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Der Zweite Weltkrieg (1939-1945)

Die ersten Schüsse des Zweiten Weltkrieges fielen vor Danzig. Am 1. September um 4.45 Uhr eröffnete der deutsche Panzerkreuzer »Schleswig-Holstein«, der auf »Freundschaftsfahrt« im Danziger Hafen lag, das Feuer auf die Westernplatte, die polnische Festungsanlage. Gleichzeitig drangen deutsche Truppen in Polen ein. Eine förmliche Kriegserklärung wurde nicht abgegeben. Am Vorabend hatte Heydrichs Sicherheitsdienst den »propagandistischen Anlass« geliefert, den Hitler bereits am 22. August 1939 seinen Generälen angekündigt hatte: In den Uniformen polnischer Freischärler fingierten SS-Männer einen Angriff auf deutsche Grenzorte und den Sender Gleiwitz. Als Beweis wirklicher Kampfhandlungen blieben Leichen am Tatort zurück. Sie waren Häftlinge aus Konzentrationslagern. DanzigAuftakt des Krieges in Polen. Deutsche Truppen, die am 1. September 1939 die Grenzen Polens überschreiten, reißen Schlagbäume und Grenzbarrieren um. Polen wird – in seinen westlichen Teilen – »Deutsches Generalgouvernement«. Mit dem Überfall auf Polen begann die kriegerische Phase der nationalsozialistischen Expansionspolitik. Heute wissen wir, dass Hitler 1933 mit einem festumrissenen außenpolitischen Programm Reichskanzler wurde: Um die rassische Utopie eines »Großgermanischen Reiches« zu verwirklichen und kommenden Generationen »Lebensraum« zu verschaffen, sollte das Reich Bündnisse mit Italien und Großbritannien schließen, Frankreich isolieren und in einem »Vorkrieg« niederwerfen, um so den Rücken freizuhalten für den »eigentlichen« Krieg im Osten. Ein bis zum Ural reichendes deutsches Kontinentalimperium sollte dann das Sprungbrett zur Weltherrschaft werden, die durch die Herausforderung der Seemächte Großbritannien und USA erzwungen werden sollte. Die Entschlossenheit Englands, die Zerstörung des europäischen Gleichgewichts nicht hinzunehmen, seine Beistandsgarantie für Polen und der hierdurch »erzwungene« Pakt mit dem politisch-ideologischen Hauptfeind Sowjetunion vom 23. August 1939, schließlich die Kriegserklärung der Westmächte vom 3. September verwickelten das »Dritte Reich« in eine Machtprobe an als »verkehrt« empfundenen Fronten, wodurch es aufgrund seines geringeren Kriegspotentials von Beginn die schlechteren Chancen besaß. Zunächst aber schien Hitlers Überrumpelungstaktik, seine Gegner in einer Reihe regional begrenzter, zeitlich getrennter »Blitzkriege« einzeln zu besiegen, Erfolg zu versprechen. Der »Blitzsieg« über Polen
Unterstützt von der Luftwaffe, die durch Überraschungsangriffe auf feindliche Flughäfen die polnische Luftwaffe überwiegend noch am Boden zerstörte, stießen deutsche Panzerwaffen so schnell nach Osten vor, dass die polnischen Divisionen ausweglos eingekesselt wurden. Bereits am 17. September fiel die militärische Entscheidung. Am gleichen Tag griff die Rote Armee ein und sicherte Stalin »seinen« Teil an der Beute Polen: Ostpolen und die baltischen Länder, einschließlich Litauens, das ihm Hitler nachträglich zusprach. Die westpolnischen Gebiete wurden als Reichsgaue »eingegliedert«, das übrige von deutschen Truppen besetzte Polen als »Generalgouvernement« zu einem praktisch rechtlosem »Schutzgebiet« erklärt. Mordkommandos der SS, die als »Einsatzgruppen« dem »Reichskommissar« für die Festigung deutschen Volkstums« Heinrich Himmler unterstanden, begannen sofort einen Vernichtungskampf gegen das polnische Volk, dem bereits in den ersten Kriegsmonaten Tausende von Intellektuellen, Geistlichen und Juden zum Opfer fielen. Schon wurden Juden aus dem Reich in polnische Städte mit guten Eisenbahnverbindungen »umgesiedelt«, die »Gettoisierung« war der letzte Schritt zur »Endlösung«. Millionen Polen wurden aus ihren Wohnungen vertrieben, um Volksdeutschen aus den der Sowjetunion zugesprochenen Gebieten Platz zu machen. Vom »Sitzkrieg« zum Westfeldzug
Während die deutschen Truppen Polen überfielen, geschah im Westen nichts. Franzosen und Engländer scheuten das Risiko, das in einer Offensive lag, sodass Polen den deutschen Druck ungehemmt zu spüren bekam. Der Volksmund nannte den Krieg im Westen »Sitzkrieg« oder »drole de guerre« (= etwa: der komische Krieg). Passiv verhielt sich auch Deutschlands Verbündeter Italien, der sich als »nicht kriegführend« erklärte. Stalin erpresste währenddessen von den baltischen Staaten Stützpunkte und begann eine Besatzungspolitik, die dem SS-Terror an Brutalität gleichkam: In Katyn wurden über 4000 polnische Offiziere erschossen. Um nicht in den Krieg mit dem Westen hineingezogen zu werden, brach er aber den Ende November begonnenen Winterfeldzug gegen Finnland wieder ab. Bereits am 6. Oktober richtete Hitler ein Friedensangebot an die Westmächte. Doch noch bevor deren ablehnende Antwort eintraf, gab er Befehl, die Offensive im Westen vorzubereiten. Von der Opposition des Oberkommandos des Heeres (OKH) unter Generaloberst von Brauchitsch zeigte er sich unbeeindruckt. Der Abwehroberst Hans Oster, der dem deutschen Widerstand nahestand, informierte fortan die Regierungen der Nachbarländer über den Angriffsplan. Rechtzeitige Gegenmaßnahmen sollten Hitler die Chance eines Überraschungsangriffs nehmen und