Der deutsche Widerstand gegen Hitler

Der Widerstand gegen Hitler war mehr als nur die Bewegung des 20. Juli 1944. Zudem handelte es sich um keine einheitlich auftretende und handelnde Widerstandsbewegung. Sie setzte vielmehr die politische Vielfalt und Gegensätze der »Weimarer Republik« fort und nahm in mancher Hinsicht die spätere deutsche Teilung vorweg. Zwar berührten sich die getrennten Wege des deutschen Widerstands im Vorfeld des 20. Juli für kurze Zeit, doch standen im Unterschied zu den übrigen europäischen Widerstandsbewegungen gegen Hitlers Expansion und Gewaltherrschaft der kommunistische Widerstand auf der einen und die bürgerlich-konservativen, militärischen, christlichen und sozialistischen Widerstandsgruppen auf der anderen Seite sich misstrauisch und unversöhnlich gegenüber. Dementsprechend wurden mit der Teilung Deutschlands nach 1945 auch Andenken und Erbe des Widerstands geteilt. Doch seit dem Ende der sechziger Jahre wird in der Bundesrepublik Widerstand nicht mehr auf die Namen Graf Stauffenberg, Kardinal von Galen und die Geschwister Scholl, d. h. auf Militär, Kirche und bürgerliche Jugend begrenzt, sondern auch der Arbeiterwiderstand beachtet. Mit der Erweiterung der Perspektiven wuchs die Schwierigkeit der Abgrenzung. Der Übergang vom privaten Nonkonformismus und oppositioneller Gesinnung zum aktiven Widerstand und der direkten Verschwörung zum Sturze Hitlers erwies sich bei näherem Zusehen als durchaus fließend. Denn der Totalitätsanspruch des Regimes machte bereits vielleicht unpolitisch gemeinte individuelle Abweichungen von der nationalsozialistischen Norm zum Gegenstand polizeilicher Verfolgung. Dennoch muss zwischen solchen privaten verbotenen Handlungen wie dem Abhören ausländischer Sender, dem Erzählen regimekritischer Witze, zwischen Formen der Verweigerung bis zu passiven Formen des Widerstands, sei es durch beantragte Entlassung, durch Unterstützung Verfolgter, durch Verbreiten verbotener Schriften, durch Streik und Sabotage und schließlich zwischen aktiven Formen des Widerstands unterschieden werden. Dazu gehören Planung und Vorbereitung eines gewaltsamen Umsturzes sowie Bildung einer neuen Regierung mit einem neuen Programm als längerfristigem Ziel. Nur auf diesen aktiven, programmatischen Widerstand wollen wir uns im folgenden konzentrieren. Innerhalb des politischen Widerstands im engeren Sinne ist darüber hinaus zwischen solchen Gruppen zu unterscheiden, die die »Weimarer Republik« mitgetragen hatten, und jenen, die dem Untergang der »Weimarer Republik« nicht nachtrauerten und dem antidemokratischen, autoritären Regime zunächst noch gedient hatten. Diese konservativen Gruppen aus Armee, Bürokratie und Wirtschaft, die in Hitler zunächst einen Retter der überkommenen sozialen Ordnung sehen wollten, hatten 1933 in ihrer Mehrheit den Weg zum Widerstand noch vor sich. Sie waren lange Zeit vom Herrschaftsanspruch des Regimes weit weniger betroffen als Sozialdemokraten und Kommunisten, die von Anfang an Hitler bekämpften, die aber auch von Anfang an unerbittlich verfolgt wurden und damit Widerstand nur unter ungleich schwierigeren Bedingungen betreiben konnten. Aussicht auf Erfolg ihres Widerstands unter den Bedingungen eines totalitären Herrschaftsanspruches hatten letztendlich nur die Gruppen, die noch über eigene Machtapparate verfügten, d. h. vor allem die Armee und die damit verbundenen Teile der Bürokratie. Der Widerstand dieser Gruppen setzte aber erst mit dem Ende der konservativen Stilisierung und