Die Renaissance in Deutschland und Niederlanden

Im 16. Jahrhundert erlitt Italien einen empfindlichen Verlust an politischer Macht – ob das wachsende Ansehen in der Kunst eine gewisse Entschädigung dafür darstellte, ist fraglich. Auf jeden Fall vergrößerte sich der künstlerische Einfluss Italiens auf die Gebiete nördlich der Alpen. Albrecht Dürer aus Nürnberg (1471 -1528) war einer der ersten, der die italienische Renaissance verarbeitete. Er hatte diese sowie Zeugnisse der Antike in Venedig kennengelernt. Dürer schuf bedeutende Holzschnitte und Kupferstiche. Seine reiche Phantasie, scharfe Beobachtungsgabe und äußerst verfeinerte Technik machten ihn zum meistkopierten Künstler Europas. Dürers Kunst bezeichnet den Übergang von der Spätgotik zur Renaissance. Der Kenntnis der italienischen Menschendarstellung verdankt er das Verständnis für den Akt. Dürer war der erste deutsche Künstler, von dem es Selbstbildnisse gibt und in sich geschlossene, selbständige Landschaftkompositionen. Grünewald und Holbein
Von gleichem Einfallsreichtum als Maler und Zeichner war Matthias Grünewald (um 1460/70 bis 1528). Er war Hofmaler der Erzbischöfe von Mainz. Der Isenheimer Altar, jetzt in Colmar (um 1512-16), gilt als sein Hauptwerk. Die Kraft der Empfindung, mit der Grünewald malte, kommt in den ausdrucksstarken Gebärden, den strahlenden Farben und der brillanten Technik zur Geltung. Von kühler, aber weltbürgerlicher Haltung war der gebürtige Augsburger Hans Holbein der Jüngere (1497/98-1543). Wichtige Jahre verbrachte er in Basel, später arbeitete er in London. Unmittelbare Berührung mit der norditalienischen Hochrenaissance und Einflüsse der altniederländischen und französischen Kunst spiegeln sich in seinen Werken wider. Hauptsächlich die in England entstandenen Bildnisse vereinen italienischen Sinn für Form und Komposition mit nüchternem Blick für Einzelheiten und Aufbau. In England arbeitete er am Hofe Heinrichs VIII. und begründete eine Tradition der Miniaturporträts. Ein weiterer Schwerpunkt der deutschen Malerei entstand an der Donau zwischen Bayern und Österreich. Der bedeutendste Meister der Donauschule war Albrecht Altdorfer (um 1480 bis 1538), der – etwa gleichzeitig wie Giorgione (um 1477/78 – 1510) in Venedig -mit der Landschaftsmalerei begann. Zentrum der Malerei in Flandern war Antwerpen, das ungefähr ab 1490 Brügge als führenden Handelsplatz verdrängte. Als Begründer der Antwerpener Schule gilt Quinten Massys (um 1465/66-1530), der gleich seinen deutschen Zeitgenossen einheimische Überlieferungen mit italienischen Ideen verband. Joachim Patinier (1475/85 – 1524) arbeitete mit Massys zusammen, er war der erste bedeutende Landschaftsmaler der Niederländer. Absage an die heimische Tradition
Massys hatte eine Gruppe von Nachfolgern, deren komplizierte neugotische Figurenmalerei ihnen die Bezeichnung »Antwerpener Manieristen« eintrug. Aber in Flandern, noch mehr in Holland, kam eine als »romanistisch« bezeichnete (von Rom beeinflusste) Malweise auf, die die heimische Tradition (mit Ausnahme der Technik) ablehnte und die italienische bevorzugte. Hauptvertreter waren Jan van Scorel (1495 – 1562) und Märten van Heemskerck (1498 – 1574). Aus dieser Schule ging eine lebenskräftige Gruppe von Genremalern hervor. Bereits im 16. Jahrhundert besaßen die Niederlande eine verwirrende Anzahl kleinerer Meister, aber nur wenige Maler von wirklichem Format. Im 17. Jahrhundert änderte sich daran nichts. Zwei Künstler ragen jedoch heraus: Hieronymus Bosch (um 1450-1516) und Pieter Bruegel der Ältere (um 1520/25-69). Bosch arbeitete offenbar lange in provinzieller Vereinsamung in Brabant, wurde aber später von fürstlichen Sammlern sehr geschätzt. Seine absonderlichen phantasievollen Darstellungen und seine derbvolkstümlichen Genreszenen sind in gewisser Weise moralisierend. Auf ihn kann eine lasierende Maltechnik zurückgeführt werden, die sich bis Rubens fortsetzt. Bruegel beobachtete und charakterisierte Mensch und Tier noch schärfer, ebenso die Natur und den Wechsel der Jahreszeiten. Er war der ursprünglichste und einflussreichste niederländische Künstler des 16. Jahrhunderts. Bildhauerkunst und Architektur
Im südlichen Deutschland, besonders in Augsburg, setzte sich um 1520 in der Bildhauerei der Stil der Renaissance durch. Der hervorragende Apollo-Brunnen in Nürnberg von Peter Flötner (um 1490/95-1546) ist ohne Zweifel Teil des von Dürer vermittelten Erbes der Renaissance. Danach entstanden eine Reihe bemerkenswerter Brunnen im süddeutschen Raum – bis zu jenen von Hubert Gerhard (um 1550-1620), der hauptsächlich in Bayern wirkte. Der andere Schwerpunkt der Bildhauerei war Antwerpen, wo auch Giambologna (Giovanni da Bologna, 1529-1608) arbeitete. Er verbrachte allerdings den größten Teil seiner Schaffenszeit in Florenz. Bauwerke im echten Renaissancestil sind selten: etwa die Fuggerkapelle (1509-18) und andere Bauwerke in Augsburg, die Sigismundkapelle in Krakau (1517-33) und das Schloss in Breda (begonnen 1536), die beiden letzteren von italienischen Baumeistern. Ein nördlicher Dekorationsstil, der sich von England bis Polen verbreitete, geht auf die manieristische Graphik der Antwerpener Schule zurück (Cornelis Floris, um 1514-75). In der Profanarchitektur zeichnet sich eine Entwicklung zu großen, zweckmäßigen, stilistisch zurückhaltenden, anspruchslosen Gebäuden mit vielen Fenstern ab, beispielsweise das Rathaus in Bremen.

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Info 23.11.2017 19:27
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