Grundlagen des Nationalsozialismus

Der Nationalsozialismus war ein Kind der Krise. Entstehung und Aufstieg der NSDAP waren Folge tiefer gesellschaftlicher, ökonomischer und politischer Krisenerscheinungen der Zwischenkriegszeit, die sich überlagerten und die labile, im politischen Bewusstsein der Deutschen kaum verankerte Republik belasteten. Zu der seit dem späten Kaiserreich zunehmend scharf empfundenen Identitätskrise der Industriegesellschaft kamen die als nationale Demütigung erfahrene Niederlage von 1918 und der »Versailler Vertrag« sowie die politischen und sozialen Erschütterungen durch »Novemberrevolution« und kommunistische Revolutionsdrohung sowie schließlich die ökonomische Dauerkrise, die durch Inflation, Reparationen und am Ende durch Deflation und Massenarbeitslosigkeit gekennzeichnet war. Der Nationalsozialismus verstand es, auf diese vielschichtige Krisensituation ebenso einfache wie doppeldeutige Antworten zu geben. Entscheidend für seinen Erfolg waren Radikalität und Gegensätzlichkeit seiner Programmatik und seines politischen Stils sowie die Verkörperung der auf Protest und Erneuerung zielenden Ideologie durch die charismatische Führergestalt Adolf Hitlers. Von ihm allein erhofften sich bald viele Deutsche eine bessere Zukunft. Der Erfolg Hitlers lag vor allem darin begründet, dass er Exponent und Medium der Krisenatmosphäre der Nachkriegszeit war. Er verstand es, mit der Instinktsicherheit des Demagogen glaubhaft die eigenen Ängste mit den kollektiven Ängsten seiner Zeit zu verbinden, diese zu repräsentieren, zu mobilisieren und politisch umzusetzen. Die politische Wirkung dieser Identifizierung und Übersteigerung wuchs mit der zunehmenden Krise der bürgerlich-liberalen Staats- und Gesellschaftsordnung. Die Anti-Bewegung und ihre Leitbilder
Der Nationalsozialismus wie der europäische Faschismus der Zwischenkriegszeit überhaupt war eine Anti-Bewegung. Er verstand sich als radikale Ablehnung bestehender politischer Wertmuster und Parteigruppierungen sowie als Versuch einer neuen Synthese, die Elemente gegnerischen Denkens und Handelns in sich aufnimmt. Die Doppeldeutigkeit des Nationalsozialismus, seiner Ideologie wie seiner politischen Aktionsformen, erklärt sich aus seiner Rolle als »Nachzügler« auf der politischen Bühne. Er entstand erst, als die wichtigsten politisch-ideologischen Strömungen und Parteien wie Liberalismus, Konservativismus, christliche Volksparteien, Sozialismus und Kommunismus sich bereits entfaltet und die verschiedenen sozial-kulturellen Bereiche der Gesellschaft mobilisiert und organisiert hatten. Den Kernbestand der nationalsozialistischen Ideologie bilden dementsprechend verschiedene Anti-Thesen, wie Antimarxismus, Antiliberalismus, Antiparlamentarismus, Antisemitismus, Antikapitalismus und Antikonservativismus sowie als neue, positive Gegenbilder ein radikaler Nationalismus, der Gedanke eines nationalen Sozialismus und einer neuen Elite, die sich durch Glauben, Gehorsam, den Willen zur Tat und zum Kampf sowie durch »rassische Gesundung und Stärke« auszeichnet. Diese Vorstellungen waren in Deutschland auch schon vor 1914 in dieser und in anderer Zusammensetzung zu Wort gekommen, aber erst nach dem Erlebnis des Ersten Weltkriegs, der Niederlage und Revolutionszeit hatten sie an Massenwirksamkeit und Radikalität gewonnen. Sie waren Gemeingut einer breiten, jedoch in sich zersplitterten völkischen Protest- und Erneuerungsbewegung, in der auch die frühe »Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei« bis etwa 1923 eine Gruppierung unter vielen war. Ihr gemeinsames, utopisches völkisches Ziel war die nationale Wiedergeburt und Größe durch eine Vitalisierung des Deutschtums, des Nationalstaates und Konservativismus. Hitler im Bann von Rassen-Antisemitismus, Antimarxismus und Sozialdarwinismus
