisten Ländern seit dem 18. bzw. frühen 19. Jahrhundert nicht mehr. Für schwere Taten oder Wiederholungsfälle wurden häufig Körperstrafen verhängt, wie Abhacken von Gliedmaßen, Abschneiden der Nase oder der Ohren, Blendung (Ausstechen der Augen) oder Brandmarken. Häufig kam noch Prügelstrafe hinzu. Tortur (Folterung) als Kriminalstrafe hat man in Europa Mitte des 18. Jahrhunderts abgeschafft. Die letzte Möglichkeit gesetzlichen Strafens ist, den Täter aus der Gesellschaft zu entfernen, dieses Ziel konnte man z. B. durch Verbannung erreichen. Engländer und Franzosen haben während des 19. Jahrhunderts Strafgefangene in weit entfernte Strafkolonien wie Australien oder die Teufelsinseln (Ile de Diable bei Guayana) verfrachtet. Aber die entscheidendste, weil endgültige Strafe ist die Todesstrafe, also die Hinrichtung. Todesstrafe als Mittel zur Durchsetzung staatlicher Gesetze ist sehr umstritten, insbesondere wenn man sie, wie in früheren Zeiten, für zahlreiche Vergehen anwendet: So ahndete man im 18. Jahrhundert in England mehrere hundert Arten von Vergehen mit dem Tode. Meist handelte es sich um Verstöße gegen die Eigentumsordnung. Straftäter sind nicht so leicht abzuschrecken, wenn die gleiche Strafe sowohl für schwere wie für leichte Vergehen gilt. Die Gesetzgeber differenzierten deshalb die Art der Hinrichtung: Bei schweren Verbrechen vollzog man sie beispielsweise öffentlich und unter besonders grausamen Bedingungen, etwa mit der Garotte, dem Würgeisen, vor allem in Spanien. In vielen europäischen Ländern war auch das Rädern bis ins 17. Jahrhundert eine gebräuchliche Form der erschwerten Todesstrafe. Die Entwicklung des Gefängnissystems
Eine mildere Form, den Straftäter aus der Gesellschaft zu entfernen, besteht darin, ihn in abgeschlossenen Gebäuden zu internieren. Frühere Gefängnisse wie z. B. die »Besserungshäuser« (Houses of Correction) in England (gegründet 1533) oder das »Rasphuis« in Amsterdam (1595) waren ziemlich triste Einrichtungen, sie dienten allein der Vergeltung und Abschreckung. Der Gedanke, die Gefängnisse könnten auch zur Besserung der Straftäter dienen, kam erst im 18. Jahrhundert auf. Man glaubte an die erzieherische Wirkung harter Arbeit und strikter Einhaltung von Regeln. Manche Gefängnisse erhoffen sich erzieherische Effekte, wenn sie die Häftlinge voneinander trennen, andere von striktem Redeverbot. Wie wirksam sind Freiheitsstrafen?
In den letzten hundert Jahren wurden die Ideen, wie man Häftlinge bessern könnte, zunehmend liberaler. Die Gefangenen mussten nicht mehr bis zur völligen Erschöpfung arbeiten, immer mehr Wert legte man auf Berufsausbildung und Erziehung. Man gewährte ihnen bessere Lebensbedingungen, durch gute Führung konnten sie erreichen, dass die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt oder sogar erlassen wurde. Begrenzte Geldmittel sowie Mangel an geschultem Aufsichtspersonal behindern solche Reformen jedoch in zahlreichen Gefängnissen. Generell abträglich ist auch, dass der »weiche Strafvollzug« in vielen Ländern auf öffentliche Ablehnung stößt. Gefängnisse weichen zwar hinsichtlich Sicherheitsvorkehrungen, Besuchserlaubnis und Freizeitregelungen voneinander ab. Generell ist das Häftlingsdasein jedoch geregelt, es lässt dem Gefangenen nur wenige Möglichkeiten für eigene Aktivitäten. Daraus folgt, dass er auf materielle Güter und heterosexuelle Beziehungen verzichten muss. Er büßt überhaupt seine Individualität ein. Darüber hinaus ist er ständig mit Leuten zusammen, die die gesellschaftlichen Regeln nicht anerkennen und die ihrerseits von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Die Ergebnisse zeitlich begrenzter Freiheitsstrafen sind so negativ, dass man heute immer weniger davon überzeugt ist, der so praktizierte Strafvollzug wirke sich bessernd aus. In einigen Ländern geht der Trend deshalb dahin, Straftäter nicht einzusperren, sondern sie in ihrer häuslichen Umgebung zu überwachen. In den USA verbüßen etwa zwei Drittel aller Verurteilten ihre Freiheitsstrafe in dieser Form. Diese Methode könnte zwar billiger sein als der herkömmliche Strafvollzug, aber auch hier fehlt es oft an geschultem Personal und geeigneten Arbeitsplätzen.