Republik von Weimar – Demokratie ohne Demokraten

Die Kämpfe der Demokraten und Liberalen des 19. Jahrhunderts für ein freies, demokratisches Deutsches Reich waren längst vergessen, als unter unglücklichen und bedrückenden Umständen die erste deutsche Republik schließlich das überlebte, morsche Kaiserreich ablösen sollte. »Arbeiter und Soldaten! Seid Euch der geschichtlichen Bedeutung dieses Tages bewusst. Unerhörtes ist geschehen«, rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9. November 1918 den herbeiströmenden Berlinern vom Balkon des Reichstages zu. Spekulationen und Vermutungen sollten ein Ende haben: Der Kaiser hatte dem »Throne entsagt«, Prinz Max zu Baden das Amt des Reichskanzlers an den sozialdemokratischen Abgeordneten Friedrich Ebert übergeben, allgemeine Wahlen für eine verfassunggebende Nationalversammlung sollten den Neuanfang markieren. »Es lebe das Neue! Es lebe die deutsche Republik«, mit diesen optimistischen Worten endete die Ausrufung der ersten deutschen Republik. Die Ereignisse dieses Tages waren von nervöser Hektik bestimmt, da keine zwei Stunden später der Spartakist Karl Liebknecht vor dem Berliner Schloss »die freie sozialistische Republik Deutschlands« proklamierte. Um ihm zuvorzukommen, hatten die Sozialdemokraten mehr oder weniger überstürzt gehandelt und damit einen vorläufigen Schlussstrich unter die verwirrenden Perspektiven der vorausgegangenen Tage und Wochen gesetzt. Der Glanz des kaiserlichen Deutschlands war spätestens im Krisenjahr 1917 einem fortschreitenden politischen wie gesellschaftlichen Dahinsiechen der alten Ordnung gewichen. Angesichts unverkennbarer Kriegsmüdigkeit, gekennzeichnet durch Orientierungslosigkeit, katastrophale Versorgungslage der Bevölkerung und erfolgreiche alliierte Offensiven drängten mit dem »Zentrum« und der SPD die zwei stärksten politischen Parteien danach, den Weg für einen Verständigungsfrieden zu suchen. Militärs und vaterländische Sammlungsbewegungen bäumten sich ein letztes Mal auf, ihr Hurrapatriotismus übertönte in makabrer Weise bis zum Herbst 1918 den mit der Kraft von Urgewalten unaufhaltsam hereinbrechenden Zusammenbruch der Front. So bitter es für die herrschenden monarchisch-konservativen Kreise auch sein musste, Wilhelm II., Kaiser und oberster Kriegsherr, erschien in der aktuellen Situation der drohenden Niederlage als das eigentliche Hindernis eines möglichen Friedensschlusses. In einer Vierzehn-Punkte-Erklärung hatte der amerikanische Präsident Wilson eine Demokratisierung Deutschlands als eine Grundforderung aufgestellt, ohne die an Friedensverhandlungen nicht zu denken wäre. Als letzte Konsequenz der gescheiterten Großmachtträume stellte Reichskanzler Max von Baden eine parlamentarische Öffnung des Reiches in Aussicht. Nicht politische Einsicht, sondern äußerer Zwang standen damit Pate, als im Oktober 1918 formal die parlamentarische Demokratie eingeführt und das diskriminierende preußische Dreiklassenwahlrecht abgeschafft wurde. SPD, »Zentrum« und »Fortschrittliche Volkspartei« durften nun, nachdem Monarchie und Militärs Deutschland in seine bis dahin größte Katastrophe gestürzt hatten, die politische Verantwortung übernehmen – und, wie sich bald herausstellte, als Verräter und eigentliche Verlierer den Kopf hinhalten. Mit keineswegs offensiver, selbstbewusster Haltung begaben sich dabei die Parteien an ihre neue Aufgabe. Vielmehr sollte gerettet werden, was zu retten war, etwa die Monarchie, die außer von einigen Radikalen von niemandem grundsätzlich infrage gestellt wurde. Novemberrevolution 1918 – »Novemberverbrecher«
Nachdem im September die schlechte Lage an der Front und in der Heimat den Chef der Obersten Heeresleitung, Generalfeldmarschall Hindenburg, gezwungen hatte, ultimativ von der Regierung Waffenstillstandsverhandlungen und die Einsetzung eines parlamentarischen Systems zu verlangen, überstürzten sich die Ereignisse: 4. Oktober 1918 Kabinett unter Beteiligung der Mehrheitsparteien unter Leitung Prinz Max’ von Baden; am selben Tag Waffenstillstandsgesuch; 28. Oktober Veröffentlichung der »Oktoberverfassung«. Am 23. Oktober forderte der amerikanische Präsident die Abdankung des Kaisers und demokratische Verhältnisse als Voraussetzung eines Waffenstillstandes. In dieser Situation löste ein Befehl zum Auslaufen der Kriegsflotte gegen England am 29. Oktober in Wilhelmshaven und Kiel eine Meuterei der Matrosen aus, die schnell auf die Marine der anderen Hafenstädte sowie auf deren Arbeiterschaft übergriff. Der Kaiser zog sich ins Hauptquartier nach Spa zurück. Am 7. November Ausrufung der Republik in München, am 8. November in Braunschweig. Am 9. November Beginn von Aufständen und eines Generalstreiks in Berlin. Der wachsende Einfluss radikalsozialistischer Gruppierungen (Unabhängige Sozialdemokratische Partei und »Spartakusbund«) veranlassten die SPD, aus der Reichsregierung auszuscheiden und schließlich selbst die Regierung zu übernehmen (9. November). Nachdem Max von Baden den Thronverzicht des Kaisers erklärt hatte, übernimmt Ebert das Kanzleramt, und Scheidemann ruft die Republik aus – zwei Stunden bevor Liebknecht das für die radikalen Linken vom Balkon des Schlosses aus ebenfalls tut.
Nachdem Kaiser Wilhelm II. auch von sich aus auf die Kaiserwürde (nicht auf die preußische Königswürde) verzichtete, gehen überall im Reich die Regierungen und Exekutivorgane in die Hand der Arbeiter und Soldatenräte über. Eine Revolution nahezu ohne Gewalt.
Ausgehend von den Vorgängen im November 1918 bezeichneten fortan die rechtskonservativen und nationalsozialistischen, antidemokratischen Kräfte die Repräsentanten des demokratischen Staates, die versuchten, die Last der Kriegsfolgen zu bewältigen, als »Novemberverbrecher«, aber auch als »Erfüllungsgehilfen« der Sieger, als »Statthalter der Entente«. Sie, die Deutschland in den Krieg geführt hatten, durch unmäßige Forderungen auch die wohlmeinenden Staaten der Welt gegen Deutschland eingenommen hatten, sie, die schließlich selbst den Krieg als verloren erklären mussten, belasteten nun die ursprünglichen Kriegsgegner, die die Last des Neuanfangs auf sich nahmen, mit dem Vorwurf des Verrats – eine Verleumdung und Verdrehung der Fakten, die mit zum Zusammenbruch der »Weimarer Republik« beitrug und in das Chaos des »Dritten Reiches« führte.
Berlin in RevolutionGeordnete Revolution: Einzug der revoltierenden Matrosen und Soldaten hinter der roten Fahne durch das Brandenburger Tor in Berlin am 9. November 1918: Ein Schock für die Bürger, aber doch ein nahezu disziplinierter Umbruch. Plakat 1918»Geordnete Revolution«. Appell der auf Empfehlung der Heeresleitung gebildeten »Soldatenräte« an die vaterländische Gesinnung der heimkehrenden Frontsoldaten: Ruhe und Ordnung als Basis für den Neubeginn. Alle Macht den »Räten«
Wer stellt die Weichen für die Zukunft?

Unvorhergesehene Ereignisse griffen dabei jedoch korrigierend ein. Kaum war der Kaiser nach Spa/Belgien ausgewichen, als Matrosen sich in Kiel einem von militärischem Größenwahn diktierten Befehl des Flottenadmirals Scheer widersetzten, der die Flotte noch einmal zu einem letzten Gefecht auslaufen lassen wollte. Für Wilhelm II. war, wie er sich wörtlich dazu geäußert haben soll, »die Zeit der großen Sprüche vorbei«, für die Soldaten begann mit ihrer Empörung, die bald nach Lübeck, Hamburg und Bremen ausgriff, eine neue Epoche unter der Parole: »Weg mit dem Kaiser!« Nach dem Vorbild von Kiel bildeten sich in ganz Deutschland »Soldaten- und Arbeiterräte«, die ultimativ radikale Veränderungen forderten. Maßlose Enttäuschung über die militärische Führung vereinigte sich dabei mit einer weitverbreiteten Orientierungslosigkeit der bis dahin streng obrigkeitsfixierten Arbeiter und Soldaten. Wollte die SPD nicht den Anschluss an die Entwicklung verlieren, musste sie sich an die Spitze der Rätebewegung setzen. Tatsächlich wurden die »Räte« überwiegend, wie die Forschung erwiesen hat, von SPD und Gewerkschaften getragen, die demokratische und soziale Reformen anstrebten, und nicht von den damals schlecht organisierten und kaum einflussreichen Kommunisten. Als Philipp Scheidemann die Republik ausrief, stand die sozialdemokratische Revolutionsregierung daher vor der Wahl, sich mit den alten Machteliten in einer konservativen Republik zu verbünden oder durch tiefgreifende Machtveränderungen den wilhelminischen Obrigkeitsstaat endgültig zu überwinden. Es sollte sich zeigen, dass der Wille zur revolutionären Veränderung weit schwächer war als das Streben nach Kontinuität. Viel zu spät erkannte man, dass die Möglichkeit zu einer umfassenden Demokratisierung ungenutzt verstrichen war. Zunächst stellte sich den Beteiligten das Problem, ob das geschlagene Deutschland seinen Weg in die Zukunft als parlamentarische Demokratie oder als sozialistische Räterepublik einschlagen und fortsetzen sollte. »Rätesystem«
Die Idee der Rätedemokratie steht im Gegensatz zur heute in den meisten westlichen Industriestaaten verbreiteten parlamentarischen Demokratie.
Historischer Ursprung: Von den Frühsozialisten entwickelt, über die Lehren von Marx und Engels in der russischen Oktoberrevolution umgesetzt, jedoch bald zurückgedrängt, wird das Modell durch deutsche »Arbeiter- und Soldatenräte« 1918/19 übernommen.
Wichtigste Merkmale:
• Direkte und öffentliche Wahl von weisungsgebundenen Beauftragten (= Räte) die jederzeit abrufbar sind;
• Wahlkörperschaften nach Basiseinheiten (Betriebe, Kasernen …);
• Bestellung übergeordneter Gremien durch Räte in indirekter Wahl;
• Keine Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Judikative;
Zielsetzung: Unmittelbare Beteiligung des Volkes an der politischen Herrschaft, verbunden mit möglichst umfassender Selbstbestimmung; das »Rätesystem« wird oft fälschlich gleichgesetzt mit Bolschewismus. Die deutschen Räte der Übergangsphase 1918/19 waren zum Beispiel einem gemäßigten Reformkurs verpflichtet. Erst nach dem Rückzug der SPD aus der Rätebewegung trieben sie ins Lager der extremen Linken.
Während die Übergangsregierung der »Volksbeauftragten«, bestehend aus SPD und USPD (»Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands«), um einen Neuanfang bemüht war, dauerte der Streit um die Zukunft der Staatsform unvermindert an. Mit den alten Kräften in eine demokratische Zukunft?
