Der Versailler Vertrag von 1919

Als am 11. November 1918 der Waffenstillstand im Wald von Compiègne nördlich von Paris unterzeichnet wurde, ging ein über 51 Monate dauerndes, erbittertes Ringen zu Ende. Ganz Europa befand sich in einem nie gekannten Zustand der physischen und psychischen Erschöpfung. Etwa 9 Millionen junge Männer waren gefallen, noch mehr zu Krüppeln geworden. Die Zivilbevölkerung der am Kriege beteiligten Staaten hatte ebenso gelitten. Durch jahrelange Unterernährung, durch Seuchen wie Typhus, Cholera oder Tuberkulose waren wohl ebensoviele Menschen umgekommen wie auf den Kriegsschauplätzen. Dörfer, Städte und Felder waren verwüstet worden; Not, Elend und Hoffnungslosigkeit lähmten viele, die mit dem Leben davongekommen waren. Das Ende einer Epoche
Das alte europäische Staatensystem, das jahrhundertelang die Geschicke des Kontinents und der Welt bestimmt hatte, war zusammengebrochen. Die drei mächtigen Monarchien in Mittel- und Osteuropa, die nach dem »Wiener Kongress« als »Heilige Allianz« den Frieden in Europa für ein halbes Jahrhundert gesichert hatten, waren untergegangen: Im ehemaligen russischen Zarenreich tobte der Bürgerkrieg zwischen den Bolschewisten und ihren Gegnern. Die österreichisch-ungarische Donaumonarchie löste sich in mehr oder weniger nationale Staaten auf. In Deutschland wurde die Republik ausgerufen. Aber nicht nur die Unterlegenen hatten durch den Krieg gelitten. Frankreich hatte 1,3 Millionen Gefallene zu beklagen. Große Teile seines Staatsgebietes waren jahrelang umkämpft und besetzt gewesen. Bergwerke, Fabriken und andere Industrieanlagen lagen in Schutt und Asche. Seine Hauptstadt war zeitweise im Geschützfeuer der deutschen Artillerie gelegen. Auch Italien hatte in den erbitterten Kämpfen an der Alpenfront einen hohen Blutzoll entrichtet. Das neutrale Belgien war jahrelang Schauplatz blutiger Kämpfe gewesen. England hatte zwar weniger durch den Krieg gelitten; aber seine Stellung als größte Handels- und Kolonialmacht war erschüttert. Das Ende der europäischen Vormachtstellung zeigte sich wohl am deutlichsten darin, dass der Krieg durch das Eingreifen einer außereuropäischen Macht beendet wurde. Erst das Erscheinen der USA auf den Schlachtfeldern hatte der deutschen militärischen Führung bewiesen, dass eine Fortführung der Kämpfe ebenso hoffnungslos wie sinnlos war. Die Not der Gegenwart ließ die Menschen auf ein friedliches und besseres Leben in der Zukunft hoffen. In Russland erschien vielen Lenin der Gestalter einer hoffnungsvollen Zukunft; im Westen sahen viele in Thomas Woodrow Wilson (1913-1921), dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, den Baumeister einer sicheren und demokratischen Zukunft, der die aus den Fugen geratene Welt nach den Grundsätzen des Rechtes neu ordnen werde. Er verkündete die Vision eines ewigen Völkerfriedens auf der Grundlage des Rechtes und des friedlichen Ausgleichs. In seinen 14 Punkten vom Januar 1918 hatte er die Abschaffung der Geheimdiplomatie, die Freiheit der Schifffahrt und des Handels, allgemeine Abrüstung, die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts der Völker und die Errichtung eines Völkerbundes zur Schlichtung aller Streitigkeiten und zur Sicherung des Friedens gefordert. Auch den Besiegten hatte er gerechte Behandlung versprochen. »Wenn wir Deutschland jetzt oder später etwas anderes als Gerechtigkeit, einfache und leidenschaftslose Gerechtigkeit, anbieten würden, würde das bedeuten, unsere eigene Sache zu verleugnen und zu entehren [...]« Kein Wunder, dass sich die Deutschen an Wilsons Versprechen klammerten und alle Hoffnungen auf ihn setzten. Was aber verstand dieser unter Gerechtigkeit? Auch für ihn war Deutschland bösartig und aggressiv; schuldig am Krieg; daher konnte Gerechtigkeit in seinen Augen nicht Gleichbehandlung des Aggressors und des Opfers bedeuten. Es war auch seiner Meinung nach gerecht, wenn Deutschland, das seine Gegner zeitweise an den Rand der Niederlage gebracht hatte, als der Hauptschuldige am Krieg für die verursachten Schäden bezahlen musste. Das Ringen um den Frieden
