Die Jugendbewegung

Die erste eigenständige Jugendbewegung begann 1896, als der Jurastudent Hermann Hoffmann aus dem Schülerstenografenverein am Gymnasium Steglitz (heute Berlin-Steglitz) eine Wandergruppe bildete, die an Sonntagen und in den Ferien unter seiner oder der Leitung des Sekundaners Karl Fischer Ausflüge unternahm. Der Wandervogel und das neue Lebensgefühl
Auf Erkundungen zum Rhein, in den Harz und Böhmerwald entwickelte sich die »Fahrt« mit langen Fußmärschen, Selbstverpflegung, Strohlager und dem Erlebnis der Natur wie der Kameradschaft, die keine Klassenunterschiede kannte. Dass die Gymnasiasten stets die Mehrheit bildeten, lag daran, dass sie im Unterschied zu Lehrlingen und Gehilfen freie Nachmittage und Ferien gemeinsam hatten. Nach und nach verschwanden Hut, Regenschirm und lange Hosen als Requisiten der Erwachsenen, man schwärmte vom »Abenteuer der Landstraße« und ahmte die »walzenden Kunden« (Handwerksburschen, auch Landfahrer) in Benehmen, Kleidung und Sprache nach. Karl Fischer, seit 1900 »Oberbachant«, rückte als Leitbild den »fahrenden Schüler« des späteren Mittelalters an die Stelle des »Kunden« mit der Speckschwarte am Hut. Man grüßte mit »Heil«, trug Mützen und Schnüre in grün-rot-goldenen Farben, Laute und Gitarre verdrängten Mundharmonika und Okarina. Hatte man zunächst die üblichen Studentenlieder gesungen, so griff man jetzt auf Landsknechts- und Volkslieder zurück, empfand solche auch nach. Das Liederbuch der Bewegung, den »Zupfgeigenhansl«, gab 1908 Hans Breuer, der Führer der Gruppe »Heidelberger Pachantey«, heraus. Um seine Gruppe vor Einmischung von Behörden und Schulen zu schützen, gründete Fischer 1901 den Verein »Wandervogelausschuss für Schülerfahrten«, deren nominelle Mitglieder Bürger waren. Die wirklichen Mitglieder waren die »Wandervögel«, die sich, angewidert vom Kastendenken und Materialismus ihrer Väter, ein Jugendreich schufen. Nicht die Herkunft, sondern die Persönlichkeit des Wandervogels, sein Charakter und seine Hilfsbereitschaft waren maßgebend. Speis und Trank wurden brüderlich geteilt; wer Aufwand in Kleidung und Ausrüstung trieb, gar in Hotels übernachtete, wurde verhöhnt und, wenn er nicht nachgab, aus dem Bund entlassen. Die Abstinenz von Alkohol und Nikotin war »äußerer Beleg der inneren Freiheit des Wandervogels«, unterschied ihn drastisch von den Studentenverbindungen. Die Wiederbelebung des Volksliedes und der Tracht, das Naturerlebnis wie auch eine altersgemäße Kleidung waren gegen Vorurteile der Gesellschaft durchzusetzen. Überdruss an der Zivilisation und der Öde der Großstädte ließ den »Wandervogel« zunächst dort Fuß fassen. Die ersten zehn Jahre war der »Wandervogel«-Bund ein reiner »Jungenstaat« mit oligarchischer Verfassung. Die von den »Ortsgruppen« gewählten, von den »Kreis- und Bundesleitungen« bestätigten Führer regelten das Gruppenleben selbstständig nach der damals ungeheuerlichen Vorstellung, dass Jugend durch Jugend geführt werden könne. Erwachsene blieben ausgesperrt, sofern sie nicht selbst »Wandervögel« gewesen waren. Erst 1907 wurden in Jena und Heidelberg eigene Ortsgruppen für Mädchen zugelassen, die freilich nicht gemeinsam mit den Jungen auf große Fahrt gehen durften. Breuer wies ihnen 1911 Wanderung und Aufenthalt in den Landheimen zu, wo