so ein »Losschlagen« verhindern. Aber Osters Warnungen wurden nicht ernstgenommen, weil Hitler den Angriffstermin immer wieder aufschob. Um Stützpunkte für eine atlantische Seeschlacht zu gewinnen und der englischen Blockade zu begegnen, befahl der Diktator am 1. April 1940 den Angriff auf Dänemark und Norwegen. Tatsächlich plante England die Besetzung des norwegischen Hafens Narvik, über den die für Deutschland lebenswichtige Erzzufuhr aus Schweden lief. Während in Dänemark die Besetzung nahezu reibungslos verlief, weil König und Regierung nur zum passiven Widerstand aufgerufen hatten, widersetzten sich die Norweger, unterstützt von britischen Landungstruppen, mit Waffengewalt. Dennoch wurde es in schnellen Vorstößen und Landungsunternehmen niedergeworfen. Das besiegte Norwegen regierte zukünftig ein Gefolgsmann Hitlers, Vidkun Quisling; – »Quisling« wurde seither zum Schimpfwort für Politiker, die sich zu willfährigen Befehlsempfängern einer fremden Besatzungsmacht machen. Am Morgen des 10. Mai 1940 brachen deutsche Truppen ohne Kriegserklärung in Holland, Belgien und Luxemburg ein, deren Neutralität die Deutschen noch kurz zuvor ausdrücklich anerkannt hatten. Schon nach fünf Tagen musste die holländische Armee kapitulieren, am 16. Mai wurden die belgischen Festungen überrannt, Brüssel und Antwerpen besetzt. Der Westoffensive lag ein Operationsplan des späteren Feldmarschalls von Manstein zugrunde, den Churchill später »Sichelschnitt« nannte. Angesichts der Unüberwindbarkeit der Maginot-Linie rechneten die Alliierten mit einer Neuauflage des Schlieffen-Plans und stellten ihre Hauptstreitkräfte dem in Belgien vorstoßenden deutschen Flügel entgegen. Der Schwerpunkt des deutschen Angriffs lag aber überraschend in Frontmitte. Die schnellen Panzerverbände der Heeresgruppe Rundstedt drangen durch die Ardennen vor, durchbrachen die Maasfront und stießen anschließend so rasch bis zur Kanalküste vor, dass der Gegner eingekreist und gegen seine eigene Verteidigungslinie geworfen wurde. Der »Sichelschnitt« war gelungen. Schon umzingelten deutsche Panzer bei Dünkirchen die britische Expeditionsarmee und französische Divisionen. Ihr Schicksal schien bereits besiegelt, als Hitler am 24. Mai überraschend Befehl gab, die Panzer anzuhalten. Die stark strapazierten Panzerverbände sollten für kommende Schlachten geschont, die Vernichtung des Gegners aus Prestigegründen der Luftwaffe überlassen werden. Doch es kam nicht zu diesem Triumph Görings. Mit Hilfe von 887 Kriegsschiffen, Fischerbooten und vielen kleinen Schiffen konnten bis zum 4. Juni über 200000 Briten und 100000 Franzosen über den Kanal evakuiert werden. Wollte Hitler die Engländer aus politischen Gründen entkommen lassen, um ihnen eine goldene Brücke für eine Verständigung zu bauen? Bis heute ist das »Wunder von Dünkirchen« in der Forschung umstritten. Die Engländer feiern es als ersten Sieg, der ihnen die Verteidigungskraft ihres Landes erhielt. Am 13. Juni marschierten deutsche Truppen zur Siegesparade in Paris ein. Längst wurden alle französischen Fronten ohne entscheidenden Widerstand überwunden. Dies war die letzte Gelegenheit, an Hitlers Seite Beute zu machen. So erklärte am 10. Juni auch Mussolini Frankreich den Krieg. In dem berühmten Speisewagen, in dem Erzberger 1918 die alliierten Waffenstillstandsbedingungen entgegennahm, im Wald von Compiègne, unterzeichnete die Regierung Frankreichs die Bedingungen der Deutschen. Hitler stand auf dem Gipfel seiner Popularität in Deutschland. Viele Deutsche, die den Kriegsausbruch mit Sorge und Apathie erlebten, waren nun kriegsbegeistert. Hitler ließ sich als »Größter Feldherr aller Zeiten« umjubeln. Er hatte nicht nur in einem erneuten »Blitzkrieg« die feindlichen Armeen besiegt, er hatte auch den Sieg über seine zaudernden und widerstrebenden Generäle davongetragen. Nordfrankreich, die Kanal- und Atlantikküste sowie die Hauptstadt wurden von deutschen Truppen besetzt. Der alte Marschall Pétain, einst Sieger von Verdun, errichtete mit Sitz in dem Badeort Vichy ein autoritäres Regime über das unbesetzte Frankreich und erklärte sich zur Zusammenarbeit mit der Siegermacht bereit. Gegen die »Kollaborateurs« sammelte General de Gaulle von London aus die Kräfte, die zur »Résistance« entschlossen waren. Diese Spaltung der Nation blieb über den Krieg hinaus eine bittere Erfahrung der Franzosen. Nach drei siegreichen Feldzügen hoffte Hitler, dass England nun zu einem Frieden bereit sein würde. Das Unternehmen »Seelöwe« scheitert
Am 10. Mai 1940 trat Winston Churchill die Nachfolge Chamberlains an. In einer Rede vor dem englischen Volk erklärte er: »Ich habe nichts anzubieten als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß.« Er beurteilte die Lage Englands vor allem als Welt- und Seemacht und war überzeugt, dass dieser Krieg nicht in Europa, sondern zwischen den Kontinenten und auf ideologischer und wirtschaftlicher Ebene entschieden werden musste. Deshalb rechnete er fest mit dem Eingreifen der USA, die im Sommer 1940 – trotz formaler Neutralität – England mit Material und Waffen unterstützten. Einen Grund zum Aufgeben sah Churchill also nicht. Sollte England mit Waffengewalt zum Nachgeben gezwungen werden, musste Hitler rasch handeln. Aber er besaß keinen überzeugenden Operationsplan für den Kampf gegen England. Am 16. Juli 1940 befahl Hitler, eine deutsche Invasion vorzubereiten (»Unternehmen Seelöwe«). Voraussetzung war die unbedingte Luftherrschaft. Am 13. August eröffnete Görings Luftwaffe die Offensive. Sie galt nicht nur den Flugplätzen, Radarstationen und Verkehrswegen, sondern auch der Hauptstadt und den Industriezentren. Ein voll einsatzfähiges Radarsystem und die taktische Überlegenheit der Royal Air Force entschieden den Luftkrieg – die »Schlacht um England« -zugunsten Englands. An die Durchführung des Landungsunternehmens war nicht mehr zu denken. Krieg im Mittelmeer
