Maximilian I.: Letzter Ritter und Vater der Landsknechte

Betrachten wir den Mann, dessen Name und dessen Taten Europa bereits erfüllten, noch ehe er 1493 seinem Vater Friedrich III. als König des »Römischen Reiches Deutscher Nation« auf dem Thron folgte. Maximilian I. galt, wenn wir dem Biografen Joseph Grünpeck folgen, seinen Zeitgenossen als schöner, wohlgestalter Mann von beachtlicher Körperkraft, liebenswürdig, beredt und erfolgreich bei Frauen. Wir erinnern uns, dass er das Herz der verwöhnten burgundischen Prinzessin im Sturm gewann. Bei den Menschen in Stadt und Land war Maximilian populär und beliebt wie kaum ein anderer deutscher Herrscher vor und nach ihm. Seine Leutseligkeit, sein kriegerisches Draufgängertum, sein Interesse für Kunst und Literatur gewannen ihm die Herzen der Städter, wenigstens solange er sich nicht in Geldangelegenheiten an sie wandte. Beliebt und als großer Jäger geachtet war er auch bei den Bauern in seinen Erblanden. Ein wirkliches Verständnis des Königs für die Sorgen und Nöte des kleinen Mannes dürfen wir allerdings nicht voraussetzen. In die Geschichte ging König Maximilian I. auch als »der letzte Ritter« und als »der Vater der Landsknechte« ein. Abgesehen davon, dass beide Bezeichnungen sein militärisches Talent und seine kriegerischen Interessen hervorheben, charakterisieren sie ihn auch als einen Mann des Übergangs von mittelalterlich-ritterlichen Idealen zu neuzeitlichen, eher nüchternen Realitäten – zwei konkurrierende Tendenzen, die wir bezeichnenderweise auch am Hof seines Schwiegervaters Karls des Kühnen fanden, den er so hoch schätzte. Maximilians I. FeuerwaffenIm Dienst des eigenen Ruhms. Der von Leonhard Beck stammende Holzschnitt eines ritterlichen Kampfes zu Pferde stammt aus dem »Theuerdank«, dem großen Versepos, das Kaiser Maximilian I. zum Ruhm seiner eigenen Taten nach seinem Entwurf von Melchior Pfinzing, Propst an St. Sebald in Nürnberg, schreiben ließ. Das 1517 bei Hans Schönsperger d. Ä. von Hans Schäufelein und Leonhard Beck ausgestattete Werk gilt als ein Höhepunkt der Buchkultur in seiner Zeit. Der Holzschnitt mag einen Eindruck der Darstellungsart, aber auch ritterlichen Zweikampfes und der damaligen Kleidung geben. Wien, Österreichische Nationalbibliothek. König Maximilian I. zeigte sein Geschick in ritterlichen Künsten gerne selber im Turnier und hatte, so will es die Anekdote, auch ein Herz für Ritter vom Schlage eines Götz von Berlichingen. Durchaus mittelalterlich muten auch seine nie aufgegebenen Kreuzzugspläne an. Andererseits war er realistisch genug, im Ernstfall lieber auf die modernen Fußtruppen der Landsknechte (= Knechte des Landes) zu vertrauen, die in Maximilian ihren eigentlichen Begründer und ständigen Förderer hatten. Er selbst kümmerte sich um Einzelheiten der Bewaffnung, der taktischen Bewegung in der Schlacht und der Besetzung der Offiziersstellen; er selbst suchte den Korpsgeist und die Anhänglichkeit seiner Landsknechte zu fördern, wenn er etwa eigenhändig die überlange Lanze handhabte. Sein gutes Gespür für militärische Tüchtigkeit bewies er, als er den Schwaben Georg Frundsberg zum Ritter schlug und zum Landsknechtführer und später zum obersten Feldhauptmann bestellte. Frundsberg schlug für seinen Kaiser die Schlachten in den Niederlanden und in Italien. Allerdings wusste es Maximilian erleben, dass der Korpsgeist der Landsknechte die Anhänglichkeit an den Kriegsherrn überwog und sich in wilden Meutereien Luft machte, wenn der Sold nicht rechtzeitig ausbezahlt werden konnte. Die andere moderne Waffe, um deren Ausbau und Weiterentwicklung Maximilian sich stets und erfolgreich kümmerte, war die österreichische Artillerie. Sein Stolz waren die Geschützgießereien und ein wohlgefülltes Arsenal in Mühlau bei Innsbruck. Das Bild des vielseitig interessierten Mannes wäre aber zu einseitig, wollten wir ihn nur als rauen Krieger abtun. Neben vielfach belegten künstlerischen Interessen (von dem Grabmal in Innsbruck wird noch zu berichten sein) besaß Maximilian auch ein ausgeprägtes schriftstellerisches Talent. Es gibt mehrere literarische Denkmäler, die nahezu uneingeschränkt als seine Werke bezeichnet werden können. Wir erwähnen hier den Prosaroman »Weißkunig« (das ist der weiße König nach seiner blendend weißen Rüstung, aber auch der weise König) und das Versepos »Theuerdank«; beides autobiografische Schriften, die der mittelalterlichen höfischen Dichtung verpflichtet sind, aber auch der aus der Antike überlieferten und im Zeitalter des Humanismus neu belebten Form der Selbstdarstellung. Spürbar war sein Einfluss auf die zeitgenössische humanistische Geschichtsschreibung, die er nach Kräften förderte; nicht ganz ohne Hintergedanken allerdings, denn er stellte sie auch in den Dienst seiner eigenen dynastischen Interessen. Im ganzen ging von Maximilians literarischen und historischen Neigungen eine höchst belebende Wirkung aus. Zahllose Huldigungen der humanistischen Literaten knüpfen sich an seinen Namen. Maximilian I. Habsburger ProfilMaximilian I. (mit dem typischen Habsburger Profil) und seine erste Frau Maria von Burgund im Kreis ihrer Familie. Gemälde Bernhard Strigels, um 1515/20. Wien, Kunsthistorisches Museum. Einfluss in Italien
Nicht seine humanistischen Neigungen, sondern handfeste finanzielle und politische Gründe führten dazu, dass er seinen Blick seit dem Jahr 1493 mehr und mehr nach dem Mutterland des Humanismus, nach Italien richtete. Da er seit dem Frieden von Senlis wusste, dass Karl VIII. von Frankreich Italienpläne hegte, wollte er vor allem Mailand enger an sich binden. Das reiche Herzogtum, das einen großen Teil Oberitaliens beherrschte, war nominell noch Teil des Römischen Reiches Deutscher Nation, obwohl sich die Beziehungen längst gelockert hatten. Maximilian knüpfte sie nun enger, indem er 1494 Bianca Maria Sforza, die Nichte des regierenden Herzogs von Mailand, Ludovico il Moro, heiratete. Die Braut stammte aus einem wenig vornehmen Haus. Der Großvater Francesco hatte sich als Söldnerführer der Herrschaft über Mailand bemächtigt; der Vater Galeazzo war wegen seiner Grausamkeit ermordet worden. Hübsch soll die Braut gewesen sein, aber auch gefallsüchtig und etwas töricht; das Herz ihres Gatten hat sie nie gewonnen. Aber das spielte keine Rolle angesichts einer Mitgift von 300000 Dukaten, die Maximilian I. höchst willkommen sein wussten; und außerdem hatte er mit dieser Familienverbindung sozusagen einen Fuß in Italien zu einem Zeitpunkt, wo die Halbinsel zur Beute europäischer Großmächte zu werden drohte. Text der Zeit
Zur Charakteristik Kaiser Maximilians I.