sie singen, tanzen und musizieren konnten, angeleitet von eigenen Führerinnen. Die Jungengruppen trafen sie auf den »Gau- und Bundestagen« und auch am Sonnwendfeuer. Die Kleiderreform hatte die jungen Frauen bereits von Korsett, Schleier und Straußenfederhut befreit, doch wollte der Mädchenwandervogel nicht die einfarbigen männlich wirkenden Uniformen der Pfadfinderinnen anlegen, sondern schuf sich eine die weibliche Linie betonende Tracht mit weiten und fußfreien Kleidern, neuartigem kunstgewerblichen Schmuck und dem Stirnreif im aufgeknoteten Haar. Mädchentanzgruppe 1913»Wandervogel«. Im Laufe der Jahre entwickelte sich der »Wandervogel«, ursprünglich ein reiner Jungen-Bund, zu einer liberaleren Vereinigung, die auch Mädchengruppen aufnahm. Bild: Mädchentanzgruppe 1913. Landheime, Jugendherbergen, Volkstanz
Um sich das ganze Jahr über treffen zu können, ohne auf Studentenbuden und Hinterzimmer von Kneipen angewiesen zu sein, schufen die Gruppen sich »Nester«, auch in Schrebergartenlauben und alten Stadttürmen, oft mit Strohsäcken für durchwandernde Gruppen ausgestattet. Damit Großstädter auf Sonntagsausflügen dem Häusermeer entrinnen konnten, wurden Landheime geschaffen, so 1907 für die Hamburger in Wesel am Nordrand der Heide und für die Berliner die Kähnsdorfer Hütte am großen Seddiner See als Vorläufer vieler Heime, die oft nur gepachtet oder gratis überlassen waren. Die erste Schülerherberge (Jugendherberge) war 1909 mit der Burg Altena in Westfalen zwar nicht vom Wandervogel, sondern von Lehrer Richard Schirrmann und Fabrikant Wilhelm Münker geschaffen, doch mittelbar angeregt worden. Viele Wandervögel wählten den Beruf des Pädagogen, sahen als ideale Schule das Landerziehungsheim Wickersdorf bei Saalfeld/Thüringen an, das Gustav Wyneken 1906 mit Paul Geheeb, August Halm und Martin Luserke als freie Schulgemeinde gegründet hatte, in der Jungen und Mädchen gemeinsam erzogen wurden und sich aktiv am Aufbau und der Unterrichtsgestaltung der Schule beteiligten. August Halm und Hans Joachim Moser waren Bahnbrecher der Jugendmusikbewegung, die, vor allem in den Collegia musica der Universitäten, das Volkslied erforschte und pflegte, wobei Fritz Jödes »Musikantengilde« führend war. Gegen den sentimentalen Männer-chorstil ging man heftig an, führte Gitarre und Blockflöte ein, rekonstruierte die Fidel, unterstützte die neue Orgelbewegung und stellte schon das Orffsche Instrumentarium bereit. Vom Volkslied kamen die »Wandervogelschwestern« zum Volkstanz, der im Unterschied zum Gesellschaftstanz unter freiem Himmel auf der Wiese zum Gemeinschaftserlebnis werden konnte. Da in Deutschland nur Reste von Volkstänzen aufgespürt werden konnten, hielt man sich an die nordischen Länder, während Tänze aus dem slawischen wie ungarischen Bereich nur selten übernommen wurden. Viele Jungengruppen lehnten den Volkstanz als »Bumsvallera und Tandaradei« ab, hielten sich eher an die Laien- und Puppenspiele, die Schwänke von Hans Sachs und die Stücke von Luserke wie »Blut und Liebe«, heute noch bei Schüleraufführungen beliebt. »Kulturell bedeutender als die Volkstänze war die Gymnastik des Wandervogels. Hier wurde in schönen rhythmischen Übungen und Spielen Neuland betreten und in verschiedenen Schulen – Medau, Loheland, Mensendieck, Feist und