Gesellschaft und Wirtschaft zwischen den Weltkriegen

Wirtschaft ist unser Schicksal – zu Beginn der »Weimarer Republik« wollte Walther Rathenau, Reichsaußenminister und Mitinhaber des Elektrokonzerns AEG, die besondere Aufgabe der Wirtschaft für den Wiederaufbau betonen. In einer viel nachhaltigeren Weise, als Rathenau dies damals ahnen konnte, gewannen diese Worte Bedeutung: die Wirtschaft wurde in der Tat zum entscheidenden Bestimmungsfaktor der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands zwischen den Weltkriegen. Als am 9. November 1918 die Deutsche Revolution die Monarchie hinweggefegt hatte, glaubten sich viele am Ziel jahrzehntelanger politischer Wünsche: Deutschland sollte jetzt ein sozialistisches und demokratisches Land werden mit neuen Strukturen in Gesellschaft und Wirtschaft. Nur wenige Monate später wurde jedoch deutlich, dass die Revolution die Struktur der deutschen Wirtschaft praktisch überhaupt nicht zu wandeln vermocht hatte, die Gesellschaft war allenfalls an ihren Rändern verändert worden. Selbst die alte zentrale Forderung nach Sozialisierung der Grundstoffindustrien hatte lediglich zur staatlichen Bewirtschaftung des Kohle- und Kalibergbaus geführt, von der Idee einer »Wirtschaftsdemokratie« war am Ende nur die Einrichtung der »Betriebsräte« geblieben. Die sozialdemokratische Presse musste sich denn auch bald gegen den Vorwurf der »versäumten« Revolution (Arthur Rosenberg) zur Wehr setzen: »Es wäre für die Erhaltung der Massen des Volkes geradezu verhängnisvoll, wollte man jetzt die Zeit mit sozialistischen Experimenten verlieren, während die Bevölkerung nach Arbeit und Brot ruft.« Tatsächlich waren in dieser Situation auch für eine sozialdemokratische Regierung andere Aufgaben vordringlicher: die Millionen des geschlagenen Weltkriegsheeres mussten wieder in den Arbeitsprozess eingeordnet, die »Waffenschmieden des Reiches« auf »zivile« Produktion umgerüstet werden. Diese Umstellung auf Friedenswirtschaft hat die Regierung in bemerkenswerter Weise bewältigt; die Liquidation der Kriegsfolgen musste ihre Kräfte jedoch zwangsläufig übersteigen. Es war das erklärte Ziel der Alliierten, nach der militärischen Niederwerfung auch die wirtschaftliche Macht Deutschlands zu brechen, das seit der Jahrhundertwende zur führenden Industrienation Europas aufgestiegen war. Nach den Vorstellungen vor allem der französischen Militärpolitiker sollte dadurch die Finanzkraft und Energie mindestens einer Generation für den Wiederaufbau gebunden werden. Mit geradezu generalstabsmäßiger Präzision wurden mit Lothringen, der Saar und bedeutenden Gebieten Oberschlesiens lebenswichtige Teile aus den zentralen deutschen Industrieräumen herausgebrochen: die organisch gewachsene mitteleuropäische Verbundwirtschaft (so der Historiker Treue) wurde auf diese Weise funktionsunfähig gemacht. Durch den Verlust von rund 70 Prozent der Erzvorkommen, der Hälfte der Kaligruben und einem Viertel der Kohlenlager waren der Grundstoffindustrie, auf der Deutschlands wirtschaftliche Vormacht letztlich beruhte, die Voraussetzungen entzogen; die Abtretung des Elsass machte aus einem Zentrum der deutschen Textilindustrie über Nacht ihren schärfsten Konkurrenten; der Verlust der Handelsflotte, die Internationalisierung der Flüsse, die Einziehung der Patente beraubten die Wirtschaft wesentlicher Elemente ihrer Infrastruktur; eine 26prozentige Exportabgabe vertrieb die deutsche Konkurrenz von den Weltmärkten. Die finanziellen Forderungen der Alliierten schließlich ließen jedes Maß und jede wirtschaftliche Vernunft vermissen. Der bedeutendste Nationalökonom der Zeit, der Engländer John Maynard Keynes, warnte mit allem Nachdruck, dass solche Reparationen das Leistungsvermögen Deutschlands um ein Dreifaches überstiegen. Tatsächlich wurde die deutsche Wirtschaft und in ihrem Gefolge auch die Gesellschaft – wie sich erweisen sollte – durch die Bestimmungen des »Versailler Vertrages« in ihrer Existenz getroffen. Inflation