Mäßigung des Regimes 1938 ein, als sich der nationalsozialistische Eroberungskrieg immer deutlicher abzeichnete. Mit dem Krieg aber wurde der Aktionsradius des Widerstands enger. Denn der permanente Ausnahmezustand war noch verschärft, und das Regime konnte sowohl durch die Kriegssituation im allgemeinen als auch besonders durch die anfänglichen großen militärischen Erfolge auf die Unterstützung der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung zählen. Erst mit der Wende des Krieges seit 1943 und der drohenden totalen Niederlage fielen die bisherigen politischen Barrieren und lösten sich alte Loyalitätsbedenken bei den möglichen Trägern des Widerstands auf. Der kommunistische Widerstand
Von vornherein zum aktiven Widerstand entschlossen war die Kommunistische Partei. Für sie bedeutete der Widerstand die Fortsetzung der politischen Opposition aus der »Weimarer Republik« unter den Bedingungen der Illegalität. Damit trug der kommunistische Widerstand zugleich viele der Fehleinschätzungen mit sich, die auch die politische Linie der KPD vor 1933 bestimmt hatten. Die ultralinke theoretische Position der KPD seit 1928, die sogenannte »Sozialfaschismustheorie« trug doppelt zur Unterschätzung der Gefährlichkeit des Nationalsozialismus bei. Einmal denunzierte man die autoritären Präsidialregierungen bereits als faschistisch (»Brüning-Faschismus«) und übersah damit den Unterschied zum totalitären Herrschaftsanspruch des NS-Regimes. Zum anderen sah man vor allem in der Sozialdemokratie den eigentlichen Hauptgegner, weil diese eine angebliche Stütze des Faschismus sei (»Sozialfaschismus«). Dass unter diesen Voraussetzungen eine gemeinsame Abwehraktion von SPD und KPD im Winter 1932/33 ausgeschlossen war, verwundert nicht. Doch nicht nur die Generalstreikforderung der KPD vom 30. Januar 1933 verpuffte, sondern auch die Partei war angesichts der einsetzenden Verfolgungsaktionen des NS-Regimes zunächst überrascht, hatte man doch noch mit einer Periode der Legalität oder Halblegalität gerechnet. Darum war man weder auf einen aktiven, gewaltsamen Massenwiderstand, noch auf eine konspirative Tätigkeit im Untergrund organisatorisch vorbereitet. Die dem Reichstagsbrand folgende Verhaftungswelle beraubte die KPD zudem weitgehend ihrer Führer, ihrer Presse und ihrer Organisation. Dennoch gelang es den Kommunisten, im Untergrund eine weitverzweigte konspirative, agitatorische Widerstandstätigkeit aufzubauen. Sie wurde im Wesentlichen von einzelnen Zellen und Gruppen getragen, die die Überzeugung vom baldigen Zusammenbruch des Regimes mit dem Glauben an den anschließenden Sieg des Sozialismus verbanden. Die Hoffnung auf einen schnellen Umsturz belebte die illegale Massenarbeit, die unzählige Opfer kostete, weil sie der Gestapo leichte Eingriffsmöglichkeiten bot. Doch spätestens nach der zweiten Verhaftungswelle war das Kräftereservoir erschöpft. Bis 1935 verflog die Revolutionshoffnung und damit auch die massenhafte konspirative Tätigkeit. Gelenkt wurde die Arbeit der KPD weitgehend aus dem Ausland, und auch die dortige Führung der deutschen Kommunisten unterlag den Weisungen der Kommunistischen Internationalen. Darum mussten sich die stalinistischen Säuberungen der dreißiger Jahre schwächend auf ihre Arbeit auswirken und vor allem der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939, der die kommunistische Widerstandstätigkeit vielfach lähmte. Erst mit Hitlers Russland-Feldzug stimmten für den kommunistischen Widerstand die machtpolitischen und ideologischen Fronten wieder. Die Rote Kapelle