Vogeler – ein neues Körpergefühl erweckt, das sowohl dem künstlerischen Tanz auf der Bühne als auch der Hygiene und Medizin zugute gekommen ist; Wirkungen, die auch heute noch anhalten. Das Wandern hatte den Sinn für das Natürliche geweckt. Was Wunder, wenn die Gymnasten die natürliche Bewegung als Bewegungsprinzip forderten. Im Wandervogel wurde viel Sport getrieben und nicht nur in Österreich und der Schweiz frühzeitig Skilauf, dann allenthalben Schwimmen, Waldlauf, Speer- und Diskuswurf. Die sportlichen Wettkämpfe der Wandervögel auf den Gau- und Bundestagen waren aber stets frei von Rekordsucht und falschem Ehrgeiz. Der Sport des Wandervogels war noch reine Freude und niemals Sport um des Sportes willen.« (Hans Wolf) Als Aufbruch der Jugend hatte der »Wandervogel« nur in deutschsprachigen Ländern ein Echo gefunden. Verschiedene Gruppen schlossen sich 1911 zum »Österreichischen Wandervogel« zusammen, von dem nach der Abtrennung Böhmens und Mährens 1919 der »Sudetendeutsche Wandervogel« abzweigte, beiden war die kämpferische Vertretung deutscher Volkstumspflege gemeinsam. Der »Schweizerische Wandervogel«, 1908 in Zürich gegründet, löste sich allmählich aus der Abstinentenbewegung und anderen Bestrebungen der Lebensreform, um ungehindert das freie Jugendleben zu führen, wobei Anregungen aus Wickersdorf und vom Jugendlager Klappholttal auf Sylt aufgenommen wurden. Der »Erste Freideutsche Jugendtag« auf dem Hohen Meißner im Oktober 1913 brachte den Brückenschlag zu Männern der älteren Generation wie Avenarius, Diederichs und Wyneken und zu den älteren Wandervögeln, die im Studium und Beruf standen. Was man sich erhoffte, hat Breuer in der »Herbstschau 1913« ausgesprochen: »Eine neue Morgenröte wird glühen, derweil wir noch durcheinander wallen wie trüber Nebel im Chaos. Gereinigt und wiedergeboren im Bade des Volkstums wird die Nation aufsteigen als eine Überwinderin ihrer Zeit und mit ihr das neue Weltbürgertum kommen, das des Miteinander und nicht des Gegen- und Durcheinander.« Vaterland, Ideologien, Zukunftssuche
Verheerend wirkte sich der Erste Weltkrieg aus, denn viele Wandervögel hatten sich freiwillig gemeldet und waren, zumeist gar nicht oder schlecht ausgebildet, bald gefallen. Viele Ortsgruppen sandten Kriegsrundbriefe ins Feld, die Mädchen schickten Liebesgabenpakete, ein »Feld-Wandervogel« unter Walter Fischer sorgte für Adressenvermittlung von etwa 3500 Wandervogel-Soldaten, die im dritten Knopfloch der Uniform ihr Bändchen trugen. In der Christnacht 1914 beschlossen Wandervögel in St. Quentin, die Burg Ludwigstein an der Werra zu erwerben, um sie zum Ehrenmal für Gefallene und zur Jugendburg mit Archiv auszubauen, was 1922 auch geschah. Nach dem Krieg zerfiel der Wandervogel. »Einige siedelten oder gingen auf die Inseln, andere glaubten, in den von der neuen Regierung gebildeten Freikorps dem Vaterland als Soldat weiter zu nützen, oder marschierten auch, wie die Jenaer Gruppe der Wandervogelstudenten, nach München, um mit der Räterepublik Deutschlands Freiheit aufzubauen. Muck Lamberty ließ sich die Leuchtenburg zuweisen und wollte mit seiner Neuen Schar für unser Volk den Frühling ertanzen« (Gerhard Ziemer). Älterengemeinden, so der »Kronacher Bund«, Sonderformen, so der »Nerother Wandervogel« mit der Jugendburg