Die Juden im Dritten Reich

Der Begriff Antisemitismus (Abneigung, Hass gegen Juden) geht auf Wilhelm Marr (1879) zurück. Das Phänomen ist jedoch Jahrhunderte alt und führte schon seit der Zeit der Kreuzzüge im Mittelalter aufgrund von Verleumdungen (Brunnenvergiftung und Ritualmord) immer wieder zu Judenverfolgungen. Luthers Reformation brachte keine nennenswerte Tendenzwende. Der Antisemitismus wandelte nur sein Gesicht; nach der christlichen Tarnung entstand eine nationalistische Färbung (vgl. Hep-Hep-Unruhen 1819 in Würzburg). Christlichnationalistisch zeigte er sich beim Hofprediger Adolf Stöcker (1878/79), auch beim Historiker Heinrich von Treitschke (1881), bei Eugen Dühring und H. St. Chamberlain. Den Akzent auf den Kampf gegen die jüdische »Rasse« aber legte erst Adolf Hitler in seinen Reden sowie in seinem Hauptwerk »Mein Kampf« (1925). Das Parteiprogramm der NSDAP vom 24. Februar 1920 hatte weitgehend den Ausschluss der Juden aus dem deutschen Wirtschafts- und Kulturleben vorgesehen. Antijüdische Äußerungen beherrschten die Parteipresse; an der Spitze standen der Münchner »Völkische Beobachter«, Goebbels’ »Angriff«, Julius Streichers »Stürmer«. Als die NSDAP bei der Reichstagswahl am 6. September 1932 107 von 577 Sitzen im Reichstag eroberte, kam es zu Ausschreitungen auf dem Berliner Kurfürstendamm. Blut- und RassenschandeHetze und Verhöhnung menschlicher Würde. Sexualbeziehungen zwischen jüdischen und »arischen« Deutschen wurden als »Blut- und Rassenschande« diffamiert und, wie hier durch SA-Leute, öffentlich verhöhnt. Antijüdische Maßnahmen im Deutschen Reich 1933-1945: Hetze, Diffamierung, Gesetze, Inhaftierungen
Vier Phasen kennzeichnen die Verfolgung der Juden im »Dritten Reich«. Es waren die Zeiträume:
1. Von der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933 bis zu den »Nürnberger Gesetzen« 1935;
2. Von 1935 bis zu den Pogromen des November 1938;
3. Von den Pogromen bis zum Kriegsausbruch 1939;
4. Deportationen und Ausrottung im Zweiten Weltkrieg.
Das »Ermächtigungsgesetz« vom 24. März 1933 gab Hitler einen Blankoscheck für gezielte antijüdische Maßnahmen. Meldungen der Auslandspresse über Ausschreitungen gegen Juden wurden als Gräuelpropaganda abgetan, obwohl sie zumeist völlig der Wahrheit entsprachen. Sie führten zum »Judenboykott« am Samstag, dem 1. April 1933; betroffen waren vor allem jüdische Geschäfte, Arztpraxen, Anwaltsbüros. Einschneidender waren die Auswirkungen des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« vom 7. April 1933, das sich gegen politisch linksstehende und gegen jüdische Beamte richtete, wobei aufgrund des Eingreifens von Reichspräsident von Hindenburg zunächst Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs verschont blieben. Zu gleicher Zeit wurden jüdische Redakteure, Lehrer und Künstler diskriminiert. Juden war es verwehrt, in Presse, Film, Funk, Theater mitzuarbeiten; sie mussten ihre Tätigkeit auf einen im Juli 1933 gegründeten »Jüdischen Kulturbund« beschränken, der jedoch 1938 seine Tätigkeit einstellen musste. Die antijüdische Hetze intensivierte sich 1935 z. B. durch das Anbringen von Schildern »Juden unerwünscht« an Ortseingängen und Geschäften und durch eine Steigerung der Hetze im »Stürmer«, der in Nürnberg von Gauleiter Julius Streicher persönlich herausgegebenen Wochenzeitschrift. Schon früh war eine »Ritualmord«-Sondernummer erschienen, gegen die von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland eindrucksvoll protestiert wurde: »Vor Gott und den Menschen erheben wir gegen diese beispiellose Schändung unseres Glaubens in feierlicher Verwahrung unsere Stimme« (3. Mai 1934). Höhepunkt dieser Phase waren aber die Gesetze, die vom Reichstag beim »Parteitag der Freiheit« am 15. September 1935 beschlossen wurden (»Nürnberger