Mit den Kommunisten in Verbindung stand eine Widerstandsgruppe um den Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium Arndt von Harnack und den Oberleutnant im Luftfahrtministerium Harro Schulze-Boysen, die sich mit sozialistischen Zukunftsplänen beschäftigten. Widerstand, Spionage und Landesverrat gingen in dieser Gruppe ineinander über. Ihr gehörten Künstler, Intellektuelle, Konservative und Kommunisten an. Ein Teil des Kreises, der im August 1942 ausgehoben und von den Nazis »Rote Kapelle« genannt wurde, stand in Nachrichtenverbindung mit der Sowjetunion und hoffte auf eine zukünftige Zusammenarbeit mit der UdSSR, ohne orthodoxe Kommunisten zu sein. Der sozialdemokratische Widerstand
Die Enttarnung der »Roten Kapelle« hat die Bemühungen um eine Zusammenarbeit zwischen Kommunisten und Sozialisten im Widerstand neu belebt, nachdem diese seit den Jahren der »Sozialfaschismus-Theorie« mehr oder weniger abgebrochen war. Im Gegensatz zu einigen sozialistischen Splittergruppen zwischen KPD und SPD blieb für die Sozialdemokratie eine Gemeinsamkeit mit den Kommunisten im Kampf gegen das »Dritte Reich« ebensolange ausgeschlossen wie eine konspirative und agitatorische Tätigkeit. Vielmehr beschränkte sich die SPD auf den personellen und gesinnungsmäßigen Zusammenhalt ihrer Mitglieder in zahlreichen kleinen Zirkeln. Andererseits suchten und fanden ehemalige Sozialdemokraten und Gewerkschaftler die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen und aristokratischen Widerstandskreisen, die den Sturz Hitlers vorbereiteten. So gehörten Adolf Reichwein (* 1898, † 1944) und Julius Leber (* 1891, † 1945), zwei der aktivsten Köpfe der Sozialdemokraten, zum »Kreisauer Kreis« und suchten von dort aus auch Kontakte zu Kommunisten bis zu ihrer Verhaftung im Juni 1944. Solche Kontakte hatte bald nach der Machtergreifung schon die Gruppe »Neu-Beginnen«, ganz im Gegensatz zur Linie des emigrierten Parteivorstandes gesucht, doch die alten Gegensätze blieben, und die Zusammenarbeit wurde noch dadurch erschwert, dass die SPD ihre finanzielle Unterstützung für »Neu-Beginnen« bald sperrte. Noch deutlicher erhob eine andere, organisatorisch unabhängige sozialistische Organisation den Ruf nach einer Einheitsfront aller Arbeiterorganisationen, nämlich die »Sozialistische Arbeiterpartei« (SAP), die 1931 sich vom linken Flügel der SPD abgespalten und die Spaltung innerhalb der Arbeiterbewegung heftig kritisiert hatte. Viele ihrer Funktionäre wichen im Auftrag der Partei ins Ausland aus, wie etwa der junge Willy Brandt. Von dort suchte die »Auslandsleitung«, propagandistisch zu wirken und den Kontakt zwischen den verschiedenen Kleinstgruppen im Reich herzustellen. Alle linkssozialistischen Gruppen konnten dank ihres treuen Mitgliederstammes und ihrer klaren Programmatik zunächst einigen Einfluss gewinnen, aber ihr Kreis verengte sich mit der Konsolidierung des Regimes, als alle Hoffnungen auf einen schnellen Umsturz schwanden und viele Gruppen der Gestapo zum Opfer gefallen waren. Erst der Zweite Weltkrieg verstärkte bei den Führern des sozialdemokratischen Widerstandes den Willen zu neuen Kontakten und Aktivitäten. Vor allem der Gewerkschaftler Wilhelm Leuschner (* 1890, † 1944) baute ein Netz von Mitarbeitern und Vertrauensleuten auf. Auch kleinen lokalen und regionalen Gruppierungen gelang es unter großen Verlusten, ihre Arbeit fortzuführen. So stammten aus der deutschen Arbeiterbewegung und ihren Organisationen nicht nur die Widerstandskämpfer der ersten Stunde, aus ihrem Lager kamen überhaupt die meisten Widerstandskämpfer und Opfer. Zugleich legten Sozialdemokraten und Gewerkschaftler durch ihre Zusammenarbeit mit dem bürgerlich-konservativen Widerstand die Grundlagen für eine Zusammenarbeit der Parteien in der Zukunft. Die Goerdeler-Beck von Hassell-Gruppe