Die Furcht vor einem Ausgreifen des Bolschewismus und bewaffnete Zusammenstöße mit kommunistischen Kleingruppen in den Straßen Berlins ließen die Mehrheit der Sozialdemokraten eindeutig Stellung beziehen. Vorrangig sollte nach Meinung der »Arbeiter und Soldatenräte« die öffentliche Ordnung wiederhergestellt und die Versorgung gesichert werden. Hungersnot und Kohlemangel hatten die Menschen seit Jahren ausgezehrt, Hunderttausende von Soldaten mussten wieder in die Wirtschaft integriert werden, hinzu kam die Umstellung der Kriegsproduktion auf zivile Bedürfnisse. Rasch und reibungslos war dies nur zu organisieren, wenn man auf die Beamtenschaft und ihren Apparat zurückgriff. Gleichzeitig setzten die sozialdemokratischen Führer auf die kaiserlichen Generäle und Offiziere, die zur Demobilisierung und Neustrukturierung der Armee unentbehrlich schienen. Dass gleichzeitig in Schulen wie Hochschulen die alten Köpfe und damit der alte Geist alle Erschütterungen des Übergangs überstanden, jederzeit bereit, die nationalen und imperialen Ideen der Kaiserzeit an die Jugend weiterzugeben, wurde in seiner verheerenden Tragweite nicht erkannt. Die Frage, ob es für die von der SPD eingeschlagene Richtung in den Augen der Betroffenen wirklich eine Alternative gab, wurde in der Forschung häufig diskutiert, ohne dass man zu einer eindeutigen Antwort gelangt wäre. Auf dem Reichskongress der »Arbeiter- und Soldatenräte« in Berlin vom 16.-19. Dezember 1918 entschieden sich die Delegierten mit einer Mehrheit von 400 zu 50 Stimmen für die parlamentarische Demokratie. Dabei wurde die Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung auf den 19. Januar 1919 festgesetzt. Für die linken Gruppierungen, die mit Misstrauen die Annäherung der Sozialdemokraten an die bürgerlichen und militärischen Kreise des Kaiserreiches verfolgten, war Friedrich Ebert (* 1871, † 1925), Vorsitzender des »Rates der Volksbeauftragten«, endgültig zum Verräter geworden, als er im Dezember 1918 Militär gegen revoltierende Arbeiter in Berlin vorrücken ließ. Spätestens seit diesem Tag spaltete ein tiefer, nicht mehr zu beseitigender Riss das linke Lager. Äußeres Zeichen der absoluten Frontstellung war der Rückzug der USPD aus dem Rat der »Volksbeauftragten«. Teile der Partei hatten sich schon am 30.12.1918/1.1.1919 mit dem »Spartakusbund« zur »Kommunistischen Partei Deutschlands« (KPD) vereinigt. Systematisch wurde in den nächsten Wochen von ihr versucht, die auseinanderbrechende Arbeiterbewegung neu zu formieren, die Enttäuschten, Arbeitslosen und Hungernden zu revolutionären Aktionen anzustacheln, eine Herrschaft der kommunistischen Kräfte zu erzwingen. Den als »Regierung der Matrosenmörder« beschimpften Sozialdemokraten gelang es allerdings problemlos mithilfe des Militärs, die Unruhen zu ersticken. Freikorps, eilig zusammengestellte Freiwilligenverbände, konnten so neben den in Auflösung begriffenen regulären Einheiten »zum Schutze des Vaterlands« gegen den Bolschewismus aktiv werden. Geführt von kaiserlichen Offizieren, sammelten die bald gefürchteten Freikorps Männer ohne Heimat, ohne Beruf und ohne Aussicht auf ein befriedigendes ziviles Dasein. Gemeinsam war ihnen die Verachtung für dieses demokratische »System«. NotzeitenHunger der Nachkriegszeit. Kinder, die Hauptleidtragenden aller Notzeiten, durchsuchen in den Hungermonaten des ersten Nachkriegsjahres Marktabfälle im Rinnstein nach Eßbarem. Berlin, 1919. Nur widerwillig übernahm der »Volksbeauftragte« Gustav Noske (SPD) den Oberbefehl über die Truppe, da einer ja den »Bluthund« spielen musste, wie er resignierend bemerkte. Mit rücksichtslosem, grausamen Vorgehen gegen jeglichen Widerstand wurden schließlich im Frühjahr 1919 in weiten Teilen Deutschlands, zum Beispiel in Sachsen, Thüringen, im Ruhrgebiet, in Hamburg und Berlin, Massenstreiks und »Räterepubliken« brutal niedergeworfen. Mit der sinnlosen Ermordung der Spartakusführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg durch Freikorpsleute in Berlin sowie dem Sturz der Münchner Räterepublik am 1. Mai 1919 unter dem Befehl des skrupellosen Generals von Epp erlebten diese Kampagnen zwei ihrer traurigen, durch vielfachen Mord und Verfolgungen gekennzeichneten Höhepunkte. Während sich die sozialdemokratischen Regierungsvertreter als »Blutsozialisten« verhöhnen lassen mussten, war die kuriose Situation eingetreten, dass die werdende Republik durch die militärische Gewalt ihrer reaktionären Gegner vorläufig gerettet worden waren. Demokraten unterzeichnen den »Schmachfrieden«
Nahezu unbeeindruckt von diesen Vorgängen und den Störmanövern der KPD beteiligten sich über 80 Prozent der Bevölkerung an den ersten allgemeinen, freien Wahlen zu einer Nationalversammlung. Überraschenderweise ergab die Stimmenauszählung eine ähnliche Sitzverteilung wie im gerade beseitigten kaiserlichen Reichstag. Die bis kurz vor dem Wahlvorgang völlig verstummten bürgerlichen Parteien hatten ihren ersten Schock überwunden. Zwar wurden die Sozialdemokraten als stärkste Partei bestätigt, standen jedoch einer unerwarteten bürgerlichen Mehrheit gegenüber. Mit dem »Zentrum« und der »Deutschen Demokratischen Partei« (DDP) ging die SPD daher ein Regierungsbündnis ein. Diese sogenannte »Weimarer Koalition« bildete lange Jahre den Rückhalt der jungen Republik. In der Stadt Weimar war die Nationalversammlung zusammengetreten, um an das humanistische Erbe anzuknüpfen und nicht an preußische Großmachtfantasien. Andererseits war in Weimar die Sicherheit der Abgeordneten viel leichter zu gewährleisten als in dem von revolutionären Provokationen erschütterten Berlin. Man wollte ohne den Druck der Straße debattieren und entscheiden können. Am 11. Februar einigte man sich auf Friedrich Ebert (* 1871, † 1925) als den ersten Reichspräsidenten. Zwei Tage später wurde Deutschland wieder von einer Reichsregierung geleitet, und an der Spitze der Koalition stand bis zur ersten Reichstagswahl der sozialdemokratische Reichskanzler Philipp Scheidemann (* 1865, † 1939). Mit ihm hatte man einen überzeugten Demokraten gewählt, der in der Übergangsphase bereits bewiesen hatte, dass er bereit war, hartnäckig einen sozialen Reformkurs zu verfolgen. Februar 1919Sozialdemokratische Führer der bürgerlichen Republik von Weimar (Februar 1919). Von links: Landsberg (Justizminister), Scheidemann (Ministerpräsident), Noske (Reichswehr), Ebert (Reichspräsident), Wissel (Wirtschaft). Um die Bewältigung ihrer beiden Hauptaufgaben war die Nationalversammlung nicht zu beneiden: Gefordert war die Ausarbeitung einer Verfassung und der Abschluss des Friedensvertrages mit den Kriegsalliierten. Zunächst enttäuschte die Pariser Friedenskonferenz, trotz der vermittelnden Haltung vor allem Englands, die Hoffnungen auf einen akzeptablen Friedensschluss. Neben der allgemeinen Empörung über die Bedingungen des Vertrags und die rüde Art der Verhandlungsführung galten die Kriegsschuldklausel (Artikel 231) mit den damit zu rechtfertigenden Reparationen, die Missachtung des Selbstbestimmungsrechtes sowie die geplante Grenzziehung im Osten einschließlich der Gebietsabtretungen als absolut unannehmbar. Speziell die letztgenannte Problematik wurde als »offene Wunde« empfunden, die von interessierten Kreisen mit Bedacht dazu missbraucht wurde, schmerzhaft an die erlittene »nationale Schmach« zu erinnern und großdeutsche Emotionen mit dem Ziel der Revanche zu wecken. Nach gründlicher Prüfung aller Alternativen signalisierte auch die Armee, was in den folgenden Jahren allzugern verschwiegen wurde, den ultimativ gestellten Friedensbedingungen zuzustimmen, da ansonsten ein Vordringen der alliierten Verbände auf deutsches Gebiet unvermeidbar wäre. Jeder Widerstand war chancenlos und unsinnig. Zähneknirschend nahm die Nationalversammlung daher mit einfacher Mehrheit die Bedingungen an. Während die militärisch Verantwortlichen sich in vielsagendes Schweigen hüllten, setzten Hermann Müller (SPD) und Johannes Bell (Zentrum) notgedrungen als Beauftragte der Regierung ihre Unterschrift unter den »Schmachfrieden«. Bürgerliche Politiker konnten so zu »Handlangern der Siegermächte« abgestempelt werden. Es sollte nicht lange dauern, bis die rechte, antidemokratische Opposition »den würdelosen peinlichen Akt der Unterwerfung« zur Hauptzielscheibe ihrer Propaganda gegen die junge Republik machte. Vor allem der Kampf gegen die sogenannte »Kriegsschuldlüge« wurde zum Hebel, mit dem die demokratische Ordnung blockiert und wenn möglich gesprengt werden sollte. Die ursprüngliche kriegspropagandistische Parole, dem siegreichen Deutschland würden nach Kriegsende von seinen Gegnern die Kriegskosten auf Heller und Pfennig beglichen, hatte sich gewendet in das Trauma, nun auf Generationen unterjocht zu werden, um die »Kriegskosten der Welt zu zahlen«, wie es der Historiker Helmut Heiber formuliert. Dem kritischen Zeitbeobachter musste sich angesichts der wirtschaftlichen und politischen Ausgangslage die Frage stellen, wie lange das demokratische Deutschland, dem jetzt die Rolle des Sündenbocks zugeschoben wurde, sich behaupten konnte. Eine liberale Verfassung für eine autoritätsgläubige Gesellschaft
Selbstverständlich erschwerten die dargestellten Vorgänge ebenso wie die inneren Auseinandersetzungen um den Friedensschluss die zweite wichtige Aufgabe der Nationalversammlung, die Verabschiedung einer Verfassung, ganz erheblich. Circa sechs Monate währten die Beratungen, bis am 11. August 1919 die »Weimarer Verfassung« in Kraft treten konnte. Mit dem liberalen Verfassungsrechtler Hugo Preuß hatte ein überzeugter Demokrat Entwürfe geliefert, die trotz zahlreicher Abänderungen und Kompromisse zu einer Verfassung mit hohem demokratischen Anspruch führten. Unverkennbar war der liberale Geist, der an die deutsche Nationalversammlung von 1848/49 erinnerte. Darüber hinaus verband man radikal demokratische Vorstellungen mit einer überaus starken Position des Staates. Diese teilweise widersprüchlichen Komponenten, sichtbar etwa im Instrument des Volksentscheids, dem Grundrechtskatalog, der Stellung des Präsidenten und dem »Notverordnungsrecht« nach Artikel 48, waren durchaus idealen Vorstellungen verpflichtet, über deren Einlösbarkeit man in der Bundesrepublik Deutschland heute viel kritischer denkt als zu Beginn der zwanziger Jahre. Nicht von ungefähr haben die Väter des Grundgesetzes in mancher Hinsicht ihre »Lehren aus Weimar« gezogen. Trotzdem greift die Erklärung zu kurz, die erste deutsche Republik sei an ihrer fehlerhaften Verfassungskonstruktion gescheitert. Wenn durch sie auch manche unheilvolle Entwicklung erleichtert und beschleunigt wurde, dürften die tieferen Ursachen der Schwäche doch eher mit dem Schlagwort zu umreißen sein: »Es war eine Demokratie ohne Demokraten«. Von wenigen geliebt, von den meisten achselzuckend hingenommen, aber von vielen leidenschaftlich bekämpft -konnte so die parlamentarische Demokratie im Deutschen Reich nach seiner tiefgreifendsten politischen und sozialen Erschütterung überhaupt erfolgreich bestehen? Demokraten und Radikale: Die Parteien im Reichstag
Der rasche, oft hektische Regierungswechsel in den vierzehn Jahren demokratischer Regierungszeit von 1919-1933 und das damit verbundene häufig verzweifelte Ringen um eine tragfähige Regierungskoalition waren sicher bei der durch das reine Verhältniswahlrecht begünstigten Parteienzersplitterung zu einem guten Teil vorprogrammiert. Gleichzeitig wurde sichtbar, wie wenig Rückendeckung das Parlament den jeweiligen Regierungen gewährte, um die häufig scheinbar unlösbaren innen- wie außenpolitischen Probleme zu bewältigen. Schon die Wahlen zum ersten Reichstag 1920 ließen keinen Zweifel an der kompromisslosen Kampfansage der rechts- wie linksextremen Gegner des neuen »Systems«. Dabei gab ihnen der Stimmungsumschwung im Reich nach der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages neuen Auftrieb. Konservativ monarchische Gruppierungen sammelten sich in der »Deutschen Volkspartei« und in der »Deutschnationalen Volkspartei« (DVP und DNVP). Daneben blühte der Nationalismus in der sogenannten »völkischen Bewegung« auf, einer facettenreichen Palette von Bünden unter dem gemeinsamen Banner rassisch reiner deutscher Volksgemeinschaft. Diese Strömungen autoritärer antisemitischer und deutschtümelnder Großmachtträume in einer »Bewegung« zu vereinigen, sollte nur wenige Jahre später das traurige Verdienst des österreichischen Gefreiten und nachmaligen »Führers« Adolf Hitler werden. Frankfurt»Vor der Hauptwache… mehrere Todesopfer durch Maschinengewehrfeuer zu beklagen …« Französische Besetzung Frankfurts 1920 entsprechend der Regelung des Versailler Vertrags für die rheinischen Gebiete. Gleichzeitig ließen USPD und KPD keine Gelegenheit aus, in praktisch aussichtslosen Aktionen die parlamentarische Demokratie doch noch zu beseitigen. Mit Maschinengewehrsalven wurden ihre Anhänger im Januar 1920 vor dem Reichstag auseinandergetrieben. Tragische Bilanz dieser Aktion: 42 Tote. Im Parlament selbst beschränkte sich eine mögliche Koalition daher zunächst auf SPD, »Zentrum« und DDP, während USPD, KPD sowie DVP, DNVP und später NSDAP (»Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei«) aus ihrer antidemokratischen Einstellung keinen Hehl machten. Nachdem schon 1920 die »Weimarer Koalition« starke Verluste zugunsten der Radikalen hinnehmen musste, spitzten sich, trotz einer inneren Wandlung der DVP, die folgenden Wahlen zu dem schier aussichtslosen Versuch zu, eine »negative Mehrheit« der Demokratiefeinde im Reichstag zu verhindern. Dass daneben die kleinliche Rücksichtnahme auf Einzelinteressen nicht selten die Bereitschaft zu übergeordneten Kompromissen überdeckte, ließ den Spielraum von Parlament und Regierung in entscheidenden Fragen weiter schrumpfen. In den Augen vieler, auch demokratischer Zeitgenossen verknüpfte sich die Vorstellung eines beinahe endlosen Parteienhaders mit einem unaufhaltsamen Vertrauensschwund in die von Anfang an nie hoch eingeschätzten Fähigkeiten der Parteien, die schwierigen anstehenden Probleme bewältigen zu können. Die hierbei in vielen Köpfen mitschwingende Hoffnung auf die Rettung durch eine überparteiliche Autorität, einen starken Mann, zog sich daher durch alle Jahre der Republik, stets aufs Neue auflodernd, wenn die wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten scheinbar unüberwindbar zu werden drohten. Parteien der Weimarer Zeit
Im Kaiserreich lange im »Vorhof der Macht« gehalten, hatten die deutschen Parteien nach Kriegsende unvorbereitet parlamentarische Verantwortung zu übernehmen. Zahlreiche Schwierigkeiten, Vorurteile und ideologische Sperren erschwerten dabei vielfach eine fruchtbare Zusammenarbeit:
• Öffentliche Debatten heikler Themen waren als undeutsch diskreditiert;
• gegenüber dem Glanz des Kaiserreiches verblasste der nüchterne parlamentarische Alltag;
• lediglich SPD (»Sozialdemokratische Partei Deutschlands«), »Zentrum« (Katholisch, republikanische Mitte) und DDP (»Deutsche Demokratische Partei«, linksliberal) bekannten sich von Anfang an zur Republik;
• DVP (»Deutsche Volkspartei«) und DNVP (»Deutschnationale Volkspartei«), beide mit monarchisch nationaler Grundhaltung, blieb die Republik stets ein Ärgernis;
• die KPD (»Kommunistische Partei Deutschlands«) arbeitete auf die gewaltsame Beseitigung der bürgerlichen Demokratie hin;
• die NSDAP (»Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei«) wollte die nach ihrer Ansicht korrumpierende Parlamentswirtschaft durch einen totalitären Führerstaat ersetzen;
• Splitterparteien erschwerten die ohnehin problematische Koalitionsbildung;
• Außen- und Innenpolitik wurden von rechts und links auf lähmende ideologische Grundsatzdebatten zugespitzt;
• den demokratischen Kräften fehlte es an Selbstbewusstsein und entschlossener Unterstützung durch eine aufgeklärte Öffentlichkeit;
• republikfeindliche Parteien konnten ungehindert für eine Zerstörung der Demokratie agitieren.