Gesetze«): Das »Reichsbürgergesetz« und das »Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre« regelten Beziehungen zwischen »Deutschen« und »Juden«; Eheschließungen wie außerehelicher Verkehr wurden verboten, Juden wurde das Hissen der Reichs- und Nationalflagge und das Zeigen der Reichsfarben untersagt, das Zeigen jüdischer Farben hingegen war gestattet. Juden waren keine Reichsbürger mehr. Das Jahr 1938 brachte noch mehr gravierende Maßnahmen: Erhebungen über Vermögenswerte in jüdischer Hand, Einführung von »jüdischen Vornamen« (Israel und Sara) und im November Umwälzungen, die jedwede Illusion weiteren Zusammenlebens zerstörten. Die Tötung eines Angestellten der Pariser Deutschen Botschaft (Ernst vom Rath) durch einen verzweifelten jungen Juden polnischer Herkunft (Herschel Grünspan) führte in den zynischerweise als »Reichskristallnacht« bezeichneten Pogromen vom 8. auf den 9. November 1938 zu langen Inhaftierungen von Zehntausenden jüdischer Männer in Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald, zur Vernichtung von Hunderten von Synagogen, zur Zerstörung jüdischer Geschäfte und obendrein zur Verhängung einer Buße über die Juden in Höhe von 1 Milliarde Reichsmark, einer damals wie heute gewaltigen Summe. Jetzt wussten die Juden im Deutschen Reich (in das im März auch Österreich einverleibt worden war), dass nur Auswanderung, sei es nach Großbritannien, Amerika, Palästina oder Schanghai, ihre Existenz retten konnte. Von diesen November-Pogromen an, bei der eine große Zahl von Juden getötet und die übergroße Mehrzahl jüdischer Gotteshäuser vernichtet wurde, steigerte sich die Zahl antijüdischer Maßnahmen. In vielen Städten mussten die Juden in eigenen Wohnbezirken leben, und ab September 1941 wurden sie gezwungen, den »Judenstern« zu tragen. 1943 wurde listenmäßig erfasst, was Juden verboten, verweigert, vorgeschrieben war. Vieles war reine Schikane, alles aber diente der Erniedrigung, der Demütigung und der Festigung des Gefühls, dass Deutsche einer höheren Rasse angehörten, Nichtarier aber »Untermenschen« seien. Verboten war z. B. der Ankauf von Büchern, Besuch von Ausstellungen, Theatern und Kinos, Benutzung von Kraftwagen, öffentlichen Fernsprechern, Betreten von Gaststätten, Benutzung von Sitzplätzen in öffentlichen Verkehrsmitteln (soweit von Nichtjuden benötigt), von Parkbänken, die nicht gelb gestrichen waren, Betreten von Bahnhöfen, Wartesälen und Bahnanlagen sowie von Wäldern, Halten von Haustieren, Inanspruchnahme von Ärzten (außer jüdischen Krankenbehandlern), Mitgliedschaft in Privatversicherungen, Schulbesuch, Verlassen der Wohngemeinden (außer mit besonderer Genehmigung), Verlassen der Wohnungen nachts, Zeitungsverkauf und -bezug u.a.; verweigert wurden Eier-, Fisch-, Fleisch-, Milchkarten, alle erdenklichen Vergünstigungen, die sonst jedem Bürger zustanden; vorgeschrieben waren Ablieferung elektrischer und optischer Geräte von Gebrauchs- und Wertgegenständen, aber auch besondere Einkaufszeiten, getrennte Luftschutzräume … Unterdrückung jüdischer Mitbürger
Verboten war den Juden:
Ankauf von Büchern
Ausstellungsbesuch
Benutzung von Kraftdroschken (nur mit schriftlicher Genehmigung)
Benutzung von Kraftwagen
Benutzung von Leihbüchereien
Benutzung öffentlicher Badeanstalten
Benutzung öffentlicher Fernsprecher
Benutzung von Fahrkartenautomaten
Benutzung von Parkbänken, die nicht gelb gestrichen waren
Benutzung von Straßenbahnen Omnibussen nur mit besonderer Fahrerlaubnis
Benutzung von Sitzplätzen in öffentlichen Verkehrsmitteln (falls von Nichtjuden benötigt)
Berufsausübung in freien und den meisten anderen Berufen
Beschäftigung nichtjüdischer Hausangestellter
Besitz von Waffen
Bestellung von Sachverständigen
Besuch von Gaststätten und Cafés
Betreten bestimmter Straßen in Berlin und München