Die Anzeichen der heraufziehenden Krise – einer in der Geschichte bis dahin wohl beispiellosen Inflation – wurden voller Arglosigkeit zunächst als Merkmale eines wirtschaftlichen Aufschwungs begrüßt. Die Arbeiter spürten jedoch bald, dass sie die Vollbeschäftigung mit dem rapiden Verfall der Kaufkraft ihrer Löhne bezahlten. Die Kaufleute mussten feststellen, dass der außerordentliche Geschäftsgang in Wirklichkeit einem Totalausverkauf ohne jeden Gewinn gleichkam: die Erträge reichten nicht einmal mehr aus, um die Regale wieder zu füllen! Echte Konjunktur brachte die galoppierende Geldentwertung für eine gewisse Zeit lediglich den Unternehmern: ihre Steuerschulden schrumpften jetzt zu Pfennigsbeträgen; durch die Verzögerungen bei der Kursanpassung der Arbeitslöhne konnten sie die Produktionskosten drücken und ihre Waren zu Schleuderpreisen auf dem Weltmarkt absetzen; mit günstigen Krediten der Reichsbank erweiterten sie ihre Betriebe und erneuerten die Werksanlagen – praktisch kostenlos: zum Rückzahlungstermin waren die Darlehen ihrem realen Wert nach längst verfallen. Mit solchen Praktiken »raffte« etwa der rheinische Industrielle und Reichstagsabgeordnete Hugo Stinnes ein riesiges Wirtschaftsimperium zusammen – voller Zynismus konnte er erklären, dass er »Stabilisierungsversuche der Mark immer bekämpft habe und weiter bekämpfen werde«. »Inflationsgewinnler« waren auch die deutschen Bauern, die jetzt ihre Schulden abschüttelten und ihre Produkte vielfach nur noch im Tauschhandel veräußerten. In einem makabren Sinn zogen auch jene 300 Papierfabriken aus der Inflation Gewinn, die Tag und Nacht arbeiten mussten, um das Papier für die Notendruckereien bereitzustellen. Opfer dieser gigantischen »Umverteilung der Kriegskosten« waren allemale die »kleinen Leute«, die Lohn- und Gehaltsempfänger und die fleißigen Sparer: sie wurden jeglicher Kaufkraft beraubt, das Geld verlor seine eigentliche Funktion. So mündete die Hochinflation des Jahres 1923 letztlich in einen »Totalzusammenbruch der deutschen Wirtschaft« (Heinz Peter Seraphim, Wirtschaftsgeschichtler). Währungsreform, Kredite, Rationalisierung
Mit der Währungsreform gewann die deutsche Wirtschaft allmählich internationales Vertrauen und Interesse zurück, die strengen Kontrollklauseln des »Dawes-Planes« machten Deutschland bald zum sichersten und rentabelsten Anlegerland der Welt. Die Kapitalströme, die seit 1924 in die »zurückgebliebene deutsche Wirtschaft« flossen, wurden zur »Entwicklungshilfe im besten Sinne« (Treue). Erst jetzt nämlich konnte man das volle Ausmaß der weltwirtschaftlichen Schädigung absehen: Deutschland hatte seine Schlüsselstellung in der Schwerindustrie eingebüßt und das Monopol in der chemischen und elektrotechnischen Industrie verloren, die »alten Kunden« waren zur inzwischen leistungsstark gewordenen Konkurrenz abgewandert – die deutsche Wirtschaft musste ihre Struktur grundlegend ändern, wollte sie auf dem Weltmarkt Fuß fassen! Der Export von Rohstoffen und Halbfabrikaten wurde abgelöst durch die Ausfuhr von Maschinen und hochwertigen Teilprodukten: die deutsche Wirtschaft entwickelte sich jetzt zum führenden Zulieferer für den hochindustriellen Bedarf. Die Motoren und Anlagen des Maschinenbaus, die Geräte der feinmechanischen und optischen Industrie, die Apparate und Regelmechanismen der Elektrotechnik, nicht zuletzt die Erzeugnisse der chemischen Werke errangen rasch Weltruf; Namen wie Siemens und AEG, Klöckner und MAN, Zeiss und Leitz, Bayer und Hoechst wurden Mitte der zwanziger Jahre wieder zu Synonymen für die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Wesentlichen Anteil an diesem Aufschwung hatte die Verbesserung der Produktionsverfahren, die der scharfe internationale Wettbewerb erzwungen hatte. Nach amerikanischem Vorbild wurde die deutsche Industrie »rationalisiert«: maschinelle Vorrichtungen ersetzten zunehmend Handarbeit, Fließband und Lochkarte wurden eingeführt, die technischen Elemente nach dem System der »Deutschen