Auch Adolf Hitler war in diesem, in der österreichisch-ungarischen Habsburger-Monarchie infolge ihrer Nationalitätenprobleme schon vor 1914 besonders virulenten völkisch-antisemitischen Milieu aufgewachsen. Hatten Militärordnung und Krieg dem heimatlosen Außenseiter Hitler das Gefühl der Anerkennung und Sinnerfüllung gegeben, so fand er in dem von Niederlage und Räterepublik gekennzeichneten München eine Stimmungssituation vor, die die Wahrheit völkisch-antisemitischer Weltanschauung und die Notwendigkeit, daraus politische Konsequenzen zu ziehen, eindringlich zu bestätigen schien. Seit seinem Eintritt in die NSDAP im September 1919 wurde Hitler als deren Propagandaredner und schließlich Führer nicht müde, seinen rassetheoretischen Nationalismus und biologistischen Antisemitismus zu verkünden. Schon in seinen frühen Reden und Schriften trat der Rassenantisemitismus als Kern der Hitlerschen Weltanschauung hervor. Er bedeutete eine Radikalisierung früherer, traditioneller völkisch-antisemitischer und nationalistischer Gedankengänge, indem das »Judentum« nun als universaler Weltfeind und als Prinzip der Zersetzung schlechthin erschien. Das Judentum stand nach Hitlers Meinung hinter allen Verfalls- und Veränderungserscheinungen. Als die letzte Etappe im jüdischen Verschwörungsplan betrachtete Hitler den Bolschewismus. Durch die Identifizierung von »jüdischer Weltverschwörung« und bolschewistischer Revolutionsdrohung erhielt sein Antimarxismus die besondere Radikalität. Wenn Hitler immer wieder »Vernichtung und Ausrottung der marxistischen Weltanschauung« durch eine Bewegung »rücksichtslosester Kraft und Entschlossenheit, bereit jedem Terror des Marxismus einen noch zehnfach größeren entgegenzusetzen«, als Ziel des Nationalsozialismus verkündete, so standen hinter dieser Vernichtungsdrohung zugleich die Vorstellung vom ewigen Kampf der Arten als Gesetz der Geschichte und die endzeitliche Erwartung eines Kampfes um Alles oder Nichts, um »Gesundung« oder völligen Verfall. Durch die Verbindung mit dem sozialdarwinistischen Gedanken des Kampfes als Lebensgesetz und des daraus abgeleiteten »Recht des Stärkeren« erhält die ursprünglich geschichtspessimistische Rassenlehre einen aktivistischen Charakter und wird zum Programm einer »Rassenpflege« durch Kampf, Eroberung und Vernichtung. Der Krieg war nicht nur Mittel, den Verfall zu stoppen, er war zugleich Quelle der »Gesundung« eines Volkes. Hitler KarikaturHitler in der Karikatur der Welt und in deren NS-Auslegung. Der Reichstagsbrand – Auftakt zur Diktatur. NS-Auslegung: Die Welt verlangt Gewalt gegen die »Rote Gefahr« – aber Hitler hat sie schon gestoppt … Krieg als Ideal und Voraussetzung für die Erringung von Lebensraum