Seine körperliche Schönheit war in allen Altersstufen ausgezeichnet. Er hatte ein ruhiges und heiteres Antlitz, strahlende Augen von förmlich himmlischem Glanz, in denen ein Zuneigung gewinnender Ausdruck lag, sodass er von Männern und Frauen gleichermaßen geliebt wurde. Sein Haar war etwas gelockt und fiel bis auf die Schulter herab, sodass es auch noch den Nacken bedeckte. Die Augenbrauen waren schwarz, die Ohren klein. Die Nase oben schmal zulaufend, nach unten hervortretend; die Gesichtsfarbe war gebräunt und hielt die Mitte zwischen weiß und blutrot inne. Von geradem Körperbau mit kräftigen Gliedmaßen konnte er eine Lanze von 10 Ellen Länge [ca. 7 Meter] mit der ausgestreckten Hand ohne Zuhilfenahme der anderen in die Höhe heben und tragen. Er schritt hochgehobenen Hauptes einher. In der Unterhaltung war er lebhaft und niemals schweigsam unter seinen Vertrauten, es sei denn, dass irgendeine Sache zu erledigen war, die notwendig Schweigen erforderte. Fast sein ganzes Leben lang erfreute er sich einer guten Gesundheit, Ärzte waren selten an seiner Seite. Seine Brust war behaart, dazu hatte er wunderschöne Hände. Kurz, er zeichnete sich durch ein solches Ebenmaß aller Glieder aus, dass keinem anderen Fürsten seiner Zeit wegen seiner trefflichen Körpergestalt ein Vorzug gebührte. [...] Seine hohe geistige Begabung beweisen seine beachtenswerten Vorträge, die er häufig in Gegenwart zahlreicher Fürsten, seiner Kämmerer und seiner Sekretäre hielt, und die ich aus seinem Munde direkt niederschrieb. [...] Vornehmlich während des Frühstücks und der Hauptmahlzeiten, bisweilen auch auf der Jagd, oder wenn es gerade galt, die lästige Gesellschaft von Hofleuten oder fremden Gästen fernzuhalten, hat er mir [...] eine Abhandlung in das Rohr diktiert mit einer so frischen Erinnerung aller einzelnen Vorgänge, einer solchen Gewandtheit der Sprache, klaren Formen des Ausdrucks und Schärfe der Gedanken, dass auch der Gelehrteste und Klügste gegenüber einer solchen Gedankenfülle leicht in Erstaunen und Verwunderung geraten sein würde. [...] Keinen Augenblick, der ihm für wissenschaftliche Beschäftigung übrigblieb, ließ er ungenutzt verstreichen [...], sein Hauptaugenmerk richtete er auf die Weltbeschreibung und wahrheitsgetreue Geschichtserzählungen, die er auch, um seine königlichen Grundsätze an ihnen darzulegen, bei jedem Zusammensein mit Fürsten, vornehmlich im Kreis von Ausländern vorzutragen pflegte. Die Lage der einzelnen Orte und die Verhältnisse der Länder und Meere wusste er nach den Karten des Ptolemäus aufs genaueste anzugeben. Auf die Ruhmestaten seiner Vorfahren kam er besonders gern zu sprechen. [...] Er verfügte niemals über so viel arbeitsfreie Zeit, dass er ohne lästiges Anwachsen der genau verteilten Geschäfte der Ruhe pflegen und den Schlaf über die Hälfte der von der Natur dafür angesetzten Zeit hätte ausdehnen können. Nicht einmal Speise und Trank konnte er in behaglicher Weise einnehmen, sondern nur so, dass er in der Zeit des Frühstücks oder des Mittagsmahls wohl zwanzigmal gestört wurde. Frühmorgens, wenn er eben aus dem Schlaf aufgewacht war, standen die Sekretäre bereit und quälten ihn mit ihrer hastigen Geschäftigkeit bis um die dritte oder vierte Stunde [9-10 Uhr morgens]. Dann begannen die öffentlichen Audienzen, oder er wurde durch geheime Beratungen in Anspruch genommen. Kaum eine halbe Stunde konnte er auf den Gottesdienst verwenden. Während er sich danach sofort an das Frühstück oder das Mittagessen setzte, wurden vor den königlichen Ohren gewaltige Kämpfe geliefert. Jeder wollte der erste sein, um seinen Handel dem König zu unterbreiten. Aber nachdem die Tafel aufgehoben war, drängte der ganze Hofstaat laut lärmend zum Angesicht des Königs hin. Wenn dann dies unruhige Treiben bis Mitternacht fortgedauert hatte, fand er zur Not durch die Fürsorge seiner Kammerdiener [...] eine ganz kurze Ruhe. Oft hätte er sie freilich auch bequemer haben können, aber dann unterbrach er sie häufig wieder aus eigenem Entschluss, da ihm Vogelbeize und Jagd am Herzen lagen. Auch befasste er sich unnötig mit zahlreichen anderen lästigen Geschäften, die teils den eigenen Hausstand, teils fremde Angelegenheiten betrafen, und übernahm sogar die Sorge für das Hauswesen bis ins kleinste hinein für die Küche, den Weinkeller und den Stalldienst, um den sich nicht einmal kleine Herren bekümmerten.
