Friedrich III. – König und Kaiser im Dienste Habsburgs

Das Heilige Römische Reich hatte seit dem 2. Februar 1440 einen neuen König, den Habsburger Friedrich III. Nach dem frühen Tod König Albrechts II. war er, noch jung an Jahren (* 1415), zum Senior des Gesamthauses Habsburg geworden, allerdings nicht Herr über alle habsburgischen Länder. Er selbst verfügte nur über das Erbe seines Vaters, Herzog Ernsts von Innerösterreich (Steiermark, Kärnten, Krain). Als Familienoberhaupt war er aber Vormund zweier jüngerer Verwandter, deren Erbe seiner eigenen Stellung Gewicht verlieh. Da war zunächst der Herzog Sigmund von Tirol, der Sohn Herzog Friedrichs IV. »mit der leeren Tasche«. Herzog Sigmund sollte allerdings bald volljährig werden. Interessanter war die Vormundschaft über Ladislaus Postumus, den nachgeborenen Sohn König Albrechts II. Bei der Thronbesteigung Friedrichs III. lag Ladislaus (* 22. Februar 1440) noch in den Windeln. Sein künftiges Reich, das ihm König Friedrich III. erhalten sollte, umfasste Böhmen, Ungarn und Ober- und Niederösterreich. Die Wahl König Friedrichs III., die nach kurzem Zögern einiger Kurfürsten einstimmig ausfiel, leitete eine mehr als fünfzigjährige Regierungszeit ein, die längste in der deutschen Geschichte überhaupt, allerdings auch eine der schwunglosesten. Schon die Zeitgenossen tadelten in teilweise sehr scharfer Form die Untätigkeit und Pflichtvergessenheit Friedrichs und die Gleichgültigkeit angesichts der Türkennot und anderer Heimsuchungen der Bevölkerung seiner Lande. Dagegen werden aber auch seine Friedensliebe und seine von Frömmigkeit gespeiste Mildtätigkeit anerkannt. Glatt und ohne nennenswerte Schwierigkeiten ging der Romzug über die Bühne. Da Friedrich III. ohne militärischen Aufwand durch Oberitalien zog, regte sich auch kein Widerstand. Am 19. März 1452 empfing er aus der Hand von Papst Nikolaus V. die Kaiserkrone und ist damit der letzte deutsche König, der in Rom durch einen Papst gekrönt wurde. In Rom wurde er auch mit der portugiesischen Prinzessin Eleonore getraut. Rom: Friedrich III. Papst Nikolaus V.Kaiserkrönung Friedrichs III. durch Papst Nikolaus V. Ölgemälde des 15. Jahrhunderts. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. Ob Friedrich III. je ein echtes Verständnis für die Aufgaben hatte, die ihm aus seinem hohen Amt erwuchsen, kann bezweifelt werden. Für Außenpolitik und Reichspolitik hatte er nur insoweit Interesse, als sie der Mehrung der Macht Habsburgs dienten. Dieses Ziel aber verfolgte er mit zäher Beharrlichkeit, mit Unnachgiebigkeit und im unerschütterlichen Glauben an die künftige Größe seines Hauses. So wurde auch vielfach seine Devise A E I O U im Sinne großer Zukunftserwartungen Österreichs gedeutet: Austriae est imperare orbi universo – Alles Erdreich ist Österreich Untertan. Merkwürdigerweise behielt er mit diesen Erwartungen, sollten sie wirklich von ihm stammen, recht – trotz aller Untätigkeit und scheinbarer Wirkungslosigkeit seiner Regierungsjahre. Kriege, Fehden, territoriale Konflikte
Der Größe des »Hauses Habsburg«, wie man in dieser Zeit den Gesamtbesitz des Hauses Habsburg zu bezeichnen begann, opferte Friedrich III., den wir von jetzt an Kaiser Friedrich nennen wollen, auch die Interessen des Reichs. Wie erinnerlich, begnügte sich dieser Habsburger schon beim Ausgleich mit Papst Eugen IV. mit den Zugeständnissen für Österreich, während er die Belange des Reiches überging. Etwa um die gleiche Zeit unternahm er den Versuch, einen Konflikt zwischen Zürich und Schwyz auszunutzen und als Partner Zürichs die alten habsburgischen Besitzungen in der Schweiz wiederzugewinnen. Als dieses Unternehmen scheiterte, scheute er sich nicht, verwahrloste französische Söldnerhaufen, die sogenannten Armagnaken (Armagnacs) in seinen Dienst zu stellen und gegen die Schweiz einzusetzen. Ihr Anführer, der französische Kronprinz, verfolgte dabei seine eigenen Pläne, die auf die Westgrenze des Reiches zielten. Der Schweizer »Bund der acht alten Orte« erlag zwar den Armagnaken in der Schlacht bei St. Jakob an der Birs (1444); aber angesichts des verzweifelten Mutes, mit dem die Eidgenossen fochten, zogen die Franzosen sengend und mordend durchs Elsass ab. Die Westgrenze des Reiches wurde nachhaltig geschwächt; die Eidgenossenschaft aber ging trotz der verlorenen Schlacht gestärkt und selbstbewusster aus dem Konflikt hervor. Im gleichen Jahr (1444) scheiterte auf einem Reichstag in Nürnberg der halbherzige Versuch, eine Reichsreform in Angriff zu nehmen. Damit verlor Kaiser Friedrich III. auf lange Sicht jedes Interesse an den Angelegenheiten des Reichs. Er kehrte nach Österreich zurück und erschien im Westen erst 27 Jahre später wieder, weil er wegen der sich abzeichnenden Türkengefahr Geld brauchte. Gewiss verzichtete Kaiser Friedrich III. damit praktisch auf jede Eingriffsmöglichkeit in die sich anbahnenden Konflikte im Reich. Es wäre aber ungerecht, allein den trägen Herrscher anzuklagen. Seine eigentliche Machtbasis (Innerösterreich) war schmal und überdies dadurch gefährdet, dass sein Bruder Albrecht IV. von Österreich unangenehme Ansprüche stellte. An die Anwerbung eines modernen Söldnerheeres aber, das