Am 18. Januar 1919 – zwei Monate nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes – versammelten sich die Vertreter von 27 Siegerstaaten zur Friedenskonferenz im Außenministerium in Paris. Deutschland und seine Verbündeten sowie das vom Bürgerkrieg heimgesuchte Russland waren nicht zugelassen. Die Konferenz selbst stand im schroffen Gegensatz zu Wilsons Forderung nach Abschaffung der Geheimdiplomatie. Alle wichtigen Beschlüsse wurden von den Großmächten hinter verschlossenen Türen getroffen. Die kleineren Mächte konnten auf den wenigen Plenarsitzungen lediglich zustimmen. Die Ausarbeitung des Vertrags war im Wesentlichen das Werk dreier Staatsmänner, die sich in keiner der wichtigen Fragen einig waren. Thomas Woodrow Wilson, Geschichtsprofessor der Universität Princeton, war der idealistische Verfechter einer Weltordnung freier und gleichberechtigter Staaten, die in einem Völkerbund zusammengefasst sein sollten. Mithilfe demokratischer Verfahrensweisen sollten in Zukunft Streitfragen geregelt und damit Kriege verhindert werden. Der fast achtzigjährige französische Ministerpräsident Georges Clemenceau (* 1841, † 1929) stand der Vision Wilsons skeptisch gegenüber. Er hatte die Niederlage und Besetzung Frankreichs 1871 und die Abtrennung Elsass-Lothringens miterlebt und wusste, dass Deutschland an Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft seinem Land überlegen war. Die Sicherheitsinteressen Frankreichs schienen eine Schwächung Deutschlands durch Abtretung möglichst großer Gebiete im Westen wie im Osten und die Auferlegung hoher Reparationen zu verlangen. Er war aber durchaus zu Kompromissen bereit, wenn Wilson und der britische Premierminister David Lloyd George (1916-1922) überhöht erscheinende Forderungen ablehnten. Von seinen politischen Gegnern in Frankreich wurde er sogar mehrfach des Verrats an französischen Interessen bezichtigt. Der englische Premierminister Lloyd George sah sein Ziel in der Schwächung Deutschlands als Konkurrent im Welthandel und in der Kolonialpolitik, aber er trat vielfach für die Interessen Deutschlands ein, da er wohl wusste, dass eine überstarke Belastung des geschlagenen Gegners diesen nicht zu einem friedlichen Mitglied der Völkergemeinschaft machen würde, sondern die Gefahr neuer Konflikte heraufbeschwor. Friedensdiktat von 1919Friedensdiktat. Historisches Dokument der »Berliner Illustrierten« von den Verhandlungen in Versailles: Überreichung der Friedensbedingungen an die deutsche Abordnung im Speisesaal des Trianon-Palasthotels. Rechts: die Delegierten der Entente Links: vor dem Fenster die deutschen Vertreter. Aufnahme der Zeitschrift »Illustration« vom 7.5.1919. Das Diktat der Sieger
Nach fast viermonatigen Beratungen der Großmächte billigte die Vollversammlung der Konferenz das Vertragswerk. Am 7. Mai 1919 wurde der deutschen Delegation unter der Führung des Reichsaußenministers Graf von Brockdorff-Rantzau (1918-1919), die erst kurz vorher in Paris eingetroffen war, der 440 Artikel umfassende Vertrag übergeben. Clemenceau hielt eine kurze Ansprache, in der er das harte Wort von der »Stunde der Abrechnung« prägte. Mündliche Verhandlungen wurden nicht gestattet; die deutschen Bevollmächtigten erhielten eine Frist von 14 Tagen, in der sie ihre »Bemerkungen« zum Vertragstext der Konferenz überreichen konnten. In seiner Antwortrede wies Brockdorff-Rantzau – ohne den genauen Text zu kennen – die These von der Alleinschuld Deutschlands am Krieg zurück, übte an der von den Alliierten immer noch aufrechterhaltenen Hungerblockade und an der Zurückhaltung der deutschen Kriegsgefangenen Kritik, betonte aber auch den