Industrienormen« (DIN) vereinheitlicht. Die »Chemisch-Technische Reichsanstalt« lieferte Grundlagenforschung. Mithilfe des ausländischen Kapitals konnten die Fertigungsanlagen auf einen technologischen Stand gebracht werden, der den Amerikas schließlich übertraf. In einer Art »innerer Rationalisierung« verstärkten die Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit auch dadurch, dass sie in enger Zusammenarbeit Absprachen über Preise und Produktionsquoten trafen. Solche »Kartelle« setzten zwar den freien Markt außer Kraft, wurden aber vom Staat seit Langem geduldet; 1925 zählte man allein 3000! Über solche Kooperationen hinaus kam es verstärkt auch zu Firmenfusionen -als Monopole beherrschten die »Konzerne« nicht selten ganze Wirtschaftszweige: die »IG Farben« umfassten als größtes europäisches Unternehmen 90 Prozent der deutschen chemischen Industrie; die »Vereinigten Stahlwerke« kontrollierten zwei Fünftel der Kohle- und Stahlerzeugung, und »Hapag-Lloyd« beherrschte den Überseehandel. Nicht zuletzt dank solcher »Konzentration« konnte die deutsche Industrie innerhalb von vier Jahren ihre Produktion um 50 Prozent steigern und ihre alte europäische Vorrangstellung zurückerobern. Not der Kleinbetriebe und Bauern
Dieser Aufschwung betraf allerdings nicht alle Zweige der Wirtschaft. Die Klein- und Mittelbetriebe, die immer noch mehr Menschen beschäftigten als die Industrie, verloren im freien Wettbewerb zunehmend ihre Marktanteile an die »Großen«. Der Einzelhandel vermochte sich nur notdürftig über Wasser zu halten und schob die Schuld für seinen Abstieg auf die immer stärker aufkommenden Kaufhausketten. Der deutsche Bauernstand fand aus seiner Dauerkrise nicht mehr heraus. Die Zwergbetriebe in Süddeutschland, aber auch die Monokulturen der großen ostelbischen Güter ließen eine rentable Führung nicht zu und erwirtschafteten kaum die erdrückenden Steuern. Versuche, durch den Ankauf von Traktor und Mähmaschine zu »modernisieren«, endeten in heilloser Verschuldung und nicht selten in der Zwangsversteigerung der Höfe. Seit 1928 entlud sich der Zorn der Bauern – vor allem in Norddeutschland – in öffentlichem Aufruhr und in einer Serie von Attentaten. Ende der Scheinblüte – Depression und Arbeitslosigkeit
Lange bevor die ersten Ausläufer der großen Depression spürbar wurden, gab es also gute Gründe, der »Wirtschaftsblüte« zu misstrauen. Die Arbeitslosenzahl sank in dieser Zeit nie unter 1 Million. Der Aufschwung der Industrie war nüchtern betrachtet nur relativ: er lag ganze 5 Prozent über der Produktion von 1913; er war zudem mit ausländischem Geld – mit Schulden – finanziert. Noch 1928 warnte Gustav Stresemann: »Wenn einmal eine Krise bei uns kommt und die Amerikaner ihre kurzfristigen Kredite abrufen, dann ist der Bankrott da.« Die Hochkonjunktur war in Wirklichkeit eine »Wirtschaftsblüte auf Pump«! Mit um so größerer Wucht wurde gerade die deutsche Volkswirtschaft, vor allem nach einem großen »Bankenkrach«, von der »Weltwirtschaftskrise« 1929-1933 getroffen. In noch stärkerem Maße als die Produktion emporgeschnellt war, ging sie jetzt – um über 53 Prozent -zurück. Der Export, von dem immerhin jeder dritte Arbeitnehmer lebte, kam fast zum Erliegen. Fabriken wurden geschlossen; 1930 gingen 15500 Firmen in Konkurs, 1931 waren es über 19000! Viel härter freilich noch als die Situation der Unternehmer war die der arbeitenden Bevölkerung: nach zuverlässigen Schätzungen hatten auf dem Höhepunkt der Krise über 7 Millionen keine Beschäftigung, in den thüringischen und sächsischen Industriestädten stieg die Arbeitslosenquote auf bis zu 80 Prozent – Zehntausende von Familien mussten für Monate unterhalb des Existenzminimums leben. Die Wirtschaft war aus eigener Kraft nicht mehr fähig, mit einer Krise dieses Ausmaßes, die allgemein als eine »Krise des Kapitalismus« angesehen wurde, fertig zu werden. In massiver Weise mussten jetzt staatliche Organe intervenieren; am Ende besaß der Staat alle entscheidenden Schlüsselstellungen in der