Kaiser Friedrich allein Respekt verschaffen konnte, war nicht zu denken, solange der bedrückende Mangel an Geld anhielt. Zur Behebung dieser misslichen Situation gingen die Habsburger, auch Kaiser Friedrich III., dazu über, das Salzmonopol an sich zu reißen und die Salzbergwerke Österreichs zu verstaatlichen, ein Prozess, der allerdings erst im 17. Jahrhundert abgeschlossen werden konnte. Als Folge der schwachen Kaisermacht wurde das Reich zum Tummelplatz ehrgeiziger Herren, die das längst unzeitgemäße Fehderecht nutzten, um ihre Macht auf Kosten unterlegener Nachbarn auszubauen. Einen besonderen Platz unter den streitbaren Fürsten der Zeit nahm Markgraf Albrecht Achilles von Brandenburg-Ansbach aus der Familie der Zollern ein. Er versuchte, seine verhältnismäßig bescheidenen und zerrissenen Lande im Fränkischen zu erweitern und das alte Herzogtum Franken in neuer Form wieder erstehen zu lassen. Doch diese Pläne scheiterten schließlich am Widerstand der Nachbarn, der fränkischen Bistümer, der Reichsstadt Nürnberg und der Wittelsbacher. Kaiser Friedrich III. beobachtete zwar das Geschehen aus der Ferne, ließ den Dingen aber ihren Lauf. Eingreifen wollte oder konnte er nicht, obwohl Markgraf Albrecht Achilles stets die Sache des Kaisers vertrat. Später allerdings fiel dem energischen Markgrafen eine bedeutende Machterweiterung zu, als er die anderen Besitzungen seines Hauses, die Markgrafschaft Kulmbach (Bayreuth) und die Mark Brandenburg, unter seiner Herrschaft sammelte (1464 bzw. 1470). Damit waren die Grundlagen für den späteren Aufstieg des Hauses Hohenzollern bereitet. So verzehrten und verzettelten bedeutende Fürsten – und Albrecht Achilles war nicht der einzige – in kleinen Unternehmungen ihre Energien und die Kräfte ihrer Staaten, während der Kaiser, scheinbar unberührt, seine eigenen, vor allem dem »Hause Österreich« dienenden Pläne erwog. Wahl eines »Römischen Königs«
Der Groll über die Untätigkeit Kaiser Friedrichs III. führte endlich dahin, dass man im Lager der Kurfürsten mit dem Plan umging, dem Kaiser einen »Römischen König« an die Seite zu geben oder gar an seine Stelle zu setzen – so bezeichnete man seit Lothar von Supplinburg den deutschen, noch nicht zum Kaiser gekrönten König gemeinhin. Bezeichnenderweise wurden als Kandidaten der böhmische König Georg Podiebrad und der burgundische Herzog Karl der Kühne genannt (um 1460), der eine aus einer tschechischen Dynastie, der andere aus einer französischen. Die beiden Kandidaturen zerschlugen sich zwar, und die Frage eines Römischen Königs verschwand zunächst aus der Diskussion. Statt dessen erschöpften sich Kaiser und Fürsten in endlosen Verhandlungen über die längst fällige und immer wieder verschobene Reichsreform, über Türkenhilfe und etwaige kaiserliche Zugeständnisse an die Landesherren, die Friedrich III. beharrlich ablehnte. Vielleicht erhofften sich die Kurfürsten neue Impulse und größeren Reformeifer bei Kaiser Friedrichs jungem Sohn Maximilian (* 22. März 1459). Ihn wählten sie am 16. Februar 1486 in Frankfurt einstimmig zum »Römischen König« und damit praktisch zum Nachfolger seines Vaters. Der alte Kaiser Friedrich nahm die Wahl hin; ob sie ihm zu diesem Zeitpunkt willkommen war, ist umstritten; jedenfalls räumte er dem Sohn kein Mitspracherecht in Reichsfragen ein. Doch hatte Maximilian, nunmehr Römischer König, seine eigenen Sorgen und Nöte in den Niederlanden, wo ihm neun Jahre zuvor durch seinen Ehevertrag mit Maria von Burgund eine bedeutende Macht, aber auch große Aufgaben zugefallen waren. Zunächst einmal genoss er glückliche Tage in Frankfurt und auf der Fahrt nach Aachen, wo der Erzbischof von Köln im Dom die feierliche Königskrönung mit den altehrwürdigen Reichsinsignien vornahm (9. April 1486). Dann zog Maximilian weiter in die Niederlande. Kaiser Friedrich III. erreichte dank seiner Scheu vor Entscheidungen etwas, das seit Jahrhunderten keinem deutschen König mehr gelungen war: Er erlebte die Wahl seines Sohnes zum Nachfolger. Erbe in Böhmen und Ungarn
Die Fähigkeit Kaiser Friedrichs III., untätig bleiben und allen Widrigkeiten zum Trotz auch leiden zu können, bewährte sich vor allem auf dem Feld, auf dem die Entscheidungen über die künftige Größe seines Hauses fielen. Wir erinnern uns an die Devise A E I O U. Wie schon früher gezeigt, hatte Friedrich III. nach dem Tod König Albrechts II. als Familienoberhaupt die Vormundschaft über dessen Sohn Ladislaus Postumus übernommen. Das Erbe umfasste die Königreiche Böhmen und Ungarn und dazu das heutige Ober- und Niederösterreich. Dieses reiche Erbe aber festzuhalten, zu nutzen und zu bewahren, dazu fehlte es dem Vormund wiederum an Tatkraft und Entschlossenheit. So musste er es hinnehmen, dass ein Großteil des ungarischen Adels den Säugling Ladislaus als König ablehnte und an seiner Statt 1440 den polnischen König Wladislaw III. (für Ungarn Wladislaw I.) krönen ließ. König Wladislaw I. (für Ungarn) übernahm alsbald entschlossen die brennendste Aufgabe nicht nur des ungarischen Volkes, sondern aller christlichen Völker in Mittel- und Osteuropa. Er rüstete zu einem Krieg gegen die Türken, die sich, obwohl die Mauern von Konstantinopel