guten Willen Deutschlands, Schäden und Unrecht wiedergutzumachen. Als der Vertragsinhalt in Deutschland bekannt wurde, erhob sich überall flammender Protest. Ministerpräsident Philipp Scheidemann (Februar-Juni 1919) nannte ihn ein »Gitterwerk, hinter dem 60 Millionen Deutsche als Gefangene schmachten müssten«. Reichspräsident Friedrich Ebert (1919-1925) sprach von »Gewalt ohne Maß und Grenzen«, die dem deutschen Volk angetan werden solle. Er befürchtete, dass aus einem solchen aufgezwungenen Frieden neuer Hass zwischen den Völkern und neues Morden erwachse. Da die Siegermächte die deutschen Einwände und Gegenvorschläge nicht entsprechend berücksichtigten, trat die Regierung Scheidemann unter Protest zurück: die erste deutsche republikanische Regierung war unter außenpolitischem Druck zerbrochen. Daraufhin richteten die Alliierten ein Ultimatum an Deutschland. Ein Teil der Abgeordneten trat für die Ablehnung des Vertrags ein, andere stimmten für die Annahme, aber nur weil sie eine Besetzung Deutschlands durch die Alliierten, den Verlust des Rheinlands und Ruhrgebiets, ja das Ende des deutschen Staates überhaupt befürchteten. Eine Wiederaufnahme der Kämpfe war ohnehin ebenso sinnlos wie unmöglich. So entschloss sich die neue Regierung zur Unterzeichnung des Vertrags. Ihr Protest gegen das darin enthaltene Unrecht verhallte ungehört. Die Unterschrift fand am fünften Jahrestag des Mordes von Sarajewo in demselben Spiegelsaal des Schlosses von Versailles statt, in dem 1871 das neue Deutsche Reich proklamiert worden war. Das Vertragswerk beginnt – dies musste den Deutschen als Ironie erscheinen – mit der Satzung des Völkerbunds, zu dem Deutschland der Beitritt zunächst verwehrt war. Dieser Völkerbund war freilich trotz aller guten Vorsätze nicht ein Weltparlament freier und gleichberechtigter Staaten, sondern eine nur zu oft ohnmächtige und zugleich schwerfällige Organisation. Zwar hatte in der Vollversammlung jedes Mitgliedsland eine Stimme; aber im Rat erhielten die Großmächte als ständige Mitglieder das Übergewicht, sodass der Bund vor allem den Deutschen als ein Instrument zur Aufrechterhaltung einer Vorherrschaft Frankreichs und Englands erscheinen musste. Am schlimmsten wirkte sich aus, dass Wilson in seiner Heimat nicht die nötige Unterstützung fand und die USA dem Bund nicht beitraten. Auch die Sowjetunion stand bis 1934 abseits. So war der Völkerbund anfangs in Umfang und Struktur ein Torso und konnte die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen. Die territorialen Bestimmungen des »Versailler Vertrages« sahen die Rückgabe Elsass-Lothringens an Frankreich vor. Clemenceaus Forderung, das gesamte linksrheinische Gebiet von Deutschland abzutrennen, wurde von Wilson und Lloyd George abgelehnt. Um dem französischen Sicherheitsbedürfnis entgegenzukommen, stimmten aber beide der Schaffung einer »entmilitarisierten Zone« bis zu einer Linie 50 km östlich des Rheins zu, in der das Reich weder Truppen noch militärische Anlagen unterhalten durfte. Auch einer französischen Annexion des Saargebiets widersetzten sich die anderen Siegermächte. Es wurde daher dem Völkerbund unterstellt; Frankreich erhielt für 15 Jahre die Nutzung der Kohlegruben. Nach dieser Zeit sollte die Bevölkerung entscheiden, ob sie den Anschluss an Frankreich oder Deutschland wünsche. Belgien erhielt das vorwiegend wallonische Malmédy sowie das deutschsprachige Eupen. Wer gegen die Abtrennung war, konnte sich in öffentlich ausliegende Listen eintragen; nur wenige wagten es. Dänemark erhielt nach einer Volksabstimmung einen Teil Nordschleswigs. Das Memelgebiet wurde vom Reich abgetrennt und im Jahre 1923 an Litauen gegeben. Im Osten erlitt Deutschland die größten Verluste. Die Provinz Posen, fast ganz Westpreußen und Teile Pommerns fielen an Polen. Durch den »Polnischen Korridor« zur Ostsee wurde Ostpreußen vom