Im Unterschied zu Sozialisten und Kommunisten hatten die Mitglieder des bürgerlich-konservativen Widerstands ihren Weg von der politischen Distanzierung vom Nationalsozialismus und zum aktiven Widerstand gegen das Regime Hitlers 1933 noch vor sich. Politische Desillusionierung und wachsender Widerstandswille spiegeln sich deutlich im politischen Weg von Carl Friedrich Goerdeler (* 1884, † 1945), dem Motor des bürgerlichen Widerstandes und der Integrationsfigur zwischen den verschiedenen Gruppen des Widerstandes. Als Oberbürgermeister von Leipzig und erfahrener Finanzfachmann war er von Hitler 1934 zum Reichskommissar für Preisüberwachung ernannt worden. Doch bald wurden ihm die grundsätzlichen Differenzen zur nationalsozialistischen Finanz- und Wirtschaftspolitik bewusst, und er versuchte durch Denkschriften zur Mäßigung aufzufordern. Seit 1936 stand Goerdeler in Verbindung mit dem Generalstabschef Ludwig Beck (* 1880, † 1944) und einer Gruppe von Industriellen um Robert Bosch. Hinzu kamen enge Kontakte zu dem Diplomaten Ulrich von Hassell (* 1881, † 1944) und dem preußischen Finanzminister Johannes Popitz, dessen Opposition zum Nationalsozialismus in seinem Entsetzen vor der NS-Judenpolitik des Jahres 1938 wurzelt. Der frühere christliche Gewerkschaftler Jakob Kaiser brachte Goerdeler 1940 in Verbindung zu Wilhelm Leuschner, dem ehemaligen hessischen sozialdemokratischen Innenminister und führenden Gewerkschaftler. Hinzu kamen ab 1941 enge Kontakte zu Offizieren in der Dienststelle des Befehlshabers des Ersatzheeres. Hitler in VenedigBürgerliche Diplomaten in der Diktatur – ausgenutzt und verfolgt. Hitler in Venedig. Rechts neben ihm u. a. Ulrich von Hassell, der als Botschafter in Rom zur Annäherung zwischen Mussolini und Hitler beitrug. Angesichts ihrer politischen Bandbreite lässt sich die »Goerdeler-Gruppe« eher als eine Art Koalitionsregierung denn als eine homogene Arbeitsgemeinschaft charakterisieren. Das entsprach der Strategie Goerdelers, der sich stets um eine Verbreiterung der Basis des Widerstands bemüht hatte. Demzufolge gab es in dieser Koalition auch beträchtliche Meinungsunterschiede. Man dachte im allgemeinen an einen starken, autoritären Staat in der Tradition des Bismarck-Reiches ohne großen Einfluss der Parteien, der jedoch als Rechtsstaat Toleranz gewährte und seine sozialen Verpflichtungen anerkannte. Niemand von ihnen wollte sich für eine parlamentarische Demokratie erwärmen, statt dessen dachte man an eine konstitutionelle Monarchie oder einen Statthalter als Oberhaupt. Der Kreisauer Kreis
Eine wichtige Vermittlerstellung innerhalb des Widerstandes nahm der »Kreisauer Kreis« ein. Er vereinigte Angehörige von politischen und sozialen Gruppen, die während der »Weimarer Republik« oft noch weit voneinander getrennt waren. Obwohl bei den Kreisauern das Bemühen um eine Erklärung der geistesgeschichtlichen und politischen Ursachen des »Dritten Reiches« und die programmatischen Konsequenzen, die man daraus bei der Neuordnung ziehen müsse, besonders ausgeprägt war, handelte es sich bei den Teilnehmern der Gespräche auf dem schlesischen Gut Kreisau des Grafen Moltke keineswegs um