noch standhielten, bereits weithin zu Herren des Balkans gemacht hatten. Im Bund mit dem Siebenbürger Woiwoden Johann Hunyadi errang er zunächst auch bemerkenswerte Erfolge. Als er aber, übrigens unter Bruch eines feierlich beschworenen Waffenstillstands, über die Donau vorrückte, trat ihm 1444 bei Warna Sultan Murad entgegen und zerschmetterte sein Heer. König Wladislaw fiel und machte damit sozusagen Platz für den kleinen Ladislaus, den die Ungarn nunmehr als König anerkannten. Johann Hunyadi wurde für den vierjährigen König zum Verweser des Reiches eingesetzt. So tatenlos wie Kaiser Friedrich III. die Ereignisse im Südosten Europas bis hin zum Fall Konstantinopels (1453) verfolgte, so tatenlos sah er auch der Entwicklung in Böhmen zu. Dort setzte sich der Führer der nationaltschechischen Adelspartei, Georg von Podiebrad (Podebrad) und Kunstät, durch. Zwar griff er zunächst noch nicht nach der böhmischen Krone, deren rechtmäßiger Inhaber, der Knabe Ladislaus, bei seinem Onkel und Vormund Kaiser Friedrich III. lebte; aber er erreichte, dass er 1452 auf zwei Jahre zum Verweser des Königreichs Böhmen gewählt wurde. Im selben Jahr 1452 erzwang schließlich eine österreichische Adelsopposition im Bund mit Johann Hunyadi von dem eben aus Rom zurückgekehrten, frischgekrönten Kaiser Friedrich III. die Herausgabe seines Mündels Ladislaus, sodass dieser, nun gerade zwölf Jahre alt, nominell die Regierung in Ungarn und in seinen österreichischen Landen antreten konnte. Ein Jahr darauf wurde er auch zum König von Böhmen gekrönt, nachdem er Georg Podiebrad auf weitere sechs Jahre zum Statthalter ernannt hatte. Somit war Ladislaus Postumus im Alter von 13 Jahren König von Böhmen, König von Ungarn und Herzog von Ober- und Niederösterreich; die eigentliche Herrschaft aber übten die Statthalter aus. Noch ehe der junge König wirklich die Regierung ausüben konnte, starb er am 23. November 1457 in Prag an der Pest. Bereits im nächsten Jahr setzten sich in Böhmen und Ungarn die wahren Machthaber durch. Georg Podiebrad wurde zum König von Böhmen, Matthias Corvinus, der Sohn des inzwischen verstorbenen Johann Hunyadi, zum König von Ungarn gekrönt. Nur einige wenige ungarische Magnaten entschieden sich 1459 für Kaiser Friedrich III., der fortan zwar auch den Titel eines Königs von Ungarn trug, ohne dass er den Versuch machte, sich durchzusetzen. Der Titel blieb eine vage Verheißung für die Zukunft – mehr bedeutete er im Augenblick nicht. Die österreichischen Länder aus der Hinterlassenschaft des Ladislaus Postumus fielen an das Haus Habsburg zurück, aber außer Kaiser Friedrich bewarben sich noch zwei andere Anwärter um das Erbe, nämlich der Bruder des Kaisers, Albrecht VI., und der Herzog Sigmund »der Münzreiche« von Tirol. Herzog Sigmund ließ sich mit Geld abfinden, aber zwischen Kaiser Friedrich und seinem Bruder kam es nach anfänglichen Verhandlungen zum offenen Kampf. Im Bund mit den aufständischen, unzufriedenen Bürgern von Wien, an ihrer Spitze der Viehhändler Wolfgang Holzer, schloss Albrecht die kaiserliche Familie in der Wiener Hofburg ein und belagerte sie dort zweieinhalb Monate. Angeblich gerieten die Belagerten so sehr in Bedrängnis, dass sie schließlich Hunde und zahme Vögel verspeisen mussten, um ihren Hunger zu stillen. Am Ende war es niemand anderes als König Podiebrad von Böhmen, der den Kaiser und seine Familie aus ihrer schmählichen Situation befreite. Unter dem Hohn des Wiener Volkes verließ Kaiser Friedrich III, mit den Seinen die Stadt und zog nach Wiener Neustadt, wo man sie gerne aufnahm (Dezember 1462). Kaiser Friedrich dürfte aufgeatmet haben, als ein Jahr nach diesen Vorgängen sein Bruder Albrecht VI. ohne Erben starb. Kaiser Friedrich III. kehrte nach Wien zurück, wo man sich über seine Ankunft diesmal sehr freute: Albrecht VI. hatte sich nämlich als strenger und grausamer Herr erwiesen, der auch seinen ehemaligen Verbündeten Wolfgang Holzer nicht schonte, als er wieder mit Kaiser Friedrich Verbindung aufzunehmen suchte. Er ließ ihn vierteilen und in Stücke hauen. Nach dem Tod Albrechts VI. war nun der gesamte habsburgische Besitz bis auf Tirol wieder in einer Hand vereinigt: in der Kaiser Friedrichs III. Text der Zeit
Die Österreicher belagern 1452 Kaiser Friedrich III. in Wiener Neustadt

Am 27. August 1452 begaben sich die Österreicher in den Gesichtskreis der Stadt und spähten nach einem Platz aus, an dem sie ihr Lager aufschlagen konnten. Mit Stolz zeigten sie ihre gewaltige Kriegsmacht, rückten im offenen Feld in geschlossenen Reihen unter lautem Hörnerklang und Rufen der Mannschaften bald auf diese, bald auf jene Seite und gaben durch Winke und Zurufe zu erkennen, dass sie über die Belagerten spotteten. Ein kleiner Trupp der Kaiserlichen unternahm einen Ausfall, da sie sich aber der Masse der Feinde nicht gewachsen sahen, wagten sie gar nicht, sich auf ein Nahgefecht einzulassen, sondern beschossen den Gegner aus der Entfernung mit Pfeilen und Geschützkugeln. Ein Sachse jedoch, ein Mann vom Adel, der mehr kühn als vom Glück begünstigt war, wurde durch sein scheues Pferd von den Seinigen getrennt. Als er sich umdrehte und glaubte, sie würden ihm folgen, fand er