Lenkung und Leitung der Wirtschaft -unabsichtlich war so den staatssozialistischen Plänen Hitlers vorgearbeitet worden. Schließlich hat die »Weltwirtschaftskrise« auch jenes radikale politische Meinungsklima erzeugt, in dem Hitlers Aufstieg und Machtergreifung endgültig möglich wurden. Bei differenzierterer Betrachtung sind für diese Vorgänge jedoch schon gesellschaftliche Kräfte und Vorgänge verantwortlich, die in Deutschland seit dem Weltkrieg wirksam waren. Sowenig die Revolution von 1918 im Bereich der Wirtschaft bewirkt hatte, so wenig vermochte sie im Grunde auch die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern. Adel, Großgrundbesitz und Großbürgertum, die im Kaiserreich die Oberschicht gebildet hatten, waren zwar aus ihren alten politischen Machtpositionen gedrängt worden, konnten aber ihre wirtschaftliche und soziale Stellung nahezu ungeschmälert behaupten. Auch in der Republik fand der Adel exklusive Reservate: den diplomatischen Dienst und das Offizierskorps – 1932 waren 25 Prozent der Offiziersstellen in adeliger Hand, die hohen Stabsfunktionen fast vollständig. Mit massiven Subventionen des Staates, den sie weitgehend fanatisch ablehnten, konnten auch die Junker auf ihren unrentablen ostelbischen Gütern ihr standesgemäßes Leben weiterführen. Die Unternehmer wurden durch die staatlichen Umwälzungen in ihren Befugnissen überhaupt nicht berührt. Zu den neuen politischen Führern hielt die alte Oberschicht bewusst Distanz, sie wurden als »Emporkömmlinge« abgelehnt. Tatsächlich entstammten nicht wenige von ihnen den Unterschichten und waren als Redakteure oder Gewerkschaftssekretäre in die Politik gekommen – die Zusammensetzung der Parlamente spiegelte jetzt die Bevölkerungsstruktur ziemlich getreu wider. Berlin-Köpenick: September 1932Hunger und Wohnungselend- Wegbereiter des Nationalsozialismus und Kommunismus. Elendsviertel in Berlin-Köpenick während eines Mieterstreiks im September 1932. Die Arbeitnehmer in der »Weimarer Republik«
Die volle politische Gleichberechtigung war denn auch neben einzelnen sozialen Verbesserungen der wesentliche Fortschritt, den die Republik der Arbeiterschaft gebracht hatte. Ihre Interessenvertretungen, die Gewerkschaften, wurden vom Staat offiziell anerkannt; ihr Recht, Tarifverträge abzuschließen, wurde gesetzlich garantiert. Mit der Durchsetzung des Achtstundentages erfüllte sich eine alte Forderung der politischen Arbeiterbewegung. Zu einer der wirkungsvollsten sozialpolitischen Errungenschaften der »Weimarer Republik« wurde die Einrichtung der Arbeitslosenversicherung im Jahre 1927: wer unverschuldet beschäftigungslos wurde, hatte jetzt ein Anrecht auf Unterstützung und war nicht mehr wie zuvor auf Bedürftigkeitsfürsorge angewiesen. Der materielle Wohlstand der Arbeiterschaft hat sich in der Zeit der Republik jedoch nur geringfügig gesteigert. Sicher konnten viele Arbeiterfamilien durch ein großangelegtes staatliches Wohnungsbauprogramm aus ungesunden Mietskasernen herausgeholt werden; sicher verbesserten sich die Arbeitereinkommen in der Hochkonjunktur um fast 40 Prozent: in Wirklichkeit aber lag der reale Wochenlohn 1929 nur um 3 Prozent über dem des Jahres 1913, seine Kaufkraft entsprach nur einem Drittel des durchschnittlichen amerikanischen Arbeiterlohnes! In der Arbeiterschaft selbst nahm das alte »Solidaritätsbewusstsein der Proletarier« merklich ab. Zwischen dem einfachen Fabrikarbeiter und dem hochqualifizierten technischen Spezialisten entwickelte sich – nach Einkommen und Lebensstil – zunehmend eine soziale Kluft: der »gehobene« Facharbeiter orientierte sich jetzt an bürgerlichen Verhaltensweisen und Wertvorstellungen, er schickte seine Kinder auf weiterführende Schulen, um sie »etwas Besseres« lernen zu lassen. Enteignung des Mittelstandes