Reich abgetrennt. Diese Lösung sollte sich als besonders unheilvoll in der Zukunft erweisen und Hitler einen Vorwand zum Angriff auf Polen liefern. Die Stadt Danzig wurde zur »freien Stadt« erklärt und dem Völkerbund als Mandatsgebiet unterstellt; Polen erhielt wichtige Rechte eingeräumt. In Oberschlesien wurde eine Volksabstimmung durchgeführt. Als Deutschland eine Mehrheit von 60 Prozent der Stimmen erhielt und das Gebiet daher rechtmäßig beim Reich hätte bleiben müssen, teilten es die Alliierten nach dem Stimmenverhältnis und zerstörten seine Wirtschaftseinheit. Polen fiel damit der Hauptteil der Bodenschätze – 91 Prozent der Steinkohlevorkommen – zu, Deutschland die Mehrzahl der Bewohner. Das Hultschiner Ländchen musste an die Tschechoslowakei abgetreten werden. Insgesamt verlor Deutschland fast ein Siebentel seiner Fläche und ein Zehntel seiner Bevölkerung. Der Verlust war besonders schwerwiegend, da es sich um wertvolle Industriegebiete mit 75 Prozent der deutschen Eisenerz- und 28 Prozent der Kohleförderung sowie um landwirtschaftliche Überschussgebiete handelte. Die deutschen Kolonien wurden mit der Begründung, dass Deutschland nicht fähig sei, Kolonien zu verwalten, unter die Siegerstaaten als Mandatsgebiete verteilt. Diese sollten als Treuhänder wirken und dem Völkerbund jährlich Rechenschaft ablegen. Entgegen dem von Wilson propagierten Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde der Anschluss Deutsch-Österreichs trotz des einstimmigen Beschlusses seiner vorläufigen Nationalversammlung an Deutschland verboten. Das von Frankreich besetzte linke Rheinufer sowie die Brückenköpfe Köln, Koblenz und Mainz sollten vorläufig besetzt bleiben und in Etappen von fünf, zehn und fünfzehn Jahren geräumt werden. Die Besatzungskosten wurden dem Deutschen Reich aufgebürdet. Einschneidend waren auch die Rüstungsbeschränkungen. Um keine ausgebildeten Reserven entstehen zu lassen, durfte Deutschland nur ein Berufsheer von 100000 Mann unterhalten. Es sollte »nur für die Erhaltung der Ordnung innerhalb des deutschen Gebietes und zur Grenzpolizei bestimmt« sein. Die deutsche Hochseeflotte sollte ausgeliefert werden; die Marine in Zukunft nur mehr 15000 Mann umfassen. Eine Luftwaffe wurden verboten; ebenso alle schweren und modernen Waffen. Der Große Generalstab musste aufgelöst werden. Diese weitgehende Entwaffnung Deutschlands sollte der Auftakt zu einer allgemeinen Abrüstung sein, zu der es allerdings trotz jahrelanger Verhandlungen niemals gekommen ist. Schon 1935 waren die Rüstungsausgaben aller Staaten höher als 1914. In der Frage der Kriegsentschädigungen oder Reparationen konnten sich die Alliierten weder über den Umfang noch über die Höhe einigen; so wurde die endgültige Regelung einer Reparationskommission zugewiesen. Deutschland musste auch sein gesamtes Auslandsvermögen abtreten und enorme Sachwerte an die Sieger abliefern, z. B. Schiffe, Fahrzeuge, Maschinen, Baumaterial und Fabrikeinrichtungen, Kohle und chemische Produkte, Pferde, Rinder usw. Die Kriegsschuldfrage
Die das politische Leben in der »Weimarer Republik« schwer belastende Kriegsschuldfrage, die vor allem von den rechtsextremen Gruppierungen als »Kriegsschuldlüge« propagandistisch gegen die demokratischen Regierungen eingesetzt wurde, hat ihren Ursprung in den Vorgesprächen der Sieger zum »Versailler Vertrag«. Die Sieger, vor allem Frankreich (teilweise noch unter dem Eindruck des verlorenen Krieges 1870/71 mit den harschen Reparationsforderungen Deutschlands), konstatierten eine Alleinschuld Deutschlands, die über die moralisch-rechtliche Bewertung hinaus umfassende Reparationsforderungen für alle erlittenen Kriegsschäden erlaubte. Diese Forderung fand ihren Niederschlag im Kriegsschuldartikel 231 des »Versailler Vertrages«, der von Deutschland unter Protest nach ultimativen Kriegsandrohungen unterzeichnet wurde.