sich inmitten der Feinde. Unentschlossen, was er tun sollte, verhielt er ein paar Augenblicke, als er jedoch merkte, dass er von niemandem erkannt worden war, gab er seinem Pferd die Sporen, tat so, als ob er einer der Feinde wäre und auf die Kaiserlichen losstürmen wollte. Da aber wurde er erkannt [...] und weil man ihn nicht mehr im Laufen einholen konnte, überschüttete man ihn mit Pfeilschüssen. Dadurch wurde er schwer verwundet, gelangte zwar zu den Seinigen zurück, war aber nachher in diesem Krieg nicht mehr kampffähig. [...] Wiederum kamen die Österreicher mit ihrem gesamten Heer auf der Seite, die nach Wien liegt, in den Gesichtskreis der Stadt, ordneten sich in Treffen und unternahmen unter fürchterlichem Geschrei der Mannschaften und lautem Hörnerklang einen Anlauf Die Kaiserlichen, die gehofft hatten, die Hohlwege vor der Stadt halten zu können, wurden gleich beim ersten Angriff zersprengt. So gewaltig war der Ansturm der Feinde, dass sie weder durch Schwertstreiche noch durch Pfeilregen, noch durch die Steine der Geschütze oder andere Geschosse abgehalten werden konnten, auf einem schmalen und sumpfigen Weg bis zum Tor der Stadt vorzudringen. Nur mit Mühe wurde dieses Tor selbst verteidigt [...]. [...] In die Vorstadt einzudringen, war dem Feind verhindert worden, dafür bemächtigte er sich aber einer nahe am Tor gelegenen Mühle, die nicht sorgfältig genug bewacht worden war. Hier, bei der Kirche des heiligen Markus, errichteten sie auch eine Verschanzung und stellten Geschütze in der Richtung auf das Tor auf. Tausend Schritt dahinter legten sie das Lager an. Von den Mauern der Stadt aus konnte man bequem ihre Zelte und das ganze Heer sehen. Die waffentragenden Mannschaften wurden auf 12 000 geschätzt, die Reiterei aber kaum auf 4000. [...] Das Heer vermehrte sich aber jeden Tag, da wie gewöhnlich alles zusammenströmte, die einen wegen des Soldes, die anderen als Zuschauer. Gekämpft wurde indessen ausschließlich an dem einen Tag vom frühen Morgen bis zur 12. Stunde ernst und äußerst hitzig, später wurde der Kampf lässiger. Denn nachdem das Tor geschlossen war, blieben bloß noch die Geschütze in Tätigkeit. Beständig wurden von den Geschützen aus der Stadt und in die Stadt Steine geschossen, doch kamen dadurch innerhalb der Mauern nur drei ums Leben, durch Pfeilschüsse wurde eine ziemliche Anzahl verwundet, jedoch keiner getötet. Von den Feinden fielen viele, da die Geschütze auf sie, die sich in ungedeckter Stellung befanden, feuerten. Beim ersten Zusammenstoß waren auch zwei mit Geschützen bestückte Wagen vor dem Tor gewesen, die Steine bis zur Größe eines Menschenkopfes warfen. Als der Feuerwerker die geschlossene Schar der bewaffneten Feinde herannahen sah, gab er sofort Feuer und schoss vier Steine zugleich in den dichtesten Haufen. Dann aber lenkte er die Deichsel der Wagen um und zog sich in die Stadt zurück. Da konnte man Waffenstücke durch die Luft fliegen sehen, zugleich auch wie Köpfe und Arme abgerissen wurden und die verstümmelten Leiber der Menschen mit den Pferden hinstürzten, ein entsetzlich grausiges Schauspiel. Als einer am Nachmittag gerade seinen Kameraden begraben wollte, wurde er unversehens von dem Stein eines Geschützes getroffen, als er die Arme vorstreckte, um Erde mit der Hacke auf die Leiche zu werfen, und verlor beide Hände. In der oben erwähnten Mühle töteten die Steinkugeln so viele, dass der dort vorbeifließende Bach von ihrem Blut ganz rot gefärbt wurde. Böhmen [...] hielten diesen Punkt, und ihre Hartnäckigkeit war so groß, dass sie, obwohl sie ihre Kameraden neben sich fallen sahen, lieber sterben wollten, als ihn aufzugeben. Als Eizinger [der Hauptmann der Österreicher] sah, dass der Kampf nachließ, fürchtete er, die Wiener könnten in ihrer Schlauheit dem Vorhaben untreu werden, sobald sie merkten, dass die kriegerischen Unternehmungen wenig glücklich abliefen. Deshalb schickte er Boten nach Wien, die melden mussten, des Kaisers Geschütze seien genommen, die Vorstadt sei in ihren Händen und viele der Feinde seien gefallen. Man schenkte ihnen Glauben, Trompeter sprengten durch die ganze Stadt und ermahnten das Volk, voll guten Mutes zu sein. [...]
In Neustadt waren alle in ängstlicher Spannung, innerhalb der Mauern war alles von Entsetzen erfüllt, draußen steigerte sich die drohende Haltung der Feinde. Wer in der Stadt Getreide gekauft hatte, verbarg es, allgemein verweigerte man die nötigsten Lebensmittel. Auf dem Markt gab es kein Brot mehr zu kaufen, die Weinschenken wurden geschlossen. Auf allen Gesichtern spiegelte sich Entsetzen, einer jammerte dem andern etwas vor. Man verwünschte den Krieg und schalt auf die Unordnung. Alle hielten sich für verloren. Was in den Vorstädten war, wurde in die Stadt gebracht, wenn etwas nicht schnell genug weggeschafft werden konnte, wurde es der Plünderung preisgegeben. Die Weiber erfüllten alles mit ihrem Geschrei. Als daher der Erzbischof und seine Suffragane [Bischöfe] die gefährliche Wendung erkannten, begaben sie sich zu den Feinden hinaus und erhielten eine eintägige Waffenruhe. [Im Anschluss daran wird nach einer Unterredung des Kaisers mit den Belagerern der Frieden ausgehandelt.]