Wollte der Nationalsozialismus den Sinn des Krieges wiederherstellen, dann musste er den Krieg inmitten des Friedens als Bürgerkrieg fortsetzen. Dies war der Kern des nationalsozialistischen Kampfes um die Macht. Zugleich diente die Rassetheorie der Steigerung des nationalen Selbstbewusstseins. Der Rassestaat der Zukunft sollte den schwachen traditionellen Nationalstaat ersetzen. Rassenlehre und Raumdoktrin wurden zur Grundlage auch des außenpolitischen Programms, das Hitler in seiner Rechenschafts- und Programmschrift »Mein Kampf« von 1925 entwickelte. Die Radikalität dieses Raumprogrammes entspricht der Radikalisierung von Hitlers Antisemitismus. Hatten sich seine außenpolitischen Zielvorstellungen ursprünglich im Rahmen eines nationalen Revisionismus gehalten, d. h. Kampf gegen Versailles und Wiederherstellung der einstigen nationalen Größe, so entwickelte er in »Mein Kampf« eine hiervon deutlich unterschiedene »Lebensraumdoktrin«, in der sich Raumgewinnung im Osten, Vernichtung des Bolschewismus und Vernichtung des Judentums verbanden. Ziel dieser ebenso primitiven wie in ihrer Wirkung revolutionären Geschichtsideologie war die chiliastische Endzeitvorstellung, welche die Utopie einer rassisch gefestigten, auf die Werte des Blutes und des Bodens gegründeten Agrarnation mit starker hegemonialer Stellung und einer Herrenrassen-Existenz versprach. In dieser völkisch-rassischen Neuordnung, die in die utopische Ferne eines agrarischen Großraums im Osten projiziert wurde, sollten zugleich die wirtschaftlich-materiellen Beschränkungen und Konflikte für immer aufgehoben sein. Wirkung durch Doppelgesichtigkeit
Vergangenheitsbezogen und technokratisch-modern – reaktionär und sozial – kämpferisch und national

So charakteristisch diese Raum- und Rassedoktrin für die ideologische Vorstellungswelt des Nationalsozialismus war, so wenig waren diejenigen, die »Mein Kampf« überhaupt gelesen hatten, bereit, Hitler beim Wort zu nehmen, was er jedoch später selbst tun sollte. Charakteristisch war das Programm auch für die grundsätzliche Doppelgesichtigkeit des Nationalsozialismus: radikal reaktionäre, antimoderne Werte der Vergangenheit werden zu Kampfbegriffen einer populistischen Erneuerungsbewegung, atavistische Züge mischen sich mit modernen, technokratischen Elementen. Denn die radikal-reaktionäre Utopie ließ sich nur mit den Mitteln der modernsten Massenmobilisierung und der modernsten Rüstungstechnik verwirklichen. Für die Anhänger und Mitglieder dienten die Eindeutigkeit und Radikalität dieses Programmes nur einem Ziel, nämlich die Entschlossenheit zum Kampf um die »völkische Gesundung« und Erneuerung zu unterstreichen. Für die Massenwirkung Hitlers und der NSDAP hatten die Rassenlehre und Raumdoktrin nur eine untergeordnete Bedeutung. Für die seit 1929 erdrutschartig zunehmende Massengefolgschaft und Wählerschaft stellten sich Hitler und die NSDAP vor allem als die entschlossenste und kämpferischste Organisation mit dem Willen zur völkischen und sozialen Erneuerung dar. Die Agitations- und Integrationskraft Hitlers und der NSDAP kamen diesem verbreiteten Wunsch nach Erneuerung und Bewahrung am besten nach, und die Gegensätzlichkeit ihres Auftretens und ihrer Ziele entsprach der Zerrissenheit und Umbruchsituation der Gesellschaft. Weder die deutsch-nationale Propaganda noch die sozialistischen Parteien konnten von der Panikstimmung profitieren, die durch die Massenverelendung und die traumatische Erinnerung an Revolution und Inflation erzeugt wurden: Die Hitler-Bewegung trat nie eindeutig sozial-reaktionär auf, auch wenn Hitler im Laufe der Parteientwicklung den eigenen linken Flügel der Strasser-Gruppe mit ihren starken antikapitalistischen, wenn auch völkisch-ständestaatlichen Vorstellungen weitgehend ausschalten konnte. Denn auch in Hitlers Konzept des nationalen Sozialismus, das mehr propagandistische als programmatische Funktion hatte, mischten sich sozial-egalitäre Elemente mit reaktionären, nationalistischen