Waldeck im Hunsrück, setzten sich ab. Ein Auffangbecken nach der Inflation war die »Bündische Jugend«, in deren Sog auch große Teile der Pfadfinder, auch der konfessionellen und politischen Jugend gerieten, sofern sie sich zum Prinzip der Führung der Jugend durch die Jugend bekannten. Das Erbe des Wandervogel wurde aber nicht nur dort bewahrt, es hatte Eingang ins Bauhaus Weimar, in die Bach-Gemeinschaften und Collegia musica, die Gymnastikschulen und freien Schulgemeinden, in Jugend- und Soziallehren gefunden. Pfadfinderbewegung, Turn- und Sportjugend
Der britische General Sir Baden-Powell, der im Burenkrieg bei der Belagerung von Mafeking durch die Buren Jugendliche als Meldereiter und Kundschafter (Boy Scouts) eingesetzt hatte, entwickelte das Erziehungssystem des Scoutismus, dessen Grundsätze nicht aus der Jugend kamen, sondern von der Gesellschaft und dem Staat festgelegt wurden, die den nützlichen britischen Staatsbürger wünschten. Fahrten, Lager und Heimabende erziehen die Cubs (Wölflinge, 8-12 Jahre), die Scouts (Pfadfinder, 12-18 Jahre) und Rovers (über 18 Jahre) zu Gemeinschaftsgeist und naturgemäßer Lebensweise. Im Versprechen gelobt der Pfadfinder, die ethischen Regeln einzuhalten, vor allem die Verpflichtung zur täglichen »guten Tat«. Obwohl Baden-Powells 1907 gegründete Bewegung sehr auf das britische Empire zugeschnitten war, bildeten sich schon 1909 erste Gruppen auch in Deutschland, die sich an »Jungdeutschlands Pfadfinderbuch« orientierten, der Übersetzung des »Scouting for Boys« durch Stabsarzt Dr. Alexander Lion. Schon 1911 wurde der »Deutsche Pfadfinderbund« (DPB) gegründet, dessen erster Bundesführer der Major Maximilian Bayer war. Die Pfadfinder Bayerns schlössen sich 1910 zumeist dem »Bayerischen Wehrkraftverein« an, der vormilitärische Ausbildung betrieb. Nach seiner Auflösung sammelten sich die Konservativen bei »Jung-Bayern«, die Unpolitischen bei den erneuerten Pfadfinderschaften. »Die neue Pfadfinderschaft betonte in erster Linie die Gesinnungsgemeinschaft, die verbindende idealistische Lebensauffassung, auf deren Grundlage die Jugend für eine Lebenserneuerung im Geiste des Pfadfindertums, erfüllt von Pflichttreue, Arbeitsfreude, Hilfsbereitschaft und Gemeinsinn gewonnen werden muss.« (F. L. Habbel) 1926 schlossen sich »Neupfadfinder« und »Ringpfadfinder« zum »Großdeutschen Pfadfinderbund« zusammen. Die Jungmannschaft errichtete im Boberhaus ein Grenzlandheim mit Volkshochschule für Schlesien, im Gau Harz-Elbe wurde in einem Studentenheim die Idee des »Kameradschaftshauses« erprobt und der Altwandervogel richtet 1926 das erste deutsche Arbeitslager in Colborn ein. Alle Pfadfinderbünde wurden, ob konfessional oder national gerichtet, 1933 verboten, wie das mit dieser Bewegung in allen Diktaturen geschah. Volkstanzfest 1925Volkstanzfest auf dem Hubertus-Sportplatz Berlin, um 1925. Die Turn- und Sportjugend der so verunsichernden Nachkriegsjahre hatte es besonders schwer, sich von der Ideologie eingesessener Turnvereine freizumachen, die nicht nur die neuen, meist aus England importierten Sportarten heftig ablehnten, sondern das Jahnsche Turnen zu einem dumpfen Betrieb an starren Geräten entarten ließen. Die zumeist erst nach 1918 eingerichteten Jugendabteilungen waren zur Einkreisung des Nachwuches