einen bloß theoretisierenden Intellektuellenzirkel. Sondern man war auch unter dem Einfluss der »Goerdeler-Gruppe« zum aktiven Widerstand durch Staatsstreich bereit und schloss sich mehrheitlich Stauffenberg an. Im Gegensatz zur »Goerdeler-Gruppe« war der »Kreisauer Kreis« eine Initiative der jüngeren Generation, die von den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, der Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit, von den zivilisationskritischen und sozialromantischen Vorstellungen der Jugendbewegung und teilweise von einem religiösen Sozialismus geprägt war. Entscheidend für viele Kreisauer waren die Arbeitslager in Schlesien am Ende der »Weimarer Republik«, wo Studenten, junge Bauern und Arbeiter zusammen lebten und arbeiteten. Dementsprechend trafen sich auf Kreisau Männer der verschiedensten Herkunft, Adelige und Arbeiterführer, Bürger und Geistliche beider Konfessionen. Ihr Ziel war es, über die sozialen und politischen Gegensätze hinwegzukommen, die die »Weimarer Republik« gelähmt hatten. Verbindende Kraft zwischen den alten Gegensätzen von Konservativ und Bürgerlich und Sozialistisch sollten der Gedanke des Rechts, der Humanität und der Religion sein. Zentraler Gedanke der Neuordnungsvorstellungen der Kreisauer um den Grafen Helmuth James von Moltke (* 1907, † 1945) und Yorck von Wartenburg (* 1904, † 1944) war die Konzeption der kleinen Gemeinschaft als Kern eines föderalen Staatsaufbaus von unten nach oben. Nicht der Staat, sondern das Individuum stand im Mittelpunkt ihres Denkens. Mit dieser Staatsauffassung unterschieden sie sich ebenso von der »Goerdeler-Gruppe« wie mit ihren außenpolitischen Ideen, die um ein vereinigtes, sich aus kleinen, gleichberechtigten Selbstverwaltungsgemeinschaften zusammensetzenden Europa kreisten. Die Wirtschafts- und Sozialvorstellungen der Kreisauer schließlich waren von sozialistischen Ideen beeinflusst. Man strebte den Ausgleich von Kapitalismus und Sozialismus an, setzte sich aber auch für konkrete Ziele ein, wie für die Schaffung von Betriebsräten, der Priorität von Vollbeschäftigung in der staatlichen Wirtschaftspolitik. Mit alledem ging vom »Kreisauer Kreis« eine moralisch-erneuernde und integrierende Kraft aus, während sich der »Goerdeler-Kreis« auf die Realitäten des politischen Widerstandes und Staatsstreiches konzentrierte. Kirche und Jugend im Widerstand
Zum »Kreisauer Kreis« gehörten auch einige katholische und evangelische Geistliche: die Patres Alfred Delp (* 1907, † 1945) und Lothar König sowie Eugen Gerstenmaier, der die Kreisauer mit Landesbischof Theophil Wurm (* 1868, † 1953) in Verbindung brachte. Ihre Beteiligung am politischen Widerstand war die Ausnahme und nicht die Regel. Denn beide Kirchen standen als Organisation dem Regime wohlwollend neutral gegenüber. Innerhalb des Protestantismus hatten sich sogar die »Deutschen Christen« völlig dem Nationalsozialismus angeschlossen, damit freilich schon früh die energische Gegenbewegung der »Bekennenden Kirche« hervorgerufen. Widerstand kam vor allem von einzelnen Geistlichen oder kleinen Gruppen und bezog sich weitgehend auf die Verteidigung von Theologie und kirchlicher Unabhängigkeit. Im Gegensatz zur protestantischen Kirche existierte in der katholischen Kirche keine feste Gruppierung als Trägerin von Protest und Widerstand. Widerstandsaktionen wurden von einzelnen Personen getragen, die sich aufgrund theologischer und moralisch-humanitärer Prinzipien z. B. wie Kardinal Faulhaber (* 1869, † 1952) und Graf Galen (* 1878, † 1946) gegen die »Euthanasie«-Aktionen der Nazis wandten. Eindeutig Stellung gegen das NS-Regime bezog innerhalb des Episkopats Graf Preysing (* 1880, † 1950). Auch in der deutschen Jugend leistete nur eine Minderheit Widerstand. Der Jugendwiderstand begann zwar nicht erst mit der Studentengruppe der »Weißen Rose« aus München 1942, sondern bereits 1933 aus politischen Jugendorganisationen. Doch waren diese meist Verlängerungen der entsprechenden Erwachsenenorganisationen. Dementsprechend entwickelte sich der frühe Jugendwiderstand zunächst aus Kreisen der Arbeiterschaft und deckte sich in Methode wie Zielsetzung ihrer Gegnerschaft mit dem der Mutterparteien. Neue Gruppen und Formen des Jugendwiderstandes entwickelten sich während des Krieges. Neben der Verbreitung von Zeitschriften und illegalen Treffen kam es nun zu Flugblattaktionen, die Nachrichten von ausländischen Sendern verbreiteten, und vereinzelt zu Sabotageakten. Ähnlich wie dem bürgerlich-konservativen Widerstand der Erwachsenen bedurfte es auch bei dem studentischen Widerstand der »Weißen Rose« eines politischen Wandlungs- und Ernüchterungsprozesses, bis man zu ersten Flugblattaktionen gegen das Regime 1942 fand. Hans und Sophie SchollKampf und Opfer für Deutschlands Freiheit und Ehre gegen ein entmenschlichtes System.
Oben: Akademischer Widerstand gegen Hitlers Terror unter dem symbolträchtigen Namen der »Weißen Rose«. – Ihre geistigen Träger – Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst – bezahlten ihren Bekennermut mit dem Leben.
Unten: Drei Namen stellvertretend für so viele: Julius Leber, Gewerkschaftler, hingerichtet 1944; Martin Niemöller, eingekerkert; Claus Graf Schenk von Stauffenberg, hingerichtet 1944.
Text der Zeit
Das letzte Flugblatt der Geschwister Scholl

Kommilitonen! Kommilitoninnen!
Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken dir! Es gärt im deutschen Volk: Wollen wir weiter einem Dilettanten das Schicksal unserer Armeen anvertrauen? Wollen wir den niederen Machtinstinkten einer Parteiclique den Rest der deutschen Jugend opfern? Nimmermehr! Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die unser Volk je erduldet hat. Im Namen der deutschen Jugend fordern wir vom Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen. In einem Staat rücksichtsloser Knebelung jeder freien Meinungsäußerung sind wir aufgewachsen. HJ, SA, SS haben uns in den fruchtbarsten Bildungsjahren unseres Lebens zu uniformieren, zu revolutionieren, zu narkotisieren versucht. »Weltanschauliche Schulung« hieß die verächtliche Methode, das aufkeimende Selbstdenken in einem Nebel leerer Phrasen zu ersticken. Eine Führerauslese, wie sie teuflischer und bornierter zugleich nicht gedacht werden kann, zieht ihre künftigen Parteibonzen auf Ordensburgen zu gottlosen, schamlosen und gewissenlosen Ausbeutern und Mordbuben heran, zur blinden, stupiden Führergefolgschaft. Wir »Arbeiter des Geistes« wären gerade recht, dieser neuen Herrenschicht den Knüppel zu machen. Frontkämpfer werden von Studentenführern und Gauleiteraspiranten wie Schuljungen gemaßregelt, Gauleiter greifen mit geilen Späßen den Studentinnen an die Ehre. Deutsche Studentinnen haben an der Münchner Hochschule auf die Besudelung ihrer Ehre eine würdige Antwort gegeben, deutsche Studenten haben sich für ihre Kameradinnen eingesetzt und standgehalten. [...] Das ist ein Anfang zur Erkämpfung unserer freien Selbstbestimmung, ohne die geistige Werte nicht geschaffen werden können. Unser Dank gilt den