Die bürgerliche Welt geriet in der »Weimarer Republik« in eine existenzielle Krise. Die Angehörigen der Mittelschichten, die Kaufleute und Beamten, Ärzte und Rechtsanwälte, Bauern und Handwerksmeister, die Rentiers und Berufssoldaten, hatten sich im alten Staat geborgen und anerkannt gefühlt. Die Niederlage von 1918 und den Untergang des Kaiserreiches empfanden viele von ihnen als nationale Schmach und persönlich als sozialen Abstieg: die Beamten büßten ihren »Obrigkeitsnimbus« ein, die »abgehalfterten« Offiziere fanden keine angemessene Stellung mehr. Die Inflation schließlich hat ihnen all jenen Wohlstand weggenommen, auf den sich ihr Bürgerstolz gründete: ihre meist bescheidenen Vermögen, die sie oft über Jahrzehnte hinweg mit eisernem Fleiß zusammengespart hatten, zerrannen zu nichts; »Wohlhabende« wurden über Nacht zu Sozialhilfeempfängern – die Inflation enteignete den Mittelstand. Der Staat, dem sie ihre Ersparnisse »mündelsicher« anvertraut hatten, wälzte seine Schuldenlast gerade auf die Bürger ab – der Wirtschaftswissenschaftler Arthur Rosenberg hat den Vorgang als »eine der größten Räubereien der Weltgeschichte« bezeichnet. Die klassischen Bürgertugenden »Anständigkeit, Fleiß, Staatstreue« verkehrten sich offensichtlich in ihr Gegenteil: sie brachten nur Elend und Not – Erfolg hatten jetzt die dunklen Machenschaften der »Raffkes« und Schieber! Zu diesem »deklassierten Mittelstand« stieß bald auch das stetig wachsende Heer der Angestellten, die verbittert das eklatante Missverhältnis zwischen einer selbst angemaßten Bedeutung und der unbefriedigenden Einkommenslage und sozialen Sicherung registrierten. Von latenter Unzufriedenheit zur »Gleichschaltung« der »Volksgemeinschaft«
So bildeten große Teile der alten und neuen Mittelschichten einen latenten politischen Unruheherd in der »Weimarer Republik«: in kurzsichtiger Verkennung der wahren Zusammenhänge machten ihre Angehörigen den neuen Staat für ihren sozialen Abstieg verantwortlich; vom »Parteiengezänk« der Politik fühlten sie sich abgestoßen; sie fürchteten nichts mehr als ihre endgültige »Verproletarisierung«. Hier fanden dann die Parolen von den »November-Verbrechern« und vom »Weimarer Unrechtsstaat«, von »neuer nationaler Größe« und vom Ideal der »Volksgemeinschaft« begeistert Resonanz: aus diesem Bürgertum« rekrutierte sich in erster Linie Hitlers Anhängerschaft. Im Verständnis der »Volksgemeinschaft« mochten sich aber die Auffassungen grundlegend unterscheiden: es ging den Nationalsozialisten keineswegs darum, eine harmonische und solidarische Gesellschaft aufzubauen, das Volk sollte vielmehr zu einer »Schicksalsgemeinschaft zusammengeschweißt« werden, um in den Dienst für die »höheren Ziele« der Bewegung treten zu können. Der Einzelne hatte sich dabei vollständig der Parteidiktatur zu unterwerfen, für »bürgerliche Freiheiten« blieb kein Raum mehr. Wer sich der »neuen Ordnung« nicht fügen wollte oder dafür als nicht geeignet deklariert wurde – Juden etwa oder Kommunisten, Intellektuelle, auch Verbrecher -, sollte als »Volksschädling ausgemerzt« werden. Wie weit diese »Verstaatlichung des Menschen« (Treue) getrieben wurde, zeigt die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik: wer das »Kindersoll« erfüllte, wurde mit dem »Mutterkreuz« dekoriert; Paare, die fünf Jahre lang kinderlos geblieben waren, mussten ab 1938 wegen »Eheträgheit« erhöhte Steuersätze entrichten! Der »neue Mensch« des Nationalsozialismus sollte nach dem Willen des »Führers« zukünftig in der Hitler-Jugend erzogen und durch die Partei und ihre Gliederungen geformt und gelenkt werden. Das besondere Augenmerk des Regimes aber galt jenen, die sich nicht auf diese Weise »erfassen« lassen wollten – bis 1935 waren schließlich nur 5 Prozent der Wahlberechtigten Parteigenossen geworden. Mit den raffinierten Methoden der Massenverführung versuchte Goebbels, die »Gleichschaltung der nationalen Volksgemeinschaft« ins Werk zu setzen. Der »Hitler-Gruß« wurde in Schulen und Behörden zur Pflicht, die Anrede »Volksgenosse« amtlich verbindlich. Mit einem Kalendarium nationaler Feiertage – vom »Tag der Machtergreifung« im Januar bis zum »Tag der Gefallenen der Bewegung« im November – sollte