Betreten von Bahnhöfen, Wartesälen und Bahnanlagen
Betreten von Wäldern
Bezug von Fleisch, Fisch und vielen anderen Lebensmitteln
Eheschließung und außerehelicher Geschlechtsverkehr mit Deutschblütigen
Einfuhr rituell geschlachteten Fleisches
Einquartierungen
Einreichung von Anträgen und Eingaben an Behörden (außer wenn Zulässigkeit durch Kultusvereinigung bzw. Reichsvereinigung geprüft)
Einzelbeschäftigung von Arbeitern
Empfang von Gratifikationen und Ruhegehältern
Empfang von Kontrollkarten für Auslandsbriefverkehr
Führung von Künstlernamen
Gebrauch des Deutschen Grußes
Halten von Brieftauben
Halten von Haustieren
Inanspruchnahme von Ärzten usw. (außer jüd. Krankenbehandler)
Inanspruchnahme von Friseuren
Mitgliedschaft in Privatversicherungen
Schulbesuch Verweigert wurden den Juden:
Eierkarten
Fahrpreisermäßigung für Kurzstrecken, Monats- und andere verbilligte Fahrkarten
Fernsprecher
Fischkarten
Fischkonserven
Fleischkarten
Führerscheine
Jagdscheine
Kinderermäßigung bei Lohnsteuer und Einkommensteuer
Kleiderkarten
Kriegsschädenersatz und Erstattung von Luftschutzkosten
Kurzarbeiterunterstützung
Lohn bei unverschuldeter Arbeitsverhinderung
Lohnzuschlag bei Überstunden, Sonn- und Feiertagen
Mangelwaren
Mieterschutz
Milchkarten
Obstkonserven
Personenschadenersatz
Rasierseife
Raucherkarten
Süßigkeiten
Zehrgeld für doppelten Haushalt
Speise-, Schlaf- und Aussichtswagen sowie 1. und 2. Klasse der
Reichsbahn
Steuer- und Gebührenfreiheit für die jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen
Theater- und Kinobesuch
Tragen von Abzeichen aller Art
Tragen von Orden und Ehrenzeichen
Unterbringung von Geisteskranken in nichtjüdischen Anstalten
Verlassen der Wohngemeinden (außer mit besonderer Genehmigung)
Verlassen der Wohnungen nachts
Verfügung über bewegliches Eigentum und sonstiges Vermögen
Verkehr mit Ausländern
Zeitungsverkauf und -bezug Vorgeschrieben war den Juden:
Ablieferung elektrischer Geräte
Ablieferung optischer Geräte
Ablieferung von Edelmetallen und Wertgegenständen
Ablieferung von Fahrrädern
Ablieferung von Pelzen
Ablieferung von Rundfunkgeräten
Ablieferung von Schreibmaschinen
Ablieferung von Teppichen
Ablieferung von Wollsachen und Spinnstoffen
»Absonderung« von nichtjüdischen Arbeitnehmern
Ausmietung und Unterbringung in »Judenhäusern« und »Judensiedlungen« (dabei Trennung vom nichtjüdischen Ehepartner)
Benutzung sog. jüdischer Vornamen
Benutzung von Judenkennkarten
Beschränkte Arbeitslosenhilfe
Besondere Einkaufszeiten
Eintägige Kündigung
Getrennte Luftschutzräume
Kennzeichnung der Kleidung und Wohnung mit Judenstern
Untertarifmäßige Arbeitsentlohnung Waren die Verbote und Vorschriften allein schon unmenschlich genug, so zeigten sich nur zu bald ihre Sekundärfolgen: Denunziationen und Bespitzelungen waren an der Tagesordnung, selbst alte Bekannte und Nachbarn lieferten Juden – oftmals aus Angst, aber ebenso aus Missgunst und Verblendung der Verhaftung und damit meist der Ermordung aus. Text der Zeit
»Reichskristallnacht«

Anweisung
Berlin Nr. 234404 9. 11. 2355
An alle Stapo-Stellen und Stapo-Leitstellen – An Leiter oder Stellvertreter
Dieses FS ist sofort auf dem schnellsten Wege vorzulegen.
1. Es werden in kürzester Frist in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden, insbesondere gegen deren Synagogen, stattfinden. Sie sind nicht zu stören. Jedoch ist im Benehmen mit der Ordnungspolizei sicherzustellen, dass Plünderungen und sonstige besondere Ausschreitungen unterbunden werden können.
2. Sofern sich in Synagogen wichtiges Archivmaterial befindet, ist dieses durch eine sofortige Maßnahme sicherzustellen.
3. Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20000-30000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden. Nähere Anordnungen ergehen noch im Laufe dieser Nacht.
