Die Hochrenaissance in Florenz und Rom

Die historischen Ereignisse um 1500 haben die künstlerische Tätigkeit wieder auf Florenz, Rom und Venedig konzentriert und eine frühere Tendenz der Ausbreitung auf viele Zentren rückgängig gemacht. Invasionen von außen und Machtkämpfe innerhalb Italiens hatten eine verhängnisvolle Wirkung auf die Förderung und Entwicklung der Künste an Höfen wie Neapel, Urbino und Mailand. Tatsächlich hätte die Tätigkeit Leonardos (1452-1519) und Bramantes (1444-1514) zusammen mit dem Ehrgeiz des Mäzens Ludovico Maria Sforza (1452-1508) Mailand zu einer der Kunstmetropolen Europas machen können. Nach der Einnahme Mailands durch die Franzosen im Jahr 1499 kehrte Leonardo nach Florenz zurück. Dort verbrachten er und Michelangelo Buonarroti (1475-1564) sechs schöpferische Jahre in unmittelbarem Wettstreit. 1504 kamen zu diesen beiden noch Raffael (Raffaelo Santi, 1483-1520) hinzu und nacheinander mehrere junge Künstler, vor allem der Florentiner Andrea del Sarto (1486-1530). Auch in Florenz hatte es einen politischen Umschwung gegeben, jedoch blieb nach der Vertreibung der Medici im Jahr 1494 und der förmlichen Wiedererrichtung der Republik (bis 1512) eine wohlhabende Oligarchie an der Macht, die neuen staatlichen Institutionen boten den Florentiner Künstlern nie geahnte. Möglichkeiten. So erhielten Leonardo und Michelangelo den Auftrag, für den Ratssaal zwei riesige Schlachtszenen zu malen, allerdings blieben beide unvollendet. Bramante und die Peterskirche
Nach 1499 ging Bramante nach Rom. 1506 kam seine große Chance, als der tatkräftige Julius II. (Papst von 1503-13) ihn zum Architekten für den Neubau der Peterskirche berief. Dieses Bauwerk wurde zu einem Symbol der Macht, Zentrum der katholischen Kirche und geistigem Mittelpunkt der Christenheit. Für Julius IL war der Neubau nicht sosehr eine Notwendigkeit, als vielmehr der materielle Ausdruck für die Erneuerung der Kirche. Bramantes Plan bringt dies mit großartiger Klarheit zum Ausdruck. Die Pfeiler der von ihm konstruierten Vierung bildeten die Grundlage für die riesigen Ausmaße des Bauwerks, wie es sich heute darbietet. Auch Michelangelo kehrte nach Rom zurück und war für Julius II. tätig, zunächst (1507) an dem Plan für ein Grabmal von so großartigen Ausmaßen und einem solchen Reichtum von Statuen, wie man es seit den Mausoleen der Antike nicht mehr gesehen hatte. Als nächstes arbeitete er (1508-12) an der Ausmalung der Sixtinischen Kapelle. Inzwischen dekorierte Raffael für den Papst eine Zimmerflucht im Vatikan, die Stanzen. Auf die Stanza della Segnatura mit Fresken aus humanistischem Bildungsgut folgte unmittelbar die Stanza d’ Eliodoro (1511-14) mit Erzählungen aus der Kirchengeschichte. Unter Papst Julius II. wurde Rom ein Kunstzentrum von ähnlicher Bedeutung wie Florenz. Sein Nachfolger Leo X. (Papst von 1513-21) war ein Sohn Lorenzos de’ Medici. Pläne wie den Bau der Peterskirche, die Ausstattung des Vatikanpalastes und der Sixtinischen Kapelle führte dieser kunstsinnige Papst konsequent weiter. Auch die gebildeten Mitglieder des päpstlichen Hofes und die der Kurie nahestehenden Bankiers in Rom förderten Künstler in einem verschwenderischen Maß, das weit über alles hinausging, was im 15. Jahrhundert üblich gewesen war. Jetzt brach die große Zeit der Palastbauten an, eine umfassende Planung für eine Sanierung Roms wurde in Angriff genommen (und teilweise ausgeführt). Doch nicht nur Bramante war in dieser Zeit als Architekt tätig. Die Arbeiten der Familie Sangallo sind nicht weniger wichtig. Bramantes führende Stellung in der Bauhütte der Peterskirche wurde nach seinem Tod von Raffael übernommen. Michelangelos Laufbahn als Architekt begann etwa 1516. Alle diese Künstler waren, wie in der Renaissance üblich, auch in anderen Künsten ausgebildet, kennzeichnend für die herrschende geniale Vielseitigkeit. Ein neues Raumempfinden
Die Architektur der Hochrenaissance zeichnet sich durch die meisterhafte Beherrschung der Sprache der Antike aus, durch klare und maßvolle Entwürfe, durch Feierlichkeit, Fülle und zunehmend reicheres Material. Die Einzelteile der Bauten werden im Verhältnis zum Ganzen größer, die Formen dichter und plastischer als in der Frührenaissance. Das gleiche gilt auch für die Plastik. Hier war man bestrebt, für die Maßverhältnisse der Menschengestalt neue Gesetze zu finden. Die plastische Bildnerei löste sich von der engen Bindung an die Architektur, nahm antike Gestaltungsmittel und antike Themen auf. In der Malerei wurde die Bewältigung der Darstellung des Raumes mittels der Zentralperspektive (Brunelleschi, 1376-1446) erreicht, mit den Mitteln des Lichtes drang man in einen neuen Bereich dramatischer Wirkungen vor. Das Zeichnen rückte zu einer neuen, selbstständigen Kunstgattung auf, vorbereitete Zeichnungen wurden bewusst ausgewertet, der Künstler experimentierte in diesen Arbeiten, um neue, wohldurchdachte Darstellungen zu erreichen. Künstler und Gesellschaft
Die großen Künstler waren aufgrund ihrer Persönlichkeit in der Lage, die gesellschaftliche Stellung des Künstlers entscheidend zu ändern, Raffael bewohnte einen von Bramante für einen Kardinal entworfenen Palast. Die Reife, die offensichtliche Vollkommenheit künstlerischer Formgebung, ihre Schöpferkraft, die Transparenz ihrer Kompositionen verlieh ihren Arbeiten den Rang klassischer Werke.