Tendenzen. Propagandistisch wirkungsvolle Formeln des Gegners, besonders des Sozialismus, werden dem Gedanken »volksgemeinschaftlicher« Verpflichtung und nationaler Einheit einverleibt. Die Gleichheit der Uniform und die Allmacht des nationalen Staates verheißen die Ausschaltung aller gesellschaftlichen Konflikte und die erträumte Realisierung der Vereinigung von Arbeiterschaft und Nationalstaat. Zur Klammer zwischen den verschiedenen Antithesen und zum Bezugspunkt der neuen Synthese wird der Nationalismus mit seiner »Rückbesinnung« auf »deutsche Größe« und Volksgemeinschaft. KZs und Vernichtungslager
Erste »Wilde Konzentrationslager« wurden 1933 von der SA und SS in Dachau, Oranienburg, Esterwegen, aber auch in vielen kleinen Orten Deutschlands eingerichtet, um politische Gegner, kritische Intellektuelle, Kommunisten oder einfach nur persönliche Feinde auszuschalten und zu schikanieren. Bezeichnet wurden diese Einweisungen als »Schutzhaft« – eine Haft, die schon für Hunderte den Tod bedeutete. Planmäßiger Ausbau unter Leitung der SS (»Totenkopfverbände« als Wachmannschaft) erfolgte seit 1934. Die KZs wurden nun zum Instrument systematischer Ausschaltung aller als Gegner erkannter Menschen, »Sammelstelle« für billige Arbeitskräfte der Rüstungsindustrie und Erprobungsfeld von Ausrottungsmethoden. Instrumente der Disziplinierung wurden Kategorisierung der Häftlinge, ein ausgeklügeltes System von Strafen, u. a. Prügelstrafe und Isolierhaft, Zwangsarbeiten und Exekutionen. Neben Kommunisten und Sozialdemokraten, Intellektuellen und Kranken wurden nun auch Juden und Slawen, Zigeuner und andere Landfahrende, aber auch Priester aller Konfessionen, Jesuiten, Sektenmitglieder, Bibelforscher, Logenmitglieder, »entartete« Künstler, »Undeutsche«, Homosexuelle, Kriminelle, Gebrechliche zu Opfern. Seit 1935 entstehen größere KZs in Buchenwald, Groß Rosen, Ravensbrück, Neuengamme, Flossenbürg, Sachsenhausen, Bergen-Belsen, Mauthausen – im Krieg ergänzt um weitere 22 KZs mit 165 Arbeitslagern. Den Arbeitsbedingungen, den Lebensumständen, Schikanen und Seuchen erliegen in diesen KZs Hunderttausende. KZ-Lager Mit dem Krieg und dem Ziel der »Endlösung der Judenfrage« kommt es zum Ausbau großer »Vernichtungslager« in Polen (Auschwitz, Chelmno, Belzec, Treblinka, Sobibor, Majdanek), denen Millionen von Juden, Slawen, Zigeunern, Intellektuellen, aber auch von russischen Kriegsgefangenen zum Opfer fallen. Zu Tode geschunden in den Fabriken der großen deutschen Unternehmen, vor allem der Rüstungsindustrie, unterernährt, dem Sadismus der Wärter ausgesetzt, stundenlangen Appellen ausgeliefert, medizinischen Experimenten unterworfen und, wenn nicht arbeitsfähig (Frauen, Kinder, Greise), in die Gaskammern getrieben, erschossen, verbrannt, sterben in diesen Lagern etwa 4,5 Millionen Juden, wobei der Tod oft genug Erlösung aus der täglichen Qual, der Angst, dem Hunger, dem Chaos und Leid war. Die Mehrzahl der Deutschen hat von diesen Gräueln nichts gewusst, aber Zehntausende von SS-Leuten, Verwaltungsbeamten, Industriellen, Eisenbahnern standen im Dienst der Vernichtungsmaschinerie. Schuld des ganzen Volkes war es, nicht den Anfängen persönlicher Diffamierung und Verfolgung Widerstand geleistet zu haben. Führerprinzip als einigende Kraft