4. Sollten bei den kommenden Aktionen Juden im Besitz von Waffen angetroffen werden, so sind die schärfsten Maßnahmen durchzuführen. Zu den Gesamtaktionen können herangezogen werden Verfügungstruppen der SS sowie Allgemeine SS. Durch entsprechende Maßnahmen ist die Führung der Aktionen durch die Stapo auf jeden Fall sicherzustellen.
Gestapo II Müller
Dieses FS ist geheim Vollzugsmeldung
SS-Sturm 10/25
Betrifft: Aktion gegen die Juden – Geldern, den 14. November 1938
Die Aktion innerhalb des Kreises Geldern sowie in Xanten wurde ausschließlich von Angehörigen des SS-Sturmes 10/25 durchgeführt. Die Anordnungen ergingen am 10. 11. 1938 gegen 9.30 Uhr fernmündlich vom Sturmbann 111/25.
Die erste Maßnahme war die Inbrandsetzung der Synagoge in Geldern gegen 4 Uhr morgens. Bis 9 Uhr vormittags war diese bis auf die Umfassungsmauern niedergebrannt. Sichergestellt wurden einige Bibeln in hebräischer Schrift. Zur selben Zeit wurde die Inneneinrichtung der Synagoge in Xanten [...] zerstört. An jüdischen Geschäften waren innerhalb des Sturmgebietes zwei vorhanden, deren Einrichtung und kleiner Warenbestand ebenfalls vollkommen zerstört wurden.
Bei den restlichen Juden, ehemalige Viehjuden und jetzt Privatleute, wurde die Wohnungseinrichtung total demoliert und unbrauchbar gemacht, nachdem die Schaufenster und Fensterscheiben vorher eingeschlagen waren [...] Bis gegen 11 Uhr wurden sämtliche männlichen Juden von 15 bis 70 Jahren durch die Polizei inhaftiert und in die örtlichen Arrestlokale vorläufig untergebracht [...] Die Bevölkerung verhielt sich den Demonstrationen gegenüber passiv [...] Da größere Geschäfte nicht vorhanden waren, ist es zu Plünderungen nicht gekommen [...]
Der Führer des SS-Sturmes 10/25
NS-SchergenAbklassifizierung für die Vernichtung. Kennzeichnung der KZ-Häftlinge nach den Normen der NS-Schergen. (Aus: »Kult- und Terrorstätte Wewelsburg«, Paderborn). Der Elendsweg der jüdischen Einwohner des Deutschen Reiches
1950 angestellte Ermittlungen ergeben folgendes Bild des Schicksals der Juden in Deutschland: Juni 1933 (ohne Österreich) 502799 jüdische Einwohner; 1939 (mit Österreich) 213930 jüdische Einwohner. Auswanderung
1933-1937: 129000
1938-1939: 118000 (mit Österreich)
1940: 15000
1941: 8000
1943: 500 Deportationen
1940: 10000
1941: 25000
1942: 73000
1943: 25000
1944: 1000 Diese Zahlen, zu denen noch ein natürlicher Sterbeüberschuss von 72000 kommt, wobei sich viele befanden, die den Freitod der Deportation vorzogen, bedürfen der Erläuterung: Allein 1933 emigrierten 38000 Juden! Die Judenverfolgung beschränkte sich nicht auf Menschen jüdischen Glaubens; die Zahl 502799 des Jahres 1933 wurde bei der Volkszählung im Juni ermittelt; sicher waren seit Januar Tausende dieser »Glaubensjuden« ausgewandert, sodass man für den 1. Januar 1933 wohl eine Zahl von 530000 »Glaubensjuden« ansetzen kann. Faktisch wurden aber auch zusätzlich »Nicht-Glaubensjuden«, d. h. rassische »Voll- oder Dreiviertel-Juden« verfolgt und deportiert. Über ihre Zahl liegen keine verlässlichen Schätzungen vor, doch dürfte sie Hunderttausende betragen haben. Göring schuf 1939 eine »Auswanderungszentrale«, an deren Spitze der Chef der Sicherheitspolizei, Reinhard Heydrich, stand. Am 24. September 1939 wurde daraus das Judenreferat IV B 4 im »Reichssicherheitshauptamt«, das später mit der Durchführung der »Endlösung« betraut war (Brief Görings vom 31. Juli 1941). Am 14. Oktober 1941 begannen die Deportationen aus dem Reich in die Vernichtungslager Osteuropas, und im gleichen Monat wurde Juden die Auswanderung verboten. Die »Wannseekonferenz« am 20. Januar 1942 plante die Einzelheiten der »Endlösung«. Ihrem Protokoll ist zu entnehmen: »Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten. Diese Aktionen sind jedoch lediglich als Ausweichmöglichkeit anzusprechen, doch werden hier bereits jene praktischen Erfahrungen gesammelt, die im Hinblick auf die kommende Endlösung der Judenfrage von wichtiger Bedeutung sind. Im Zuge dieser Endlösung der europäischen Judenfrage kommen rund 11 Millionen Juden in Betracht, die sich wie folgt auf die einzelnen Länder verteilen. [...] Unter entsprechender Anleitung sollen im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete eingeführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche [!] Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesen zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt [!] werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist. [...] Im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa von Westen nach Osten durchgekämmt. [...]« Wannsee-Konferenz
Auf dem Höhepunkt seiner Machtentfaltung in den Jahren 1941/1942, als das deutsche Heer große Teile der Sowjetunion überrannt hatte, hielt die NS-Führung die Zeit für gekommen, die »Judenfrage« ein für alle Mal und radikal zu lösen, was die Vernichtung mehrerer Millionen Juden bedeutete.