Die Kriegsmarine und ihr damaliger Oberbefehlshaber, Großadmiral Raeder, schlugen Hitler vor, durch deutsche Operationen im Mittelmeer, die Eroberung von Gibraltar, Malta und Suez, das englische Empire zum Nachgeben zu zwingen. Die neuen Pläne zielten auf den Lebensnerv der englischen Weltmachtstellung, den Einfluss auf Nordafrika und den Vorderen Orient. Am 23. Oktober 1940 traf sich Hitler mit Franco, um den spanischen »Caudillo« für seinen Angriff auf Gibraltar zu gewinnen. Aber so lange England nicht besiegt war, wollte sich Franco nicht offen auf die Seite Hitlers schlagen. Er blieb abweisend, auch als Hitler laut und jähzornig wurde. Ergebnislos verlief auch ein Treffen mit Marschall Pétain, dem Hitler englische Kolonien in Afrika versprach. Wenige Tage später brachte dann eine Nachricht aus Rom alle Pläne durcheinander. Am 28. Oktober 1940 griff Mussolini ohne Rücksprache mit Hitler überraschend Griechenland an. Der ehrgeizige »Duce« wollte seine Vision, die Verwandlung des Mittelmeeres in ein italienisches »mare nostro«, ohne deutsche Hilfe verwirklichen. Die Italiener wurden zunächst aus Griechenland, dann aus Somaliland und Ägypten, schließlich sogar aus Abessinien (Äthiopien) von englischen Truppen vertrieben. Als ganz Nordafrika verloren schien, griff das deutsche »Afrikakorps« unter General Erwin Rommel in die Kämpfe ein. Aber Hitler hatte sich längst wieder seinen alten Plänen zugewandt, den »Lebensraum« im Osten zu erweitern. Der Überfall auf die Sowjetunion
Die vorbereitenden Planungen zum Angriff auf Russland liefen bereits im Juli 1940 an. Churchill weigerte sich weiterhin, Frieden zu schließen und Deutschland freie Hand im Osten zu gewähren. Sah der hartnäckige Gegner den deutsch-sowjetischen Konflikt kommen und sah er Stalin, den russischen »Festlandsdegen«, gegen Deutschland? Hitler war entschlossen, durch einen kurzfristig erwarteten Sieg über Russland den Engländern diese Hoffnung zu nehmen. Militärische Überlegungen verknüpften sich so mit Hitlers rassenpolitischem Kriegsziel, den jüdischen Bolschewismus zu vernichten. Zunächst versuchte Hitler aber, die USA von einem Kriegseintritt abzuhalten. Am 27. September 1940 schlossen Deutschland, Italien und Japan einen »Dreimächtepakt«, der ein amerikanisches Eingreifen mit dem Krieg im Pazifik bedrohte. Den Sowjets versprach Hitler den Indischen Ozean und den Persischen Golf, um ihre Interessen gegen das englische Empire zu lenken. Aber ausgerechnet als sein Außenminister Ribbentrop den russischen Kollegen Molotow für einen Anschluss an den »Dreimächtepakt« begeistern wollte, erschienen englische Bomber über Berlin und trieben die Festtafel in den Luftschutzbunker. Höhnisch fragte Molotow, wer wohl zum entscheidenden Schlag ansetze: die Deutschen oder die Engländer? Den Russen kam es vor allem darauf an, nicht in den Krieg gegen England hineingezogen zu werden. Unverhüllt erklärte Molotow Ostmitteleuropa, einschließlich Westpolen, die Dardanellen und den Balkan zu sowjetischem Interessengebiet. Die Russen hatten bereits die baltischen Staaten eingegliedert und Bessarabien besetzt. Von einer unmittelbaren Bedrohung durch die Sowjetunion kann dennoch keine Rede sein. Der Angriff Hitlers auf Russland war längst beschlossene Sache, auch wenn der Angriffstermin immer wieder hinausgeschoben wurde. Am 18. Dezember 1940 erging die endgültige Weisung für den Russland-Feldzug unter dem Decknamen »Fall Barbarossa«. Im April 1941 wurde Jugoslawien überfallen, Griechenland besetzt, und deutsche Fallschirmjäger eroberten Kreta (20. Mai-1. Juni), um eine strategisch günstige Position zu gewinnen und die Südostflanke gegen englische Landungen zu sichern. Ein letzter Versuch, die Engländer doch noch von der Sinnlosigkeit des weiteren Kämpfens zu überzeugen und den Rücken für den Krieg im Osten freizuhalten, war die abenteuerliche »Mission« des Stellvertreters des Führers Rudolf Heß, der über Schottland mit dem Fallschirm absprang. Ob Hitler dessen Flug nach Schottland (10. Mai 1941) möglicherweise doch gebilligt hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Als das Unternehmen fehlschlug, ließ Hitler seinen Vasallen für geisteskrank erklären. Sluzk RusslandGrundlage beweglicher Kriegsführung; Panzer und Schützenpanzerwagen. Panzerschlacht bei Sluzk. Die schnellen Vorstöße der motorisierten Einheiten ermöglichten die Überraschungserfolge am Beginn des Russlandfeldzuges. Der Russland-Feldzug wurde als rassenpolitischer Vernichtungskampf vorbereitet. In dem berüchtigten »Kommissarbefehl« vom 6. Juni 1941 wurden Verbrechen gegen die russische Zivilbevölkerung außer Verfolgung gesetzt. Alle politischen Kommissare der Roten Armee sollten bei einer Gefangennahme auf der Stelle erschossen werden. Die Verwaltung der zu erobernden Gebiete wurde Himmler und seinen Einsatzgruppen übertragen. Die slawischen »Untermenschen« sollten brutaler Ausbeutung und Vernichtung ausgesetzt werden, der Osten kolonialisiert und »germanisiert« werden. Hitlers Kriegsplan für Russland scheitert
