We are all Children of God, oder nicht?

In den letzten Jahren ist im Westen ein so starkes neues Interesse an der religiösen Dimension des Lebens offenkundig geworden, das einige Beobachter von einer »religiösen Renaissance« sprechen. Großenteils findet diese Wiedergeburt jedoch außerhalb der Strukturen der traditionellen kirchlichen Institutionen statt. Teilweise entstammt sie den Bemühungen, die Kluft zwischen der modernen Naturwissenschaft und den überlieferten religiösen Weltanschauungen zu überbrücken, teilweise dem Aufbruch »Neuer Religionen«, von denen die meisten durch asiatische Religionen beeinflusst sind. Wissen und Glauben
Gewöhnlich wird der Beginn des Konfliktes zwischen christlicher Kirche und Naturwissenschaft auf das 16. Jahrhundert datiert, als Copernicus (1473-1543) und Galilei (1564-1642) erkannten, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Die Kirche sah das copernicanisch-galileische Weltbild als Bedrohung der biblischen Auffassung von der Erde als dem unbewegten Mittelpunkt des Universums und hielt seither die Forderung nach Naturerkenntnissen oft genug für unvereinbar mit den Forderungen des christlichen Glaubens. Schließlich gewann die Wissenschaft dank ihrer Überzeugungskraft und ihrer praktischen Erfolge die Oberhand, und die wissenschaftliche Weltsicht setzte sich durch. Nach diesem Gang der Ereignisse triumphierte das Vernunft- und Wissensideal über den bloßen Glauben. In den letzten Jahren hat man jedoch – zu einem großen Teil durch östliche Lehren angeregt – sowohl die Wissenskomponente der Religion als auch die Glaubenskomponente der Wissenschaft deutlicher erkannt. In der Psychologie wird jetzt zum Beispiel allgemein anerkannt, dass die großen Mystiker aller Religionen Aspekte der menschlichen Natur wahrnahmen, die der Sicht moderner Wissenschaft bisher entgangen waren. Demzufolge werden Bewusstseinszustände zu einem zunehmend wichtigen Forschungsgegenstand westlicher Psychologen. Der Schwerpunkt der Untersuchungen verlagert sich von den pathologischen oder halluzinatorischen Zuständen auf das Studium von Bewusstseinszuständen, die sich durch eine gesteigerte allgemeine Intelligenz, durch moralische Kraft und ein kosmisches Mitgefühl auszeichnen. Im Lichte dieser Studien erscheint das »normale Bewusstsein« als begrenzt. Eine solche Sicht ist insofern revolutionär, als die Verstehens- und Erklärungsfähigkeit eines Menschen als abhängig von dessen jeweiligem Zustand begriffen wird. Dies fordert das orthodoxe wissenschaftliche Wirklichkeitsverständnis entschiedener heraus als alle Argumente einer buchstabengläubigen Bibelinterpretation. Vielleicht sogar ist die Menschheit nur deshalb in ihre heutige heikle Lage gekommen, weil sie sich einem minderen Bewusstseinszustand hingegeben hat. Schlüsselfragen
Außer vielen Psychologen und Psychotherapeuten, die geistig seelische Prozesse im Lichte traditioneller religiöser Lehren studieren, wenden sich auch Physiker den östlichen Vorstellungen von der Weltordnung zu. In der Medizin gibt es ebenfalls bedeutende Bestrebungen, alte Heilungssysteme – wie die chinesische Akupunktur – auszuwerten, die in einer geistigen Auffassung der menschlichen Natur und einer nichtmaterialistischen Sicht des Universums wurzeln. Zugleich praktizieren viele Menschen im Westen die Meditation im Rahmen des Buddhismus oder des Hinduismus. Die drei entscheidenden Fragen
1. Können sich heutige Menschen der Meditation mit derselben Entschlossenheit zuwenden wie die Menschen früher ihrer traditionellen Kultur, die ihnen z. B. in der Sittenlehre eine Stütze und ganz allgemein Nahrung für ihre geistigen Bedürfnisse bot?
2. Wird der moderne Mensch von diesen Fragmenten alter Überlieferungen in derselben egoistischen Weise Gebrauch machen, wie er die großen modernen wissenschaftlichen Entdeckungen zur Ausbeutung der Natur genutzt hat?
3. Wird er sich zu der Innenwelt ähnlich verhalten wie zu seiner äußeren Umwelt? Die »Neuen Religionen«
Die Zweideutigkeit der gegenwärtigen religiösen Renaissance wird schlagartig an den »Neuen Religionen« deutlich, die im letzten Jahrzehnt besonders in den USA Wurzeln geschlagen haben. Tausende von Gruppen, große und kleine, bildeten sich um Lehrer aus asiatischen Ländern. Zugleich fand die Wiederbelebung eines fundamentalistischen Christentums statt, das die gefühlsmäßige Bindung an die Person Christi betont. Es ist bemerkenswert, dass die Anhänger der »Neuen Religionen« dazu neigen, nur jene Teile der alten Tradition zu übernehmen, die relevant oder attraktiv erscheinen. Kann aber ein Teil einer Tradition zu dem Ergebnis führen, das einst die ganze Tradition erforderlich machte? In der Geistesgeschichte der Menschheit war die Neigung des Verstandes, aus einer Lehre nur die jeweils passenden Aspekte auszuwählen und damit aus einem beziehungsvollen Ganzen eine subjektive Religion zu schaffen, immer ein Problem. Dies ist vielleicht die grundlegende Bedeutung des Begriffs Idolatrie (Bilderverehrung) in der jüdisch-christlichen Lehre: Der Mensch darf sich seinen Gott nicht selbst schaffen. Viele Lehrer, die aus Asien in den Westen gekommen sind, setzen sich jetzt mit dieser Frage auseinander. Doch keiner kann sagen, ob es ihnen gelingen wird, dem modernen Menschen das innere Wesen ihrer Religionen bei gleichzeitiger Anpassung ihrer äußeren Aspekte an modernes Empfinden zu vermitteln.