In einer bereits mehrmals verschobenen Geheimkonferenz in einer Wannsee-Villa umriss der Chef des Reichssicherheitshauptamtes und Chef der Sicherheitspolizei und des SD, Reinhard Heydrich, am 20. Januar 1942 vor Vertretern des Innenministeriums, des Justizministeriums (Freisler), des Auswärtigen Amtes, des Beauftragten für den Vierjahresplan, den Beauftragen der Reichskanzlei und der NSDAP, der SS und der Gestapo (Müller), des Reichsministers der besetzten Gebiete sowie des Generalgouvernements und dem Protokollführer Eichmann Hitlers und Görings Pläne und seine eigenen Vorstellungen. Grundgedanke war, alle Juden Europas von Frankreich bis Russland zu erfassen, die Staaten systematisch von ihnen zu »säubern« und sie in Gettos und Lager Polens zu deportieren, sie einerseits durch »entsprechende Behandlung« und in »Arbeitseinsätzen« auf »natürliche Weise« zu dezimieren, sie andererseits gezielt der Vernichtung durch Gaswagen, Erschießungskommandos und in Gaskammern zuzuführen. Die »Wannsee-Konferenz« dehnte die »Endlösung« auf alle Länder in Hitlers Machtbereich aus und systematisierte dieses größte Menschheitsverbrechen. Beinahe ganz Europa war in die gigantische Maschinerie der Denunziationen, Durchsuchungen, Deportationen einbezogen. In Polen wurden große »Vernichtungslager« errichtet. Eingespannt in das Netz waren Hunderttausende von Polizisten, SS-Leuten, Beamten, eine umfangreiche Organisation der Reichsbahn, die die Massentransporte zu bewältigen hatte, große Teile der Industrie und teilweise auch des Militärs. Maler Felix NussbaumGejagt, diffamiert, abgestempelt, ausgestoßen. Eines der erschütterndsten Selbstporträts unserer Zeit, das die ganze Not der Verfolgten im NS-Machtbereich widerspiegelt, gemalt von einem Betroffenen, dem jüdischen Maler Felix Nussbaum. Aus Osnabrück nach Belgien geflohen, wird er nach 5 Jahren in Verstecken verhaftet und nach Frankreich abgeschoben. Aus dem Internierungslager kann er unter schwersten Gefahren nach Brüssel fliehen. Vier Jahre gelingt es ihm, sich vor der Gestapo zu verstecken. Im Frühjahr 1944 wird auch er in seinem Versteck aufgespürt, im Juli nach Mechelen in ein Sammellager verschleppt, im August nach Auschwitz deportiert und ermordet. Schicksal so vieler Juden, Intellektueller, Andersdenkender. Deportation und Massenmord
Wie total die Vernichtung jüdischen Gemeinschaftslebens war, kann am Beispiel des bayerischen Regierungsbezirks Unterfranken belegt werden. Dort existierten vor 1933 insgesamt 128 jüdische Gemeinden. Die größte dieser »israelitischen Kultusgemeinden« war Würzburg mit 2800 Mitgliedern. Heute besteht in keinem der 128 Orte noch eine Kultusgemeinde außer in Würzburg (mit nur noch 174 Mitgliedern). Die ersten Konzentrationslager entstanden in Deutschland und der »Ostmark« (wie Österreich nach dem »Anschluss« hieß). Sie wurden zur Inhaftierung politischer Gegner, aber auch von Juden, Zigeunern, Homosexuellen benutzt, zuweilen kamen auch Berufsverbrecher hinzu. Die wichtigsten KZ befanden sich in Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau, Flossenbürg, Mauthausen, Neuengamme, Oranienburg. Ausgesprochene Vernichtungslager waren die Anlagen von Auschwitz mit Birkenau, Belzec, Chelmno, Sobibor, Treblinka. Nach den Aussagen des Lagerkommandanten von Auschwitz, Höß, wurden dort allein über eine Million Juden ermordet, zumeist vergast. Erhebungen verschiedener Untersuchungskommissionen haben die Zahl von sechs Millionen Juden, die dem NS-Regime zum Opfer fielen, erhärtet. Unter diesen Millionen waren Zehntausende schwangerer Frauen, deren Kinder im Mutterleib starben. ZuchthäuslerAbgeschlachtet wie Tiere. Von den deutschen Truppen freigelassene Zuchthäusler im Dienst der »Endlösung« des NS-Rassenwahns: Blutbad unter den jüdischen Bewohnern von Kowno/Litauen. Die Deportationen