Der deutsche Überfall auf Russland begann am 22. Juni 1941. Er traf, obgleich Stalin gewarnt worden war, den Gegner überraschend. Mit der in Polen und Frankreich bewährten Strategie der Panzerstoßkeile und Kesselbildungen gelangen den drei deutschen Heeresgruppen Nord, Mitte und Süd bereits in wenigen Wochen gewaltige Raumgewinne. Mitte Juli wurde das erste Angriffsziel, die Düna-Dnjepr-Linie, erreicht. Auch diesmal, so schien es, würde Hitler seinen Gegner in einem Blitzkrieg niederwerfen. Aber das »Unternehmen Barbarossa« scheiterte an der Maßlosigkeit der operativen Ziele. Der Generalstab schlug vor, wie einst Napoleon direkt nach Moskau vorzustoßen. Demgegenüber wollte Hitler gleichzeitig nach Leningrad und in die Ukraine, um Russlands Ostseezugang abzuriegeln und den Zugriff auf die reichen Kornfelder der Ukraine zu sichern. Am 21. August gab er Befehl, die zwischen den deutschen Heeresgruppen Mitte und Süd stehende Hauptmacht der Roten Armee in den Pripjetsümpfen einzukesseln. 665000 Gefangene und riesige Mengen an Material fielen in deutsche Hand. Hitler sprach von der »größten Schlacht der Weltgeschichte«, doch die Schlacht um Kiew erwies sich als operativer Fehler. Sie verzögerte den Vorstoß nach Moskau um mehrere Wochen. Die Schlammperiode setzte ein, ihr folgte – früher als erwartet – der Winter, auf den die Truppen und der Nachschub überhaupt nicht vorbereitet waren, weil die leichtfertige Führung mit einem raschen Sieg rechnete. In der Heimat wurden Winterbekleidung und Skisachen gesammelt, an der verzweifelten Lage der Soldaten änderte dies nichts. Mehr als eine Million deutsche Soldaten sind in diesem Winter erfroren, gefallen oder in Gefangenschaft geraten. Der deutsche Vormarsch kam Anfang Dezember 1941 endgültig zum Stehen. Im Süden wurde Rostow am Don erobert, dann rasch wieder aufgegeben, im Norden Leningrad eingekesselt und in einem Vernichtungskampf fast drei Jahre lang belagert. Doch die Russen versorgten die eingeschlossene Stadt über den Ladogasee. Die Offensive auf Moskau blieb kurz vor der Stadt stecken. Die Generäle forderten, die überlange Front zurückzunehmen, aber Hitler gab am 16. Dezember 1941 den Befehl zum »Halten« und »fanatischen Widerstand«. Drei Tage später entmachtete er die militärische Führung, indem er persönlich den Oberbefehl über das Heer übernahm. Inzwischen war die russische Gegenoffensive ins Rollen gekommen. Stalin rief zum »Großen Vaterländischen Krieg« gegen die deutschen Eindringlinge auf. Sein Appell an die nationalen Gefühle zeigte Wirkung, je deutlicher sich Hitlers Antikommunismus, mit dem Teile des russischen Volkes ursprünglich sympathisierten, als Vorwand für den Terror der nationalsozialistischen Besatzungs- und Rassenpolitik entlarvte. Bereits im April 1941 – also vor Beginn des Russland-Feldzuges – hatte die Sowjetunion zur Überraschung Hitlers einen Nichtangriffspakt mit Japan geschlossen. Der Vertrag wurde von beiden Seiten bis zur deutschen Kapitulation eingehalten, sodass Russland in keiner Phase des Krieges an zwei Fronten zu kämpfen hatte. Am 12. Juli 1941 kam es zum britisch-sowjetischen Kriegsbündnis, die USA erklärten sich bereit, der Sowjetunion Kriegsmaterial zu liefern, sodass jetzt Wirklichkeit wurde, was Hitler stets als Grund für die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg kritisiert hatte: ein Zweifrontenkrieg gegen mehrere feindliche Großmächte, die sich auf das Potential der Weltmacht USA stützen konnten. Die Anti-Hitler-Koalition verfügte über 75 Prozent aller personellen und materiellen Reserven der Welt. Die Ausweitung zum Weltkrieg
Die USA hatten bei Kriegsausbruch ihre Neutralität erklärt, aber diesen Kurs schrittweise verlassen, je deutlicher wurde, dass Hitlers europäische Vorherrschaft die eigene Sicherheit bedrohte. Im März 1941 setzte Präsident Roosevelt, der die USA zum »Arsenal der Demokratie«, zur Rüstkammer der Gegner Hitlers erklärte, das »Leih- und Pachtgesetz« durch, das ihm ermöglichte, alle Kriegsgegner Deutschlands und Japans mit Waffen und Material zu unterstützen. Im August 1941 unterzeichneten Roosevelt und Churchill die »Atlantik-Charta«. Die USA reihten sich jetzt in die Kriegsfront der Demokratien ein. Die Entscheidung über den offenen Eintritt in den Krieg fiel im Pazifik. Als der Krieg in Europa begann, führten die Japaner bereits seit zwei Jahren einen Aggressionskrieg gegen China. Er galt nach japanischer Sprachregelung der Errichtung einer »Großasiatischen Wohlstandssphäre«, in der ganz Südostasien und China zu einem von Japan kulturell und wirtschaftlich beherrschten Block zusammengeschweißt werden sollten. Die USA sahen ihre Handelsinteressen und ihr strategisches Vorfeld im Pazifik bedroht, und