Aus: Historia Friderici IV. et Maximiliani I. (Geschichte Friedrichs IV. und Maximilians I.) von Joseph Grünpeck (er wurde um 1470 in Burghausen / Niederbaiern geboren, stand von 1493 bis 1519 im Dienst Maximilians und schrieb etwa 1515 für dessen Enkel, den späteren Kaiser Karl V., seine Geschichte). Der Angriff Karls VIII. von Frankreich auf Italien
Bald nach der Hochzeit Maximilians I. in Innsbruck brach im Sommer 1494 König Karl VIII. von Frankreich in Italien ein. Sein Ziel war es, sich in den Besitz des Königreichs Neapel zu setzen, auf das er Erbansprüche zu haben glaubte. Darüber hinaus war er erfüllt von fantastischen Kreuzzugsplänen, von dem Wunsch, Konstantinopel zurückzuerobern und das byzantinische Kaisertum wiederherzustellen. Ohne auf ernsthaften Widerstand zu treffen, teilweise von der Bevölkerung freudig als Befreier begrüßt, gelangte er nach Neapel. Die meisten italienischen Machthaber arrangierten sich mit dem Sieger. Aber die Zerstörung des Gleichgewichts in Italien erregte auch weithin Besorgnis. So kam es, dass sich im März 1495 der Papst, Spanien, Mailand, Venedig und König Maximilian I. zur »Heiligen Liga« von Venedig zusammenschlossen; »heilig« deshalb, weil auch der Papst beteiligt war, mochte auch der derzeitige Inhaber des Stuhles Petri, Alexander VI. (1492-1503) – ein Borgia – persönlich höchst unheilig sein. Die Franzosen zogen sich angesichts der Liga unter Verlusten und jetzt auch unter den Verwünschungen des Volkes aus Italien zurück, noch ehe Maximilian dort erschienen war. Er kam erst 1496 nach Italien, entschlossen, die verhassten Franzosen auf die Dauer fernzuhalten und alte kaiserliche Rechte zu erneuern. Aber seine Kräfte waren bescheiden und auf die Unterstützung durch das Reich konnte er nicht rechnen. Im übrigen hatten die Italiener auch gar kein Interesse, die Franzosen gegen die Deutschen einzutauschen; misstrauisch zogen sie sich von Maximilian zurück. Nur der Onkel seiner Frau, Ludovico von Mailand, hielt zu ihm. Die Heilige Liga begann sich aufzulösen. Der Versuch, wenigstens die alten Reichsrechte in der Toscana zu sichern und die Seefestung Livorno durch einen Angriff von See her und zu Lande zu nehmen, scheiterte in den Herbststürmen bzw. blieb im unwegsamen Gelände stecken. Die Landsknechte Maximilians verliefen sich. Er selbst kehrte ohne den geringsten Erfolg, geschlagen, enttäuscht, verhöhnt und aller Mittel bar, über den verschneiten Brenner zurück (Dezember 1496). Italien stand – ohne die Macht des Reiches – dem erneuten Zugriff der Franzosen offen. Spanische Heiraten
War König Maximilian I. militärisch auch gescheitert, einen Erfolg von weittragender, damals kaum abzusehender Bedeutung konnte er dennoch verbuchen. Im Zusammenhang mit dem Liga-Abkommen von Venedig vereinbarten König Ferdinand von Spanien und Maximilian eine Doppelhochzeit zwischen ihren Kindern, um ihr Zusammenwirken gegen die französische Expansionspolitik zu vertiefen. Maximilians I. Sohn Philipp »der Schöne« heiratete 1496 die spanische Prinzessin Juana (Johanna »die Wahnsinnige«), und der spanische Prinz Juan heiratete Maximilians Tochter Margarete, die bekanntlich schon einmal mit König Karl VIII. von Frankreich verlobt gewesen war. Sie hatte auch mit dieser neuen Verbindung kein Glück; Juan starb noch im Jahre seiner Eheschließung (1497). Für das Haus Habsburg sollte die Ehe Philipps »des Schönen« die bedeutendsten Folgen haben. Sie begründete den Aufstieg der Habsburger zur Weltmacht. Philipps ältester Sohn Karl sollte als Kaiser Karl V. ein Reich beherrschen, in dem die Sonne nicht unterging. Neuer französischer Vorstoß nach Italien
Im Jahre 1498 starb König Karl VIII. von Frankreich. Sein Nachfolger, Ludwig XII. (1498-1515), nahm alsbald die Italienpolitik Karls VIII. wieder auf. Er erneuerte nicht nur die Ansprüche auf Neapel, sondern er richtete seine Blicke auch auf Oberitalien, wo er von einer Großmutter her Ansprüche auf das Herzogtum Mailand hatte. Sein Unternehmen war diplomatisch gründlicher vorbereitet als der Zug seines Vorgängers Karls VIII. Spanien zog er durch das Versprechen, das Königreich Neapel zu teilen, zu sich herüber. Papst Alexander VI. erhoffte sich für seinen Sohn Alexander Borgia ein Fürstentum, das ihm nur der französische König gewähren konnte. Venedig suchte ebenfalls Anschluss bei Frankreich. König Maximilian I. hörte wohl die Hilferufe seines lombardischen Partners, des Herzogs Ludovico von Mailand, aber helfen konnte er nicht. Im Jahr 1499 schlug König Ludwig XII. von Frankreich los. Er eroberte Mailand und gliederte das Herzogtum seinem Reich ein. Ludovico geriet in die Hände der Franzosen und blieb bis zu seinem Tode in französischer Haft (1508). Die Schätze Mailands flossen in französische Kassen. Das Königreich Neapel wurde zwischen Spanien und Frankreich geteilt. Zwar konnten sich die Franzosen im Süden nicht lange halten, aber der Norden mit seinen reichen Hilfsquellen blieb vorläufig in ihrem Besitz. Maximilians I. Ansehen war tief gesunken. Der Mann der Stunde war König Ludwig XII. von Frankreich. Bei ihm suchten die kleinen italienischen Potentaten Schutz; er hatte den Papst auf seiner Seite. König Maximilians I. eigener Sohn, Philipp »der Schöne«, Schwiegersohn des spanischen Königs, suchte den Frieden mit Frankreich. Die Entwicklung im Reich unter Maximilian I.