Aus: Historia Friderici III. Imperatoris (Geschichte Kaiser Friedrichs III.) von Aeneas Silvius Piccolomini (Enea Silvio de Piccolomini – * 1405, † 1464, ein bedeutender Humanist, war 1442 Sekretär der Hofkanzlei Friedrichs III., wurde dann Bischof, Kardinal und 1458 als Pius II. Papst). Kollar 380-84. Ungarnkönig Matthias Corvinus besetzt Wien
Indessen war die Stellung von König Podiebrad in Böhmen nicht mehr so unangefochten stark wie 1460, als er sich sogar mit der Absicht trug, die Römische Königskrone oder eine Statthalterschaft im Reich anzustreben. Er scheiterte letztlich an den ungelösten Spannungen zwischen den böhmischen Kalixtinern, deren Führer er war, und der unversöhnlichen Haltung der katholischen Kirche. Papst Pius II. (1458-1464) betrieb mit Erfolg 1466 die Absetzung des angeblichen Ketzers; König Matthias Corvinus von Ungarn war gerne bereit, die Absetzung gewaltsam zu erzwingen. König Podiebrad suchte und fand Unterstützung beim polnischen König Kasimir II., dessen Sohn Wladislaw er auch zu seinem Nachfolger bestimmte. Nach dem Tod König Podiebrads einigten sich die beiden Anwärter auf die Krone Böhmens, indem sie das Königreich teilten und 1471 jeder den Titel eines Königs von Böhmen annahm. König Matthias Corvinus gab sich mit diesem Erfolg nicht zufrieden. Nicht nur, dass er Ungarn, wie schon sein Vater Johann Hunyadi, gegen die Türken verteidigte, während Kaiser Friedrich III. nicht einmal seine Erblande zu schützen vermochte; angesichts der Hilflosigkeit des Kaisers konnte es Matthias Corvinus schließlich sogar wagen, nach den habsburgischen Erblanden selbst zu greifen und große Teile, darunter auch Niederösterreich, Kärnten und Steiermark, an sich zu reißen. Selbst Wien wurde im Jahre 1485 erobert und zur Hauptstadt des neuen Großreichs gemacht. Wieder blieb Kaiser Friedrich III. völlig untätig und flüchtete sich, obwohl er innerlich tief getroffen war und bitteren Hass gegen Matthias Corvinus trug, in vage Zukunftshoffnungen. So lehnte er angeblich auch jedes Eingreifen seines Sohnes Maximilian, kriegerisch oder diplomatisch, ab, weil er den baldigen Tod des ungarischen Königs vorauszusehen glaubte. Er selbst soll sich nach einem halbherzigen Versuch, das Verlorene zurückzuerobern, damit begnügt haben, König Matthias Corvinus zu bitten, sein Tiergehege und seine Anpflanzungen in Wiener Neustadt zu schonen. Wie kläglich sich der Kaiser in dieser demütigenden Lage auch verhielt, mit der Ahnung vom baldigen Tod Matthias’ Corvinus hatte er tatsächlich einen Blick in die Zukunft getan. Matthias Corvinus starb am 6. April 1490; ob durch einen Giftanschlag seiner ehrgeizigen Frau, die, wie behauptet wird, an eine Verbindung mit dem jugendlich-ritterlichen Kaisersohn Maximilian dachte, mag dahingestellt bleiben. Maximilian, der »Römische König«, eilte auch alsbald herbei; aber nicht, um die Königin Ungarns zu heiraten (denn er plante zu dieser Zeit eine andere politische Heirat mit Anna von der Bretagne), sondern um mit bewaffneter Hand die habsburgischen Ansprüche zu sichern. Mit einem kleinen Heer eroberte er Wien und die habsburgischen Erblande zurück und drang tief nach Ungarn vor. Aber seine Hoffnungen auf die Krone Ungarns zerschlugen sich. Die ungarischen Stände zogen es vor, statt des energischen Habsburgers Maximilian den schwächlichen König Wladislaw von Böhmen nun auch zum ungarischen König zu wählen (15. Juli 1490). Alles, was Maximilian am 7. November 1491 im Frieden von Preßburg erreichen konnte, war die Zusicherung des ungarischen und, auf weitere Sicht, des böhmischen Erbes für den Fall, dass Wladislaw ohne männlichen Erben bleiben sollte – wieder eine Verheißung für die Zukunft, wie sie Kaiser Friedrich III. schon 1459 erhalten hatte. Doppelköpfige Adler mit Wappen»Das heilig Römisch reich mit seinen gelidern«. Auf den Schwingen des doppelköpfigen Adlers als Symbol weltlicher Macht und im Schutz des Gekreuzigten als Symbol des kirchlichen Imperiums breiten sich die Wappen der territorialen Mächte aus. Diese symbol- und inhaltsträchtige Darstellung Hans Burgkmairs d. Ä. entstand um 1510, in einer Zeit also, in der die kaiserliche Zentralmacht schon geschwächt und mehr abhängig wurde von den Kräften der Fürsten und Landesherren. In der oberen Wappenreihe links die Schilde der geistlichen Kurfürsten, des Herrschers von Rom, rechts die der weltlichen Kurfürsten. Darunter die Wappen der Herzöge, Markgrafen, Landgrafen, Burggrafen, Grafen, Bannerherren, Freiherren, Ritter, Bauern, Städte und Dörfer. Farbholzschnitt. Nürnberg, Staatsarchiv. Das Herzogtum Burgund
Ein Zwischenreich von der Nordsee bis ins Rhönetal

Nicht um vage Zukunftshoffnungen, sondern um die Festigung und Sicherung längst errungener Positionen ging es indessen im Westen des Reiches, wo dem Kaisersohn Maximilian, ein großes Erbe zugefallen war. Während sich die deutschen Könige, namentlich die Habsburger und die Luxemburger, vornehmlich dem Ausbau ihrer Hausmacht im Osten des Reiches widmeten, bot der Westen das Bild territorialer Zerrissenheit und militärischer Schwäche. Dieser Zustand forderte einen eroberungslustigen Nachbarn zu Übergriffen heraus. Dieser Nachbar war zunächst nicht Frankreich, das seit der Mitte des 14. Jahrhunderts durch den Hundertjährigen Krieg mit England voll beansprucht war, sondern Burgund. Seit 1364 hatten die Herzöge von Burgund aus einer Nebenlinie des französischen Herrscherhauses der Valois zielstrebig und rücksichtslos einen Staat zusammengefügt, der sich beiderseits der