Roosevelt erwirkte ein Ölembargo über das fast vollständig importabhängige Japan. In dieser Situation wollte Japan verhandeln, doch Roosevelt blieb hart. Weigerte er sich, den Konflikt zu entschärfen, um das widerstrebende amerikanische Volk durch die pazifische »Hintertür« in den europäischen Krieg zu führen? Oder »reagierte« der Präsident nur auf japanische Repressionen? Fest steht, dass Roosevelt, ein entschiedener Gegner totalitärer Staaten, zum Handeln entschlossen war und dass seinem Nachrichtendienst japanische Angriffspläne auf Südostasien bekannt waren. Der Überfall auf die amerikanische Pazifikflotte in Pearl Harbor traf die USA dennoch unvorbereitet: Am Morgen des 7. Dezember 1941 griffen japanische Bomber ohne vorherige Kriegserklärung den amerikanischen Marinestützpunkt auf Hawaii an. Die USA und Großbritannien erklärten Japan den Krieg. Am 11. Dezember folgte Hitler mit der Kriegserklärung an die USA und gab so Roosevelt die gewünschte Gelegenheit, Krieg gegen ihn zu führen. Hitlers Spekulation, Amerika werde jetzt seine Kräfte im Pazifik konzentrieren, erwies sich als falsch. Die Alliierten einigten sich, dass »Germany first« zu besiegen sei. Die militärische »Wende« im Jahr 1942
Noch einmal stürmten Hitlers Armeen im Sommer des Jahres 1942 in Russland und Nordafrika voran. Eine Heeresgruppe hisste auf dem Elbrus, dem höchsten Berg im Kaukasus, die Reichskriegsflagge und stieß durch den Kaukasus vor, während die 6. Armee unter General Paulus in Stalingrad vordrang. Rommels Afrika-Armee eroberte die Cyrenaika und Tobruk zurück und stand im Juli 1942 vor El Alamein, der letzten britischen Stellung vor Alexandria. Stalingrad und El Alamein, die äußersten Punkte der Hitlerschen Expansionspolitik, bedeuteten zugleich ihre militärische Niederlage. Wieder brachte der russische Winter den deutschen Vormarsch zum Stillstand. In dem brennenden Stalingrad tobte ein erbitterter Hauserkampf, denn die Rote Armee gab nicht auf. Und auch für Hitler war die Eroberung der Stadt, die Stalins Namen trug, längst zur Prestigefrage geworden. Statt entweder den Kaukasus oder Stalingrad aufzugeben, um die Abwehrfront zu verkürzen, gab Hitler Befehl, beide Stellungen zu halten. Am 22. November schlossen die Sowjets die Zange um die gesamte 6. Armee. 300000 Mann mit 100 Panzern, 1800 schweren Geschützen und mehr als 100000 Fahrzeugen saßen ohne Nachschub und Material in der Falle. General Paulus wollte den Ausbruch nach Südwesten wagen, aber Hitler nahm Göring beim Wort, der die 6. Armee aus der Luft zu versorgen versprach. Auch diesmal erwiesen sich die Versprechungen des Reichsmarschalls als nicht haltbar. Ein Entsetzungsversuch der Panzerdivisionen von Mansteins scheiterte. Zwischen 31. Januar und 2. Februar 1943 musste die 6. Armee kapitulieren. Die Sowjets gaben an, 91000 Gefangene gemacht zu haben. Sie wurden unter schlimmsten Strapazen nach Sibirien überführt. Viele brachen unterwegs zusammen, Tausende überlebten nicht die Not der Lager. Ein ähnliches Schicksal, wie es so viele russische Gefangene erlitten hatten, traf nun die deutschen Soldaten. Die »Endsieg«-Propaganda lief währenddessen weiter, aber vielen Deutschen wurde jetzt klar, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. StalingradMomentaufnahme aus den Kämpfen in Stalingrad. Der hartnäckige Widerstand dieser Stadt und der Gegenstoß frischer sowjetischer Truppen führte zur Wende des Krieges. Die 6. deutsche Armee mit rund 300000 Mann verblutete. Bereits am 23. Oktober begann der britische Oberbefehlshaber Montgomery bei El Alamein die Gegenoffensive, am 8. November landeten die Alliierten völlig überraschend im Rücken der Afrika-Armee in Algerien und Marokko, sodass diese in einen ausweglosen Zweifrontenkrieg geriet. Im März 1943 kapitulierten die letzten deutschen Truppen in Nordafrika. Im Juli 1943 landeten die Alliierten in Sizilien. Der von ihm selbst einberufene »faschistische Großrat« stürzte Mussolini und schloss einen Waffenstillstand mit den Alliierten. Die militärische Macht lag aber in deutscher Hand, sodass die Kämpfe in Italien bis in die letzten Kriegstage fortdauerten. Mussolini erlebte das Kriegsende als Oberhaupt einer »Italienischen Sozialistischen Republik« in Norditalien und sah sich zur Marionette der Deutschen degradiert. Am 28. April 1945 wurde er bei Como von Partisanen aufgegriffen und erschossen. Auch für Japan wurde das Jahr 1942 zur Wende. Innerhalb weniger Monate eroberten die Japaner Malaysia, Singapur, Hongkong, Burma, Indonesien sowie die vorgelagerten Inseln Ozeaniens. Im Juni 1942 landeten sie schließlich auf den Aleuten-Inseln – auf amerikanischem Hoheitsgebiet. Die westliche Kolonialherrschaft in Südostasien und im Indischen Ozean stand vor dem Zusammenbruch, aber in der See-Luft-Schlacht bei den Midway-Inseln (4.-7. Juni 1942) erlitt die japanische Flotte ihre erste Niederlage. Der amerikanische Geheimdienst war in den Funkcode der japanischen Marine eingebrochen, sodass deren Überraschungsangriff fehlschlug. Amerikanische Torpedos verwandelten die japanischen Flugzeugträger in wenigen Minuten in schwimmende Schrotthaufen. Es war nur eine Zeitfrage, wie lange Japan den in kühnen Landungsunternehmen von Insel zu Insel vorrückenden Amerikanern standhalten würde. Der U-Boot-Krieg muss aufgegeben werden