selbst der Jahreslauf »gleichgeschaltet« werden. Durch die kommandierten Aufmärsche der Betriebsgemeinschaften und die oft stundenlangen Massenrituale bei solchen Feiern wollte man bei den »noch Abständigen« einen Mitmacher-Effekt erzeugen und sie so gleichsam überrumpeln. Mit der Einführung von »Eintopfsonntagen« und nicht abreißenden Sammelaktionen für alle möglichen Zwecke appellierte die NSDAP an den »Gemeinschaftssinn« der Deutschen – und die Sammler in SA- oder SS-Uniform erhielten ganz nebenbei Gelegenheit, die Gesinnung der Volksgenossen zu erkunden. Im »Reichsarbeitsdienst« (RAD) schuf sich der Nationalsozialismus regelrecht eine staatliche Einrichtung zur systematischen Indoktrination der Jugend: per Gesetz waren seit 1935 alle Achtzehnjährigen verpflichtet, in Lagern einen halbjährigen unbezahlten Arbeitseinsatz für gemeinnützige Projekte, wie Moorlandgewinnung, Hochwasserschutz, Flurbereinigung, abzuleisten. Ausdrücklich wurden dabei die weltanschauliche Erziehung und die vormilitärische Ausbildung als zentrale Ziele herausgestellt. Die plumpe Unterweisung durch die oft dümmlichen RAD-Führer und der primitive »Drill mit dem Spaten« haben jedoch nicht selten genau das Gegenteil solcher Absichten bewirkt, der eigentliche »Zweck der Übung« wurde so weitgehend verfehlt. »Arbeitsfront« und »Kraft durch Freude«
Große Aufmerksamkeit schenkte das Regime der »Betriebsgemeinschaft« als einer besonderen Form der »Volksgemeinschaft«. Nach der Zerschlagung der freien Gewerkschaften am 2. Mai 1933 wurde die »Deutsche Arbeitsfront« (DAF) als »Organisation der schaffenden Deutschen der Stirn und Faust« gegründet. Unter Führung des Lebensmittelchemikers Robert Ley – der Volksmund titulierte ihn hinter vorgehaltener Hand beziehungsreich »Reichstrunkenbold« – sollten in der DAF die alten Klassenspannungen zwischen Unternehmer und Arbeiter durch den »neuen Geist« aufgehoben werden. »Aus den deutschen Betrieben«, verkündete Ley, »sind stolze Burgen des Gemeinschaftsgedankens geworden.« Tatsächlich entwickelte sich die »Arbeitsfront« zur Mammutorganisation des »Dritten Reiches« schlechthin: sie zählte 1939 über 30 Millionen Mitglieder und erfasste 90 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Mit schwülstigen Redensarten wie »Ehrendienst« oder »Adel der Arbeit« versuchte man, Arbeitnehmer und Unternehmer zu »gewinnen«; in Wirklichkeit ging es nur darum, sie für die Zwecke des Nationalsozialismus »verfügbar« zu machen. Das »Führerprinzip« wurde bald auch auf die Arbeitswelt übertragen: 1934 bestimmte das »Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit« den Unternehmer zum »Führer des Betriebes«, Angestellte und Arbeiter waren ihm als »Gefolgschaft« zur »Treue« verpflichtet. Ziel der »Arbeitsfront« war es, »die Voraussetzungen für die deutsche Wehrgemeinschaft« zu schaffen. Als großer propagandistischer Erfolg erwies sich die anfangs auch in den eigenen Reihen belächelte Freizeitorganisation »Kraft durch Freude« zur »kulturellen Mobilisierung des schaffenden Volkes«. Die »KdF« veranstaltete Konzerte und Theateraufführungen, baute Erholungsheime und unterhielt eine eigene »Vergnügungsflotte«: für nur 37 Mark konnte sich der Ruhrkumpel etwa acht Tage lang an der Nordsee erholen – vielen arbeitenden Menschen wurde so Gelegenheit geboten, zum ersten Mal im Leben in Urlaub zu fahren. 39 Millionen haben davon Gebrauch gemacht! Massenhaft Interesse fand auch das Projekt eines »Volkswagens«, den sich bei einem Preis von unter 1000 Mark auch der einfache Arbeiter ersparen konnte. Dass bei all diesen Aktivitäten das weltanschauliche »Geschäft« nicht zu kurz kam, versteht sich von selbst. »Kraft durch Freude« wurde schließlich zur »gewaltigsten kulturellen Leistung des Nationalsozialismus« hochgelobt. Freilich: die Erholungsheime waren von vornherein als Lazarette geplant, die Vergnügungsschiffe als Truppentransporter angelegt; mit den 285 Millionen Mark der »Volkswagensparer« wurde Porsches Geländewagen für die Wehrmacht gebaut. Trotz aller Phrasen vom »Adel der Arbeit« ging es dem Nationalsozialismus offenkundig überhaupt nicht um die Verbesserung der Lebensverhältnisse der arbeitenden Menschen. 