Neben der Rassenlehre und der Formel vom nationalen Sozialismus stellt das Führerprinzip ein konstitutives und integratives Element für die Ideologie wie für Organisation des Nationalsozialismus dar. Die Führerideologie ist das radikale Gegenbild zu Liberalismus, zu Parlamentarismus und Demokratie. Es enthält ebenso militärisch-autoritäre Elemente wie pseudo-demokratische und pseudo-egalitäre Momente. Der Führer und seine Gefolgschaft bedeuten einerseits die Übernahme militärischer Leit- und Entscheidungsmuster für den politisch-gesellschaftlichen Willensbildungsprozess, andererseits sind der Führer und seine neue Elite nicht durch die bürgerlichen Karrieremuster von Besitz und Bildung legitimiert, sondern durch ihren Willen zur Tat, ihren Heroismus und durch ihr Durchsetzungsvermögen als Ausweis des Rechtes des Stärkeren. Zugleich verkörperte der Führer die nationalsozialistische Weltanschauung. Sie errang durch ihn erst ihre Realität und Bestimmtheit. Der Führer hielt die einander widersprechenden Elemente der Weltanschauung zusammen und setzte sie in die politisch-organisatorische Wirklichkeit um. Seine Rolle als Vermittler und Interpret begründete zugleich Hitlers absolute Führungsstellung in der Partei. Innerparteiliche Auseinandersetzungen konnten nicht länger im Namen der Ideologie ausgetragen werden, seitdem Hitler in Weltanschauungs- und Programmfragen seine absolute Führerstellung gegen rivalisierende Gruppen behauptet hatte. Die frühe Identifizierung von Führer und Idee bestimmte auch die organisatorische Entwicklung der NSDAP. Den Anspruch auf Umsetzung der Führerideologie in die Praxis der Partei hatte der erfolgreiche Parteiredner und Agitator Hitler schon vor 1923, dem Jahr des Hitler-Putsches, angemeldet, doch als bestimmendes Führungsprinzip innerhalb der Parteiorganisationen setzte sie sich erst nach Rückkehr Hitlers aus der Festungshaft und dem organisatorischen Neuanfang nach 1925 durch. Grundlage von Hitlers Führungsanspruch waren seine rednerisch-agitatorischen Fähigkeiten und die sich davon ableitende plebiszitäre Legitimation – die Bestätigung durch das Volk. Sie kam von der Basis und wurde durch die begeisterte Menge stets erneuert. Denn dank des Einsatzes modernster Technik, vom Rundfunk über den Film bis hin zum Flugzeug, mit dem Hitler seine spektakulären Deutschlandflüge durchführte, schien der »Führer« allgegenwärtig wie kein anderer Parteiführer seiner Zeit. Die Entwicklung zur Massenpartei schließlich brachte den Führermythos zur vollen Wirkung. Das Verhältnis Hitlers zu seiner Gefolgschaft lässt sich als charismatisches Führertum beschreiben, als ein Unterordnungsverhältnis, das weder auf fachlicher Qualifikation noch auf Herkunft und Stand beruht, sondern auf persönlichen, nicht alltäglichen Eigenschaften. Das waren im Falle Hitlers die Irrationalität, die klug geplante und einstudierte Emotionalisierung der Massen und die rauschhafte Identifikation mit dem Führer und der von ihm verkörperten Idee. Dieses Führertum war einzig auf die Person, nicht auf das Amt des Parteivorsitzenden gegründet. Daraus ergab sich eine Führungsstruktur, die den Grundsätzen rationaler Verwaltung und Organisation vielfach widersprach. So leiteten die regionalen Parteiführer, die Gauleiter, ihre Macht und Kompetenz aus ihrer persönlichen Unterordnung unter den Führer und ihrer eigenen Expansions- und Durchsetzungsfähigkeit als einer Art Bandenführer, nicht aber aus ihrer Amtsführung selbst ab. Diese personale Gefolgschaft erlaubte es den »Alten Kämpfern«, alle Versuche der Parteileitung in München, die Parteiorganisation zu straffen, zu unterlaufen. Denn zwischen seinen Unterführern und Hitler gab es keine mächtige Parteizentrale. Auch