aus den eroberten Gebieten setzten schlagartig ein. Die Rettung durch Auswanderung, die bis Kriegsbeginn immerhin 247000 Juden aus den »Altreich« und Österreich gelang, war den meisten Juden Polens verwehrt. Einigen gelang die Flucht in die Sowjetunion. Nur in wenigen Ländern konnten die Vernichtungsmaßnahmen der Nationalsozialisten eingedämmt werden. Allein in Dänemark gelang es, die dort lebenden 6500 Juden zu retten. Sie entkamen im Oktober 1943 mithilfe der Untergrundbewegung unter den Augen der deutschen Besatzungsmacht nach Schweden, wobei hervorzuheben ist, dass König Christian X. von Anfang an seine Solidarität mit den Juden ostentativ bewiesen hat. In Ungarn konnte die totale Vernichtung vor allem durch die Intervention des schwedischen Humanisten Raoul Wallenberg verhindert werden, der seit Januar 1945 verschollen und möglicherweise noch in der UdSSR inhaftiert ist. Erwähnt werden muss schließlich noch Theresienstadt, eine Festung unweit Prag, wohin seit 1942 besonders prominente Juden und Halbjuden, mit Nichtjuden Verheiratete, Veteranen und Pensionäre gebracht wurden. Man führte es als »Musterlager« mit jüdischer Selbstverwaltung, eigenem Geld, Orchester u. ä. ausländischen Delegationen vor. Aus dem überfüllten Lager wurden ab Januar 1943 an die 33000 Menschen in Vernichtungslager überwiesen. Von den 87000 Insassen starben 37000 an Hunger oder Krankheit. Grauen des HolocaustDas Grauen des Holocaust. Frauen und Kinder – Juden, missliebige Polen, Bauernfamilien enteigneter Höfe – wehrlose Opfer der SS-Einsatztruppen in Polen. Text der Zeit
Massenvergasungen von Juden 1942
(Bericht Kurt Gersteins)
Am Morgen um kurz vor sieben Uhr kündigt man mir an: In zehn Minuten kommt der erste Transport! Tatsächlich kam nach einigen Minuten der erste Zug von Lemberg aus an. 45 Waggons mit 6700 Menschen, von denen 1450 schon tot waren bei ihrer Ankunft. Hinter den vergitterten Luken schauten, entsetzlich bleich und ängstlich, Kinder durch, die Augen voll Todesangst, ferner Männer und Frauen. Der Zug fährt ein: 200 Ukrainer reißen die Türen auf und peitschen die Leute mit ihren Lederpeitschen aus den Waggons heraus. Ein großer Lautsprecher gibt die weiteren Anweisungen: Sich ganz ausziehen, auch Prothesen, Brillen usw. Die Wertsachen am Schalter abgeben, ohne Bons oder Quittung. Die Schuhe sorgfältig zusammenbinden (wegen der Spinnstoffsammlung), denn in dem Haufen von reichlich 25 Meter Höhe hätte sonst niemand die zugehörigen Schuhe wieder zusammenfinden können. Dann die Frauen und Mädchen zum Friseur, der mit zwei, drei Scherenschlägen die ganzen Haare abschneidet und sie in Kartoffelsäcken verschwinden lässt. [...] AuschwitzAuschwitz. Das Ziel so vieler Züge mit Menschen für die Todeskammern der Vernichtungsfabrik: Selektion auf der Rampe des KZ-eigenen Bahnhofs. Mehr als 1,5 Millionen Menschen starben allein in diesem Vernichtungslager. Dann setzt sich der Zug in Bewegung. Voran ein bildhübsches junges Mädchen, so gehen sie die Allee entlang, alle nackt, Männer, Frauen, Kinder, ohne Prothesen. Ich selbst stehe mit dem Hauptmann Wirth oben auf der Rampe zwischen den Kammern. Mütter mit ihren Säuglingen an der Brust, sie kommen herauf zögern, treten ein in die Todeskammern! – An der Ecke steht ein starker SS-Mann, der mit pastoraler Stimme zu den Armen sagt: Es passiert Euch nicht das geringste! Ihr müsst nur in den Kammern tief Atem holen, das weitet die Lungen, diese Inhalation ist notwendig wegen der Krankheiten und Seuchen. Auf die Frage, was mit ihnen geschehen würde, antwortet er: Ja, natürlich, die Männer müssen arbeiten, Häuser und Chausseen bauen, aber die Frauen brauchen nicht zu arbeiten. Nur wenn sie wollen, können sie im Haushalt oder in der Küche mithelfen. – Für einige von diesen Armen ein kleiner Hoffnungsschimmer, der ausreicht, dass sie ohne Widerstand die paar Schritte zu den Kammern gehen – die Mehrzahl weiß Bescheid, der Geruch kündet ihnen ihr Los! – Sie steigen die kleine Treppe herauf, und dann sehen sie alles. Mütter mit ihren Kindern an der Brust, kleine nackte Kinder, Erwachsene, Männer und Frauen, alle nackt – sie zögern, aber sie treten in die Todeskammern [...]