deutsch-französischen Sprachgrenze und auf Kosten Frankreichs und Deutschlands ausbreitete; ein künstliches, aber staatlich wohlorganisiertes Gebilde von hoher Wirtschaftskraft, das französische Kronlehen und deutsche Reichslehen umfasste. Besonders Herzog Philipp der Gute († 1467) hatte den burgundischen Staat zu einer achtungsgebietenden und für die Nachbarn furchterregenden Großmacht erweitert, deren Territorien schließlich von der Nordsee (den heutigen Niederlanden und Belgien) über Luxemburg bis in die Bourgogne und fast bis zum Genfer See reichte. Sprichwörtlich war der Reichtum der burgundischen Herzöge, der es ihnen erlaubte, ihren Hof zum Schauplatz verschwenderischer Feste und zum Mittelpunkt einer Spätblüte raffinierter ritterlich-höfischer Kultur zu machen, die in ganz Europa Bewunderung fand. Besonders berühmt wurde das »Fasanenfest von Lille« (1454), das seinen Namen von einem reich geschmückten Fasan hatte, dem eine besondere Rolle zugedacht war: Beim Festmahl wurde zunächst eine riesige Pastete aufgetischt, die ein Orchester von 20 Musikern enthielt. Dann trat, begleitet vom Hofriesen in türkischer Tracht, die »Dame Eglise«, d. h. die Kirche, auf, die den Fall Konstantinopels (1453) beklagte und zur Befreiung der Stadt aufrief. Herzog Philipp der Gute, sein Sohn Karl der Kühne und die Festteilnehmer gelobten nun bei Gott, Unserer Lieben Frau und beim Fasan den Kreuzzug wider die Türken, beließen es aber bei dieser feierlichen Szene. Der Kreuzzug fand nicht statt. Auch die Verhandlungen mit dem Kaiser und dem Papst über die Türkengefahr zerschlugen sich; sie hoben aber das Ansehen Burgunds und seines Herzogs. Herzog Philipp der Gute war Realist genug, um zu erkennen, dass Ehre und handfester Gewinn mit wesentlich geringerem Aufwand und geringem Risiko in unmittelbarer Nachbarschaft zu holen waren. Ihm schwebte letzten Endes außer einer Heiratsverbindung mit dem Kaiserhaus ein burgundisches Königtum oder, noch besser, die Würde des Römischen Königs und damit die Nachfolge im Kaisertum vor. Aber Friedrich III., wie immer vorsichtig und einer Entscheidung abgeneigt, wollte von solchen Plänen nichts wissen – zunächst noch nicht. Burgund unter Herzog Karl dem Kühnen – Weitreichende dynastische Pläne
Herzog Karl der Kühne (1467-1477), Sohn und Nachfolger Philipps des Guten, setzte die Expansionspolitik seines Vaters fort, kühn, tollkühn und rücksichtslos, aber auch mit dem Blick auf eine Verbindung mit dem Kaiserhaus. Kaiser Friedrich III. hatte wohl selbst schon in seinen geheimsten Plänen mit dem Gedanken an eine Familienverbindung mit Burgund gespielt. Als es immer wahrscheinlicher wurde, dass Herzog Karl der Kühne außer seiner Tochter Maria keine weiteren Kinder mehr haben sollte, nahmen die Pläne, den Kaisersohn Maximilian mit der reichen Erbin von Burgund zu verloben, konkrete Formen an. Im Herbst 1473 trafen sich Kaiser Friedrich III. und Herzog Karl der Kühne in Trier. Auch Maximilian, damals 14 Jahre alt, war mit dabei. Er verstand sich gut mit dem Herzog, dessen mächtige, kriegerische Erscheinung ihm imponierte. Er erhielt als Geschenk eine burgundische Kriegsordnung, die vielleicht seine späteren kriegerischen Neigungen mit prägte. Im übrigen hatte er auch Freude an der höfischen Kultur, die Karl der Kühne entfaltete. Die Verhandlungen gingen allerdings nur zäh voran. Herzog Karl der Kühne stellte Forderungen nach territorialem Gewinn und nach Rangerhöhung, die Kaiser Friedrich III. teils nicht erfüllen wollte, teils nicht erfüllen konnte. Verstimmung brachte der Prunk, mit dem die Burgunder auftraten. 400 Wagen mit Kostbarkeiten hatte Herzog Karl nach Trier bringen lassen; kein Wunder, dass man im burgundischen Lager über den ärmlichen Aufzug der Kaiserlichen spottete. Immerhin rüstete man im Dom von Trier bereits für die Krönung Karls des Kühnen zum König von Friesland; da brach der Kaiser die Verhandlungen jäh ab und verließ überraschend Trier; wie der Klatsch behauptete, ohne seine Rechnungen bezahlt zu haben. Das Scheitern der Verhandlungen war wohl auf den Widerstand der deutschen Fürsten zurückzuführen, aber auch auf das Zaudern des Kaisers, der dem ungestümen Burgunder misstraute. Wie ungestüm und rücksichtslos er sein konnte, das bewies Karl der Kühne im nächsten Jahr, als er im Zusammenhang mit einem Streit um das Erzbistum Köln in das Reich einbrach. Die Empörung war so allgemein, dass sich Kaiser und Reich zum Reichskrieg aufrafften. Der heroische Widerstand der Bürger von Neuss zwang das burgundische Heer samt seiner berühmten Artillerie schließlich zur Umkehr (1475). Noch einmal schien der Stern Karls des Kühnen heller zu leuchten, als er nämlich im gleichen Jahr, da er die Schlappe von Neuss erlitt, das Herzogtum Lothringen überrannte und die Hauptstadt Nancy gewann. Kaiser Friedrich III. ließ ihn gewähren, obwohl Lothringen nominell Teil des Reiches war, denn er hatte erreicht, wonach er vor allem trachtete. Karl der Kühne hatte nämlich der Verlobung seiner Tochter Maria mit dem Kaisersohn Maximilian seine offizielle Zustimmung erteilt. Somit musste Lothringen ohnehin früher oder später mit dem gesamten burgundischen Erbe an Habsburg fallen. Burgund zerbricht – Der Sieg der Schweizer über Karl den Kühnen