die Amts- oder später die Reichsleiter, denen Hitler Teile seiner zentralen Führungsaufgaben delegiert hatte, waren ihm persönlich verpflichtet. Zwischen ihnen gab es an der zentralen Parteispitze weder eine institutionelle noch räumliche Koordination, die Verbindung zwischen ihnen wurde nur durch die jeweilige persönliche Verbindung zu Hitler hergestellt. Auch konnten sich diese Reichsleiter nur durchsetzen, wenn sie wie etwa Goebbels neben dem Parteiamt als Reichspropagandaleiter auch eine Parteigruppierung wie den Gau Berlin als Hausmacht hinter sich hatten. All das verdeutlicht die Herkunft der Partei als Kampfbund und ihren innerhalb der übrigen Parteienlandschaft unverkennbaren bündischen Charakter. Trotz ihrer gewaltigen Expansion im Jahre 1932 war die NSDAP keine einheitliche, regelhafte und hierarchisch geordnete Großorganisation, sondern ein Geflecht von personenorientierten regionalen und partikularen Machtgruppen und Kleinorganisationen. NS-ErntedankritualFührerkult und Massenaufmärsche – NS-Erntedankritual auf dem Bückeberg. Die Reichsparteitage und Erntedankfeste demonstrierten besonders eindringlich die Technik, mit Massenritualen die Bevölkerung zu faszinieren. Parteiorganisationen und Sonderprogramme
Verstärkt wurden die zentrifugalen, die auseinanderstrebenden Tendenzen innerhalb der Partei durch die mit der Expansion der NSDAP wachsende Zahl von Sonderorganisationen. Sie sollten die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Berufe ansprechen und an die Partei binden. Neben die bereits seit 1926 bestehende »Hitler-Jugend«, die als einzige Parteiorganisation den Namen Hitlers trug und die Durchsetzung des Führermythos beweist, traten der »Nationalsozialistische Lehrerbund«, der »Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen«, der »Kampfbund für deutsche Kultur«, der »Nationalsozialistische Deutsche Ärztebund«, der »Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand«, um nur einige zu nennen. Schließlich wurde auch von der widerstrebenden Parteiführung die Gründung einer nationalsozialistischen Arbeitnehmerorganisation zugelassen, der »Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation« (NSBO), die trotz ihrer antimarxistischen Grundausrichtung angesichts der sich verschärfenden »Weltwirtschaftskrise« zunehmend in ein antikapitalistisches und sozialistisches Fahrwasser geriet. Einen anderen Weg schlug man im Falle der Bauern ein, wo man sich größere Mobilisierungschancen ausrechnen konnte. Hier verzichtete man auf eine eigene Organisation, sondern suchte die bestehenden Verbände zu unterwandern. Gesteuert wurde diese erfolgreiche Aktion von W. Darre und seinem »Agrarpolitischen Apparat«. Unterstützt wurden Propaganda und Agitation dieser Sonderorganisationen durch »Sonderprogramme«, die auf die Bedürfnisse und Hoffnungen der einzelnen gesellschaftlichen Gruppen ausgerichtet waren. Militarisierung und Uniformierung
Kennzeichnend für die NSDAP wie für andere faschistische Bewegungen war darüber hinaus die Verbindung von Agitationspartei und paramilitärischer Kampforganisation in Gestalt der »Sturmabteilung«, der SA. Sie vermittelte den Frontgeist ins Politische und verstand sich durch den Einsatz von Gewalt oder der Drohung damit als Kampftruppe für den Bürgerkrieg, auch wenn sie von Hitler zunehmend zum Propagandainstrument im politischen Kampf »ohne Waffen« diszipliniert wurde. Die ihr zugedachte Funktion, nämlich dem Machtwillen der NSDAP sinnfälligen Ausdruck zu verleihen, geriet