Auch der U-Boot-Krieg sollte in den Jahren 1942/43 seine größten Erfolge und die entscheidende Niederlage erleben. Da die englische Flotte der deutschen zahlenmäßig überlegen war, blieb nur die U-Boot-Waffe in der Schlacht gegen England und die amerikanischen Geleitzüge im Atlantik. Der Bau neuer U-Boote wurde forciert, eine überlegene Taktik (Rudeltaktik) entwickelt: Jeweils 10 bis 20 U-Boote griffen zugleich einen Konvoi an, um die Abwehr zu zersplittern. Umfangreiche Versenkungen waren die Folge, aber die Versorgung der britischen Insel konnte nicht wirklich unterbrochen werden. Die Entscheidung fiel, als die Alliierten offensive Langstreckenflugzeuge und Geleitträger zum Schutz der Konvois und verstärkt die neuentwickelten Radargeräte einsetzten. Der britische Nachrichtendienst hatte zudem seit 1941 die Geheimnisse der deutschen Funkschlüsselmaschine »Enigma« und damit den Funkcode der deutschen Marine entschlüsselt. Im Mai 1943 musste Großadmiral Dönitz die U-Boote aus dem Nord-Atlantik zurückziehen. Alliierte Bombenangriffe
Die Massenproduktion von Langstreckenjägern und -bombern schuf die Grundlage für die Luftüberlegenheit der Westmächte. In der »Luftschlacht um England« hatte Hitler das »Ausradieren der englischen Städte« angekündigt, aber sein Ziel nicht erreicht. Seit 1942 bombardierte die Royal Air Force deutsche Städte, Ende 1942 begannen die Tagesangriffe der Amerikaner. Seitdem hörten die alliierten Luftangriffe nicht auf, sie wurden bis zur grausamen Zerstörung des mit schlesischen Flüchtlingen überfüllten Dresden am 13./14. Februar 1945 gesteigert. 593000 Menschen starben in den durch Flächenbombardierungen in furchtbare Feuerstürme verwandelten Städten, etwa ein Fünftel der Wohnräume wurde bis auf die Grundmauern zerstört. BombardierungenTerror und Vergeltung aus der Luft. Das Gesicht der Frau spiegelt die Schrecken des Luftangriffs. Das britische Luftkommando glaubte, den Widerstandswillen durch systematische Bombardierungen der Wohnstädte brechen zu können. Der Bombenterror sollte die Bevölkerung demoralisieren und die Kriegsindustrie zum Erliegen bringen. Beide Ziele wurden aber nur teilweise erreicht. Den Deutschen blieb kaum eine andere Wahl, als durchzuhalten. Im Februar 1943 rief Goebbels im Berliner Sportpalast den »totalen Krieg« aus. Der Terror der Gestapo und SS richtete sich jetzt nicht mehr allein gegen politische Gegner und Juden, sondern gegen jeden Deutschen, der sich der »Wehrkraftzersetzung« und des »Defätismus« verdächtig machte. Hitler erklärte sich zum Verteidiger der »Festung Europa«. Doch zu grausam und chauvinistisch war die deutsche Besatzungspolitik, als dass Hitler erwarten konnte, bei den unterdrückten Völkern als »Befreier« des Abendlandes Unterstützung zu finden. Die SS-Einsatztruppen hausten unter der Zivilbevölkerung nahezu unbegrenzt. Millionen Menschen, vor allem Juden, fielen ihren Erschießungskommandos und den Deportationen in die Vernichtungslager zum Opfer. Zunächst in Polen, dann in Frankreich, Jugoslawien, Italien und auch in Russland, schließlich in allen besetzten Gebieten bildeten sich Widerstandsbewegungen, die den deutschen Truppen verlustreiche Partisanenkämpfe lieferten. Die Zerstörung von Oradur in Frankreich und des tschechischen Ortes Lidice, dessen Männer erschossen, Frauen und Kinder verschleppt wurden, um Vergeltung für das Attentat auf den SS-Obergruppenführer Heydrich zu üben, ist nur ein Beispiel für den Vernichtungswillen, mit dem der Widerstand gebrochen werden sollte. Durch diese Methoden der SS und die jahrelangen Unterdrückungen provoziert, verübte auch der Gegner am Ende des Krieges grausame Ausschreitungen gegen Deutsche. Konflikte im alliierten Lager
Im Juli 1943 scheiterte der letzte Versuch Hitlers, durch das Unternehmen »Zitadelle«, den Sturm auf die russische Front bei Kursk, die Initiative gegenüber der Sowjetunion zurückzugewinnen. Seine letzte Hoffnung war jetzt ein Zerfall der »unnatürlichen Koalition« zwischen den Westmächten und der Sowjetunion. Zwar wollten Roosevelt und Churchill um keinen Preis das Kriegsbündnis und damit den Sieg gefährden. Die ideologischen und machtpolitischen Spannungen, die nach dem Krieg zum »Kalten Krieg« führten, überschatteten aber bereits die Kriegskonferenzen der Alliierten. Während Churchill die zweite Front auf dem Balkan errichten wollte, um die eigene Stellung im Mittelmeer und im Nahen Osten zu festigen und den Einfluss der Sowjets in Südosteuropa einzudämmen, drängte Stalin auf die versprochene Landung in Frankreich. Auch argwöhnte er, die Westmächte könnten sich doch noch hinter seinem Rücken mit Hitler arrangieren. Auf der Konferenz von Casablanca (14.