Der Humanismus

Es ist zwar nicht möglich, für die Renaissance genaue Daten anzugeben, doch sicher ist das herkömmliche Bild von der »Wiedergeburt« des schöpferischen und lernenden Geistes, nach den finsteren Zeiten des Mittelalters, längst überholt. Die neue Bewegung war nicht so vollständig neu, und sie bedeutete auch nicht den Tod aller mittelalterlichen Kreativität. Diese Einschränkung soll aber das Gewicht dieser Epoche nicht schmälern, die man vom 14. bis zum späten 16. Jahrhundert datiert: Eine neue Begeisterung für die klassisch-antike Kultur war erwacht, der Literatur jenes Zeitalters brachte man uneingeschränkte Hochachtung entgegen. Das Wiedererwachen der Klassik
Die Begeisterung für die Klassiker ging von Francesco Petrarca (1304-74) aus, der an klassischen Texten arbeitete und seine eigenen Dichtungen teils in italienischer, teils in lateinischer Sprache schrieb. Die italienischen Städte, die im 15. Jahrhundert zu Reichtum und Wohlstand gekommen waren, entwickelten sich zu Zentren einer an der Klassik orientierten Gelehrsamkeit, die auch außerhalb der Universitäten gedieh und unter dem Patronat der jeweils ansässigen Patrizier stand. Diese Begeisterung galt nicht zuletzt auch der Kultur und dem Denken der vorchristlichen Welt. Durch den Aufenthalt des byzantinischen Gelehrten Manuel Chrysoloras (um 1350-1415) in Florenz wurde diese Stadt berühmt für ihre Studienmöglichkeiten, besonders des Griechischen, Marsiglio Ficino (1433-99) errichtete eine Akademie für die Studien der Antike sowie Kollegs über Platons Schriften. Mit wissenschaftlicher Akribie suchte, sammelte und edierte man alte Handschriften. Dieser Eifer machte selbst nicht vor einer Textkritik an der Bibel und der Konstantinischen Schenkungsurkunde halt. Deren Analyse durch Laurentius Valla (1405 oder 1407-57) leitete die Entwicklung einer neuen philosophischen Disziplin ein, deren Ziel die vollständige Wiederherstellung des Urtextes war. Im bürgerlich-weltlichen Lager in den Städten und teilweise auch bei dem weltorientierten Klerus in Italien glaubte man, das neue Gelehrtentum müsse in erster Linie weltlich, d. h. nicht-kirchlich sein. Die Patrizier und Gelehrten waren von den Leistungen des Menschen fasziniert, sie vertraten die Auffassung, dass das Geschick des einzelnen wie der Menschheit überhaupt darauf beruht, dass jeder sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Die Beschäftigung mit dem antiken Rom rückte das Goldene Zeitalter wieder in greifbare Nähe, denn in jener Zeit hatte menschliches Streben nach Vollkommenheit einen Gipfel erreicht. Die Richtung dieses Denkens wurde von Leonardo Bruni (1370-1444) humanitas (Humanismus) getauft, von ihm stammt die lateinisch verfasste »Geschichte von Florenz«, die durchweg von antiken Vorbildern inspiriert ist. Seine Schrift »De studiis et litteris« (1422-25) ist ein humanistisches Bildungsprogramm. Da Italien Zentrum aller Handelsstraßen im Mittelmeerraum geworden war, verbreitete sich die neue Bewegung mit dem Handel und Wandel rasch in Europa. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts ist der Einfluss des italienischen Humanismus auf die französischen Gelehrten bereits nachweisbar. Humanisten wie Jacques Lefevre d’Etaples (1450-1537) oder Guillaume Bude (1467-1540) betrieben etymologische und philologische Studien griechischer und römischer Texte. Die Bücherflut
Die Ausbreitung des Buchdrucks trug ebenfalls dazu bei, dass die neue Geisteshaltung Italiens rasch auch Anhänger weiter im Norden fand. Venedig wurde geistiger Mittelpunkt, dort entstand eine Großdruckerei, in der die meisten Werke griechisch-römischer Klassiker vervielfältigt wurden. In Zusammenarbeit mit den Gelehrten in Deutschland und den Niederlanden entstanden Neuausgaben der Klassiker, die Schriften der italienischen Humanisten wurden ebenfalls gedruckt. In den Niederlanden und Deutschland konnte der Einfluss des italienischen Humanismus infolge der neuen Glaubensbewegungen jedoch nicht voll zur Geltung kommen. Erst allmählich sind die neuen, nicht-kirchlichen Ideen in das Gefüge der mittelalterlichen Scholastik eingedrungen, die auf der christlichen Philosophie des Thomas von Aquin aufbaute. Die Begeisterung für den Humanismus war im Norden im ganzen weniger gegen das Dogma der Kirche gerichtet als im Süden, dennoch bewirkte der Enthusiasmus für die vorchristliche Religion der Antike Zusammenstöße mit der Kirche und ihrem Dogma. Das Werk des Desiderius Erasmus von Rotterdam (1469 bis 1536) repräsentiert die Bestrebungen und Ziele der Humanisten in den Niederlanden und in Deutschland. Er kritisierte kirchliche Missstände und befürwortete innerkirchliche Reformen. 1516 veröffentlichte er die kritische Ausgabe des Neuen Testaments. Reiche Nicht-Kleriker und Adlige in ganz Europa finanzierten die neue Geistesrichtung und ihre Forschungen. Statt wie bisher durch neue Schlösser und Palazzi erreichte man persönliches Ansehen jetzt durch Gelehrte, denn einige ihrer Werke lagen im Rahmen der allgemeinen Staatstheorie: der Idealstaat, die Musterverfassung, die besten Gesetze. Humanismus und Politik
Politische Spekulationen, Reflexionen über mögliche Modifikationen der Gesellschaft finden sich nicht nur bei Erasmus von Rotterdam, sondern auch bei Thomas Morus (1478 bis 1535), Claude de Seyssel (1450-1520) und Niccolo Machiavelli (1469-1527). Sie blicken voller Sehnsucht in die Vergangenheit, um dort das Modell für eine bessere Zukunft der Menschen zu finden.

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Info 26.09.2017 - 21:58
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