. Ich drücke mich in eine Ecke und schreie laut zu meinem und ihrem Gott. Wie gern wäre ich mit ihnen in die Kammern gegangen, wie gern wäre ich ihren Tod mitgestorben. Sie hätten dann einen uniformierten SS-Offizier in ihren Kammern gefunden – die Sache wäre als Unglücksfall aufgefasst und behandelt worden und sang- und klanglos verschollen. Noch also darf ich nicht, ich muss noch zuvor künden, was ich hier erlebe! – Die Kammern füllen sich. Gut vollpacken – so hat es der Hauptmann Wirth befohlen. Die Menschen stehen einander auf den Füßen. 700 bis 800 auf 25 Quadratmetern in 45 Kubikmetern! Die SS zwängt sie physisch zusammen, soweit es überhaupt geht. – Die Türen schließen sich. Währenddessen warten die andern draußen im Freien, nackt. Man sagt mir: Auch im Winter genauso! Ja, aber sie können sich ja den Tod holen! sage ich. – Ja, grad for das sinn se ja doh! – sagt mir ein SS-Mann darauf in seinem Platt. – Jetzt endlich verstehe ich auch, warum die ganze Einrichtung Heckenholt-Stiftung heißt. Heckenholt ist der Chauffeur des Dieselmotors, ein kleiner Techniker, gleichzeitig der Erbauer der Anlage. Mit den Dieselauspuffgasen sollen die Menschen zu Tode gebracht werden. Aber der Diesel funktioniert nicht! Der Hauptmann Wirth kommt. Man sieht, es ist ihm peinlich, dass das gerade heute passieren muss, wo ich hier bin. Jawohl, ich sehe alles! Und ich warte. Meine Stoppuhr hat alles brav registriert. 50 Minuten, 70 Minuten – der Diesel springt nicht an! Die Menschen warten in ihren Gaskammern. Vergeblich. Man hört sie weinen, schluchzen. [...] Nach 2 Stunden 49 Minuten – die Stoppuhr hat alles wohl registriert – springt der Diesel an. Bis zu diesem Augenblick leben die Menschen in diesen vier Kammern, viermal 750 Menschen in viermal 45 Kubikmetern! – Von Neuem verstreichen 25 Minuten. Richtig, viele sind jetzt tot. Man sieht das durch kleine Fensterchen, in dem das elektrische Licht die Kammern einen Augenblick beleuchtet. Nach 28 Minuten leben nur noch wenige. Endlich, nach 32 Minuten ist alles tot! Von der anderen Seite öffnen Männer vom Arbeitskommando die Holztüren. Man hat ihnen – selbst Juden – die Freiheit versprochen und einen gewissen Promillesatz von allen gefundenen Werten für ihren schrecklichen Dienst. Wie Basaltsäulen stehen die Toten aufrecht aneinander gepresst in den Kammern. Es wäre auch kein Platz, hinzufallen oder auch nur sich vornüber zu neigen. Selbst im Tode noch kennt man die Familien. Sie drücken sich, im Tode verkrampft, noch die Hände, sodass man Mühe hat, sie auseinanderzureißen, um die Kammern für die nächste Charge freizumachen. [...] Zwei Dutzend Zahnärzte öffnen mit Haken den Mund und sehen nach Gold. Gold links, ohne Gold rechts. Andere Zahnärzte brechen mit Zangen und Hämmern die Goldzähne und Kronen aus den Kiefern. – Unter allen springt der Hauptmann Wirth herum. Er ist in seinem Element. – Einige Arbeiter kontrollieren Genitalien und After nach Gold, Brillanten und Wertsachen. Wirth ruft mich heran: Heben Sie mal diese Konservenbüchse mit Goldzähnen, das ist nur von gestern und vorgestern! [...] Die nackten Leichen wurden auf Holztragen nur wenige Meter weit in Gruben von 100 mal 20 mal 12 Meter geschleppt. Nach einigen Tagen gärten die Leichen hoch und fielen alsdann kurze Zeit später stark zusammen, sodass man eine neue Schicht auf dieselben draufwerfen konnte. Dann wurde zehn Zentimeter Sand darüber gestreut, sodass nur noch vereinzelte Köpfe und Arme herausragten.