Deutsche Politiker und Wissenschaftler unternahmen immer wieder Versuche, von der wirtschaftlichen Bewertung zu einer rechtlichen Klärung der Kriegsschuldfrage zu gelangen, allerdings lange unter dem Gesichtspunkt einer Unschuld Deutschlands. Erst langsam setzte sich bei den Siegermächten und in Deutschland die Einsicht einer allseitigen Mitschuld am Kriegsgeschehen und seinen Auslösungsfaktoren durch, die vor allem in nationalistischem Denken und den Bündnisverflechtungen zu suchen war. Gegenüber dieser international weithin vertretenen These der allgemeinen Mitschuld trugen nach dem Zweiten Weltkrieg die Arbeiten L. Albertinis und F. Fischers, die eine überwiegend negative Rolle des Deutschen Reiches im Vorfeld des Ersten Weltkrieges postulierten, erneut zur Diskussion der Kriegsschuldfrage vor allem in Deutschland bei.
Kriegsschuldfrage
Die Rechtfertigung für die Deutschland auferlegten Leistungen sollte der Artikel 231 bilden, in dem die Sieger die Alleinschuld Deutschlands am Krieg feststellten. Dieser Paragraf sollte wohl mehr die juristische Haftung Deutschlands feststellen als ein moralisches Schuldbekenntnis bedeuten. Er wurde aber von den Besiegten als ein erzwungenes Eingeständnis der Alleinschuld und als moralische Verurteilung betrachtet und erzeugte bei vielen Deutschen Verbitterung und Hass. Nach Artikel 227 des Vertrages sollte »Wilhelm II. von Hohenzollern, vormaliger Kaiser von Deutschland, wegen schwerster Verletzung des internationalen Sittengesetzes und der Heiligkeit der Verträge unter öffentliche Anklage« gestellt werden. Mit ihm sollten über 800 »Kriegsverbrecher« von einem alliierten Gericht abgeurteilt werden. Die Reichsregierung verweigerte die Auslieferung der Genannten, auch die Niederlande, wohin der Kaiser im November 1918 emigrierte, lehnten es ab, Wilhelm II. auszuliefern. Durch den »Frieden von Versailles« sah sich Deutschland bitter getäuscht. Die Abtretung vorwiegend deutschsprachiger Gebiete im Osten, das Verbot des Anschlusses Deutsch-Österreichs und die überhohen Entschädigungsforderungen standen nicht mit den Idealen in Einklang, für die Amerika erklärtermaßen in den Krieg gezogen war und die in Wilsons 14 Punkten zur Hoffnung auch der Unterlegenen sichtbar geworden waren. Kein Friedensvertrag war bis dahin heftiger kritisiert worden als der von Versailles. Sieger und Besiegte waren gleichermaßen unzufrieden. Seiner Aufgabe, nämlich den Völkern einen dauerhaften Frieden zu gewährleisten, ist er nicht gerecht geworden. Er ist ein Kompromiss zwischen Wilsons Idealen und den realistischen Kriegszielen seiner Verbündeten. Clemenceau und Lloyd George zeigten sich in vielen Punkten noch nationalistischem Denken verpflichtet und suchten -teilweise verständlich – Sicherheit nicht durch Versöhnung, sondern durch Schwächung der Unterlegenen zu erreichen. »Er war in der Tat ein Friede, der schon die Züge der zukünftigen Tragödie trug [...]« urteilte der amerikanische Diplomat und Historiker George F. Kennan.

Forum (Kommentare)

Info 22.11.2017 17:40
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.