Europäische Politik (1450 bis 1600)

Das mittelalterliche Europa wurde als respublica christiana von zwei Mächten regiert: einer geistlichen, repräsentiert durch den Papst, und einer weltlichen in Gestalt des Kaisers. Erst im 16. Jahrhundert setzte die Auflösung dieser traditionellen »Gewaltenteilung« ein. Die Idee des unabhängigen Nationalstaates, an dessen Spitze ein König stand, triumphierte schließlich über die Idee der Einheit des christlichen Abendlandes. Die Verlierer in diesem Umwandlungsprozess waren die Kirche und der Hochadel. Am deutlichsten wurde dieser Vorgang in Frankreich sichtbar, dessen Könige die Lehen der großen Feudalherren allmählich wieder unter die Verfügungsgewalt der Krone zu bringen vermochten. Päpste und Könige
Zwischen 1378 und 1417 kämpften nicht weniger als acht Päpste und Gegenpäpste um den Stuhl Petri, den Kirchenstaat und um Rom. Alle diese rivalisierenden Kandidaten um das höchste geistliche Amt des Abendlandes waren in Wahrheit Marionetten der rivalisierenden weltlichen Herrscher. Spätere Päpste kümmerten sich zwar nur noch um die Politik in Italien, die aber weitgehend von den Interessen europäischer Fürsten beeinflusst wurde. Die Monarchen des 16. Jahrhunderts waren vor allem bestrebt, die Vorrechte des feudalen Adels zu beschneiden. Gegen Ende des Mittelalters gab es in vielen europäischen Ländern jeweils mehrere Adelshäuser, die ebenso reich wie das angestammte Königshaus geworden waren, ja die selbst nach der Königswürde strebten. Die Spannungen zwischen den rivalisierenden Familien entluden sich in Bürgerkriegen – so in Frankreich, Spanien und England. Diese inneren Auseinandersetzungen bedrohten schließlich die Grundlagen des Staates und der großen Familien, nur eine starke Zentralgewalt, ein starker König versprach Rettung in der Unordnung. Tatsächlich gelang es in Westeuropa den Monarchen, die Unabhängigkeit der großen adligen Familien zu beenden, die Staatsfinanzen zu sanieren und die Verwaltung weitgehend in der königlichen Regierung zu zentralisieren, die Person des Königs wurde zum Inbegriff staatlicher Macht. England hatte besonders stark unter dem Zwist der Häuser Lancaster (Wappen: weiße Rose) und York (Wappen: rote Rose) zu leiden gehabt, die in den »Rosenkriegen« (1455-85) um die Krone kämpften. Erst dem letzten Lancaster-Abkömmling, Heinrich VII. Tudor (1457-1509), gelang es, der Monarchie wieder Macht und Prestige wie unter Eduard I. (1239-1307) zu verschaffen. Heinrich konfiszierte die Ländereien seiner unterlegenen Gegner, damit verfügte er sofort über genügend Mittel, um die Krone zu finanzieren. Die dynastischen Streitigkeiten beendete er durch Einheirat in das Haus York. Sein Sohn Heinrich VIII. (Regierungszeit 1509-47) festigte die Stellung der Monarchie noch weiter. Franz I. von Frankreich und Kaiser Karl V.
Franz I. (1494-1547) von Valois musste seine Thronansprüche gegen das mächtige Haus Bourbon durchsetzen, das sich zeitweise mit seinem Gegner, Kaiser Karl V., verbündete. Franz I. vermochte aber trotz der Umklammerung durch Habsburg den vollen Bestand Frankreichs zu erhalten. Er konsolidierte die Staatsfinanzen, reformierte die Rechtsprechung und leitete eine Zeit kultureller Blüte ein. Für Spanien, das in die Interessengebiete mehrerer großer Häuser zerfiel, schien mit dem Habsburger Karl V. (1500-1558) eine Epoche der Einheit und zentraler königlicher Macht anzubrechen. Karl erbte 1516 die rivalisierenden Königreiche Aragon und Kastilien, es gelang ihm auch, einen Aufstand der »comuneros« zu unterdrücken und Staatsbeamte mit Kontrollfunktionen (corregidores) einzusetzen, doch der Adel blieb mächtig und verhinderte die volle Vereinigung der Königreiche. Da Karl als Kaiser des Römischen Reiches zahlreiche Pflichten hatte, konnte er sich nicht nur den Angelegenheiten Spaniens widmen. Um sich die Einkünfte der kastilischen Krone zu sichern, musste er dem Adel viele der alten Privilegien belassen. Auch sein Sohn Philipp II. (1527-98) benötigte für seine Feldzüge das Gold Kastiliens. Das ärmere Aragonien wurde dagegen vernachlässigt, es erhob sich im folgenden Jahrhundert mit Katalonien gegen die Krone. Nach seiner Wahl zum Kaiser (1519) versuchte Karl V., seine weit verstreuten Länder mit Hilfe einer kaiserlichen Verwaltung und durch häufige Kontrollbesuche zu regieren, doch die Aufgabe war unlösbar. Schon das Deutsche Reich bildete keineswegs eine Einheit. Große Städte wie Nürnberg waren stolz auf ihren Status als »Reichsstadt« mit hoheitlichen Rechten, mächtige Fürstenhäuser, vor allem die Wittelsbacher, waren bemüht, Habsburg nicht zu stark werden zu lassen. Die tiefste Spaltung des Reiches bewirkte schließlich die einsetzende Reformation. Den Kampf um die Hegemonie in Europa führten Karl V. und Franz I. vor allem in Italien. Die Notwendigkeit starker Monarchien
Ganz Europa erlebte im Laufe des 16. Jahrhunderts ein Wiedererstarken der Monarchien, wenn auch die Könige zunächst noch nicht absolut regieren konnten. Vor allem mussten sie, da es noch keine Berufsbeamtenschaft im modernen Sinne gab, dem Adel weiterhin wichtige administrative Funktionen zugestehen. Auch das Nationalgefühl der Staatsbürger war anfangs nur schwach entwickelt. Doch als schließlich am Ende des 16. Jahrhunderts Religions-Bürgerkriege in Frankreich und England den Bestand der Nationen ernstlich gefährdeten, scharte sich vor allem der niedere Adel um die Monarchie, die allein Recht und Ordnung wieder herstellen konnte.

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Info 22.11.2017 17:34
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