-26. Januar 1943) forderten die Westmächte deshalb die bedingungslose Kapitulation Deutschlands und seiner Verbündeten. In Teheran (28. November bis 1. Dezember 1943) wurden die sowjetischen Eroberungen in Ostmitteleuropa, die Stalin im Pakt mit Hitler vereinbart hatte, anerkannt. Die Überlegungen Roosevelts liefen darauf hinaus, durch wirtschaftliche Abhängigkeiten und Zugeständnisse die Sowjetunion in die »Eine Welt« ohne Blockbildung und Wettrüsten einzubinden, die ihm als neue Friedensordnung vorschwebte. Sie sollte durch die 1945 gegründeten »Vereinten Nationen« garantiert werden. Demgegenüber kam es Stalin, dessen Land die Hauptlast des Krieges zu tragen hatte, vor allem darauf an, die errungene militärische Vorherrschaft in Ost- und Südosteuropa nicht wieder zu verlieren. Er drängte, wenn nicht auf die »Sowjetisierung«, so doch auf eine Kontrolle der Nachbarstaaten. »Irgendwie«, so hoffte der Westen, werde es dennoch gelingen, den sowjetischen Machtanspruch zu überspielen. Die Interessengegensätze wurden also über die Konferenz von Jalta (Februar 1945), die Deutschlands Schicksal so einschneidend besiegelte, hinaus vertagt und brachen so erst später offen auf. Invasion 1944Die »Invasion«. 5134 Schiffe der Alliierten landeten seit dem 6. Juni 1944 rund 850000 Mann und 148800 Fahrzeuge in der Normandie. Die Alliierten verloren in diesen Kämpfen 120000, die Deutschen 400000 Mann. Der deutsche Zusammenbruch
Am 6. Juni 1944 begann unter dem Oberbefehl des US-Generals Eisenhower die alliierte Invasion in Nordfrankreich, das größte Landungsunternehmen der Geschichte mit Tausenden von Schiffen und Booten. Der Überraschungsangriff gelang. Er galt vor allem der Halbinsel Cotentin. Innerhalb von sechs Tagen standen über 300000, Ende Juli bereits 1,5 Millionen Soldaten auf französischem Boden. Im August zog General de Gaulle an der Spitze französischer Truppen in das befreite Paris ein. In ungestümem Vormarsch erreichten Briten und Amerikaner bereits im September die deutsche Westgrenze. Die Rote Armee stand in Polen, an der Ostgrenze der Slowakei und in Rumänien, als die Invasion begann. Unter dem Eindruck dieser Waffenerfolge stellten Rumänien, Finnland, Bulgarien und Ungarn den Kampf ein und wandten sich von Deutschland ab. Die von Hitler befohlene »Ardennen-Offensive« (16. Dezember 1944) kam nach wenigen Tagen zum Stehen. 75000 deutsche Soldaten, darunter Jungen von 14 und 15 Jahren und alte Männer, die als letzte Reserve einrückten, fielen diesem Verzweiflungsakt zum Opfer. Auch der Einsatz von Raketenwaffen (V, und V2) über England oder die in der Ardennen-Offensive eingesetzten ersten Düsenjäger hatten den Kriegsverlauf nicht beeinflussen können. Schon im Juni 1944 zerschlugen sowjetische Truppen die Divisionen der Heeresgruppe Mitte und stießen bis zur Weichsel und Ostpreußen vor. Millionen von Deutschen flohen unter unsagbaren Leiden mit Schiffen über die Ostsee, in endlosen Trecks mit Pferd und Wagen oder zu Fuß. Sie waren die eigentlichen Leidtragenden. Vielfach blieb es nicht beim Verlust der Heimat. Abertausende wurden Opfer grausamer Rache. Im Januar erreichten russische Truppen die Oder. Im März überschritten Briten und Amerikaner den Rhein. Am 25. April 1945 trafen amerikanische Truppen bei Torgau an der Elbe mit den Sowjets zusammen. Umzingelt von russischen Panzern, beging Adolf Hitler am 30. April im zerstörten Berlin Selbstmord. Am 7. Mai unterschrieb General Jodl im Hauptquartier General Eisenhowers die Gesamtkapitulation der deutschen Wehrmacht, am folgenden Tag wurde die Kapitulation im sowjetischen Hauptquartier wiederholt. Sie trat am 9. Mai 1945, eine Minute nach Mitternacht, in Kraft. Die Nachfolgeregierung des Großadmirals Dönitz wurde am 23. Mai von den Alliierten abgesetzt. Sie übernahmen die oberste Regierungsgewalt über den Trümmerhaufen, der von Deutschland geblieben war. KindersoldatenSie sollten Deutschlands Zukunft sein. Die NS-Führung schreckte nicht davor zurück, die Begeisterung der Jugend ausnutzend, selbst Kinder in die Kämpfe zu schicken. Das Ende waren Tod oder Gefangenschaft. 1945 in BerlinDas Ende der NS-Herrschaft: Berlin 1945. Die Reichshauptstadt, in den zwanziger Jahren weltweit gerühmt wegen ihrer kulturellen Kreativität und Mobilität, seit 1933 gehasstes Zentrum der nationalsozialistischen Diktatur, litt mehr noch als andere Städte unter ständigen Luftangriffen und schließlich unter den Kämpfen am Ende des Krieges. Eisenhowers Anweisung, die westalliierten Truppen an der Elbelinie verharren zu lassen, öffnete den Sowjettruppen den Weg zur alleinigen Eroberung Berlins. Die »antibolschewistische« Propaganda der NS-Ideologen, aber auch die von Sowjetsoldaten verübten Gräuel, mobilisierten die letzten Kräfte eines sinnlosen Widerstandes, der nur noch mehr Opfer kostete. Vernichtete Wohnviertel und zerbombte Ministerien, Obdachlose, Flüchtlinge, Hungernde, Ruinen und Schutthalden, das Bild Deutschlands in der »Stunde Null«, symptomatisch präsentiert durch das Bild Berlins: Überlebende 1945 vor den Ruinen des Propagandaministeriums. Kriegsende in Asien