EmanzipationWeimarer Republik – Bürgerliche Kleinfamilie: Rückzug auf tradierte Normen, Suche nach stabilisierenden Faktoren in der unfreiwilligen, nicht bewältigten Emanzipation. Bild: August Sander. Der »Kapp-Putsch«
Arbeiter und Bürger retten die junge Republik

Einen ersten Ausbruch der immer unverhohlener auftretenden Gegnerschaft antidemokratischer rechter Gruppen bescherte der März 1920. Aufgestaute Aggressionen unter den meist monarchisch geprägten Offizieren erreichten ihren Höhepunkt, als die im Friedensvertrag vereinbarte Verringerung der Heeresstärke in Angriff genommen werden sollte. Nun erwiesen sich die rechtsradikalen Freikorps als Keimzelle des Aufruhrs. Kurz entschlossen setzte sich die »Marinebrigade Ehrhardt« unter ihrem Befehlshaber Richtung Berlin in Bewegung, um der drohenden Auflösung zuvorzukommen. Von General Lüttwitz unterstützt und vom rein »zufällig« vorbeikommenden General Ludendorff begrüßt, rückten die Truppen in die Reichshauptstadt ein. Der Regierung blieb lediglich ein Hilferuf an die Armee. Reichswehrminister Gustav Noske wurde in der Stunde größter Gefahr vom Chef der Heeresleitung Generaloberst von Seeckt mit den Worten abgespeist: »Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr.« Ohne jede Rückendeckung flieht daraufhin die Regierung Hals über Kopf nach Stuttgart. Indessen hält die Reichswehr sich im Hintergrund, das Schauspiel gelassen verfolgend. Dass die Machtübernahme des eigentlichen Drahtziehers, des alldeutsch-national gesonnenen Verwaltungsjuristen Wolfgang Kapp nur eine politische Posse weniger Tage blieb, lag an der unzulänglichen Organisation dieses Putsches, vor allem aber an der Reaktion der Arbeiter. Ihr entschlossener Generalstreik sowie die Tatsache, dass auch Angestellte und Beamte in Kapps Abenteuer keinerlei Vertrauen setzten, ließen ihn ins Leere stoßen. Neben die Ernüchterung über die entlarvende Vorstellung der Militärs trat nach dem Ende des »Kapp-Putsches« aufseiten der Demokraten eine übertriebene Befriedigung bezüglich der Stärke der demokratischen Haltung in der Bevölkerung. Die Vertrauensbasis der Regierung vergrößerte sich nach diesem Sieg aber keineswegs, im Gegenteil. Seit Langem wartete die Arbeiterschaft vergeblich auf in Aussicht gestellte Sozialisierungen, auch ihr Einfluss in den Betrieben wurde erheblich beschnitten, als »Betriebsräte« per Gesetz an die Stelle der »Arbeiterräte« traten. Gleichzeitig übte die Regierung größte Nachsicht mit den reaktionären Freikorps. Nicht einmal die Beteiligten am »Kapp-Putsch« hatten mit mehr als einer symbolischen Bestrafung zu rechnen. Wer es hören wollte, konnte sogar erfahren, dass Kapp mit seinen Kumpanen – steckbrieflich gesucht, aber unbehelligt – neue Geheimbünde mit dem alten, vorläufig gescheiterten Ziel organisierte. Wolfgang Kapp: Rittergutsbesitzer, preußischer Landrat, Generaldirektor der ostpreußischen Landwirtschaftskreditbank. Mit Admiral Tirpitz Begründer der »Deutschen Vaterlandspartei« (1917). Verfechter alldeutscher Ideen. Propagiert die Gegenrevolution gegen die »Weimarer Republik« vom Baltikum aus.
Die Reduzierung der Truppenzahl entsprechend den Bedingungen des »Versailler Vertrages« durch die Regierung Bauer wird zum Anlass für den Putschversuch. Unterstützung durch General Lüttwitz und rechtsradikale Politiker. Kontakt zu Freikorps (Marinebrigaden Löwenfeld und Ehrhardt). 13. März 1920 Einmarsch der Brigade Ehrhardt in Berlin, Ultimatum an die Regierung.
Das Kabinett flieht nach Dresden, dann nach Stuttgart, weil die Reichswehr ihm den selbstverständlichen Schutz versagt. Kapp übernimmt die Regierung. Der Chef der Heeresleitung, General Hans von Seeckt, lehnt den Putsch ab.
Nachdem Gewerkschaften, DDP und USPD den Generalstreik ausgerufen haben und die Beamtenschaft nicht bereit ist, mit Kapp zusammenzuarbeiten, distanzieren sich auch die Reichswehr und die Deutschnationale Volkspartei von Kapp. Kapp tritt am 17. März zurück.
»Ruhraufstand«. Da die Drahtzieher des Putsches und die Rechtskräfte in Reichswehr und Freikorps nicht zur Rechenschaft gezogen werden, Fortsetzung des Generalstreiks. Rücktritt des Ministerpräsidenten Bauer und Reichswehrministers Noske. Einschreiten der Reichswehr und von Freikorps gegen streikende Arbeiter. Bewaffneter Kampf der Arbeiter und schließlich Aufstand der kommunistischen »Roten Ruhrarmee«. Wird von der Reichswehr niedergeschlagen.
Die Linken schlagen und die Rechten schonen
Mit zweierlei Maß gegen die Feinde der Republik

Empörung und Enttäuschung führten daher im Ruhrgebiet, in Sachsen und Thüringen Arbeiter zu Selbsthilfegruppen zusammen. KPD und USPD fanden offene Ohren für ihre Feststellung, Regierung wie Parlament hätten versagt, seien im Grunde nur Agenten der »Offizierskaste«, deren Interessen in absolutem Gegensatz zur Arbeiterklasse stünden. Aus eigener Initiative wollten die Arbeiter gegen die Reichsfeinde vorgehen und dabei ihre berechtigten Interessen wahrnehmen. Eine regelrechte »Rote Armee« bildete sich auf Betreiben der KPD dazu in den Ruhrmetropolen. Als wollte sie die Parole bestätigen, schickte die Reichsregierung nach vergeblichen Vermittlungsversuchen reguläre Militäreinheiten gemeinsam mit den berüchtigten Freikorps in die Unruhegebiete. Sogar die »Brigade Ehrhardt« durfte gegen die Arbeiter anrücken. Im ausbrechenden Bürgerkrieg schenkten sich die Kampfparteien nichts. Als die Militärs schließlich ihre »Säuberungsaktion« erfolgreich abgeschlossen hatten, konnten sie feststellen, die Regierung ein weiteres Mal mit unbeschreiblicher Brutalität »gerettet« zu haben. Die Linke war in ihrem Kampfgeist gebrochen, daran änderte auch ein erfolgloser kommunistischer Aufstand im März 1921 nichts mehr. Den Rechtsradikalen blieb die Machtübernahme zwar versagt, aber kaum jemand störte ernsthaft ihre Umtriebe: ihre Stunde würde kommen. Dass vom Sommer 1920 an die »Weimarer Koalition« nie mehr eine Mehrheit im Reichstag erlangen konnte, sollte zum Symbol einer schleichenden Vertrauenskrise werden. Immer unverfrorener gebärdeten sich ab 1921 die Extremisten, um ihre Verachtung gegenüber dem »System« der von ihnen »Novemberverbrecher« geschimpften Demokraten in gewalttätigen Ausschreitungen zum Ausdruck zu bringen. »Schlagt tot den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau«, damit wurde die Stimmung angeheizt, auf deren Höhepunkt der populäre bürgerliche demokratische Politiker und Reichsaußenminister im Juni 1922 auf offener Straße ermordet wurde. Die Tat war kein Einzelfall. Knapp ein Jahr zuvor wurde Matthias Erzberger, Mitglied der »Zentrumspartei« und als Delegationsleiter der Waffenstillstandsunterzeichnung Symbolfigur für den »Verrat an Volk und Reich«, von zwei ehemaligen Offizieren tödlich getroffen. Sein Tod konnte von »deutsch-nationalen« Kreisen offen bejubelt werden. Wo blieben Recht und Gesetz? Zwischen 1919 und 1922 wurden von Linksradikalen 22, von Rechtsradikalen 354 politische Morde verübt. Während 326 Morde von rechts ungesühnt blieben, entgingen lediglich vier Straftaten extrem Linker der gerichtlichen Verfolgung. Ganz zu schweigen von den Urteilen und Strafmaßnahmen: von geständigen rechtsextremen Tätern wurden allein 23 freigesprochen, kein einziger Linker jedoch. Hier bewies sich das skandalöse Rechtsverständnis der ehemals kaiserlichen Justiz, die nationalistisch motivierte Gewalttaten geradezu belohnte! Das kaum verhüllte Verständnis der Gerichte für nationale Taten nahm angesichts der anschwellenden Woge der Gewalt zynische Züge an. Im Parlament löste der Tod Walther Rathenaus endlich eine mehrheitliche Empörung aus, die es ermöglichte, das »Gesetz zum Schutz der Republik« zu verabschieden, womit eine Handhabe gegen Tarnorganisationen und politische Banden gegeben war. KPD, DNVP und »Bayerische Volkspartei« stimmten dagegen. Reichskanzler Wirth (»Zentrum«) sprach offen aus, was im Reichstag die meisten dachten: »Der Feind steht rechts.« Zur Rolle des Freikorps
Ähnlich wie die »Schwarze Reichswehr« rekrutierten sich die Freikorps aus konservativen ehemaligen Offizieren, Soldaten und Arbeitslosen. Teils überzeugte Idealisten, teils abenteuernde Landsknechtsnaturen, die bereit waren, sich jederzeit gegen alles, was als kommunistisch, sozialistisch oder vaterlandslos bezeichnet wurde – sei es zu Recht oder Unrecht – führen zu lassen, dabei wenig zimperlich in den Methoden und durch ganz Deutschland eine deutliche Blutspur und Hunderte von Todesopfern hinterlassend. Reichswehrminister Noske war in manchem Fall ihr Initiator, in jedem Fall duldete er sie und setzte sie zur Niederschlagung kommunistischer und linksradikaler Aufstände, so bei der Zerschlagung der Münchner Räterepublik, in Thüringen und Sachsen, in Berlin ein. Zeitweilig zählten die Freikorps 400000 Mann. Diese Geheimarmee kämpfte auch im Baltikum, in Oberschlesien.
Fememorde. Unter dem Vorwand der Vaterlandsverteidigung und des Kampfes gegen den Kommunismus wurden von den Freikorps und ihren Nachfolgeorganisationen wenigstens 300 Morde an missliebigen Politikern, Intellektuellen, Verrätern aus den eigenen Reihen und Kommunisten begangen. Opfer waren u. a. der Zentrumspolitiker Erzberger (26. August 1921), der USPD-Führer und Ministerpräsident Eisner in München (Februar 1919), Dr. Rosa Luxemburg (15. Januar 1919), Dr. Karl Liebknecht (15. Januar 1919), Außenminister Rathenau (24. Juni 1922). Unter den Mördern finden sich Namen, die später im NS-Staat eine so blutige Signatur hinterließen wie Höß (Lagerkommandant von Auschwitz) und Bormann (Reichsleiter und Sekretär Hitlers).