1939 lagen die effektiven Stundenlöhne um ganze 7 Prozent über dem extrem niedrigen Lohnniveau des Krisenjahres 1932; eine Verbesserung der Einkommensverhältnisse vor allem in rüstungswichtigen Industrien musste durch eine drastische Anhebung der wöchentlichen Arbeitszeit erkauft werden. Eigentlich widerrechtlich gewährte Sonderzuwendungen der Betriebe wurden durch Preiserhöhungen und drastisch gesteigerte Zwangsabgaben wieder aufgezehrt. Zwar waren in den Betrieben zum Teil vorbildliche soziale Einrichtungen, wie Sportanlagen oder Kindergärten, geschaffen worden, zwar wurde jetzt Kündigungsschutz gewährt und bezahlter Urlaub garantiert, tatsächlich aber war im »Dritten Reich« die rechtliche Stellung des Arbeitnehmers schwächer als in den Jahrzehnten zuvor! In den Geheimen Regierungspräsidentenberichten finden sich vielfältige Hinweise über Unzufriedenheit der Arbeiter mit ihren Lebensverhältnissen; es wird auch Klage darüber geführt, dass von »wahrer Betriebsgemeinschaft« keine Rede sein könne, wenn etwa Vorgesetzte sich weigerten, »arbeitende Volksgenossen ohne Kragen« als »Arbeitskameraden« anzureden. Sowenig echte Sozialpolitik dem Nationalsozialismus ein Anliegen war, so wenig kümmerten ihn wirtschaftliche Probleme: auch die Wirtschaft war im »Dritten Reich« nur Mittel zum Zweck der Macht. Hitler, die Industrie und der »Reichsnährstand«
Wie wenig antikapitalistische Tendenzen ernst zu nehmen waren, machen Hitlers frühe Kontakte zu Industriellenkreisen deutlich. Seit 1923 erhielt die Partei massive Zuwendungen von Sympathisanten wie Thyssen, Stinnes oder Borsig. Später stießen zum Kreis der Parteispender auch Flick, Klöckner, Krupp, Sir Deterding von »Shell«, die »Commerzbank«, die »Deutsche Bank« und andere. Die meisten deutschen Industriellen waren wohl keine eingeschworenen »Nazis«, Robert Bosch und Siemens sogar erklärte Gegner: sie wollten jedoch auf alle Fälle von der »Hitler-Hausse« profitieren. Mit großer staatlicher Unterstützung – allein in den ersten beiden Jahren wurden 5 Milliarden Mark aufgewendet – setzte Hitler ein gigantisches Arbeitsbeschaffungsprogramm in Gang, wobei er allerdings auf Pläne seiner Amtsvorgänger zurückgreifen konnte. Arbeitslose wurden zu schlechtbezahlten Notstandsarbeiten, wie Aufforstung von Ödland, aber auch zum Bau militärischer Anlagen kommandiert. Zum Schwerpunktprojekt wurde jedoch das »Unternehmen Reichsautobahn« erklärt: Hitler wollte sich damit zugleich ein strategisches Straßennetz schaffen. Arbeitslose in beträchtlichem Umfang konnte auch der sich rasch aufblähende Staats- und Parteiapparat aufnehmen. Merklich wurde der Arbeitsmarkt 1935 durch die Einführung von Wehrmacht und Reichsarbeitsdienst entlastet. Im Jahre 1936 war in Deutschland – sicher auch wesentlich begünstigt durch die allgemeine Erholung der Weltwirtschaft – die Vollbeschäftigung praktisch erreicht, wenig später mussten deutsche Betriebe wieder »Fremdarbeiter« anwerben. Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit war in den Augen der Massen Hitlers bedeutendste Leistung, sie hat ihm die Unterstützung auch von Bevölkerungskreisen eingetragen, die ihm bis dahin skeptisch gegenübergestanden waren. Schon aus seiner »Blut-und-Boden«-Ideologie heraus galt die besondere Fürsorge des Nationalsozialismus dem Bauernstand: im »rassisch gesunden und wirtschaftlich starken Bauerntum« wurde das »Rückgrat kommender deutscher Größe« gesehen. Durch staatliche Subventionen konnte die Landwirtschaft noch 1933 entschuldet werden; massive Erhöhungen der Erzeugerpreise garantierten wieder ein angemessenes Einkommen – die Lasten dieser Sanierung hatte freilich der Verbraucher zu tragen. Mit dem »Reichserbhofgesetz« wollte man der verhängnisvollen Besitzzersplitterung entgegenwirken: Höfe zwischen 7,5 und 125 Hektar durften nur