bestimmt, nicht zur Erneuerung des Turnens. Edmund Neuendorff, Turnlehrer und Wandervogel, 1921 zum Jugendwart bestellt, belebte durch seinen »Jugendturnspiegel«, durch »Tieabende« (Heimabende), »Morgen- und Abendfeier«, durch Turnfeste die versteifte Turnjugend. Gegen das Stadion wurde der Turnplatz, gegen Rekord die volkstümliche Leibesübung, gegen das Geräteturnen das Hindernisturnen gestellt. Hatte die Turnführung für die Erweckung des alten Volksspiels und des Bodenturnens noch Verständnis aufgebracht, das »Spandauer Bekenntnis« (1926) lehnte sie entschieden ab: denn die Lösung der Wohnungs- und Bodenfrage, der Einsatz für die Freizeit- und Wochenendbewegung, für das Jugendherbergswerk, die Sonntagsheiligung, der Kampf gegen Rauschgift, Schmutz und Schund in Wort und Bild ging weit über ihr Streben hinaus. Zusätzliche Spannung kam in die Turn- wie Sportjugend, als nach 1930 immer wieder der Einsatz für die »Befreiung Deutschlands vom Versailler Diktat« gefordert, gegen den Film »Im Westen nichts Neues« demonstriert, Geländedienst eingeführt und eine Jugendführerprüfung verlangt wurde. 1933, eben hatte man das Geländeturnen eingeführt, wurde die Deutsche Turnerschaft wie alle Sportvereine dem Reichssportführer unterstellt, wurden alle Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren zum Eintritt in die HJ ermuntert. Die Arbeiterjugend
Diese Bewegung, deren erste Gruppe 1903 in Offenbach gegründet wurde, entstand aus den Jugendgruppen der »Arbeiterbildungsvereine«, deren Schwerpunkt damals nicht auf allgemeiner oder fachlicher Bildung lag, sondern auf gewerkschaftlicher und politischer Aufklärung. Durch die lange Arbeitszeit und schlechte Entlohnung waren Lehrlinge von den Unternehmungen des Wandervogel nahezu ausgesperrt, deren romantisches und mittelalterliches Gedankengut ihnen verschlossen blieb. Ihre Anstrengungen waren auf Verkürzung der Arbeitszeit, auf Jugendschutz, Abschaffung der Prügel und anderer Schikanen gerichtet. Unter Führung von L. Frank schlossen sich die Gruppen 1906 zum »Verband junger Arbeiter Deutschlands« zusammen, der die Zeitung »Junge Garde« herausgab. Unabhängig davon war die 1906 gebildete »Vereinigung der freien Jugendorganisationen Deutschlands«. Beide Verbände gingen 1908 in der »Zentralstelle für die arbeitende Jugend Deutschlands« auf, deren Organ »Arbeiterjugend« 1911 schon 50000 Abonnenten hatte. 1919 spalteten sich die »Freie proletarische Jugend« und die »Kommunistische Jugend« ab, die zur KPD zählte. Die zur SPD tendierende »Sozialistische Arbeiterjugend« besaß 1930 unter Erich Ollenhauer über 60000 Mitglieder. 1933 wurden alle Arbeiterjugendbünde verboten, die Funktionäre verhaftet und zum großen Teil in KZ eingeliefert. Der Christliche Verein Junger Männer (CVJM)
Gegründet wurde der erste CVJM 1844 in London von dem Kaufmannsgehilfen George Williams, der die Erneuerung des Menschen durch ausgiebige Bibellektüre, Gottesdienstbesuch, Morgen- und Abendandachten, aber auch durch Mitgestaltung und Mitbestimmung der Umwelt herbeiführen wollte. Den deutschen CVJM startete 1883 Pastor F. von Schlümbach, der von seinen »tätigen« Mitgliedern das »in Wort und Wandel« offenkundige Bekenntnis zu Jesus Christus sowie den Dienst am jungen Mann »nach Leib, Seele und Geist« forderte. Damit