Berüchtigte Gruppierungen und Nachfolgeorganisationen der Freikorps: Aus der auch in den »Kapp-Putsch« verwickelten »Marinebrigade Ehrhardt« ging nach der Auflösung der Freikorps die nicht weniger gefürchtete »Organisation Konsul« in München (1920-1922) hervor (Adjutant: E. v. Salomon), deren Satzung den erbarmungslosen Kampf gegen die »Weimarer Republik« und ihre Vertreter sowie unbedingten Gehorsam und Femegerichtsbarkeit forderte. Die militärisch straff geführte Organisation verfügte über eigene Waffenlager und war stark genug, auch die Gerichte nicht fürchten zu müssen. Es kam in den Prozessen von 1924 zu keiner Verurteilung der sich nun im »Neudeutschen Bund« zusammenschließenden Mitglieder.
Eine andere bayerische Nachfolgeorganisation war die »Organisation Escherich«, die 1920 in Regensburg entstand. Neben den genannten Zusammenschlüssen gab es eine Vielzahl republikfeindlicher paramilitärischer Gruppierungen, von den Einwohnerwehren über Frontkämpferverbände bis hin zum »Kampfbund Oberland« und dem Bund »Reichskriegsflagge«.
Die Reichsregierung zwischen Reparationsforderungen und Rufmordkampagnen
Überschattet, wenn nicht gar in ihr explosives Stadium gebracht worden waren die gewalttätigen Ausschreitungen von einem politischen Generalthema, das bis zum Ende der Republik für Zündstoff sorgen sollte. Es handelte sich um den »Friedensvertrag von Versailles«, der im Frühjahr 1920 in Kraft getreten war. Dabei stellte sich die Reparationsfrage bald als der gefährlichste innen- wie außenpolitische Sprengsatz heraus, da im Vertragstext die Summe der zu leistenden Reparationen offengeblieben war. Von deutscher Seite sah sich die Reichsregierung in der wenig beneidenswerten Lage, von den Gegnern im Reich beschimpft, von den Alliierten durch eine ultimative, mit massiven Drohungen geführte Verhandlungsstrategie in die Enge getrieben zu werden. Zunächst blieben die Deutschen in der Frage der Reparationszahlungen hart und nahmen als Sanktionen die Besetzungen der Rheinhäfen Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort hin. Als am 5. Mai 1921 statt der zunächst geforderten 226 Milliarden Goldmark die Reparationsschuld von alliierter Seite verbindlich auf nur 132 Milliarden festgelegt wurde, war nach realistischer Einschätzung das äußerste zu diesem Zeitpunkt erreicht. Mit der Drohung, bei Ablehnung binnen sechs Tagen das Ruhrgebiet zu besetzen, ließen die Siegermächte Reichskanzler Wirth (1921/22) keinen Entscheidungsspielraum mehr. Josef Wirth und sein Außenminister Walther Rathenau wurden so aus Einsicht in die politischen Realitäten zu verleumdeten »Erfüllungspolitikern«, auf die sich der zügellose Hass der gesamten Rechten konzentrierte. Dies um so schärfer, als trotz einer sechzigprozentigen Abstimmungsmehrheit für Deutschland und trotz erfolgreichen Freikorpseinsatzes gegen polnische Übergriffe Deutschland gezwungen wurde, Oberschlesien mit Polen zu teilen. Drei Viertel des Gebietes mit mehrheitlich von Deutschen bewohnten Städten des wegen seiner Bodenschätze wichtigen oberschlesischen Raumes um Kattowitz und Lublinitz musste an Polen abgetreten werden. Es wiederholte sich nun ein bekanntes Schauspiel: Demokratisch-bürgerliche Politiker übernahmen mit ihrer Unterschrift die Verantwortung für die Folgen monarchisch, nationalistisch motivierten Größenwahns, während die geistigen Hintermänner von damals mit neuen Handlangern bereits wieder auf dem Sprung nach vorne waren. Dass die Demokraten dies nicht im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankern konnten, sich sogar ihres »undeutschen Treibens« schämen sollten, gehört wesentlich zur Tragik des späteren Scheiterns von Weimar. Den Ton der Reparationsverhandlungen ebenso wie die harte Linie bestimmte vor allem Frankreich. Seine Haltung wurde diktiert von der Furcht vor einem möglichen Wiedererstarken des »Erbfeindes«, den man daher für alle Zukunft wirtschaftlich und militärisch als zweitrangige, weil damit berechenbare politische Größe eingestuft wissen wollte. Natürlich spielten bei der Einstellung Englands und der USA ebenso Ressentiments eine bedeutende Rolle, wenngleich insbesondere die Briten bald erkannten, dass ein wirtschaftlich florierendes Deutschland seine Kriegsschulden leichter begleichen konnte und daneben ein vielversprechender Handelspartner zu werden versprach. Diese differenzierte Einschätzung sollte jedoch erst später zu einem tragenden Konzept weiterentwickelt werden. Vordergründig drückten die Westmächte eigene Kriegsschulden bei den USA; vor allem die Franzosen standen hier tief in der Kreide. Indessen blieb bei allen Reparationsforderungen an Deutschland völlig außer Acht, ob überhaupt eine realistische Chance bestand, die geforderten Raten im zerrütteten Deutschland zu erwirtschaften, zumal die Alliierten zunächst deutsche Exportanstrengungen nach Kräften erschwerten. Nach dem Willen Frankreichs durfte die Frage der Zahlungsfähigkeit nicht diskutiert werden. Jedes diesbezügliche Argument vonseiten Deutschlands wurde unmissverständlich als Zeichen von Zahlungsunwilligkeit denunziert. So griffen auch nicht die Versuche des Außenministers Rathenau, der in düsteren Farben ausmalte, dass unveränderte Reparationszahlungen nur um den Preis einer rasanten Inflation zu leisten waren, denn wie anders sollte man das Geld beschaffen, als es bei Bedarf zu drucken. Stand die Leistungsfähigkeit der Industrie jedoch in immer krasserem Missverhältnis zu der umlaufenden Geldmenge, konnte man einen wirtschaftlichen Kollaps erwarten. Reparationen (lat. reparatio = Wiederherstellung, Wiedergutmachung)
Ursprünglich Kriegsentschädigungen, die einer Erstattung der Kriegskosten durch den Besiegten entsprachen. Die Forderungen des »Versailler Vertrages« gingen weit über diese Regelung hinaus und forderten auch Wiedergutmachung für private Schäden, für Darlehen, für Renten und Pensionen etc. Da der Rechtsanspruch und die Höhe dieser Reparationen umstritten blieben, kam es nie zu einer endgültigen Festlegung der Reparationsleistungen. Insgesamt wurden vom Deutschen Reich bis 1931 53 Milliarden Goldmark Entschädigungen gezahlt.
Deutschlands SchicksalSie beeinflussten Deutschlands Schicksal. Von links: General Ferdinand Foch, franz. Generalstabschef, alliierter Oberkommandierender; Lloyd George, britischer Premier; Aristide Briand, der später mit Stresemann zur Verständigung kam. Londoner Reparationskonferenz 1921. Die Franzosen besetzten das Ruhrgebiet
Dennoch duldete Frankreich keinen Zahlungsaufschub mehr, da die Untätigkeit deutscher Regierungskreise den Verdacht nährte, mit Inflation und Zahlungsunfähigkeit die Reparationen bewusst zu unterlaufen. Das Jahr 1922 brachte die befürchtete Zuspitzung des Konfliktes. Mit dem Kabinett Wirth war in kurzer Zeitspanne eine weitere Regierungskoalition verschlissen und durch ein Misstrauensvotum des Reichstags gestürzt worden. Wirth musste erkennen, dass er weder auf Zahlungsaufschub noch auf amerikanische Vermittlung in der Reparationsfrage rechnen konnte. Nach dem Zerbröckeln dieser Grundpfeiler seiner Politik schwenkte er ebenso ratlos wie verzweifelt auf die Linie »Erst Brot, dann Reparationen« ein. Im November 1922 scharte daher der parteilose Wirtschaftsfachmann Wilhelm Cuno ein ebenfalls parteiloses Kabinett mit Rechtsneigung um sich, das mit dem Selbstbewusstsein überparteilicher Fachleute antrat. Reichskanzler Cuno (1922/23) steuerte mit seiner bürgerlichen Minderheitsregierung von Anbeginn auf Konfrontationskurs mit den Westmächten. Die ihn unterstützenden Deutschnationalen ermunterten seine Regierung, vor allem Frankreich gegenüber eine harte Position zu beziehen. Die bisherige sogenannte »Erfüllungspolitik« sollte ein für alle Mal beendet sein. Im Gegenteil hoffte man sogar darauf, die Zahlungsbedingungen neu auszuhandeln. Allerdings besann man sich auf diese neue Linie der Stärke im denkbar ungünstigsten Augenblick, da mit dem französischen Ministerpräsidenten Raymond Poincaré (1922-1924/1926-1929) ein unversöhnlicher, stramm national ausgerichteter Franzose als Partner akzeptiert werden musste. Vergebens hoffte man in Deutschland auf einen mäßigenden Einfluss Englands. Als unverkennbar war, dass das Deutsche Reich bewusst die Reparationsleistungen verschleppen würde, suchte Poincaré nach einem Vorwand, um unmissverständlich seine Position zu unterstreichen. Er sondierte in verschiedenen europäischen Hauptstädten mögliche Reaktionen auf einen überraschenden französischen Schritt, ehe er tatsächlich seine Drohung wahr machte, sich »produktive Pfänder« zu verschaffen. Wie ein Paukenschlag wirkte die Nachricht, als am 11. Januar 1923 sechzigtausend Belgier und Franzosen das Ruhrgebiet besetzten. Mit »feierlichem Protest vor der ganzen Welt« dokumentierte das Deutsche Reich seine Empörung. Ohnmächtige Wut und lautstarke Entrüstung in weiten Teilen der Bevölkerung erleichterten der Regierung Cuno, gegenüber den Eindringlingen eine Politik des passiven Widerstandes zu propagieren. Frankreich sollten die erhofften Bodenschätze und Sachleistungen teuer zu stehen kommen. Und Poincaré wusste nur zu bald, dass nicht mehr die Verweigerung der Reparationen, sondern die Erniedrigung Frankreichs Ziel deutscher Politik geworden war. Vom Hass verfolgt Republikaner, Demokraten, Revolutionäre
Ob »Zentrum« oder SPD, Liberale oder Kommunisten, den Rechtskonservativen und Rechtsradikalen waren alle gleich verhasst. Auf der anderen Seite versuchten linksradikale Gruppen und sowjetorientierte Kommunisten in der unruhigen »Weimarer Republik« an die Macht zu kommen. Unterwanderungen, regionale Revolutionen, Aufstände waren die von links gegen die Republik eingesetzten Mittel, gegen die jedoch die rechtskonservative Seite ihre durch militärische und altbürgerliche Kreise gestützte und tolerierte eigene Brutalität nur zu gut einzusetzen wusste. Oft waren linke Aktionen nur Reaktionen auf rechte Übergriffe.
Beispiele: Namen, Republiken, Aufstände
Matthias Erzberger:
Geboren am 20. September 1875 in Buttenhausen/Württemberg. Zentrumspolitiker, Volksschullehrer, Redakteur.
1903/1906 Reichstagsabgeordneter, Finanzexperte.
1914 Für Annexionspolitik nach gewonnenem Krieg. Bald aber Sympathisant eines »Verständigungsfriedens«.
1918 Unterzeichnet auf Wunsch Hindenburgs den Waffenstillstand in Compiègne. Tritt, um die Reichseinheit zu retten, für Erfüllung des »Versailler Vertrages« ein.
1919 Finanzminister.
1920 Zentralisierung der Finanzhoheit. Verleumdet als eigennütziger Finanzschieber.
Erzberger wurde von den Rechten als »Erfüllungspolitiker« verächtlich gemacht und durch Hetzschriften verleumdet. Am 26. August 1921 fällt er einem Mordanschlag der »Organisation Konsul« zum Opfer.
Kurt Eisner: Geboren am 14. Mai 1867 in Berlin. Philosophie- und Germanistikstudium. Redakteur. Kriegsgegner.
1917 Vorsitzender der USPD in München.
1918 Verhaftung wegen Proteststreiks.
7. November 1918 Ausrufung der Republik Bayern und Übernahme des Ministerpräsidentenamtes einer Regierung mit drei SPD- und drei USPD-Mitgliedern.
Januar 1919 Niederlage der USPD und Rücktritt Eisners.
Abgestempelt als »Novemberverbrecher« und Jude, wird Eisner am 21. Februar 1919 von Leutnant Graf Arco-Valley ermordet.
Bayerische Räterepublik München: Im Gefolge der Ermordung Eisners kommt es am 7. April 1919 zur Ausrufung der »Räterepublik der Arbeiter-, Soldaten und Bauernräte«, die von Mehrheitssozialisten getragene Regierung Hoffmann zieht sich nach Bamberg zurück. In Auseinandersetzungen erringen die Kommunisten die Oberhand und bilden einen Vollzugsrat mit Aktionsausschuss. Nach Absetzung dieses Vollzugsrates durch die Münchner Betriebsräte kommt es zur Terrorherrschaft der bayerischen »Roten Armee«, die im Mai vor allem durch den Gegenterror der Freikorps gebrochen wird.
Ruhraufstand und Ruhrkampf: Der »Kapp-Putsch« führt über den Generalstreik schließlich zum Aufstand und zum Kampf der »Roten Armee« des Ruhrgebiets gegen die eingreifende Reichswehr (März-Mai 1920). Mit dem Einmarsch französischer und belgischer Truppen ins Ruhrgebiet im Januar 1923 kommt es erneut zum Kampf, diesesmal gegen die Besatzer. Der bis zum September andauernde Kampf fordert 90 Tote. Rund 180000 Bürger werden ausgewiesen. Die Besetzung endet 1925.
Hamburger Aufstand: Am 23. Oktober 1923 versuchen 300 kommunistische Arbeiter, beraten von sowjetischen Militärs, einen Aufstand unter streikenden Dockarbeitern zu initiieren, was misslingt.