Niederschrift des SS-Obersturmführers Kurt Gerstein v. 4. 5. 1945. In: Vierteljahreshefte f. Zeitgeschichte Jg. 1 (1953), S. 189 ff. AlbtraumSchlimmer als der schlimmste Albtraum, unvorstellbarer als die perverseste Fantasie: Massenexekutionen von Jüdinnen auf offenem Feld bei Lijepaja in Lettland. Die Rolle Hitlers bei der Vernichtung der Juden
In- und ausländische Verteidiger Hitlers haben den »Führer« freizusprechen versucht, und zwar sowohl von der Mitschuld an den Ausschreitungen der »Reichskristallnacht« im November 1938 wie auch von der Verantwortung für die umfassenden Vernichtungsmaßnahmen der weitgehend erreichten »Endlösung« in den Kriegsjahren. Dagegen ist anzuführen: Im totalen Staat des »Dritten Reichs« konnte nichts von Belang gegen den Willen oder ohne das Wissen des obersten Partei- und Staatsführers geschehen. Außerdem zog sich Hitlers pathologischer Judenhass nachweislich seit Ende des Ersten Weltkriegs durch sein ganzes Sinnen und Trachten. In »Mein Kampf« stellte er 1924 fest: »Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.« Und schon am 30. Januar 1939 hatte er gedroht: »Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.« Keinen Zweifel an seinen radikalen Absichten ließ Hitler in einem Gespräch mit Goebbels, dem gegenüber er im Februar 1942 seine Entschlossenheit »zum rücksichtslosen Aufräumen mit den Juden in Europa« zum Ausdruck brachte. »Hier darf man keine sentimentalen Anwandlungen haben. Die Juden haben die Katastrophe, die sie heute erleben, verdient. Sie werden mit der Vernichtung unserer Feinde auch ihre eigene Vernichtung erleben. Wir müssen diesen Prozess mit einer kalten Rücksichtslosigkeit beschleunigen, und wir tun damit der leidenden und seit Jahrtausenden vom Judentum gequälten Menschheit einen unschätzbaren Dienst.« Hitlers Antisemitismus war ein wesentliches, wenn nicht das Leitmotiv seines Denkens und Handelns. In einem ausführlichen »Gutachten« vom 16. September 1919, in dem er sich sehr ausführlich über »Das Judentum« ausließ, hieß es: »Der Antisemitismus der Vernunft jedoch muss führen zur planmäßigen gesetzlichen Bekämpfung und Beseitigung der Vorrechte des Juden, die er nur zum Unterschied der anderen zwischen uns lebenden Fremden besitzt. Ein letztes Ziel aber muss unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein.« KZ-Vernichtungslager Dass er diese fixe Idee nie aufgab, geht aus seinem »Politischen Testament« vom 29. April 1945 hervor, in dem es am Anfang heißt: »Es ist unwahr, dass ich oder irgendjemand anderer in Deutschland den Krieg im Jahr 1939 gewollt habe. Er wurde gewollt und angestiftet von jenen internationalen Staatsmännern, die entweder jüdischer Herkunft waren oder für jüdische Interessen arbeiteten.« Und am Schluss heißt es dort: »Vor allem verpflichte ich die Führung der Nation und die Gefolgschaft zur peinlichen Einhaltung der Rassegesetze und zum unbarmherzigen Widerstand gegen den Weltvergifter der Völker, das internationale Judentum.«

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Info 22.11.2017 17:41
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