Auch im Reich selbst gab es um diese Zeit Rückschläge und Enttäuschungen. Die Schweizer, die durch ihren kriegerischen Ruf und ihre Siege sehr selbstbewusst geworden waren, hatten ihre Abneigung gegen die Habsburger auf das Reich übertragen und betrieben unverhüllt ihre Loslösung aus dem Reichsverband. So lehnten sie auch die Reformbeschlüsse des Reichstags von Worms, Reichskammergericht und Gemeinen Pfennig, ab und suchten und fanden Anlehnung bei Frankreich. In der Südwestecke des Reiches kam es im sogenannten »Schwabenkrieg« zu schweren Kämpfen zwischen den Eidgenossen und ihren Nachbarn, unter denen das Land entsetzlich litt. Zwar wurde der Reichskrieg gegen die Schweiz erklärt, da es aber an Geld und Truppen fehlte, blieben die Schweizer Sieger. Im Frieden von Basel (1499) wurden sie von den Wormser Beschlüssen von 1495 freigesprochen und damit praktisch aus dem Reich entlassen. Ihr Beispiel wirkte hinüber ins Schwäbische, wo Städte und Bauern mit der Schweiz zu sympathisieren begannen. Maximilian I. und die SchweizerKaiser Maximilian I. verhandelt mit den Schweizer Eidgenossen – ein Vorgang, der einige Jahrzehnte zuvor noch undenkbar gewesen wäre. Aus: Luzerner Chronik des Diebold Schilling (1505/13). Luzern, Zentralbibliothek. Nach diesen Niederlagen wusste sich König Maximilian I. auf dem Reichstag von Augsburg (1500) mit der Bildung eines Reichsregiments, d. h. eines Ständeausschusses abfinden, der dazu gedacht war, den König von der Regierungsgewalt fernzuhalten. Es wurde sogar daran gedacht, ihm den Oberbefehl über das Reichsheer zu entziehen. Von einer Beteiligung am Krieg gegen Frankreich konnte überhaupt keine Rede sein. Einen kleinen Erfolg konnte König Maximilian I. auch in diesem Jahr verbuchen. Die Familie der Grafen Görz starb 1500 aus. Ihre Besitzungen in Kärnten und Friaul fielen an Maximilian I. Wichtiger für die Zukunft des Gesamthauses war ein familiäres Ereignis. Am 24. Februar 1500 wurde in Gent Maximilians I. erster Enkel geboren: Karl, der Sohn Philipps »des Schönen« und Juanas (Johannas »der Wahnsinnigen«), der 19 Jahre später seinem Großvater als Römischer König folgen sollte. Im Augenblick galt es für Maximilian I., den Schwächezustand zu überwinden und wieder Handlungsfreiheit zu gewinnen. Zwar waren seine Möglichkeiten durch den Geldmangel und den Widerstand der Fürsten beschränkt; aber es gelang ihm, das Reichsregiment abzuschütteln und sich gegen die kurfürstliche Opposition zu behaupten. Ein paar Jahre später, 1503/04, konnte er, ohne auf nachhaltigen Widerstand zu stoßen, aus einem Familienstreit der Wittelsbacher Gewinn ziehen. Er erhob sich zum Schiedsrichter und bezahlte sich selbst auf baierische Kosten mit der Annexion der Ämter Kufstein, Kitzbühel und Rattenburg. Wechselnde Allianzen – Siege und Niederlagen
Voraussetzung für die neue Politik war die Bereitschaft Maximilians I., seine bisherige Außenpolitik zu überdenken und zu revidieren. Seit 1501 begann er auf Drängen seines Sohnes, sich Frankreich anzunähern. Auf den Friedensschluss von Trient (1501) folgte 1504 der Vertrag von Blois, der alle bisherigen Streitpunkte auszuräumen schien. Maximilian I. belehnte den französischen König Ludwig XII. mit dem Herzogtum Mailand und erhielt die Zusage, dass Ludwigs Tochter, ausgestattet mit reicher Mitgift, Maximilians Enkel Karl (V.) heiraten solle. Zwar war der Bräutigam erst vier Jahre alt. Doch Ludwig XII. hatte ja sowieso nicht die Absicht, diese oder andere Vereinbarungen zu halten. Kaum war er mit Mailand belehnt, verheiratete er seine Tochter mit seinem Neffen und späteren Nachfolger Franz. Maximilian I. ließ die Dinge auf sich beruhen, denn ihm schien der Zeitpunkt gekommen, sich in Rom endlich die Kaiserkrone zu holen. So weit kam er aber nicht. In Italien erhoben sich Widerstände gegen einen Romzug; der Papst hielt sich in dieser Frage zurück. So verzichtete König Maximilian I. auf eine Krönung im Stile mittelalterlicher Kaiserherrlichkeit. Statt dessen ließ er sich am 4. Februar 1508 mit päpstlicher Zustimmung im Dom von Trient zum Kaiser proklamieren und nannte sich »Erwählter Römischer Kaiser«. Der erste Feldzug des neuerwählten Kaisers gegen Venedig endete mit einer vollständigen Niederlage. Dennoch hielt Kaiser Maximilian an seiner Absicht, Venedig vom Festland zu verdrängen, fest, und in dieser Absicht wusste er sich zu diesem Zeitpunkt mit Frankreich und Papst Julius II. (1503-1513) trotz des gegenseitigen Misstrauens einig. Wieder fand sich eine Heilige Liga (Liga von Cambrai) zusammen, diesmal mit der Spitze gegen Venedig. Die Anfangserfolge der Franzosen waren verheißungsvoll. Ihr Sieg bei Agnadello (1508) zerstörte Venedigs Landmacht. Als aber Kaiser Maximilian sie zu weiterem gemeinsamem Handeln aufrief, versagten sie ihre Mitwirkung, denn es war ihnen nicht daran gelegen, Venedigs Festlandterritorium für ihn zu erobern. Die Liga begann sich endgültig aufzulösen, als der Papst – nachdem die