Der ungeheure Machtzuwachs des Hauses Habsburg im Westen war greifbar nahe; sehr nahe sogar, denn nun begann der Stern Burgunds sehr rasch zu sinken: Die Schweizer hatten es gewagt, die Truppen Karls des Kühnen in einem Gefecht zu überrumpeln. Ruhiges Abwägen und leidenschaftsloses Kalkül waren dem burgundischen Herzog nie gegeben, von jetzt an aber wurde seine Politik von unvernünftigem Hass und von Rachsucht diktiert. Nach der Eroberung der Stadt Grandson am Neuenburger See ließ er einen großen Teil der Verteidiger hängen oder ertränken. Diese Gräuel spornten den Mut der Eidgenossen an. Am 1. März 1476 stellten sie sich bei Grandson dem berühmten burgundischen Heer zur Schlacht und brachten ihm eine katastrophale Niederlage bei. Den Siegern fielen außer Hunderten von Geschützen und Fahnen ungeheure Schätze aus dem Privatbesitz Karls des Kühnen in die Hände, darunter sein Hut, sein Schwert und sein Petschaft. Vielleicht noch verheerender als die unmittelbaren militärischen Folgen der Schlacht waren die politischen. Der Ruhm des burgundischen Heeres und seines Herzogs war dahin, die Gegner Karls des Kühnen hoben allenthalben die Köpfe und fassten Mut, als der Gefürchtete zu wanken begann. Das Ende ist rasch erzählt. Noch im gleichen Jahre brachten ihm die Eidgenossen bei Murten eine zweite fürchterliche Niederlage bei, und am 5. Januar 1477 stellte sich Karl der Kühne mit den Trümmern seines Heeres unter den Mauern von Nancy zu einer letzten Schlacht. Sein bescheidenes Aufgebot wurde zusammengehauen; er selbst fiel, verzweifelt fechtend, im Getümmel der Schlacht, vielleicht ein Opfer gedungener Mörder. Erst zwei Tage später zog man seinen nackten, von Hunden und Wölfen angefressenen Leichnam aus einem vereisten Tümpel; sein Gesicht war von einer Hiebwunde fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die Feinde Karls des Kühnen jubelten. Die burgundische Heirat Maximilians – Habsburg wird Großmacht
Beginn der Konfrontation mit Frankreich

Gedrückt war die Stimmung in Gent, wo die Erbin des burgundischen Reiches, die kaum zwanzigjährige Maria, die Nachricht von Nancy empfing. Umgeben von untreuen Ratgebern, ohne Heer, ohne Geld und unerfahren in allen Regierungsgeschäften, musste sie vor allem die nächsten Schritte des französischen Königs Ludwig XI. fürchten, der der gefährlichste, weil verschlagenste und berechnendste Gegner ihres Vaters gewesen war. Ohne Schwierigkeiten besetzte er eine Reihe von Gebieten, die an Frankreich grenzten; und um das ganze Erbe Karls des Kühnen zu gewinnen, erwog er sogar eine Heirat zwischen dem damals siebenjährigen französischen Kronprinzen Karl und Maria von Burgund. Doch Maria wies dieses Ansinnen zurück und hielt an der Verlobung mit Maximilian fest. Er war der einzige, der ihr im Kampf mit Frankreich und mit den Aufrührern im eigenen Land helfen konnte. Im Sommer 1477 machte sich der Kaisersohn Maximilian auf den Weg in die neue, ihm völlig unbekannte Welt der niederländischen Städte. In Gent erwartete ihn die Braut, und am 19. August fand die Hochzeit statt. Zeitgenössische Berichterstatter wissen, dass die beiden sofort Gefallen aneinander fanden, obwohl sie aus ganz verschiedenen Welten kamen – sie aus der reichen und hochkultivierten Umgebung des burgundischen Hofes, er aus den bescheidenen, altväterlichen Verhältnissen, die am Kaiserhof zu Wien herrschten. Übrigens konnten sie sich zunächst nicht einmal richtig verständigen, denn Maximilian sprach das Französische und das Niederländische nur recht unvollkommen. Wie aber die Chronisten berichten, soll sie unter allerlei Scherz und zu beiderseitigem Vergnügen ihn schon bald ihre Sprachen gelehrt haben. Die ursprünglich rein politisch gedachte Verbindung wurde zu einer überaus glücklichen, wenn auch nur kurzen Ehe. Vor allem aber war und blieb diese Ehe ein politisches Ereignis ersten Ranges, das die bisherigen Machtverhältnisse in Europa veränderte und den Aufstieg des Hauses Habsburg begründete. Mit dieser Wendung der Dinge wollte sich am wenigsten der französische König Ludwig XI. abfinden, denn er musste eine Umklammerung durch die sich abzeichnende Großmachtbildung befürchten. In unablässigen Kriegen suchte er Maximilian finanziell zu erschöpfen. Auch der vielgefeierte Sieg Maximilians bei Guinegate (1479) brachte keine grundsätzliche Wendung, er begründete aber Maximilians Ruf als Heerführer und festigte sein Ansehen bei den Niederländern. Zur Festigung seiner Stellung trug auch nicht wenig die Geburt seines Sohnes Philipp bei (* 22. Juli 1478), der später den Beinamen »der Schöne« erhielt und spanischer König und Vater zweier Kaiser werden sollte. Ihm folgte am 10. Januar 1480 eine Schwester, Margarete, der ebenfalls ein bewegtes, bedeutendes und an Höhen und Tiefen reiches Leben beschieden war. Da trat ein Ereignis ein, das nicht nur das familiäre Glück Maximilians zerstörte, sondern auch seine politische Stellung beträchtlich gefährdete. Maria stürzte bei der Falkenjagd so unglücklich vom Pferd, dass sie am 27. März 1482 an den Folgen des Unfalls verstarb. Zwar hatte sie wenige Tage vor ihrem Tod ihre Kinder zu Gesamterben und Maximilian zum Vormund gemacht, aber für die niederländischen Stände war Maximilian ein Fremder. Sie verbündeten sich mit Frankreich und zwangen ihn, sein Töchterchen Margarete als Verlobte des französischen Kronprinzen an den französischen Hof zu schicken und ein paar blühende Provinzen als Mitgift dazuzugeben (1482). In den folgenden Kämpfen, in denen ohne klare Fronten alle möglichen alten Gegensätze der burgundischen Ländermasse ausgefochten wurden, ging der Reichtum der Niederlande zugrunde. Das Ende kam erst, als die Parteien erschöpft waren. Die mächtigen Städte Brügge und Gent unterwarfen sich und akzeptierten Maximilians