Gustav Stresemann – Kurze Biografie

Gustav Stresemann»Republikaner aus Vernunft« – diese griffige Formel wird heute gerne als Charakteristik für Gustav Stresemann verwendet, dessen Politik und Persönlichkeit in der Forschung noch immer umstritten sind. Am 10. Mai 1878 als Sohn eines Berliner Kneipiers geboren, strebte er, talentiert, ehrgeizig und von den Eltern gefördert, gradlinig eine steile Karriere an. Dabei stand sein stämmiges, etwas unbeweglich wirkendes Erscheinungsbild in scharfem Gegensatz zu seiner intellektuellen Gewandtheit und seiner geschliffenen Rede. Nach der Heirat einer jüdischen Fabrikantentochter erkannte er bald als promovierter Wirtschaftswissenschaftler die fruchtbare Verbindung von Wirtschaft und Politik. Seine politischen Freunde fand er bei den Nationalliberalen, die wie er monarchistisch orientiert waren und imperialen Ideen nachhingen. Mit 28 Jahren bereits wird Stresemann in den Reichstag gewählt. Noch kurz zuvor war er für einen »Siegfrieden« eingetreten, da formte er nach Kriegsende die Reste der Nationalliberalen zu einer neuen Partei, der DVP, die er allmählich dazu brachte, sich konstruktiv an der Parlamentsarbeit in der jungen Republik zu beteiligen. Nach dem ersten Schock über das Ende des Kaiserreiches und aller damit verbundenen Träume fand der Realist zur richtigen Einschätzung der politischen Gegebenheiten, die er als Reichskanzler und Außenminister 1923-1929 in praktische Politik umzusetzen versuchte. Versöhnungspolitik habe er nur als taktisches Manöver betrieben, sagen seine heutigen Kritiker. Sicher könnte man manche seiner Äußerungen dahin interpretieren, betrachtet man hingegen seinen unermüdlichen Einsatz und die von ihm gegen erbitterte Widerstände durchgesetzte Politik einer behutsamen Revision der »Versailler Verträge«, überwiegt eine gegenteilige Einschätzung. Als einer der wenigen europäisch denkenden Politiker seiner Zeit, hat er erfolgreich deutsche Interessen vertreten und eine neue Vertrauensbasis geschaffen. Mit seinem Tod am 3. Oktober 1929 verlor Deutschland eine bedeutende Leitfigur.