Romagna in Besitz genommen war – sich mit Venedig zu verständigen begann und seinerseits mit Spanien, Venedig und den Eidgenossen eine »Heilige Liga zur Befreiung Italiens« gründete und zur Vertreibung aller Fremden aus Italien aufrief. In dieser Zeit der allgemeinen Verwirrung, der schnell wechselnden Bündnisse und der unübersichtlichen Interessen beschäftigte sich Maximilian I. mit dem merkwürdigsten Plan seines an Plänen reichen Lebens. Er erwog ernsthaft den Gedanken, sich selbst zum Papst, d. h. zum Gegenpapst gegen Julius II., wählen zu lassen. Ein papstfeindliches Konzil, das auf Betreiben der Franzosen in Pisa tagte, hätte er vielleicht für diesen Schachzug gewinnen können. Bei Kaiser Maximilian mischten sich politische Überlegungen, vor allem der Gedanke an die kirchlichen Einkünfte in Deutschland und machtpolitische Erwägungen im Hinblick auf den Kampf um Italien mit unzeitgemäßen Träumen von Kaiserherrlichkeit und Kreuzzug. Angesichts der Enttäuschungen, die ihm die Franzosen immer wieder bereitet hatten, gab er schließlich dem Werben des Papstes nach und wandte sich von Frankreich ab und trat – gemeinsam mit Heinrich VIII. von England – der italienischen Liga des Papstes bei, mit dem Ziel, diesmal Frankreich einzukreisen. Vorübergehend sah es so aus, als sollten die Franzosen tatsächlich aus Italien vertrieben werden. Die Schweizer warfen sie aus Mailand (1512) und drangen in Burgund vor; der Kaiser kämpfte erfolgreich in den Niederlanden. Andererseits gelang es Ludwig XII., Schottland gegen England zu mobilisieren. Aber der entscheidende Schlag blieb aus. Die Mächte waren kriegsmüde geworden. Der neugewählte Papst Leo X. (1513-1521) und Spanien suchten den Frieden mit Frankreich. England gab sich mit einer bedeutenden Kriegsentschädigung zufrieden, und die Eidgenossen erhielten außer Geld auch noch das Herzogtum Mailand von Frankreich. Maximilian I. stand wieder allein, seine Mittel waren verbraucht, und von den Reichsfürsten hatte er nichts zu erwarten. Der große Kampf um Italien schien beendet. Da starb am 1. Januar 1515 König Ludwig XII. von Frankreich. Sein jugendlich-ehrgeiziger Nachfolger Franz I. (1515-1547) gab sich mit der unentschiedenen Partie nicht zufrieden. Als dritter französischer König in Reihe brach er in Italien ein. Mithilfe deutscher Landsknechte besiegte er im Oktober 1515 in einer zweitägigen Schlacht die Schweizer bei Marignano, vertrieb sie aus Mailand und zerstörte mit diesem Sieg ihren legendären Kriegsruhm. Von ihrer kurzlebigen Großmachtstellung in Oberitalien blieb ihnen nur der Kanton Tessin und der Entschluss, eine dauernde, ewige Neutralität zu behaupten. Da außer Venedig auch der Papst auf die Seite der Franzosen trat, sah sich Kaiser Maximilian I. noch einmal gezwungen, allein und auf sich gestellt den Kampf um Reichsitalien, d. h. im Wesentlichen um Mailand, aufzunehmen. Verhandlungen lehnte der französische König Franz I. ab. Wie wenig zuversichtlich der alternde Kaiser diesen letzten Italienzug antrat, geht schon daraus hervor, dass er seinen Sarg mitführen ließ. Er kam bis Mailand, aber den Angriff wagte er nicht. Misstraute er dem Kampfgeist seiner Landsknechte oder gar ihrer Treue? Karl der Kühne war in seiner letzten Schlacht von Söldnern verraten und wahrscheinlich heimtückisch ermordet worden; Ludovico il Moro, der frühere Herzog von Mailand, war von seinen Soldaten an die Franzosen ausgeliefert worden. Die kaiserlichen Kriegsknechte begannen zu meutern, da ihnen der Sold nicht ausgezahlt werden konnte. Da brach der Kaiser den Feldzug ab. Mit wenigen Getreuen rettete er sich, begleitet vom Hohn und von den Drohungen der wütenden Söldner, nach Tirol. Damit endete der letzte Versuch, Mailand beim Reich zu halten, mit einer Katastrophe. Der Waffenstillstand zwischen Kaiser Maximilian I. und König Franz I. von Frankreich in Brüssel (1. Dezember 1516) brachte bescheidenen Gewinn an der Südgrenze Tirols. Die großen Gewinner waren Frankreich und Venedig, mit denen sich der Kaiser rund zwanzig Jahre lang gestritten hatte. Quälende Finanzfragen
Der Erfolg der Sieger war verständlich, wenn man ihre überwältigenden finanziellen Möglichkeiten in Betracht zieht, denen Maximilian I. zu keiner Zeit etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen hatte; weder dem sprichwörtlichen Reichtum der alten Seerepublik Venedig, noch der straffen Finanzverwaltung Frankreichs. Dank ihrer finanziellen Überlegenheit konnten sie Söldner mieten, ohne ständig befürchten zu müssen, dass ihre Heere nach ein paar Wochen auseinanderfielen; konnten sie Geld in diplomatische Kanäle fließen und auf Politiker und Herrscher wirken lassen. Maximilian I. hatte diese Schwäche des deutschen Königtums erkannt und versucht, Abhilfe zu schaffen. Maximilians I. FeuerwaffenModerne FeuerwaffenMaximilian förderte nicht nur den Ausbau der Söldnertruppen, sondern auch die Armierung derselben mit Geschützen, hier aufgestellt im Hof des Innsbrucker