Kommunistische Koalitionsregierungen in Thüringen und Sachsen: Die teilweise unter dem Eindruck rechtsradikaler Tendenzen entstandenen Koalitionsregierungen zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten werden im Auftrag der Reichsregierung (»Reichsexekution«) von der Reichswehr zerschlagen, wobei es zu Kämpfen und Exekutionen kommt (20. Oktober/November 1923).
Separatistische Republiken: Der Versuch, separatistische Staaten (»Rhein-Republik« und »Autonomer Pfalzstaat«) zu bilden, scheitert (1924).
Der »Ruhrkampf«
Der kleine Mann als Held einer Politik ohne Perspektive

In leidenschaftlichem Einsatz bemühte sich die Ruhrbevölkerung um eine Demütigung der Besatzer. Arbeitsverweigerung, Sabotage und nächtliche Überfälle schufen bürgerkriegsähnliche Zustände, verschärft durch brutales Zurückschlagen der Franzosen. Hunderte wagten ihr Leben und nicht wenige wurden zu Märtyrern der nationalen Sache. Noch Jahre danach hielten die vaterländischen und rechtsorientierten Kreise die Erinnerung an den »Ruhrkampf« wach. Hanns Johst, Schriftsteller und später Präsident der NS-Reichsschrifttumskammer, ließ mit Bedacht im Krisenjahr 1932 sein Drama »Schlageter« erscheinen, dessen gleichnamiger Titelheld 1923 von den Franzosen als Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt worden war. Hatte die Regierung Cuno anfangs noch angenommen, der passive Widerstand müsste die Ruhrbesetzung binnen weniger Monate beenden, war sie bereits im Frühjahr 1923 vollkommen ernüchtert und handlungsunfähig. Während Frankreich nach enormen Anfangsschwierigkeiten allmählich eine eigene Ruhrverwaltung aufgebaut hatte, kostete die Unterstützung der Ruhrbevölkerung die Reichsregierung gewaltige Summen. Gleichzeitig fehlten im Reich die Kohlelieferungen aus dem Ruhrgebiet, und der Ausfall der Wirtschaftskraft einer wichtigen Region verschlimmerte die verheerenden Folgen der Arbeitslosigkeit und der krisengeschüttelten Wirtschaftslage, die noch immer keinen Weg in eine zukunftsorientierte Friedensproduktion zugelassen hatte. Angesichts dieser Lage auf eine Politik der Stärke zu setzen oder gar noch militärische Lösungen zu suchen, war schlicht selbstmörderisch. Dass dennoch mehr oder weniger heimlich Kampfverbände zusammengestellt und ausgerüstet wurden, ließ die Gefahr einer Eskalation immer drohender werden. In unverantwortlicher Weise setzten große Teile der Reichswehr mit ihren vaterländischen Parteigängern auf nationale Begeisterung und eine tiefgreifende Enttäuschung von Tausenden ehemaliger Frontkämpfer, die aus der Armee entlassen noch immer nicht im zivilen Leben Fuß gefasst hatten. Mit Säbelrasseln war die Situation jedoch nicht zu meistern. Wieder einmal mussten demokratische Politiker die undankbare Rolle der Verlierer übernehmen, obwohl auch diesmal die Folgen deutsch-nationaler Selbstüberschätzung von anderen zu verantworten gewesen wären. Am 26. September 1923 musste die neue Reichsregierung unter Gustav Stresemann in einem Aufruf die bittere Wahrheit eingestehen, dass es um »die nackte Existenz für unser Volk« gehe, da Währung und Wirtschaft »im besetzten und unbesetzten Deutschland« nahezu hoffnungslos zerrüttet seien. Damit bewies Reichskanzler Stresemann (1923) außerordentlichen Mut und leitete eine bis dahin kaum vorstellbare Wendung in der deutschen Politik ein. Die Mark stürzt ins Bodenlose: Inflation
Das ungleiche Schicksal von Sparern und Spekulanten

In rasendem Tempo hatte das Jahr 1923 die Krise des Reichs zu katastrophalen Ausmaßen getrieben, sodass Belastungen und Mindereinnahmen durch den »Ruhrkampf« nur durch ständig neugedrucktes Geld zu bezahlen waren, das längst keine Deckung mehr besaß. Hektische Aktivitäten der Reichsbank waren bald nichts weiter als eine Hilfe für wenige Tage, wenn nicht Stunden. Gegen Ende 1922 bezahlte man viertausend Reichsmark für einen Dollar, im August 1923 stand der Kurs bei eins zu vier Millionen. Im November des gleichen Jahres schließlich entsprach ein Dollar 4,2 Billionen Reichsmark. Waschkörbeweise wurde frischgedrucktes Geld bei den Banken angeliefert, was im Laufe eines halben Tages einen Großteil seines Wertes einbüßen konnte. Die Bürger horteten Waren jeder Art, um keine überflüssige Mark dieses wertlosen Geldes zurückzubehalten. Lohn- und Gehaltsempfänger lebten in ständiger Angst um ihren Lebensunterhalt. In der schlimmsten Phase der Inflation reichte der Tagesverdienst eines Facharbeiters gerade dafür, ein Pfund Margarine zu kaufen. Für ein Pfund Butter musste derselbe Mann zwei volle Tage arbeiten. Während die sozial schwachen Schichten, kleinen Sparer und Rentner binnen weniger Monate völlig ausgeplündert wurden, ja vielfach regelrecht verelendeten, empfanden Finanzspekulanten, Großindustrielle und Großgrundbesitzer die Inflation als »goldene Zeit«. Im Vergleich zu den Inflationsraten blieben die Zinsen für Kredite lächerlich gering. Nicht selten zahlten Unternehmer Kredite in wertlosem Papiergeld zurück, womit sie praktisch über Nacht ihre Fabrikationsanlagen geschenkt bekamen, in denen sie zu international gesehen sehr geringen Kosten mit großen Gewinnspannen produzieren konnten. Wer also Nerven und Kaltblütigkeit genug besaß, konnte sich in der Krisenzeit Millionen in Sachwerten zusammenraffen. Ein Meister dieser Art von Spekulation war der oft zitierte Hugo Stinnes, der es so zu einem ganzen Wirtschaftsimperium brachte. Inflation und Deflation (lat.: inflare = aufblähen, deflare = schrumpfen lassen)
Inflation als eine negative Konjunkturerscheinung tritt zum Beispiel dann auf, wenn die Geldmenge künstlich vermehrt wird, etwa durch Notenbankkredite an den Staat für fehlende Steuereinnahmen. Preissteigerungen mindern den Geldwert, führen zur »Flucht in Sachwerte«.
Eine unkontrollierbare, »galoppierende« Inflation kann zur völligen Aushöhlung der Währung führen. Abschreckendstes Beispiel hierfür ist bis heute die Inflation der Mark von 1919-1923:
1 Goldmark von 1914 entsprachen im Dezember 1919 10 Reichsmark;
31. Oktober 1922 1000 Reichsmark;
20. Juli 1923 100000 Reichsmark;
16. August 1923 1 Mio. Reichsmark;
2. Oktober 1923 100 Mio. Reichsmark;
11. Oktober 1923 1 Mrd. Reichsmark;
19. Oktober 1923 10 Mrd. Reichsmark;
15. November 1923 1 Bill. Reichsmark.
Hundert BillionenDie große Inflation – Schreckgespenst bis heute. Wie alle Kriege und Staatsverschuldungen führte auch der I. Weltkrieg zu Lasten, die das Finanzgefüge des Staates erschütterten. Der Krieg, Kriegsfolgelasten, Reparationszahlungen, Geldüberhang, Devisenschiebungen, Kapitalflucht ins Ausland, Verminderung der Goldreserven erschütterten schließlich das Vertrauen in die Reichsmark weltweit so sehr, dass sie in schneller Folge an Wert verlor. Schon 1922 war die Papiermark nur ein Achtel der Goldmark wert, im Sommer 1923 kostete der Dollar 354 000 Reichsmark und im Oktober 1923 schließlich 25 Milliarden Mark. In immer schnellerem Rhythmus wurden ganze Wagenladungen neuer Noten werte gedruckt. Letztlich trug auch die Inflation zur Radikalisierung des politischen Lebens bei. Die »Rentenmark«
Stresemann hatte es unmissverständlich formuliert, etwas anderes als das Ende des passiven Widerstandes, der täglich vierzig Millionen Goldmark kostete, eröffnete keine Aussicht auf Besserung. Erstmals in der »Weimarer Republik« wurde dazu eine Große Koalition gebildet (DVP, »Zentrum«, DDP, SPD). Es gelang Stresemann (DVP), in den Augen der Konservativen ein Mann »so weit rechts wie möglich«, die Sozialdemokraten für eine Regierung der nationalen Sammlung zu gewinnen. Dabei war sich der Reichskanzler bewusst, welche Hypothek der Republik aus dieser Krise blieb, zumal die Reichsregierung an der Ruhr eine bedingungslose Kapitulation zu akzeptieren hatte. Stresemann erkannte klar, »dass jene geistige und gewerbliche Mittelschicht, die traditionsgemäß Trägerin des Staatsgedankens war«, sich durch Krieg und nachfolgende Krisenzeit um ihre nationalen Ideale betrogen sah und inzwischen völlig verarmt war. Hier sammelte sich folgerichtig ein Potential von Republikgegnern. Ein einfaches, aber wirksames Feindbild, von rechts kräftig überzeichnet, stempelte die Regierung wieder zum Versager und erhob den »starken Mann« zum ersehnten Retter dieser sozial Deklassierten. Die Aufgabe, die Währung zu sanieren, stellte die Große Koalition gleich zu ihrem Beginn vor eine heikle Bewährungsprobe, denn auch jeder weitere politische Schritt hing davon ab, ob die Finanzen des Reiches wieder geordnet werden konnten. Mit einer zunächst provisorischen neuen Währungseinheit, der sogenannten »Rentenmark«, wurde daher ein radikaler Schnitt gewagt: Eine Billion alter Mark gleich einer neuen Mark. Mangels ausreichender Goldreserven belegte der Staat Grundbesitz mit einer Grundschuld, die in Rentenbriefen gezeichnet werden konnte. Gleichzeitig wurde die umlaufende Geldmenge radikal beschnitten und durch rigorose Geldpolitik kontrolliert. »Das Ganze war praktisch nur ein Bluff«, denn »wären mehr als ein paar Leute gekommen, um ihre Rentenmark in Rentenbriefe einzutauschen, wäre die Seifenblase des reichseinheitlichen Notgeldes sehr schnell geplatzt«. Mit dieser knappen Formel umreißt der Historiker Helmut Heiber, auf welch schmalem Grat die Reichsregierung sich bewegte. Die konsequente Haltung der Regierung schuf jedoch Vertrauen. Außerdem musste die Wirtschaft mit Blick auf die Zukunft das »Stabilisierungsspiel« mitspielen, selbst wenn mancher Unternehmer den »goldenen« Inflationszeiten nachtrauerte. Auch für die Bevölkerung überwogen zunächst die negativen Auswirkungen, da knappes Geld und Produktionsrückgang die Arbeitslosenzahlen vorübergehend hochschnellen ließen. Mit dem Währungsschnitt trat nun endgültig zutage, in welch erschreckendem Umfang die bürgerlichen Mittelschichten proletarisiert waren und buchstäblich vor dem Nichts standen. MarkHöhepunkt der Inflation. Die Entwertung der Mark führte zu riesigen Geldmengen, angeliefert in Waschkörben, bevor am 15. November 1923 die neue »Rentenmark« die deutsche Wirtschaft stabilisierte. Angriffe von links und rechts
Retten die Generäle die ungeliebte Republik?

