Die flämische Renaissance

Die beiden künstlerischen Mittelpunkte in den Jahren vor 1400 im nördlichen Europa, Paris und Prag, liegen weit auseinander. Dennoch gab es trotz der Entfernung überraschend wenig Unterschiede zwischen ihnen, dank einem in Europa dominierenden höfischen Stil, der unter den (nicht sehr glücklichen) Begriffen Internationale Gotik oder Weicher Stil bekannt ist. Einen neuen künstlerischen Anfang setzte ein dynastisches Ereignis, die Vereinigung des Herzogtums Burgund mit Flandern unter Philipp dem Kühnen (1363-1404). Vom Naturalismus zum Realismus
Die erste Phase der burgundischen Kunstförderung konzentrierte sich auf Dijon, die Residenz der Herzöge von Burgund. Philipp der Kühne holte den Maler Melchior Broederlam (gest. um 1410) von Ypern und den Bildhauer Claus Sluter (um 1345/50-1406) aus Brüssel. Das Hauptwerk Broederlams, eine Auftragsarbeit für Herzog Philipp, sind Flügel eines Altars, zu dem der Bildhauer Jacques de Baerze aus Ypern die Figuren schuf. Die elegante, spätgotische Architektur steht noch ganz im Bann der Sieneser Tradition. Die Interieurs werden von außen, durch die geöffneten Wände gesehen. Die Figuren haben größeres Gewicht als bisher, die Landschaft zeigt bereits viele realistische Züge. Die Feinheit der Malerei erreicht hier einen Grad der Vollendung, den man bisher nur aus Miniaturen kannte. Sluters größtes Werk war auch sein letztes, der sogenannte »Mosesbrunnen«, Sockel einer überlebensgroßen Kreuzigung in Dijon. Er begründete einen machtvollen, lebensnahen Stil, der eine Generation lang die burgundische Bildhauerkunst bestimmte. Philipp verpflichtete auch die besten Miniaturmaler der Zeit, die drei Brüder Limburg aus Nimwegen (ausgebildet als Goldschmiede in Paris). Ihr berühmtestes Werk, die »Tres Riches Heures« (Stundenbücher) schufen Paul, Jan und Hermann Limburg, für den Bruder Philipps, den Herzog von Berry. Die Monatsblätter sind in einem völlig neuartigen, überraschenden Naturalismus illustriert, der einen Aspekt im Werk der Brüder van Eyck vorwegnimmt. Zentrum der zweiten Phase burgundischer Kunstförderung war Brügge, die damals bedeutendste Handelsstadt nördlich der Alpen, wo Philipp der Gute (Herzog von 1419-67) und sein Kanzler Rolin den Maler Jan van Eyck (um 1390-1441) zum Hofmaler beriefen. Der große Rügelaltar »Die Anbetung des Lammes« in der Kathedrale St. Bavo in Gent, von einem Kaufmann in Auftrag gegeben, scheint van Eycks Bruder Hubert begonnen und Jan 1432 beendet zu haben. Doch Jan malte auch für Geistliche, Bürger, für Mitglieder des Hofes und für italienische Kaufleute, die sich oft längere Zeit in Brügge aufhielten. Mit seinem Stil beginnt die neue, die realistische Epoche der Malerei nördlich der Alpen. Landschaften, Innenräume, Menschenbilder sind von durchaus neuartigem Ausdruck, die typisierende Darstellung wird von der scharfen Beobachtung individueller Eigentümlichkeiten überwunden. Zwar war die Ölmalerei schon früher bekannt, Jan brachte sie jedoch durch eine neue Mischtechnik mit tiefen, durchsichtig leuchtenden Farben zu höchster Wirkung. Ein Zeitgenosse Jans von nahezu gleicher Bedeutung für die altniederländische Malerei, Robert Campin (1375/79-1444), arbeitete meist in Tournai (identisch mit dem Meister von Flemalle). Sein Stil war gröber, mit starkem Ausdruck und realistischen Wirkungen. Sein Schüler Rogier van der Weyden (um 1400-64) gründete die in der Mitte des Jahrhunderts bedeutendste Werkstatt in Brüssel. Bereicherung der Tradition
Auf die drei Begründer der altniederländischen Schule folgten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eine Reihe Maler, die die Tradition dieser Malerei fortführten und ihr Ansehen bewahrten. Diese »flämische Renaissance« belebte auch die deutsche Malerei, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts die Gotik weiterentwickelt hatte. Den entscheidenden Anstoß gab hier Rogier van der Weyden, dem Martin Schongauer (1430/45-91) in bedeutendem Maß verpflichtet ist. Schongauer arbeitete am Oberrhein, in und um Colmar. Er hatte nicht nur als Maler und Zeichner Einfluss auf Dürer, sondern war auch Kupferstecher (seit 1469) von Rang, der diese Technik vervollkommnete und ihr malerische Wirkungen abgewann. Auch der deutschen Bildhauerkunst, gegen Ende des Jahrhunderts die lebendigste nördlich der Alpen, gab ein Niederländer, Nicolaus Gerhaert von Leyden (um 1430-73), einen entscheidenden Impuls durch realistische, anatomisch genaue Bildnerei und präzise Erfassung seelischer Vorgänge in seinen Plastiken. Meister eines leidenschaftlichen, fast barocken Ausdrucks der spätgotischen Skulptur war Veit Stoß (um 1445-1533), der außerdem als Maler und Kupferstecher tätig war. Tilman Riemenschneider (um 1460-1531) konnte bei seinen lebensgroßen, feingliedrigen Figuren von idealisierter Schönheit und beseelter Innerlichkeit durch Einbeziehung von Licht und Schatten in die sensible Oberflächenbehandlung auf Bemalung verzichten. Meisterhafte Architektur
Die Architektur dieser Zeit war durchaus nicht konservativ. Die Baumeister bewältigten in virtuosem Können die ungewöhnlichen Ausmaße neuer Bauten wie z. B. eine Reihe niederländischer Rathäuser (Brüssel, begonnen 1402). Einfallsreich wurden die Gewölbesysteme dekorativ variiert, so beim Fächergewölbe in England oder in Deutschland bei den zunehmend verspielteren Rippenmustern in den Netzgewölben sondergotischer Bürgerkirchen.

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Info 26.09.2017 - 21:54
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