Zeughauses. Zeichnung von Jörg Kölderer, um 1507. Aus: »Zeughausbuch Maximilians I«. Wien, Österreichische Nationalbibliothek. Wir haben gesehen, dass er zu Beginn seiner Regierungszeit den Versuch unternahm, mit dem Gemeinen Pfennig eine allgemeine Reichssteuer durchzusetzen und dem Reich regelmäßige Einnahmen zu verschaffen. Wir haben aber auch darauf hingewiesen, wie widerstrebend diese Steuer geleistet wurde und wie dünn die Einnahmen flossen. Gewiss liegt es nahe, den Reichsständen Egoismus und Kurzsichtigkeit vorzuwerfen, denn viele von ihnen vermochten nicht einzusehen, dass nur ein starker König Schutz bieten konnte gegen die Expansionsbestrebungen Frankreichs und gegen die immer bedrohlicher heranrückenden Türken. Manchen mochte es stören, dass die habsburgischen Interessen mit denen des Reichs zusammenfielen, sodass der Schutz des Reiches in Ost und West unmittelbar auch dem Hause Habsburg zugute kam. Im übrigen ist es begreiflich, dass ein biederer und hausväterlich wirtschaftender Landesherr nicht immer Verständnis für italienische oder burgundische Verhältnisse aufbrachte. Vom Reich hatte also Kaiser Maximilian kaum etwas zu erwarten. Für seine Politik wurden demnach in erster Linie die Erblande herangezogen. Immer neue Verwaltungsreformen sollten die Finanzkraft dieser Länder heben, aber ihre Leistungsfähigkeit war durch Türken-und Ungarnkriege, durch Raubzüge und Plünderungen empfindlich geschwächt. Selbst die Niederlande, einst wohlhabend und üppig, waren durch die jahrelangen Kriege und Bürgerkriege ausgesogen. Obwohl sich Kaiser Maximilian I. fast immer in finanziellen Nöten befand, liebte er es, großartig zu repräsentieren, großzügig zu schenken und das Geld hinauszuwerfen, wenn das Ansehen seiner Person und seines Hauses auf dem Spiel stand. Wenn ihm die Schulden über den Kopf wuchsen oder ihn die Gläubiger plagten, dann griff er wohl auch zu bedenklichen Mitteln und zu höchst unköniglichen Aushilfen. Dann waren nicht einmal die Truhen mit den Kreuzzugsgeldern vor ihm sicher; dann presste er den Juden rücksichtslos Schutzgelder ab. Beschämend war das Verhalten gegenüber seiner zweiten Frau, Bianca Maria Sforza. Als ihr ansehnliches Heiratsgut verbraucht war, kümmerte er sich kaum mehr um sie. Oft genug wurde sie in den Städten des Reiches pfandweise festgehalten, weil ihr hoher Gemahl nicht für ihre und ihres Hofstaats Schulden aufkommen wollte. Doch mit solchen kleinen und teils recht schäbigen Winkelzügen waren weder kostspielige Kriege zu finanzieren, noch genügten sie für seine sonstigen Aufwendungen, unter denen, wie bereits erwähnt, die Förderung künstlerischer und wissenschaftlicher Leistungen einen bemerkenswerten Platz einnahmen. Maximilian I. knüpfte bereits früh enge Verbindungen zu deutschen Bank- und Handelshäusern, wie den Fuggern, den Welsern und Gossembrot. Bereitwillig gewährten sie dem König und später dem Kaiser die Darlehen, die er brauchte, mochte er auch den Kreditrahmen gelegentlich gefährlich überspannen; denn für die Summen, die er kaum mehr zurückzahlen konnte, gab es ansehnliche Vergünstigungen in Handel und Bergbau. So sicherte sich z. B. Jakob Fugger die Ausbeutung der Tiroler Silber- und Kupferminen. Obwohl schließlich fast alles verpfändet war, worüber Maximilian I. verfügen konnte, sah er sich am Ende der zwanzig Kriegsjahre vor einem riesigen Schuldenberg, unter dem die Bevölkerung der heruntergewirtschafteten Erblande stöhnte – ein hoher Preis für die Kaiserkrone (denn recht viel mehr war ihm von seiner Italienpolitik nicht geblieben); aber nicht zu hoch für einen Herrscher, der mehr an die künftige Größe seines Hauses und an die Nachfolge seines Enkels Karl (V.) dachte. Maximilian I. Achensee»Jagen und Fischen am Achensee«, eine der anschaulichen Illustrationen höfischen Lebens aus dem Tiroler »Fischereibuch Maximilians I.«. Wien, Österreichische Nationalbibliothek. Maximilians I. dynastische Pläne und Heiratspolitik
Große dynastische Pläne hatte Maximilian I. mit seinem Sohn Philipp »dem Schönen« verfolgt, dessen spanisch-burgundisches Erbe in seinen Vorstellungen zur Grundlage eines übermächtigen Kaisertums werden sollte. Diese Konstellation hätte die Vormachtstellung des Hauses Habsburg in Europa gesichert und die Fürsten des Reiches zu politischen Zwergen herabgedrückt. Da starb Philipp »der Schöne« am 25. September 1506; sein Sohn Karl (V.) war ein Kind von sechs Jahren. Maximilian trauerte um seinen Sohn, griff aber auch energisch zu und sicherte seinem Haus die Ansprüche in Spanien und im ehemaligen burgundischen Reich, vor allem in den Niederlanden. Das war die Stunde, in der sich Maximilians Tochter Margarete als kluge Politikerin bewähren sollte. Wie erinnerlich, war sie als Kind mit dem französischen Kronprinzen Karl (VIII.) verlobt worden, hatte später Juan von Spanien geheiratet und im gleichen Jahr wieder verloren (1497). 