immer wieder in Widerstreit zu dem permanenten Revoluzzertum der SA, das sich aus der Freikorpszeit herleitete und im Männerbundcharakter der unteren SA-Einheiten noch ungebrochen war. Die ständigen Rivalitäten zwischen Wehrverband und politischer Bewegung und die Unzuverlässigkeit der SA, die sich nur schwer dem »Legalitätskurs« und der konservativen Stilisierung Hitlers seit 1929 unterordnen ließ, waren Grund für den Ausbau der einstigen »Schutzstaffel« zur SS. Ihr 1929 ernannter Reichsführer SS Heinrich Himmler verstand es, seine Organisation schließlich von einem polizeiähnlichen parteiinternen Ordnungsdienst zu einer Partei-Elite auszubauen. Voraussetzung dafür war sowohl das nachrichtendienstliche Monopol in der Partei, das sich Himmler mit Heydrichs »Sicherheitsdienst« (SD) sicherte, wie die enge Verbindung der SS zur Ideologie und Person Hitlers. Neben dem Einsatz und der Verherrlichung von Gewalt, die in der Parteiarmee ihren institutionellen Ausdruck fand, bestimmten die Militarisierung und Ästhetisierung des Politischen durch Symbole und Rituale den politischen Stil des Nationalsozialismus ähnlich wie den des italienischen Faschismus. Eine eigene Parteiuniform, das Braunhemd, Fahnen, eine militärische Partei-Rhetorik, Marschkolonnen, Standartenweihen, Blutfahnen, Totenfeiern und ein Märtyrerkult prägten das Erscheinungsbild der NSDAP. Das Parteihemd war Protest gegen bürgerliche Kleidung und gegen das Grau des Alltags und der Normalität. Es knüpfte zugleich an die militärische Organisations- und Erlebniswelt an, die für die Anhänger durch eigenes Erleben wie durch Erziehung normative Bedeutung hatte. Die Uniform signalisierte die Suche nach Gemeinschaft und Disziplin anstelle von Individualismus und Freiheit, und sie versprach eine neue Form der Gleichheit, die sich von der sozialistischen unterschied. Vom bekämpften marxistischen Gegner übernahm man andere Stilelemente: die sozialistische Anrede Partei-»Genosse«, das Rot der Fahnen, das man mit dem traditionellen deutsch-nationalen Schwarz-Weiß-Rot zu verbinden wusste. Man unterlegte sozialistische Lieder mit nationalsozialistischen Texten und ahmte kommunistische Organisationsmuster wie die Straßen- und Betriebszellen nach. Aufmärsche, Massentreffen, Fahnenappelle und Totenfeiern bestimmten das romantisch-irrationale Grundmuster faschistischer Liturgie. Sie appellierten an die Gefühle, an den Hang zum Abenteuer, zur Gewalt und zur Aktion. Der permanente Einsatz in politischen Aktionen, Appellen und in endlosen Marschkolonnen, die Uniformierung und die Einbeziehung in Scheinverantwortlichkeiten befriedigten den verbreiteten Wunsch nach heroischer Tat des romantischen Individuums wie nach Unterwerfung unter die kollektive Ordnung der Gruppen. Das pseudo-religiöse politische Ritual, von Hitler und Goebbels nüchtern geplant, sollte die Erfüllung vorwegnehmen, die Hitler in seinen Reden und Schriften für die nationalsozialistische Zeit der Erneuerung und Erlösung versprach. NSDAPOrganisation der NSDAP und ihre Verbände. Soziales Profil der Mitglieder und Wähler