In Japan ging der Krieg weiter. In fanatischem Einsatz warfen sich japanische Kamikaze-Todesflieger (Selbstmord …) den amerikanischen Landungsarmeen entgegen, die im Juni die Philippinen zurückgewannen. Doch längst hatten die USA die Lufthoheit auch über das japanische Mutterland erlangt. Japanische Friedensangebote scheiterten an der Forderung bedingungsloser Kapitulation. Am 6. August setzten die USA über Hiroshima zum ersten Mal die furchtbare Waffe der Atombombe ein, drei Tage später fiel eine zweite Atombombe auf Nagasaki. Am Tag vorher erklärte die Sowjetunion Japan den Krieg und marschierte in die Mandschurei ein. Der großen Mehrheit des amerikanischen Volkes leuchtete die Erklärung ein, die Präsident Truman für den Einsatz der neuen Waffe gab: Er habe den Krieg gegen Japan verkürzt und so Menschenleben gerettet. Die Demonstration des Atomwaffenmonopols sollte aber auch die Sowjetunion beeindrucken, denn der militärische Sieg hatte die Gegensätze in der Kriegskoalition sichtbar gemacht. Mit der Kapitulation Japans am 2. September 1945 war der sechs Jahre zuvor von Hitler entfesselte Krieg zu Ende. 57 Millionen Menschen hatten ihr Leben gelassen. Die Opfer von Krieg und Terror
57 Millionen Menschen fielen dem Wüten des Zweiten Weltkrieges zum Opfer. Kaum eine Familie in Europa, die nicht Gefallene zu beklagen hatte, kaum eine Gemeinde, in der nicht Häuser und Wohnungen zerstört wurden, kaum eine Region, die nicht schreckliches Flüchtlingsleid erleben musste, kaum ein Volk, das nicht die Angst der Verzweiflung erlebte. Die Erschütterung durch die blutigen Kämpfe mit ihrem Einsatz modernster Waffensysteme wird übertroffen von dem Entsetzen über Massenmorde und Verfolgungen Unschuldiger, in die viele von uns gewollt oder ungewollt verstrickt sind. Kein Buch kann das ganze Grauen erfassen, die Scheußlichkeiten schildern. Die folgenden Zahlen und Fakten bleiben der hilflose Versuch, dem Geschehen Rechnung zu tragen und zu mahnen. Die Toten
Von den 57 Millionen Toten, die der Zweite Weltkrieg insgesamt forderte, fielen ihm die meisten in Europa zum Opfer:
Sowjetunion: 20 Millionen, davon etwa 7 Millionen Zivilisten
Deutschland: 6,8 Millionen, davon etwa 2,5 Millionen Vertreibungsopfer und 400000 Bombenopfer der Luftangriffe
Polen: 4,3 Millionen, davon 4,2 Millionen Zivilisten
Jugoslawien: 1,7 Millionen
Frankreich: 600000, davon die Hälfte Zivilisten
Großbritannien: 390000
Rumänien: 380000
Tschechoslowakei: 370000
Italien: 330000
USA: 230000
Niederlande: 210000
Ungarn: 140000
Belgien: 90000
Dänemark: 14000 Verfolgt, deportiert, ermordet
Noch immer werden von Unbelesenen die schrecklichen Opfer der jüdischen Bevölkerung Europas bestritten oder heruntergerechnet, obwohl die zeitgeschichtliche Forschung relativ genaues Zahlenmaterial bereithält und obwohl es weniger um die Zahl als um die Unmenschlichkeit gegen jeden Einzelnen geht. Die Zahlen aber des NS-Terrors sind erschreckend hoch, höher noch als meist angenommen: Über 11 Millionen Menschen fielen insgesamt der NS-Verfolgung zum Opfer, darunter über 6 Millionen Juden, von denen allein in den Vernichtungslagern über 4,5 Millionen den Qualen der Zwangsarbeit, der Schikanen und Foltern, den Seuchen, Vergasungen und Erschießungen zum Opfer fielen. Eine verheerende Rolle spielten in Polen und Russland die anfangs von Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst (SD) gebildeten Einsatzgruppen, die, den einzelnen Armeekorps zugeordnet und dem Reichssicherheitshauptamt unterstellt, zunächst der Sicherung rückwärtiger Frontabschnitte und der Sabotageabwehr dienen sollten, aber schon bald im Dienst der NS-Ideologie als Mordbanden im Rücken der kämpfenden Truppe wüteten, teilweise unterstützt von der Waffen-SS, aber auch von militärischen Einheiten sowie von estischen, lettischen, litauischen und ukrainischen »Hilfswilligem«. Von der Verhaftung politisch Unzuverlässiger, über die Beschlagnahme von Vermögen, über die Verfolgung und Ermordung Intellektueller, Geistlicher, Adeliger oder ihre Deportation in KZ-Lager steigerte sich ihre »Tätigkeit« bis zu willkürlichen Massenerschießungen und den Massenmorden z. B. von Babi Jar in der Sowjetunion. Allein in der Sowjetunion wurden 3,2 Millionen Menschen Opfer der Erschießungen. 48000 Angehörige der polnischen Intelligenz wurden von ihnen ermordet. In Polen wurden 20000 Tatorte und 50000 Massenverbrechen dieser Organisation registriert und neben den großen KZ-Lagern über 6000 kleinere Straf- und Sonderlager, denen die Einsatzgruppen ständig neue Opfer zutrieben. Stiller arbeiteten im Reich Ärztegruppen im Dienst der nationalsozialistischen Ideologie. Neben den Experimenten am lebenden Menschen, wie sie in KZ-Lagern vorgenommen wurden, halfen sie im Euthanasie-Programm »unwertes Leben«, Kranke, Gebrechliche, Psychisch-Belastete umzubringen. Rund 100000 Menschen wurden 1939-1941 zum Opfer der Mörder im weißen Kittel. FlüchtlingeDie Ärmsten der Armen – Flüchtlinge, vertrieben und heimatlos. 1944/1945 wiederholte sich auf deutschem Boden das Schicksal, das so viele Menschen in Europa durch Deutschland erlitten: Schlesischer Flüchtlingstreck. Flüchtlinge
Die Blutschuld, die Millionen Deutsche in den Uniformen der Parteiorganisationen, des Militärs, der Reichsbahn, der SS-Einheiten, aber auch in den Stuben der Justiz und Verwaltung, auf sich luden, fiel am Kriegsende nur selten auf die Mörder und ihre Helfer zurück, sondern traf wiederum Unschuldige: die Bevölkerung der deutschen Ostgebiete und die Auslandsdeutschen. An ihnen entlud sich der Hass der Unterdrückten, sie wurden nun deportiert, vertrieben, erschlagen. Ihr Leid war vielfach nicht minder groß, die Zahl ihrer Opfer erschreckend hoch: 15 Millionen wurden vertrieben, etwa 2,5 Millionen starben oder sind vermisst.

emu