1501 heiratete sie den Herzog Philibert II. von Savoyen; drei Jahre später war sie zum zweiten Mal Witwe. Als sie der Politik ihres Vaters zuliebe noch einmal, diesmal König Heinrich VII. von England, heiraten sollte, da weigerte sie sich. Statt dessen – und damit diente sie der Politik ihres Vaters und den Interessen ihres Hauses gewiss nicht weniger – ging sie als Statthalterin für ihren Neffen Karl in die Niederlande (1507). Dort entfaltete sie eine höchst segensreiche Tätigkeit und gewann bald die Zuneigung des Volkes. Daneben widmete sie sich der Erziehung ihres Neffen, der bald mehr Niederländer als Spanier war. Eine günstige Entwicklung zeichnete sich auch im Osten ab. Es war in einem früheren Abschnitt schon die Rede vom Friedensschluss zu Preßburg (1491), der den Habsburgern die Aussicht auf die Krone Ungarns eröffnete: Als eine nationalungarische Partei diese Abmachungen verwarf und für den Fall von König Wladislaws II. (= Wladislaw V. von Böhmen) Tod einen geborenen Ungarn vorsah, rückte Maximilian I. in Ungarn ein (1505). Er zog sich allerdings wieder zurück, als dem ungarischen König ein Sohn Ludwig geboren wurde (1506). Die Erbaussichten der Habsburger schienen wieder in weite Ferne zu rücken. Immerhin einigte man sich 1507 auf eine österreichisch-ungarische Doppelhochzeit. Die Feier fand im Juli 1515 statt. Maximilian I. hatte die Könige von Polen und Ungarn, Sigismund I. und Wladislaw II., zu einem Kongress eingeladen. Es ging ihm darum, die beiden Könige für eine gemeinsame Haltung gegen die Türken zu gewinnen, die unter dem Sultan Selim I. einen neuen Krieg vorbereiteten. König Wladislaw II. von Ungarn, der einem türkischen Angriff am ersten ausgesetzt war, griff den Bündnisgedanken eifrig auf; König Sigismund von Polen wusste erst durch Zugeständnisse gewonnen werden. Außerdem suchte Kaiser Maximilian I. auch durch die Fühlungnahme mit Russland Druck auf Polen auszuüben. Vergessen wir nicht, dass der Kongress in Wien in dem Augenblick stattfand, da König Franz I. von Frankreich sich Oberitaliens bemächtigte und die kaiserliche Italienpolitik endgültig zusammenbrach. Um so wichtiger war eine Festigung der habsburgischen Position im Osten durch die geplanten Heiraten, die Maximilians I. Politik krönen sollten. Übrigens wurde das aufwendige Fest von den Fuggern finanziert, die nach den ungarischen Kupferminen blickten, da sie das europäische Kupfermonopol anstrebten; und in der Tat erhielten sie die Konzessionen in Ungarn und Tirol. Die Hochzeitsfeiern im Stephansdom zu Wien wurden zu einem Höhepunkt kaiserlicher Prachtentfaltung. Allerdings waren die Brautleute noch recht jung, wie wir das von anderen politischen Verbindungen her kennen; in einem Fall stand noch nicht einmal der Name fest. Folgendes war vorgesehen: Der ungarisch-böhmische Thronfolger Ludwig (II.), Jahrgang 1506, heiratete die Enkelin Kaiser Maximilians, Maria von Spanien, Jahrgang 1505. Für die ungarisch-böhmische Prinzessin Anna, Jahrgang 1502, war einer der Kaiserenkel vorgesehen, Karl oder Ferdinand, die Söhne Philipps »des Schönen«. Am Ende ward Ferdinand, der spätere Kaiser Ferdinand II., Jahrgang 1503, zum Bräutigam ausersehen, denn Karl, der spätere Kaiser Karl V., war für die eben geborene Prinzessin Luise von Frankreich vorgesehen. Allerdings kam auf diesen letzten Plan später niemand mehr zurück. Maria von BurgundMaria von Burgund – Mensch der Spätgotik. Die Gemahlin Maximilians I. am Fenster eines gotischen Domes vor der Muttergottes. Miniatur aus dem großen Gebetbuch der Königin, um 1480. Wien, Österreichische Nationalbibliothek. Mit den Ehestiftungen von 1515 setzte Kaiser Maximilian I. konsequent die Heiratspolitik fort, die er und sein Vater einst mit der burgundischen Hochzeit begonnen und mit den spanischen Hochzeiten fortgesetzt hatten. Es ist allerdings nicht zu übersehen, dass es dabei auch blamable Rückschläge gegeben hatte; man erinnere sich vor allem des »Brautraubs von Bretagne«. Auch andere Fürsten dieser Zeit (und nicht nur dieser Zeit) betrieben planvoll Heiratspolitik, um Bündnisse zu festigen oder mit dem Blick auf künftige Erbschaft und Rangerhöhung. Selbst Päpste entwickelten viel Familiensinn, wenn es darum ging, ihre Verwandtschaft aussichtsreich zu verheiraten. Erinnert sei an die Heiratspolitik, die Papst Alexander VI. (Borgia) mit seiner Tochter Lucrezia betrieb. Nun war für Kaiser Maximilian I. weder 1496 bei der spanischen Doppelhochzeit, noch 1515 bei der ungarisch-böhmischen vorhersehbar, dass der jeweilige Erbfall so bald eintreten sollte und dass seine Enkel außer den bereits in Familienbesitz befindlichen Kronen noch die Kronen Spaniens, Neapels, Böhmens und Ungarns tragen sollten. Die Kaiser Friedrich III. und Maximilian I. hatten Glück mit ihrer Heiratspolitik – mehr Glück, Erfolg und Lohn jedenfalls als in ihren sämtlichen Kriegen. So trifft auch der lateinische Zweizeiler zu, der zu dieser Zeit von einem Humanisten niedergeschrieben wurde:
Bella gerant alii, tu, felix Austria, nube!