Stresemanns mutige »Kapitulation an der Ruhr« festigte allerdings keineswegs die innenpolitische Lage, da die nationale Rechte die »Ruhrverräter« mit Hohn und Spott überschüttete. Dabei taten sich die völkisch-vaterländischen Gruppierungen in Bayern, der selbst ernannten Ordnungszelle des Reiches, in unrühmlicher Weise hervor. Die bayerische Regierung musste schließlich sogar befürchten, der nationalen antimarxistischen Umtriebe nicht mehr Herr zu werden. Am 26. September 1923 verkündete sie den Ausnahmezustand und setzte den bayerischen Monarchisten Gustav Ritter von Kahr, einen mit den rechtsnationalen Kräften sympathisierenden Mann, als Generalstaatskommissar ein, der gegen den Reichskanzler Front machte. Sofort reagierte Berlin mit dem militärischen Ausnahmezustand für das ganze Reich, und jetzt kam alles auf die Haltung der Reichswehr an. Würde sie sich im Konfliktfall vorbehaltlos hinter die wenig geliebte Republik stellen? Gleichzeitig sah sich die KPD durch die krisenhafte Zuspitzung ermutigt, erneut einen revolutionären Umsturz einzuplanen und in Ausnutzung und als Antwort auf die rechte Bedrohung analog der russischen Revolution einen »Deutschen Oktober« vorzubereiten, um die wankelmütige parlamentarische Demokratie durch eine Rätediktatur abzulösen. In Thüringen und Sachsen, Ländern mit linksorientierten SPD-Regierungen, entstanden sogenannte »proletarische Hundertschaften«, die zunächst als Schutztruppen gegen die Bedrohung aus dem mit militanten Parolen auftretenden Bayern dienen und im Falle eines Aufstandes als schlagkräftige revolutionäre Einheiten auftreten sollten. Linke und rechte Republikgegner provozierten sich gegenseitig, denn Bayern nahm seinerseits die Vorgänge in Thüringen und Sachsen zum Vorwand, um eine »nationale Rettungsaktion« vorzubereiten. Als Mitte Oktober Kommunisten in die Regierungskoalitionen von Thüringen und Sachsen eingetreten waren und Koalitionen mit der SPD gebildet hatten, griff die Reichswehr ein und beseitigte mit massivem Truppeneinsatz und mit Notverordnungsrechten diese Regierungen ebenso wie die kommunistischen Gruppierungen, wobei mancher Offizier seinen Aggressionen gegenüber den Linken freien Lauf ließ. Die Rechte frohlockte, denn Bayern blieb ungeschoren. Mit General von Seeckt stand ein Mann an der Spitze der Reichswehr, der mit den Aufrührern in Bayern sympathisierte, sich selbst aber aus preußischem Pflichtgefühl nicht über seinen Verfassungsauftrag hinwegsetzen konnte. Die Hauptrollen des bayerischen Putsches spielten der Monarchist von Kahr und der Befehlshaber der bayerischen Reichswehreinheiten, General von Lossow. Einer ihrer Mitkämpfer, Adolf Hitler, Chef der radikalen Partei der »Nationalsozialisten« befürchtete, leer auszugehen. Am 8. November ergriff er daher selbst die Initiative. In einem teils hysterischen, teils tragikomischen Auftritt stürmte er eine Versammlung im Münchner Bürgerbräukeller und überredete Kahr, Lossow und General Seisser mithilfe des eilig herbeigeholten nationalen Denkmals General Ludendorff zur »nationalen Revolution«: Nur eine Nacht lang durfte Adolf Hitler Reichskanzler spielen, denn tags darauf zerstreute die bayerische Polizei mit Waffengewalt einen Zug der Putschisten zur Feldherrnhalle. Außer Ludendorff und Hitler waren alle führenden Köpfe bereits in der Nacht abgesprungen, und die Bevölkerung hatte sich nicht wie erwartet solidarisiert. Die Entscheidung aber brachte die Haltung des Militärs, denn die Reichswehr rührte keine Hand für Hitler. Er fand allerdings wie vor und nach ihm so viele Rechte milde Richter und wurde nur zur Ehrenhaft auf der Festung Landsberg verurteilt. Nach einem Jahr bereits tauchte er erneut in der politischen Auseinandersetzung auf. Erfüllt von dem alten Hass, wollte er seine Taktik ändern und »seine Nase jetzt in den Reichstag stecken«. »Marsch auf die Feldherrnhalle«
Hitlers Münchner Putschversuch: Rechtsradikale Fanatiker fanden in den frühen zwanziger Jahren in München vielfältige Anregungen und chauvinistische Gruppierungen, so u. a. den Kreis um General Ludendorff, den ehemaligen Generalstabschef Hindenburgs und Adolf Hitler. Am 8. November 1923 verkündeten beide im Bürgerbräukeller die »Nationale Revolution« und riefen zum Marsch auf Berlin auf, um die Regierung Stresemann und den Reichspräsidenten zu stürzen – und das alles – symptomatisch für die konservative Grundhaltung der Zeit – im Beisein eines großen Teils der bayerischen Landesregierung unter Knilling. Die selbst mit Umsturzplänen liebäugelnden konservativen Politiker Ritter von Kahr, General von Lossow und Polizeichef Seisser wurden von Hitler mit der Pistole bedroht und gezwungen, dem Putsch zuzustimmen. Am nächsten Tag widerrief Kahr, verlegte die Regierung nach Regensburg und verbot den Kampfbund Hitlers und Ludendorffs. Der Demonstrationszug Hitlers und seiner Getreuen brach am nächsten Tag (9. November) vor der Feldherrnhalle im Feuer der Polizei zusammen. 19 Tote blieben auf dem Pflaster. Hitler wurde zu ehrenvoller Haft in der Festung Landsberg verurteilt, nachdem Kahr in seinem Prozess eine undurchsichtige Rolle gespielt hatte.
1923Die führenden Männer des sogenannten »Hitler-Putsches« vom November 1923. Von links: Pernet, Dr. Weber, Frick, Kriebel, Ludendorff, Hitler, Brückner, Röhm, Wagner. Ausgleich mit den Nachbarn in Ost und West
Über das ungleiche Vorgehen der Reichswehr empört, brachten die Sozialdemokraten die Reichsregierung zu Fall. Kanzler Stresemann überlebte jedoch den Regierungssturz und konnte seine Politik als Außenminister des neuen konservativ-liberalen Kabinetts fortsetzen. Diesen Posten bekleidete er in den unterschiedlichsten Koalitionen vom 30. November 1923 bis zu seinem plötzlichen Tod Anfang Oktober 1929. Als Mann des Ausgleichs und international akzeptierter Partner bildete er, gefeiert wie angefeindet, den ruhigen Pol in der ansonsten mehr als unruhigen Zeit. Er prägte die Außenpolitik seit Mitte der zwanziger Jahre. Mit seinem Namen verbanden Europäer wie Amerikaner den deutschen Willen zur Verständigung zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern. Nach Abbruch des »Ruhrkampfes« entwickelten sich die Rahmenbedingungen für die deutsche Politik recht günstig. England suchte das Gespräch, da ein Neuanfang in der deutschen Wirtschaftspolitik bedeuten konnte, dass die noch immer ungeklärte Reparationsfrage endlich verbindlich geregelt würde. Angesichts der hohen englischen Kriegsschulden in den USA trafen sich die Interessen beider Staaten. Frankreich sah sich isoliert und lenkte ein. Eine dauernde französische Besetzung des Ruhrgebietes verstieß außerdem gegen die Gleichgewichtsinteressen Englands. Zwei Jahre bevor Stresemann nun daranging, das Verhältnis zu den westlichen Alliierten und damit die Reparationsfrage zu klären, war es bereits zu einer vertraglichen Verständigung mit der Sowjetunion in Rapallo gekommen. Der dort im April 1922 geschlossene Vertrag sah vor, gegenseitig auf Ersatz von Kriegskosten und Schäden zu verzichten. Außerdem wollte man den beiderseitigen Handel begünstigen und diplomatische Beziehungen aufnehmen. Nach der Devise Lenins nutzten die Russen in ihrer Außenseiterrolle Spannungen in der kapitalistischen Welt aus, um international hoffähig zu werden. Umstritten ist bis heute in der Forschung, ob Deutschland mit Rapallo seine »Selbstisolierung« vorantrieb oder den ersten »Schritt aus der Isolierung« tat. Das Misstrauen in den westlichen Hauptstädten nahm jedenfalls erheblich zu, da auch Reichswehr und Rote Armee eine Zusammenarbeit vereinbart hatten. Mit der verstärkten Westorientierung ab 1924 konnte Stresemann daher Bedenken zerstreuen, vor allem aber eine bisher fehlende langfristige Orientierung der deutschen Außenpolitik einleiten. Ein nach dem federführenden amerikanischen Bankier Charles Dawes entwickelter Plan sollte den Zahlungsmodus deutscher Reparationen neu ordnen. Ohne bereits die endgültige Höhe des zu zahlenden Betrags festzulegen, einigten sich die Verhandlungspartner auf allmählich ansteigende Jahresraten von 1 Milliarde bis 2,5 Milliarden Goldmark in den Jahren 1928/29. Als Gegenleistung sollte das besetzte Rheinland binnen Jahresfrist geräumt werden. Ein großer Erfolg, den in Deutschland gleichwohl Rechts- wie Linksradikale in lautstarken Kampagnen als Landesverrat und Knechtung des Reiches anprangerten. Mit der so hoch gepeitschten Woge nationaler Emotionen erzielten die Radikalen zwar Stimmengewinne, die Mehrheit der demokratischen Parteien und gezwungenermaßen noch Teile der Deutschnationalen Volkspartei halfen dem Dawes-Plan dennoch über die parlamentarischen Hürden. Selbst für nationalistische und erzkonservative Wirtschaftskreise leuchtete eine Rechnung auf den ersten Blick ein: Den in den nächsten Jahren zu zahlenden sieben Milliarden Goldmark Reparationen standen sechzehn Milliarden Anleihen gegenüber, die vornehmlich aus den USA nach Deutschland fließen sollten. Zahlen konnte nur, wer etwas erwirtschaftete, und ein Exportmarkt entstand nur dort, wo die Volkswirtschaft florierte. Also pumpten die Amerikaner Gelder nach Europa. Tatsächlich verschwanden die Arbeitslosen von der Straße, die Volkswirtschaft blühte auf, wobei die Reichen zwar wieder einmal den großen Schnitt machten, aber auch die Masse des Volkes sichtbar profitierte. Die folgenden Jahre sollten als die »Golden Twenties« in die Geschichte eingehen, – Jahre, die leider nur sehr dünn vergoldet waren, »denn die ganze Herrlichkeit beruhte auf Pump«. Vertrag von Rapallo
Das am 16. April 1922 abgeschlossene, am 4. Juli von Deutschland ratifizierte und am 5. November auf alle Sowjetrepubliken ausgedehnte Abkommen zwischen dem Deutschen Reich und der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik brachte beiden Staaten erhebliche Vorteile. Außenminister Rathenau und Tschitscherin vereinbarten u. a.: Beide Staaten verzichten auf eine Entschädigung für militärische und zivile Kriegsschäden.
1. Deutschland verzichtet darüber hinaus auf eine Vergütung des in Russland verstaatlichten deutschen Vermögens.
2. Die wirtschaftlichen Beziehungen werden nach dem Prinzip der Meistbegünstigung aufgenommen.
3. Beide Staaten nehmen diplomatische und konsularische Beziehungen auf.
4. Die Rechtsstellung von Privatpersonen wird geregelt.
Der Rapallo-Vertrag durchbrach die Isolierung des sowjetischen Russland, verschaffte ihm Zugang in die westliche Staatenwelt und wertete es international auf. Deutschland seinerseits konnte sich aus der West-Ost-Abhängigkeit vor allem in Fragen der Reparationen lösen und an diplomatischer Bewegungsfreiheit gegenüber England und Frankreich gewinnen.
Dawes-Plan
Die wirtschaftliche Zerrüttung Deutschlands, vor allem die Höhepunkte der Inflation (1923) mit ihrem Kaufkraftverfall und der Kapitalflucht machten auch den Siegermächten deutlich, dass Deutschland nicht die erwarteten Reparationen leisten konnte. Zwei Sachverständigenausschüsse unter dem amerikanischen Bankier Charles Dawes und dem englischen Experten Reginald MacKenna konstatierten, dass erst eine wirtschaftliche Gesundung des Reichs und der Verzicht auf Gewaltmaßnahmen wie die Ruhrgebietsbesetzung überhaupt weitere Reparationen ermöglichen könnten. Am 15./16. August 1924 kam es zur Verabschiedung des Dawes-Planes mit neuen Zahlungs- und Hilfsbedingungen: Zukünftig sollte Deutschland pro Jahr 2,5 Milliarden Mark Reparationen leisten, voll zahlbar vom 5. Jahr an. Als Sicherung wurden Reichsbahn und Reichsbank unter internationale Kontrolle gestellt und belastet. Ebenso wurden Zoll- und Verbrauchssteuereinnahmen verpfändet. Den Zinsendienst für Obligationen in Höhe von 5 Milliarden Mark hatte die Industrie aufzubringen. Gleichzeitig erhielt das Reich zur Sanierung seiner Wirtschaft eine Auslandsanleihe in Höhe von 800 Millionen Mark.
Diese Regelung verhalf Deutschland zu neuem Kapital und machte es finanziell vertrauenswürdig. Da als weitere Folge auch die Ruhrgebietsbesetzung durch Frankreich beendet werden konnte und eine Annäherung an Frankreich eingeleitet wurde, erwies sich der Dawes-Plan politisch und wirtschaftlich als fruchtbar – wenigstens in Teilen. Als Nachteil sollte sich später die durch ihn ausgelöste starke Auslandsverschuldung erweisen.