noch ungeteilt vererbt werden -der »bauernfähige« Erbe musste allerdings seine »Blutreinheit« bis zum Jahre 1800 nachweisen! Der zum »Reichsnährstand« hochstilisierten Landwirtschaft wurde der nationale Auftrag zugeteilt, in der »Erzeugungsschlacht« die Versorgung des deutschen Volkes zu sichern, auch die »Fettlücke« des Reiches schließen zu helfen. Anbau und Betriebsführung unterlagen jetzt strengen staatlichen Vorschriften und Kontrollen – aus dem ehedem freien Bauernstand war ein landwirtschaftliches Zwangskartell geworden: das Ziel einer deutschen Selbstversorgung wurde gleichwohl nicht erreicht. München 1934Werbung um die Arbeiter und staatliche Aufträge zur Arbeitsbeschaffung. Hitler, begrüßt von Spalier bildenden Bauarbeitern, am Tag der Grundsteinlegung zum Reichsbankneubau, München 1934. Rechts Reichsbankpräsident Schacht. Schon 1936 – Menschenverachtende Kriegswirtschaft
Zentrales Anliegen nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik aber war die Autarkie Deutschlands, die Unabhängigkeit von ausländischen Rohstoffen und Erzeugnissen. 1936 verkündete Hitler zu diesem Zwecke auf dem Nürnberger Reichsparteitag einen »Vierjahresplan«: »In vier Jahren muss Deutschland in allen jenen Stoffen vom Ausland gänzlich unabhängig sein, die irgendwie durch die deutsche Fähigkeit [...] sowie durch unseren Bergbau selbst beschafft werden können!« In einer eigenhändig verfassten »Geheimen Denkschrift« präzisierte Hitler seine Vorstellungen: »mit derselben Entschlossenheit wie die Führung eines Krieges« und »ohne Rücksicht auf Kosten« sollte eine eigenständige deutsche Treibstoffversorgung, die Massenfabrikation von synthetischem Gummi und die Steigerung der Eisen- und Leichtmetallproduktion sowie der industriellen Fettversorgung erreicht werden. Über die wahren Absichten solcher Autarkiebestrebungen ließ Hitler keine Zweifel: »I. Die deutsche Armee muss in 4 Jahren einsatzfähig sein. II. Die deutsche Wirtschaft muss in 4 Jahren kriegsfähig sein.« Zur Verwirklichung dieser Ziele wurden große Bereiche der Forschungskapazität und Produktionskraft in Anspruch genommen. So konnte etwa die Gewinnung von Benzin und Margarine aus Kohle zur Fabrikationsreife entwickelt werden, »Buna« ersetzte jetzt Naturkautschuk, Zellwolle die »ausländische« Baumwolle – »Kunsthonig« wurde für viele zum Inbegriff für »Ersatzstoffe« schlechthin. Als »Beauftragter für den Vierjahresplan« erhielt Göring, der nach der kundigen Einschätzung Schachts »von all den wirtschaftlichen Dingen [...] nicht den leisesten Schimmer« hatte, praktisch die Vollmachten eines Wirtschaftsdiktators; die »Reichswerke Hermann Göring«, eigens zur Realisierung des Wirtschaftsplanes gegründet, wuchsen bald zu einem der großen Konzerne der Welt. Unter der Hand hatte auch die SS – vor allem aus jüdischem Besitz -ein mächtiges Wirtschaftsimperium zusammengerafft. Sie beherrschte die Mineralwasserwirtschaft von »Apollinaris« bis »Selters« und kontrollierte erhebliche Teile der Möbelindustrie. Unter dem unverdächtigen Namen »Deutsche Ausrüstungswerke« verbargen sich die Wirtschaftsbetriebe der Konzentrationslager mit Milliardenumsätzen. Das »Verleihen« von Häftlingen an Industrieunternehmen brachte allein dem KZ Buchenwald zeitweise einen monatlichen »Gewinn« von 2 Millionen Mark! Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik, die im Grunde ja Rüstungspolitik war, musste zwangsläufig ihre maßlos überzogenen Ziele allesamt verfehlen – letztlich aber scheiterte sie an ihrer Nichtfinanzierbarkeit. Das nach einem »genialen« Plan des Reichsbankpräsidenten Schacht inszenierte Wechselgeschäft zur Bestreitung der Rüstungskosten und Subventionen ist schon 1938 geplatzt: der Staat konnte seine Verpflichtungen nicht einlösen; seine Schulden hatten sich in nur 6 Jahren von 13 auf 50 Milliarden Mark erhöht: das Deutsche Reich war bankrott!

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Info 26.09.2017 - 00:04
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