waren nicht nur Fortbildung in zahlreichen Kursen durch »eingeschriebene« Mitglieder gemeint, sondern auch Leibesübungen und Sport. Aber es wurden »Schülerbibelkränzchen«, die »Studentenvereinigung« und Soldatenheime gegründet, wovon das erste 1896 in Metz eröffnet wurde. Nach 1919 nahm der CVJM zahlreiche, meist äußerliche Kennzeichen der Jugendbewegung auf (vor allem die von Paul Le Seur geleitete »Freie Jugend« in Berlin-Neukölln), angefangen beim Duzen bis zur »Wanderkluft« (Kleidung). Die NS-Machthaber konnten verständlicherweise auch diese Jugendvereinigung nicht tolerieren. Aber erst im Sommer 1935 wurde die konfessionelle Jugendarbeit außerhalb der Kirchen verboten, erst 1938, als die HJ auf die Stimmung im Ausland keine Rücksicht mehr nehmen musste, wurden die Häuser des CVJM beschlagnahmt und enteignet. Hitlers Vorstellung von Erziehung
Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene Jugend will ich. Jugend muss das alles sein. Schmerzen muss sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und nichts Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muss erst wieder aus ihren Augen blitzen. Stark und schön will ich meine Jugend. Ich werde sie in allen Leibesübungen ausbilden lassen. Ich will eine athletische Jugend. Das ist das erste und wichtigste. So merze ich die Tausende von Jahren der menschlichen Domestikation aus. So habe ich das reine, edle Material der Natur vor mir. So kann ich das Neue schaffen. Ich will keine intellektuelle Erziehung. Mit Wissen verderbe ich mir die Jugend.
Aus einem Gespräch nach der Machtergreifung 1933 HitlerjugendNationalsozialistische Ertüchtigung: »Bund deutscher Mädel« (BDM) und »Hitlerjugend« (HJ), zwei der nationalsozialistischen Jugendorganisationen, nutzten das vorhandene Formen- und Ideengut der freien Jugendverbände, betonten aber von Anfang an das Prinzip der Körper- und Wehrertüchtigung. Links: Vormilitärisches Training der Hitlerjugend. Rechts: Zeltlager des BDM. Der Quickborn
Er soll hier stellvertretend für die zahlreichen Bünde der katholischen Jugendbewegung (so Schülerbund »Neudeutschland«, »Jungborn«, »Kreuzfahrer« u. a.) genannt sein. In Schlesien 1909 gegründet, stand er zunächst unter der geistigen Führung von B. Strehler, dann seit 1920 unter Romano Guardinis, der auf Burg Rothenfels am Main eine Stätte der Begegnung schuf. Von hier aus ging die Liturgische Erneuerung in die katholische Jugend über. Quickborn, gegliedert in »Jüngerengemeinschaft«, »Frauenjugend«, »Mannesjugend« und »Schar«, wurde 1934 verboten und enteignet. Die entschiedenen Gegner der NSDAP wurden bereits 1933 verhaftet, die gegnerischen Organisationen verboten und enteignet, während die nationalistischen Bünde wie »Artamanen«, »Schill-Jugend« u.a. sich bald selbst auflösten, weil ihre Mitglieder zur gleichgesinnten HJ übergelaufen waren. Den zahlreichen Bünden aus dem Umkreis des Wandervogels ließ man in der Regel Zeit bis zum 1. Dezember 1936, als die Mitgliedschaft in der HJ zur Pflicht wurde. Zahlreiche Bündische stellten inzwischen die 2. Generation der HJ-Führer, denn all das, woran ihr Herz hing, ob Lagerfeuer und Klotzmarsch, große Fahrt und eigenes Liedgut, Sport und Spiel konnten sie einbringen. So wurden sie zu Opfern einer doch ganz andersartigen Weltanschauung.