MenschenMenschen der Weimarer Republik. Arbeiter aus dem Ruhrgebiet. Der »Geist von Locarno«: Das Ende der Erbfeindschaft
»London kann der Anfang sein«, so lautete Stresemanns außenpolitische Hoffnung. Der Außenminister glaubte, auf dem mit dem Dawes-Plan eingeschlagenen Weg weitere Erfolge für Deutschland verzeichnen zu können. Wesentlich auf seine Initiative ging auch zurück, dass am 1. Dezember 1925 die Verträge von Locarno unterzeichnet werden konnten. Mit Aristide Briand, dem französischen Außenminister (1925-1932), konnte Stresemann auf einen Partner der Verständigung setzen, der französische Sicherheitsbedenken mit viel Geduld abbaute. Die freundschaftliche Beziehung der beiden Politiker eröffnete für die ehemals verfeindeten Nationen neue Wege der Verständigung. Im »Locarno-Vertrag« erkannte Deutschland erstmals freiwillig die Ergebnisse des Krieges an, das heißt konkret die in Versailles festgelegten Grenzen mit Frankreich und Belgien. Also sollte Elsass-Lothringen französisch bleiben. Die Garantie für das Abkommen übernahmen England und Italien. Außerdem wurden mit Polen und der Tschechoslowakei Schiedsverträge abgeschlossen, die keine ausdrückliche Garantie der Ostgrenze Deutschlands vorsahen. Obgleich Deutschland erstmals seit dem Krieg als gleichberechtigter Partner behandelt worden war, überwogen im Reich Zurückhaltung und Ablehnung, vielfach begründet durch fehlende Einsicht in das von Stresemann ins Auge gefasste Ziel der Verständigung. Um keine Spannungen mit der noch immer international isolierten Sowjetunion aufkommen zu lassen, ergänzte der deutsche Außenminister den Vertrag von Locarno im April 1926 durch den »Berliner Vertrag«. Dieser deutsch-russische Freundschaftsvertrag sicherte die gegenseitige Neutralität im Falle eines Krieges zu. Damit hatte Deutschland die Basis geschaffen für ein einvernehmliches Verhältnis mit seinen beiden wichtigsten europäischen Nachbarn. Gleichzeitig mit der Zustimmung zu den »Locarno-Verträgen« hatte der Reichstag sich grundsätzlich für den Eintritt Deutschlands in den »Völkerbund« ausgesprochen. Bis zum September 1926 währten allerdings die Verhandlungen um eine den Großmächten gleichberechtigte Stellung des Reiches in diesem Gremium: »Ein wahrer Beifallssturm im ganzen Saal, unterbrochen von Bravorufen«, so schildert ein Augenzeuge das erste Auftreten Gustav Stresemanns in der Völkerbundsversammlung am 10. September 1926. Seine Rede feierte die internationale Presse als überzeugenden Ausdruck deutschen Friedens- und Verständigungswillens. Dagegen fehlte im Reich weitgehend das Verständnis, ja sogar die Bereitschaft, sich unvoreingenommen mit der Politik Stresemanns auseinanderzusetzen. Gleichwohl waren die Hoffnungen des Außenministers zu weit gesteckt, wenn er glaubte, mit seiner Politik in naher Zukunft die Reparationsfrage »zu lösen«, den Frieden zu sichern und damit gleichzeitig eine »Korrektur der Ostgrenzen« sowie den »Anschluss von Deutsch-Österreich« zu verbinden. Musste sich der Außenminister mit dieser allzu optimistischen Einschätzung nicht selbst als »Illusionspolitiker« ins Abseits stellen? Stresemann in GenfAnerkennung und Ansehen für Deutschland: Außenminister Gustav Stresemann dessen Politik maßgeblich zur Aussöhnung der europäischen Gegner beitrug, während seiner letzten Rede vor dem Völkerbund in Genf (9. September 1929). Tatsächlich schien die weitere außenpolitische Entwicklung seine Kritiker zu bestätigen. Hauptsächlich die Verständigung mit Frankreich erlitt einen Rückschlag durch die Wahl Raymond Poincarés zum Ministerpräsidenten (1926-1929), der eine rasche Räumung des französisch besetzten Rheinlandes hinauszögerte. Trotz unermüdlicher Anläufe bewegte sich bis 1928 nichts Wesentliches. Mit hämischen Kommentaren agierten daher die Rechtsradikalen gegen die ausbleibende Revision des »Versailler Vertrages«, was in der empfindlichen französischen Öffentlichkeit sofort gereizte Gegenreaktionen hervorrief. Dennoch führten die beständigen Bemühungen im Rahmen des »Völkerbundes« zu einem greifbaren Ergebnis, das auf weitere Fortschritte hoffen ließ: Am 27. August 1928 trat der sogenannte »Kellogg-Pakt« in Kraft. Sechzig Nationen ächteten darin mit ihrem Beitritt feierlich jede Form kriegerischer Auseinandersetzungen als Mittel, internationale Konflikte zu lösen. Allerdings waren für Vertragsbruch keine Sanktionen vereinbart. Das letzte von Stresemann vorangetriebene Vertragswerk, der nach einem amerikanischen Bankier benannte »Young-Plan«, konnte erst im Mai 1930 unterzeichnet werden. Für die vorgezogene Räumung der noch besetzten Gebiete im Rheinland verpflichtete sich Deutschland darin, 59 Jahre lang je zwei Milliarden Mark an die Siegermächte zu zahlen. Eine gewaltige Reparationssumme, dafür aber sollte jede alliierte Kontrolle und Einflussnahme entfallen. Gegenüber dem »Dawes-Plan« stellte dieser Vertrag insgesamt eine weitgehende Entlastung Deutschlands dar. Für Stresemann waren diese Vereinbarungen ein weiterer Schritt zur friedlichen Revision von Versailles; für die nationale Rechte aber waren sie gemeiner Landesverrat, der angeblich die Versklavung der Deutschen auf zwei Generationen besiegelte. Young-Plan
Eine Konferenz in Paris am 9. Februar 1929 unter Leitung des Direktors der New York Federal Reserve Bank, Owen D. Young, führte zu einer Revision des Dawes-Planes und brachte neben einer besseren Fixierung der Reparationsbedingungen vor allem mehr Eigenverantwortung für Deutschland, aber auch hohe wirtschaftliche Belastungen. Der am 17. Mai 1930 rückwirkend zum 1. September 1929 in Kraft gesetzte Vertrag sah u. a. vor: jährliche Zahlung von 2,05 Milliarden Mark in 37 Raten; danach für 22 Jahre (bis 1988) Zahlungen in Höhe von jeweils 1,65 Milliarden Mark, danach jeweils 920 Millionen Mark. Die Kontrolle über Reichsbahn und Reichsbank wurde aufgehoben, und Deutschland über-nahm selbst die Verantwortung für alle Geldgeschäfte, blieb aber mit erneuten Sanktionen nach dem »Versailler Vertrag« bedroht, sollte es zuwiderhandeln. Die Rheinlandbesetzung wurde 5 Jahre eher (1930) beendet.
Wie sich herausstellte, bedeutete der Plan, der nur bei ständigem Exportwachstum und bei Zunahme des Welthandelsumfangs gelingen konnte, eine zu große Belastung für die deutsche Wirtschaft. Immerhin brachte er eine relative, zeitweise Fixierung der Reparationskosten.
Links und RechtsPolarisierung des politischen Lebens. Aufwendige Propaganda, Aufmärsche und schließlich Straßenkämpfe – Kennzeichen der Spannungen zwischen links und rechts: »Deutsch-Nationale« beschimpfen »Reichsbanner-Angehörige«. Unter der Federführung des rechtsradikalen Hugenberg-Pressekonzerns bemühten sich die Rechtsradikalen, eine Hass- und Hetzkampagne zu inszenieren, die in einem Volksentscheid gegen den »Young-Plan« gipfelte. Als diese Aktion kläglich gescheitert war, nahm der Reichstag mehrheitlich den Plan an. Stresemann selbst erlebte die unwürdigen Querelen nicht mehr. Er starb am 3. Oktober 1929. Wie eine Wachablösung mag es erscheinen, dass in den Auseinandersetzungen um den »Young-Plan« Adolf Hitler, inzwischen bekannt als fanatischer Feind der Republik, erstmals im großen Umfang Gelegenheit bekam, mit dem »System von Weimar« abzurechnen. Verträge von Locarno
Wie der Vertrag von Rapallo sollten auch die Abkommen von Locarno Deutschland mehr Bewegungsfreiheit geben: Dieses am 16. Oktober 1925 in Locarno vereinbarte, am 1. Dezember 1925 in London unterzeichnete Vertragswerk zwischen Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Belgien, Polen und der Tschechoslowakei kam einem großen Sicherheitssystem in Mitteleuropa gleich – eingebunden in den Völkerbund.
Als Unterzeichner des Vertragswerkes erreichte Deutschland zugleich den Eintritt in den »Völkerbund« als gleichberechtigtes Mitglied am 8. September 1926.
Deutschland verzichtete auf eine Revision der Westgrenze und bestätigte die im »Versailler Vertrag« verlangte Entmilitarisierung des Rheinlandes.
Im Osten hingegen verweigerte Deutschland den Revisionsverzicht der Grenze, garantierte Polen und der Tschechoslowakei aber eine eventuelle Revision höchstens mit friedlichen Mitteln. Gleichzeitig akzeptierte das Deutsche Reich die Defensiv-Verträge zwischen Polen, Frankreich und der Tschechoslowakei.
Im Falle militärischer Sanktionen des Völkerbundes gegen Mitgliedstaaten brauchte Deutschland nur in beschränktem Maße unter Berücksichtigung seiner Lage Hilfsdienste zu leisten.
Die mehr für eine aktive Ostpolitik eintretenden Kräfte Deutschlands, die nach dem Rapallo-Vertrag vor allem Wirtschaftsexpansion im Osten und Revision der polnischen Grenze erhofft hatten, waren enttäuscht. Das Deutsche Reich aber hatte eine neue Basis für seine Politik gefunden, die erst durch Hitlers Gewaltpolitik (Austritt aus dem Völkerbund, Besetzung des Rheinlandes) ein Ende fand.
Völkerbund
Nach dem Ersten Weltkrieg 1919 auf Anregung des amerikanischen Präsidenten Wilson gegründete Staaten-Organisation mit Sitz in Genf zur Garantierung eines friedlichen Zusammenlebens der Völker. Dem Völkerbund gehörten zunächst nur die Siegerstaaten und neutralen Länder an. Deutschland konnte 1926 eintreten, die Sowjetunion 1934. Deutschland und Japan traten 1933 aus, Italien 1937, die Sowjetunion wurde nach ihrem Überfall auf Finnland ausgeschlossen. 1946 erlosch der Völkerbund. Seine Nachfolgeorganisation ist die UNO.
Die Republik im Schatten der »Weltwirtschaftskrise«
Nach den Reichstagswahlen 1928 hatten die Demokraten in der Republik aufgeatmet, denn man sah in den Gewinnen der SPD und den Verlusten der radikalen Parteien ein ermutigendes Zeichen der Stabilisierung. Dennoch dominierten weiterhin die konservativen Kräfte, die unangefochten in den meisten Schlüsselpositionen von Staat, Wirtschaft und Militär schalten und walten konnten. Symbolisiert nach außen wurde dies nicht zuletzt durch den greisen Generalfeldmarschall von Hindenburg, der 1925 als Nachfolger Friedrich Eberts zum Reichspräsidenten gewählt worden war. Nach dem tragischen Tod des volksverbundenen Ebert (SPD) wurde der Monarchist Hindenburg ein verfassungstreuer, gleichwohl erzkonservativer »Ersatzkaiser«, von dem die Demokraten kein engagiertes Eintreten für die Republik zu erwarten hatten. Eschweiler BergwerkvereinAnklage: Während große Teile der Bevölkerung durch den Krieg 1914-1918, durch die Inflation 1923 und schließlich durch die Weltwirtschaftskrise 1929-1933 in bittere Not gestürzt wurden, gelang es Kriegsgewinnlern, Spekulanten und Teilen der Großindustrie und Finanz, ihren Besitz auf Kosten der abhängigen Arbeitnehmer und des Volksganzen zu steigern. Besonders die Arbeiter und kleinen Angestellten, die Rentner und Invaliden bezahlten einen hohen Tribut, teilweise mit ihrer Gesundheit und dem Leben: Als es am 21. Oktober 1929 auf einer Schachtanlage des Eschweiler Bergwerkvereins bei Aachen zu einer verheerenden Katastrophe mit mehr als 250 Opfern kam, veröffentlichte die AIZ diesen erbitterten, die Stimmung der Arbeiter wiedergebenden Beitrag. Das Jahr 1928 war bereits gezeichnet von einer hinwelkenden Konjunktur. Mit den ersten Anzeichen der heranrückenden »Weltwirtschaftskrise« trat damit, zunächst kaum spürbar, die Republik in ihre dritte Phase ein: die schleichende innere Krise, die zum Untergang des demokratischen Systems von Weimar führte. Geprägt waren die letzten Jahre durch einen »inneren Verfassungswandel«, tiefgreifende wirtschaftliche Erschütterungen sowie eine deprimierende materielle Notlage weiter Bevölkerungskreise. Gewerkschaften und Unternehmer traten sich angesichts der katastrophalen Krisenauswirkungen immer unversöhnlicher gegenüber. Gleichzeitig schwand die gewerkschaftliche Machtposition mit der steigenden Zahl der Arbeitslosen. Als am Oktober 1929 der New Yorker Börsenkrach (»Schwarzer Freitag«) die Finanzwelt erschütterte, zerplatzten schließlich alle Hoffnungen. International auf verhängnisvolle Weise von amerikanischen Geldern abhängig, stürzten die wichtigen Industrienationen ausnahmslos in eine tiefe Depression. Deutschlands kurzfristige USA-Kredite wurden Ende 1930 abgezogen, was nach einem halben Jahr zum Zusammenbruch des deutschen Bankenwesens führte. Die Krisenstimmung, verschärft durch die gleichzeitigen spektakulären Wahlerfolge der als unseriös eingeschätzten NSDAP, veranlasste die amerikanischen Geldgeber zu nervösen Überreaktionen. Damit drohte ein völliger Wirtschaftskollaps, der sich in alarmierenden Konkurszahlen, im Produktionsrückgang und der dramatisch anschwellenden Arbeitslosigkeit anzudeuten begann. Das Schlagwort Massenarbeitslosigkeit vermag nicht das Elend zu veranschaulichen, das sich vor den Stempelstellen und in Millionen von Haushalten ausbreitete. Spätestens 1932 lag das Arbeitslosengeld weit unter dem Existenzminimum. Weimar war kein »moderner Sozialstaat« trotz aller sozialen Fortschritte. Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit
Seit Mitte der zwanziger Jahre waren in der »Weimarer Republik« etwa 32 Millionen Erwerbstätige registriert. Ein Blick auf die anschwellende Arbeitslosigkeit zeigt einen eindeutigen Zusammenhang mit der auf Deutschland ausgreifenden »Weltwirtschaftskrise« (New Yorker Börsenkrach 24./25. Oktober 1929). Gleichzeitig wird damit belegt, dass mit der endgültigen Machtübernahme Hitlers durch das »Ermächtigungsgesetz« Ende März 1933 die Krise bereits im Abklingen und die Wirtschaft in eine Phase der Erholung eingetreten war. Ein Umstand, der die Wirtschaftsmaßnahmen der NSDAP erheblich begünstigen sollte.