Aus welchem sozialen Milieu stammten nun die Anhänger Hitlers? Als nationale Sammlungsbewegung und Anti-Bewegung wandte sich die NSDAP an alle Schichten des Volkes. Es gelang ihr tatsächlich eindeutiger als allen anderen zeitgenössischen Parteien zu einer alle Berufsgruppen und Sozialmilieus umfassenden Volkspartei zu werden. Doch veränderte sich der Anteil der einzelnen Berufs- und Sozialgruppen im Laufe der Parteigeschichte, und darüber hinaus waren einige Schichten gemessen an ihrem Gesamtbevölkerungsanteil durchaus ungleichgewichtig vertreten. Besonders in ihrer Entstehungs- und Aufstiegsphase war die NSDAP eine Partei der unteren Mittelschichten, die gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen überrepräsentiert waren. Unterrepräsentiert waren in dieser Zeit jedoch sowohl die Arbeiterschaft als die oberen Mittelschichten, d. h. leitende Angestellte, Beamte, Unternehmer und akademisch gebildete Freiberufler. Nach 1932 vergrößerte sich der Anteil der oberen Mittelschichten, während der Anteil der Arbeiter den Stand von 1923 hielt. Verstärkt hatte sich in dieser Zeit auch der Anteil bäuerlicher Schichten. Ist es also insgesamt richtig, die NSDAP überwiegend als eine Partei des alten Mittelstandes (Handwerk und Kleinhandel) und des neuen Mittelstandes (Angestellte) anzusprechen, so bleibt der Anteil der Arbeiter bei Mitgliedern wie bei Wählern mit etwa 25 Prozent beachtlich und relativiert die These, die Arbeiterschaft sei besonders resistent gegen den Nationalsozialismus gewesen. Freilich waren die Arbeiter, die zur NSDAP gehörten oder sie wählten, in gewisser Weise »atypisch« gemessen am Bild des klassischen Proletariers. Sie waren meist im öffentlichen Dienst oder in handwerklich organisierten Kleinbetrieben tätig und waren entweder nicht gewerkschaftlich organisiert oder suchten sich gerade von dieser Klassenorganisation abzusetzen. Auch bei der Wählerschaft waren Angehörige des alten und neuen Mittelstandes überrepräsentiert. Sehr groß war hier das Gewicht der bäuerlichen Schichten. War die NSDAP anfangs eher eine Partei städtischer Wähler, so verlagerte sich das Gewicht seit 1929 auf die ländliche Bevölkerung. Die Wahlchancen der NSDAP wurden um so größer, je kleiner die Gemeinde wurde. Doch die Berufsstruktur sagt noch nicht alles über das Profil der neuen Massenbewegung. So war die NSDAP ähnlich wie andere Faschismen vor allem eine extrem jugendliche Partei, und zwar sowohl in ihrer Führung wie bei ihren Mitgliedern. Auch in regionaler und konfessioneller Hinsicht gibt es wichtige Unterschiede. So unterstützten mehr Protestanten als Katholiken, mehr Norddeutsche als Süddeutsche, mehr Kleinstädter als Großstädter die Protestbewegung. Wie schwierig es aber war, solche Protesthaltungen in dauerhafte politische Bindungen umzuformen, zeigen die Wahlergebnisse des Jahres 1932, bei denen die NSDAP im Laufe des Dauerwahlkampfes dieses Krisenjahres von 37,4 Prozent im Juli auf 33,1 Prozent im November sank. Diese Ergebnisse bedeuten außerdem, dass die NSDAP nicht nur im Augenblick eines beträchtlichen Stimmenrückgangs an die Macht kam, sondern dass sie nie über die Mehrheit der Wählerstimmen verfügte; also nicht aus eigener Kraft an die Macht kommen konnte, sondern nur im Bündnis mit der politischen Rechten und gestützt von den traditionellen Machtgruppen aus Großgrundbesitz, Armee, Bürokratie und Teilen der Schwerindustrie. Denn sie meinten angesichts der schweren Wirtschafts- und Staatskrise und der Scheinalternative Kommunismus oder Nationalsozialismus den letzteren aufgrund seiner nationalistisch-autoritären Elemente für das eigene Konzept einer staatlichen Restauration im autoritären Sinne einsetzen und den »Trommler« zähmen zu können. Dass Hitler aber kein neuer Bismarck war, sollte sich bald erweisen.

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Info 21.02.2018 18:19
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