tapferen Kameradinnen und Kameraden, die mit leuchtendem Beispiel vorangegangen sind! Es gibt für uns nur eine Parole: Kampf gegen die Partei! Heraus aus den Parteigliederungen, in denen man uns weiter politisch mundtot halten will! Heraus aus den Hörsälen der SS-Unter- und Oberführer und Parteikriecher! Es geht uns um wahre Wissenschaft und echte Geistesfreiheit! Kein Drohmittel kann uns schrecken, auch nicht die Schließung unserer Hochschulen. Es gilt den Kampf jedes einzelnen von uns um unsere Zukunft, unsere Freiheit und Ehre in einem seiner sittlichen Verantwortung bewussten Staatswesen. Freiheit und Ehre! Zehn Jahre lang haben Hitler und seine Genossen die beiden herrlichen deutschen Worte bis zum Ekel ausgequetscht, abgedroschen, verdreht, wie es nur Dilettanten vermögen, die die höchsten Werte einer Nation vor die Säue werfen. Was ihnen Freiheit und Ehre gilt, haben sie in zehn Jahren der Zerstörung aller materiellen und geistigen Freiheit, aller sittlichen Substanzen im deutschen Volk genugsam gezeigt. Auch dem dümmsten Deutschen hat das furchtbare Blutbad die Augen geöffnet, das sie im Namen von Freiheit und Ehre der deutschen Nation in ganz Europa angerichtet haben und täglich neu anrichten. Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, ihre Peiniger zerschmettert und ein neues geistiges Europa aufrichtet. Studentinnen! Studenten! Auf uns sieht das deutsche Volk! Von uns erwartet es, wie 1813 die Brechung des napoleonischen, so 1943 die Brechung des nationalsozialistischen Terrors aus der Macht des Geistes. Beresina und Stalingrad flammen im Osten auf die Toten von Stalingrad beschwören uns!
»Frisch auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen!«
Unser Volk steht im Aufbruch gegen die Verknechtung Europas durch den Nationalsozialismus, im neuen gläubigen Durchbruch von Freiheit und Ehre.

Die Geschwister Sophie (* 1921, † 1943) und Hans Scholl (* 1918, † 1943) gehörten an der Münchner Universität der Widerstandsgruppe »Weiße Rose« an und wurden 1943 hingerichtet. – Aus: Günther Weisenborn (Hrsg.): »Der lautlose Aufstand«, Röderberg Verlag, Frankfurt/Main 1974, und: Inge Scholl: »Die Weiße Rose«, Frankfurt/Main 1955. Der 20. Juli 1944
Die verzweifelten Aktivitäten der »Weißen Rose« und andere ebenso mutige Einzelaktionen beweisen durch ihr Scheitern, dass einzig militärischer Widerstand dem Regime bedrohlich werden konnte. Die Vorgeschichte des 20. Juli 1944 reicht bis in das Jahr 1938 zurück, als sich konservative Militärs zum ersten Mal im Verein mit Diplomaten und hohen Beamten zur Erhebung gegen Hitler und zu seiner Absetzung entschlossen. Ihre Sorge um Hitlers zerstörerischen Kriegskurs trieb sie zu Versuchen des Landesverrats und der militärischen Verschwörung, die jedoch sowohl an der ablehnenden Haltung der Engländer wie an dem Kriegsglück Hitlers scheiterten. Erst als Hitlers Charisma durch die vernichtenden Niederlagen seit 1943 erschüttert war, konnten die Militärs ein erneutes Vorgehen gegen den Diktator wagen. Die Vorgeschichte wie die Umstände der Verschwörung des 20. Juli beweisen, dass es sich bei Stauffenbergs Attentat nicht um einen Verzweiflungsakt weniger Offiziere angesichts der drohenden militärischen Niederlage handelte. Erst nach der auch für die Bevölkerung spürbaren Wende des Krieges 1943 ließen sich neue Staatsstreichpläne fassen. Und es spricht für die moralische Zielsetzung der Verschwörer, dass sie ihren Plan auch noch dann durchführten, als seine Verwirklichung immer aussichtsloser