Zunahme der Arbeitslosigkeit in Deutschland: 1928 1,86 Millionen; 1929 2,85 Millionen; 1930 3,22 Millionen; 1931 4,89 Millionen; 1932 6,04 Millionen; 1933 6,01 Millionen; 1934 3,77 Millionen.
ArbeiterfamilieVerarmung und Hunger. Die teilweise unvorstellbare Armut der Arbeiterfamilien, vor allem während der Zeiten der weltweiten Arbeitslosigkeit, gegeißelt in der AIZ. Das klägliche Ende der Großen Koalition
Die Radikalen wittern ihre Stunde

Zunächst hätte man relativ zuversichtlich in die Krisen gehen können, denn seit 1928 regierte nach verschiedenen Minderheitskabinetten eine breite parlamentarische Mehrheit. Nach langen Jahren der Abstinenz war die Sozialdemokratie in eine Große Koalition mit den bürgerlichen Parteien eingetreten. In Anbetracht der zu bewältigenden Probleme hätte jedoch kaum einer große Summen auf die Haltbarkeit der Regierung unter Reichskanzler Müller (SPD) gewettet. Schließlich stolperte die Koalition über eine scheinbar lächerliche Frage. Um das wachsende Defizit der Arbeitslosenversicherung aufzufangen, schlug die SPD eine Beitragserhöhung von 1 Prozent vor, die zu gleichen Teilen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern aufgebracht werden sollte. Dagegen machte sich die Arbeitgeberseite für eine Leistungskürzung in der Arbeitslosenversicherung stark. Trotz einjähriger Verhandlungen und trotz signalisierter Kompromissbereitschaft – die Regierung war nicht zu retten. In einer von quälender Handlungshemmung gelähmten Koalition fürchtete die SPD um ihre Verbindung zur Gewerkschaftsbasis, und die DNVP zeigte wenig Neigung, den Todeskampf einer nur widerwillig eingegangenen Koalition zu verlängern. Angesichts der nationalen Notlage bewiesen die Parteien damit eine erschreckende Unfähigkeit zu verantwortungsbewusster Zusammenarbeit. Es mehrten sich die Stimmen, die darin ein grundsätzliches Versagen der Demokratie zu erkennen glaubten. Am 27. März 1930 trat die Regierung Müller zurück. Dies bedeutete den Anfang vom kläglichen Ende der ersten deutschen Demokratie, die von nun an in rasender Talfahrt den Nationalsozialisten in die Hände getrieben wurde. Noch immer war der Glanz des alten Obrigkeitsstaates nicht verblasst. Als mit der Hoffnung auf den »starken Staat« auch die Faszination des »starken Mannes« wieder voll durchschlug, zerriss die nationalvölkische Propaganda den dünnen Schleier demokratischer Gesinnung bei großen Teilen der sozial und wirtschaftlich jahrelang verunsicherten und gedemütigten Bevölkerung. Arbeiter, Bauern und bürgerliche Mittelschichten radikalisierten sich in beängstigendem Ausmaß. Skrupellos hetzte die rechte Agitation die orientierungslosen Massen auf. »Das System muss weg«, lautete die Formel für den Frontalangriff auf die Republik. Aus Wortgefechten und parlamentarischen Debatten entwickelten sich zunehmend handgreifliche Auseinandersetzungen. Mit dem konservativen »Stahlhelm«, dem kommunistischen »Rotfrontkämpferbund«, dem republikanischen »Reichsbanner« und den brutalen, zeitweise verbotenen Schlägertrupps der nationalsozialistischen »Sturmabteilungen« (SA) standen sich halbmilitärische, politische Kampfverbände gegenüber. Vor allem die Nationalsozialisten heizten die Krise an, indem sie politische Auseinandersetzungen auf der Straße führten. Demokraten, Juden und Bolschewisten wurden zu auswechselbaren Zielen einer gnadenlosen Hetzpropaganda. NationalsozialistenKampf dem Parlament. Das durch »Präsidialkabinette« schon weitgehend entmachtete Parlament soll die Kontrollfunktion (Artikel 54) gegenüber dem Kabinett verlieren. Propaganda v. Papens und der DNVP, 1932. WahlplakatEin »Bollwerk« der Demokratie, das nicht hielt. Wahlplakat (1932) des Zentrums, das – letzte bürgerliche Stütze der Republik – durch seine Notverordnungspolitik andrerseits selbst den Keim zum Untergang legte. Der Anfang vom Ende
Eine Regierung über den Köpfen des Parlaments

Während im Reichstag ohne die SPD keine Regierungsmehrheit zu bilden war, bereiteten im Hintergrund national-konservative Kräfte um den Reichswehrgeneral von Schleicher eine alternative Lösung vor. Heinrich Brüning (»Zentrum«) wurde Kanzler einer Minderheitsregierung (1930-1932), die als »halbparlamentarisches Präsidialkabinett« vom Vertrauen des Präsidenten lebte. Die SPD tolerierte hilflos diesen Kurs, der das Parlament so gut wie ausschaltete, da Brüning im Wesentlichen über den Artikel 48 der Verfassung in Form von »Notverordnungen« regierte. NationalsozialistenEnde der Individualität – »Gleichschaltung« in der »NS-Volksgemeinschaft«. Vor allem im konservativen Bürgertum, seit dem Sturz des Kaisers seiner führenden Rolle beraubt, fand die nationalsozialistische Ideologie militanter Volksgemeinschaft unter straffer autoritärer Führung schon früh Beifall. Mit der Arbeitslosigkeit in den Jahren der Weltwirtschaftskrise der Jahre 1929-1933 gewannen die Versprechen der Nationalsozialisten immer mehr Anhänger auch unter den Arbeitern. Arbeiter, Bauern und Intelligenzberufe »in gleichem Schritt und Tritt« hinter der Hakenkreuzfahne: Propaganda und seit 1933 tragische Wirklichkeit. (Aus: »Die Brennessel«, 31.10.1932). Außenpolitisch rückte er zwei langersehnte Ziele in greifbare Nähe: das Ende der Reparationszahlungen und die militärische Gleichberechtigung Deutschlands. Im Juli 1932 konnte sein Nachfolger auf der Konferenz von Lausanne einen von Brüning vorbereiteten Erfolg verbuchen, der mit einer einmaligen Schlusszahlung von drei Milliarden Goldmark den Streit um die Reparationen endgültig beilegen sollte. Zunächst akzeptierte die Regierung Brüning einen Vorschlag des amerikanischen Präsidenten Herbert Clark Hoover (1929-1932), alle Zahlungen für ein Jahr auszusetzen. Brünings Ziel war es allerdings, der Welt klarzumachen, dass Deutschland auch in Zukunft zahlungsunfähig sei. Aus diesem Grund und der noch tiefsitzenden Inflationsfurcht betrieb er eine Deflationspolitik, eine Politik des knappen Geldes, mit der er Deutschland gesund schrumpfen lassen wollte. Entgegen den Darstellungen, die Brüning als letzten Kämpfer für die Republik feiern, weiß man heute, dass er vielmehr ihren völligen Zusammenbruch in Kauf nehmen wollte. Die Krise musste so gesteigert werden, bis ein »autoritärer Ständestaat« die Republik ablösen konnte und die Parteien als Machtfaktor verschwänden. Die Septemberwahlen von 1930 hätten eine ernste Warnung für dieses naive Konzept sein können. Sie wurden zur großen Stunde der Nazi-Agitatoren. Vor allem Josef Goebbels und Adolf Hitler trugen gesteigert ihre »Weltanschauung« unter die Wähler. Straßenschlachten prägten mit Angst und Schrecken die Wahlkampfatmosphäre, und die Auszählung der Stimmen ergab beängstigende Gewinne von NSDAP und KPD, die in einer Art Zangenbewegung von rechts und links die demokratischen Parteien allmählich zu erdrücken drohten. Nach seiner Wiederwahl zum Reichspräsidenten im Jahre 1932 ließ Hindenburg den Reichskanzler Heinrich Brüning aus persönlichen Gründen fallen. Da wiederholte sich das alte Spiel. General von Schleicher präsentierte dem Präsidenten und der überraschten Öffentlichkeit Franz von Papen als Kanzler (1932-1933), der zwar ebenfalls ohne Mehrheit war, aber als geschmeidiger und lenkbarer eingeschätzt wurde. Die Aufhebung des SA-Verbotes war eine Verbeugung Papens vor der NSDAP, die sie ihm allerdings nicht dankte. Papen und Schleicher
Zwei Intriganten besiegeln das Schicksal der Republik

Ungezügelt wie nie zuvor machten die Schlägertrupps der SA wieder durch Straßenterror von sich reden. Bis zu den Juli-Wahlen 1932 verbluteten fast hundert Menschen auf den Straßen, weit über tausend wurden verletzt. Franz von Papen (* 1879, † 1969) nahm die Unruhen zum willkommenen Anlass, am 20. Juli 1932 die sozialdemokratisch geführte preußische Regierung mithilfe der Reichswehr zu stürzen. Er selbst wurde unter Berufung auf den so leicht zu missbrauchenden Artikel 48 der Weimarer Verfassung zum Reichskommissar für Preußen ernannt. Dennoch agierte er glücklos und hing naiven Ideen von einem autoritären »neuen Staat« nach, während die Nationalsozialisten als gefeierte Sieger aus den Juli-Wahlen hervorgingen. Was viele Demokraten befürchtet hatten, war inzwischen eingetreten: die NSDAP stellte die stärkste Fraktion im Reichstag. Zusammen mit KPD und DNVP bildete sie überdies eine antidemokratische Mehrheit, die eine parlamentarische Arbeit praktisch unmöglich machte. Da eine Regierungsbildung ihm nicht mehr möglich war, setzte Papen im November 1932 erneut Wahlen an. Wahlmüdigkeit und leere Kassen kennzeichnen diesmal den lustlosen Wahlkampf, an dessen Ende erneut keine regierungsfähigen Mehrheiten in den Reichstag einzogen, wenngleich die NSDAP 34 Sitze einbüßte: Der Reichskanzler war am Ende. Als sozusagen letztes Aufgebot folgte nun der bislang im Hintergrund agierende Kurt von Schleicher (* 1882, † 1934), der »in Gottes Namen sein Glück versuchen« sollte, wie Präsident Hindenburg mit deutlichen Anzeichen von Resignation bemerkte. Es blieb General von Schleicher als neuem Reichskanzler nicht viel mehr als eine Galgenfrist, kaum Zeit genug, die Grundzüge seiner Politik zu entwerfen. Noch spekulierte der General über das mögliche Verhalten der NSDAP, da knüpfte der ehrgeizige, von sich selbst überzeugte Franz von Papen insgeheim mit Adolf Hitler die ersten Fäden: Im Hause des Kölner Bankiers von Schröder wird Hitler im Kreise von Wirtschaftsführern als politischer Partner vorgestellt. Papen intrigiert bei Hindenburg gegen Schleicher und dient dem völlig überforderten Feldmarschall den ungeliebten »böhmischen Gefreiten« als neuen Reichskanzler an. Lange unüberwindlich scheint die Abneigung Hindenburgs gegen diesen Kandidaten, aber Papen lässt nicht locker. Umgeben von »zuverlässigen« Leuten, die ihn als Minister »einrahmen«, ernennt der Reichspräsident am 30. Januar 1933 Adolf Hitler schließlich zum Reichskanzler eines Kabinetts der »nationalen Erhebung«. Der Vorsitzende der NSDAP hatte die »Macht« nicht in einem revolutionären Akt »ergriffen«, sondern sie war ihm zugefallen. Erlahmt im schier aussichtslosen Kampf gegen die Feinde der Republik und miteinander zerstritten, resignierten die demokratischen Parteien, und ein am Ende seniler Reichspräsident ließ sich missbrauchen als Spielfigur reaktionärer Experimente und Intrigen. Es wäre zu einfach, auf die Schwächen der Verfassung zu verweisen, wo allzu deutlich eine autoritätsgläubige, kleinbürgerliche Sehnsucht weiter Teile der Bevölkerung nach der »gesunden Ordnung« eines Obrigkeitsstaates verlangte. Die konservativ-nationalen Politiker vom Schlage eines Papen oder Hugenberg spielten Hitler in die Hände, weil ihre politischen Fähigkeiten kaum weiterreichten, als ihre eigene Eitelkeit zu befriedigen. Nachträglich wie ein schlechter Witz wirkt daher der großmäulige Ausspruch Franz von Papens: »Wir haben uns Herrn Hitler engagiert [...] In zwei Monaten haben wir [ihn] in die Ecke gedrückt, dass er quietscht.« In Wahrheit dauerte es keine zwei Monate mehr, bis Adolf Hitler am 23. März 1933 den Reichstag mit der Verabschiedung des »Ermächtigungsgesetzes« seine eigene Entmachtung beschließen ließ. Ohne die inzwischen ausgeschlossenen KPD-Abgeordneten stimmte allein die SPD-Fraktion dagegen, die ebenfalls bereits durch Verfolgung und Schikanen dezimiert war. Auf der überfüllten Tribüne feierte SA in Braunhemden lautstark den späten Sieg, denn bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 hatte die NSDAP keine absolute Mehrheit errungen. Mit dem »Ermächtigungsgesetz« aber war ihr die unkontrollierte Macht beinahe kampflos zugefallen. Im Siegestaumel der Nazis und ihrer Sympathisanten nahmen die wenigen verbliebenen Demokraten mit Trauer, Verzweiflung und hilfloser Wut Abschied von der ersten deutschen Republik, die sie nicht hatten verteidigen können.