Nam quae Mars aliis, dat tibe regna Venus.

(Lasst die anderen Kriege führen! Du, glückliches Österreich, heirate! Denn die Reiche, die den anderen Mars schenkt, die schenkt dir Venus.) Die Krönung der Familienpolitik Kaiser Maximilians in den letzten Jahren seines Lebens wäre die Wahl seines Enkels Karl zum »Römischen König« gewesen. Karl wäre damit zum ersten Anwärter auf die Kaiserkrone nach dem Tod Maximilians I. geworden. Aber die Kurfürsten zögerten und feilschten, bis es für Maximilian I. zu spät war. Er sollte die Wahl nicht mehr erleben. Letzte Pläne und Ende Kaiser Maximilians I.
Noch etwas bewegte Kaiser Maximilian I. bis zu seinem Ende, der Gedanke an den großen Türkenkreuzzug, zu dem er im Laufe seines bewegten Lebens nie Zeit und Geld gehabt hatte. Jetzt, im Jahre 1518, ein Jahr vor seinem Tod, schienen Frankreich, England und der Papst zu gemeinsamem Handeln bereit. Der Kaiser, der sich als Führer des christlichen Europas fühlte, holte seinen alten, weitausgreifenden Kreuzzugsplan hervor, der eine ungeheure Zangenbewegung gegen die Türken vorsah. Der polnische König sollte durch Ungarn gegen die untere Donau vorrücken, der französische König über Italien nach dem Balkan. Karl, der Enkel Maximilians, sollte von Spanien aus über Nordafrika und Palästina gegen Kleinasien ziehen – ein fantastischer, wahrhaft kaiserlicher Plan, der überdies den Mittelmeerraum dem spanischen Reich Karls unterworfen hätte. Der alte Kaiser war bereit, selbst mitzuziehen und auch sein Leben hinzugeben, wie einst Barbarossa, der vom Kreuzzug nicht mehr zurückgekehrt war – ein kaiserliches Ende im Sinne mittelalterlicher Ideale. Aber die Gegenwart sah nüchterner aus. Die Reichsfürsten nörgelten und zauderten. Sie misstrauten den Absichten des Kaisers und des Papstes und hatten keinen Blick für das Ausmaß der Türkengefahr. Aber der Kreuzzugsgedanke hatte sich aus anderen, tiefreichenden Gründen überlebt. Am 31. Oktober 1517 hatte Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlicht. Im Reich erhob sich ein Sturm antipäpstlicher und antirömischer Erregung, der jeden Gedanken an einen Kreuzzug hinwegfegte. Der sich abzeichnende Glaubenskampf bewegte die Herzen, nicht mehr der Kampf gegen die sogenannten Ungläubigen. Da bedurfte es schon der Bedrohung Wiens, damit sich die Christen wieder in eine Front stellten. Kaiser Maximilian I. mochte nicht mehr streiten, weder mit dem Reichstag, noch mit dem Tiroler Landtag in Innsbruck, den er um Geld anging. Die Ironie der Geschichte wollte es; dass ihm, der zeit seines Lebens in finanziellen Nöten gesteckt hatte, eine letzte Kränkung widerfuhr. Die Wirte von Innsbruck weigerten sich, seine Begleitung zu beherbergen, da von früher her noch Rechnungen offenstanden. Vom Tode gezeichnet reiste der Kaiser zu Schiff weiter nach Österreich. In Wels starb er am 12. Januar 1519 an einem Krebsleiden. Seine letzte Ruhe fand er in Wiener Neustadt, wo er knapp 60 Jahre vorher geboren war. Sein Grabmal aber steht in der Hofkirche zu Innsbruck. Kaiser Maximilian I. wollte, wie mit seinen autobiografischen Schriften, so auch mit den Ausmaßen und Inhalten seines Grabmals dazu beitragen, die Erinnerung an sein Leben und Werk, an sein Wollen und Streben wachzuhalten. Seit 1502 arbeitete, mit Pausen freilich, eine Reihe von Künstlern, zu denen auch der Erzgießer Peter Vischer aus Nürnberg zählte, an dem monumentalen Grabdenkmal. Wie vieles in seinem Leben blieb auch dies Denkmal unvollendet, bzw. wurde erst nach seinem Tod vollendet und im Auftrag seiner Nachfahren in der Hofkirche zu Innsbruck aufgestellt. Was dort heute zu sehen ist, gehört zum Merkwürdigsten und Eindrucksvollsten, was die Renaissanceplastik im deutschen Raum hervorgebracht hat. Auf dem reichgeschmückten Kenotaph (= Leergrab) kniet die Gestalt des Kaisers, flankiert von den Standbildern der Tugenden. Rings im Kreis stehen 28 (statt der geplanten 40) lebensgroße Erzbilder der »Vorfahren« des toten Kaisers, zu denen großzügig unter anderen auch König Artus, König Theoderich der Große und Kaiser Karl der Große gerechnet werden, so wenig sie mit Kaiser Maximilian I. auch genealogisch zu tun haben mochten. Aber Kaiser Maximilian I. stellte sich bewusst in diese hohe Ahnenreihe, kraft seines Amtes, von dem er zeit seines Lebens eine so hohe Meinung hatte. Der Enkel Karl V., der am 28. Juli 1519 zum »Römischen König« gewählt wurde, vereinigte dann in der Tat eine Ländermasse, wie sie seit Karl dem Großen nicht mehr unter einem einzigen Herrscher vereint war.