Vormundschaft über seinen Sohn Philipp (1485). Im folgenden Jahr wurde, wie bereits berichtet, Maximilian zum »Römischen König« gewählt und in Aachen gekrönt. Die Hoffnung, der Glanz der Krone werde die Niederlande blenden und einem Krieg gegen Frankreich geneigt machen, trog. Man wollte endlich Frieden, man wollte eine Minderung der Steuerlasten, und man wünschte die fremden Beamten und Soldaten aus dem Lande. Die allgemeine Unzufriedenheit führte schließlich dazu, dass die Bürger von Brügge König Maximilian in ihre Stadt lockten und gefangen setzten. Von seinem Gefängnis aus musste er mit ansehen, wie seine Räte öffentlich gefoltert und zum Tode verurteilt wurden. Er selbst hatte allerlei Grobheiten hinzunehmen, und vorübergehend sah es so aus, als wolle ihn die Stadt sogar an Frankreich ausliefern. In dieser Situation raffte sich Kaiser Friedrich III., damals immerhin schon ein guter Siebziger, zur Tat auf. Unter großer Anteilnahme der Fürsten versammelte er ein Heer und erzwang im Mai 1488 die Freilassung seines Sohnes Maximilian. Ein vorläufiger Friede mit Frankreich gab Maximilian die Möglichkeit, sich den ungarischen Problemen, die nach dem Tod von König Matthias Corvinus (†1490) der Lösung harrten, zuzuwenden. Maximilians neue Heiratspläne – Krieg mit Frankreich
Es war ein abenteuerlicher Plan, an der fernen Atlantikküste angesichts der feindseligen Haltung Frankreichs, dessen König seit 1483 Karl VIII. war, eine neue habsburgische Position aufbauen zu wollen. Gegen den Rat des alten Kaisers Friedrich III. wurde im Dezember 1490 die Ehe in Stellvertretung geschlossen. Da Karl VIII. von Frankreich diese neue reiche Heirat des Habsburgers nicht zulassen wollte und aus Gründen der Selbsterhaltung und Sicherung Frankreichs auch nicht zulassen konnte, rückte er mit einem Heer in der Bretagne ein, um auf diese Weise sehr nachdrücklich auch um die Hand der reichen Braut zu werben. Anna von der Bretagne hielt an ihrer Ehe mit Maximilian, den sie nie gesehen hatte, zunächst getreulich fest. Dem aber fehlte es an einem Heer, während Karl VIII. von Frankreich genügend Truppen hatte, um Anna in ihrer Hauptstadt Rennes zu belagern. Die militärische und politische Lage, dazu die Argumente ihrer Ratgeber waren stärker als die Bindungen einer nur in Stellvertretung geschlossenen Ehe. Anna löste sich von Maximilian und willigte schließlich in die Ehe mit dem buckligen Karl VIII. von Frankreich ein: eine politische Niederlage und eine persönliche Kränkung Maximilians. Die Niederlage des Kaisersohns war um so unerträglicher, als durch diese Heirat auch die Verlobung seiner Tochter Margarete mit Karl VIII. gebrochen wurde. Schwer trug Maximilian an dem »Brautraub von Bretagne«. Im Kampf gegen seinen Rivalen vertraute er viel auf die öffentliche Meinung, die er durch Flugschriften, Erzeugnisse der jüngst erfundenen Buchdruckerkunst, zu beeinflussen suchte. Das Volk stand zwar mit seiner Meinung und Sympathie hinter ihm; aber was half das, wenn die Fürsten sich zurückhielten. Doch Maximilian war in den langen Jahren des niederländischen Krieges und bei dem kurzen, erfolgreichen Feldzug in Ungarn zum Krieger geworden. Aus eigenen Mitteln stellte er ein Heer zusammen und drang nach Frankreich vor, bis Karl VIII. sich schließlich zu Verhandlungen bereitfand. Im Frieden von Senlis (23. Mai 1493) gab er Margarete ihrem Vater Maximilian zurück und dazu den größten Teil ihrer Mitgift. So stand Maximilian am Ende eines – mit Unterbrechungen – rund fünfzehnjährigen Kampfes zwar nicht als strahlender Sieger da, aber als erfolgreicher Fürst. Die persönliche Beleidigung, die man ihm mit dem »Brautraub von Bretagne« zugefügt hatte, vergaß er allerdings nicht. Das Ende Kaiser Friedrichs III.
Im Sommer 1493 legte sich Kaiser Friedrich zum Sterben nieder, nachdem die Amputation des linken Beines notwendig geworden war. Noch zuletzt soll er bemerkt haben, dass sich das Reich fortan auf einem Bein bewegen müsse. Aber so weit kam es nicht mehr. Am 19. August starb der Kaiser im achtundsiebzigsten Jahr seines Lebens und nach dreiundfünfzig Regierungsjahren an den Folgen der Operation. Es waren ereignisreiche und verheißungsvolle Jahrzehnte gewesen, aber auch Jahrzehnte der Auflösung und des Machtverfalls des Kaisertums. Es liegt nahe, die Vorwürfe der Zeitgenossen – Trägheit, Pflichtversäumnisse – zu wiederholen. Die neuere Geschichtsschreibung gibt jedoch zu bedenken, dass die vielgescholtene Untätigkeit angesichts der Zustände im Reich eine durchaus realistische Politik gewesen sei. Realistisch und erfolgreich war jedenfalls die hartnäckige Hausmachtpolitik, die das Fundament für den Aufstieg Habsburgs legte. Wir erinnern an das Spiel mit den Vokalen A E I O U: Austriae est imperare orbi universo – Alles Erdreich ist Österreich Untertan. Friedrichs III. Sohn Maximilian sollte auf diesem Weg erfolgreich weitergehen. Am Sterbebett des Vaters war Maximilian nicht; ja, er musste sogar die Beisetzungsfeierlichkeiten verschieben. Die Türken bedrohten erneut Ungarn und die habsburgischen Erblande, und Maximilian sah sich bereits an der Spitze eines europäischen Kreuzzuges, der die Türkengefahr endgültig bannen sollte. Ein kurzer Feldzug nach Ungarn war erfolgreich, doch das ersehnte große Unternehmen kam nicht zustande – weder diesmal noch später. Zu viele Probleme stürmten auf den jungen König ein; zu viele hatte die Zukunft für ihn bereit.

Forum (Kommentare)

Info 21.02.2018 18:33
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.