wurde. Auch hatte sich niemand der Offiziere diesen Entschluss leichtgemacht, denn Rebellion gegen das Staatsoberhaupt widersprach der Tradition eines deutschen Offiziers vollständig. Es bedurfte der Grenzsituation der Existenz, um das, was formal gesehen Hochverrat war, als sittliche Pflicht im Kampf gegen das Böse und ein Unrechtssystem zu verstehen. Der Umsturzversuch des 20. Juli war Ergebnis der Zusammenarbeit verschiedener Gruppen und Höhepunkte einer langen Kette von Putschplänen und Attentatsversuchen. In der Widerstandsbewegung des 20. Juli fanden sich die »Goerdeler-Gruppe«, der militärische Widerstand um Ludwig Beck und der »Kreisauer Kreis«; zudem gab es ernsthafte Versuche, die Oppositionsbewegung nach links bis hin zu kommunistischen Gruppen auszudehnen. Haupt der Verschwörung war Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg (* 1907, † 1944), der selbst eine politische Wandlung und Ernüchterung durchgemacht hatte. Hatte er als junger Offizier die Machtergreifung als Chance einer nationalen Erneuerung begrüßt, so bewogen ihn Ereignisse wie die »Reichskristallnacht«, die Massenmorde in Polen und die auf Vernichtung zielende Besatzungspolitik in Russland, sich dem militärischen Widerstand anzuschließen. Nachdem verschiedene Attentatsversuche von Offizieren auf Hitler seit 1943 vorzeitig gescheitert waren, bereitete Stauffenberg, in Verbindung mit Beck und Goerdeler, das Attentat generalstabsmäßig vor. Die alliierte Invasion und die russische Großoffensive vom Juni 1944 brachten die Verschwörer in Zugzwang. Als schließlich die Verhaftung Reichweins und Lebers die ganze Planung in Gefahr zu bringen drohte, entschloss sich Stauffenberg zum raschen Handeln. Seine Doppelaufgabe, als Chef des Generalstabs des Ersatzheeres, was ihm den Zugang zu Hitler ermöglichte, das Attentat selbst durchzuführen und zugleich den Ablauf des Staatsstreichs in der Zentrale der Verschwörung, in Berlin, zu leiten, hat die Erfolgsaussichten des Verschwörungsplans von vornherein gemindert. Nach dreimaligen vergeblichen, vorzeitig abgebrochenen Versuchen scheiterte der Putsch vom 20. Juli an einer unglücklichen Verkettung der Umstände. Die Lagebesprechung im Führerhauptquartier am 20. Juli fand nicht wie erwartet im Bunker, sondern in einer Baracke statt. Dadurch war die Explosion der Bombe, die Stauffenberg neben Hitler deponiert hatte, geringer und Hitler entging dem Attentat ohne ernstliche Verwundung. Der Putsch brach noch am selben Tag auf die Nachricht, dass Hitler lebe, in sich zusammen. Stauffenberg und seine engsten Helfer Olbricht, Merz und Haeften wurden sofort erschossen, Beck gab man die Gelegenheit zum Selbstmord. Die Verfolgungswelle der Gestapo erfasste fast lückenlos die Verdächtigen und deren Familienangehörigen. Die Vernichtung der bürgerlich-konservativen Opposition durch ein eigens eingerichtetes Sonderkommando bedeutete zugleich eine weitere Radikalisierung des Regimes, das mit dem in der Verschwörung führenden preußischen Adel einen Teil der traditionellen Machteliten liquidierte, die ihm mit zur Macht verholfen hatten. Unabhängig von ihrem Scheitern hat die Bewegung des 20. Juli »vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt« und hat mit ihrer breiten politischen Basis über alle alten Gegensätze hinweg den Maßstab der Menschenwürde als Grundlage einer neuen Staatlichkeit zur Geltung gebracht.

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Info 18.01.2018 05:01
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