Die Zeit des Biedermeier – Sehnsucht nach Frieden und Ruhe

Die Zeit zwischen dem »Wiener Kongress« 1814/15 und den »Märzforderungen« als Auftakt der Revolution von 1848 wurde lange insgesamt als »Vormärz« bezeichnet. Erst als Kunsthistoriker vor dem Ersten Weltkrieg einen eigenen Möbelstil jener Epoche mit »Biedermeier« benannten, setzte sich der neue Name für alle charakteristischen Erscheinungen jener Zeit durch. Entstanden war er durch eine von Viktor von Scheffel angeregte Zusammenziehung aus »Biedermann« und »Bummelmaier«, die der Amtsrichter Ludwig Eichrodt als Pseudonym benutzte, um in den »Fliegenden Blättern« dümmlich-verballhornte Gedichte unterzubringen. Seine Verse lehnten sich an die »Gedichte des alten Dorfschulmeisters Samuel Friedrich Sauter« an, die der Mediziner Adolf Kußmaul der Vergessenheit entrissen hatte. Der ironische Unterton des Namens schwand, seitdem auch Maler wie Moritz von Schwind und Carl Spitzweg, Lyriker wie Eduard Mörike und Nikolaus Lenau, Erzähler wie Charles Sealsfield und Adalbert Stifter, Komponisten wie Felix Mendelssohn-Bartholdy und Robert Schumann als hervorragende Zeugen des Biedermeier vorgestellt wurden. Als Napoleon nach St. Helena verbannt war, hatten die Länder des eben gegründeten »Deutschen Bundes« zumindest achtzehn, die im Westen gelegenen dreiundzwanzig Jahre mit Kriegen, Truppendurchmärschen, mit Kontributionen und Plünderungen, Verschuldung und scharfer Besteuerung hinter sich, sodass viele auf Träume vom eigenen Kaiserreich, von Verfassung und Parlament verzichteten, wenn nur ihr Leben und das ihrer Familie jetzt sicher geworden war. Die nervenzermürbende Ungewissheit, wie lange die Kriegszeit währen, welche Opfer an Gut und Blut gefordert, welchem Vaterland man zugeschanzt würde, war vorbei, der äußere Friede durch die »Heilige Allianz« und die Fürstenkongresse gesichert, die innere Ordnung durch den Polizeistaat gewahrt. Wenn es Kriege gab, dann »hinten in der Türkei«, wo 1821-1829 die Griechen ihre Unabhängigkeit erkämpften; Revolutionen erschütterten 1830 Polen, Frankreich und die Niederlande, doch nicht den »Deutschen Bund«. Die Bevölkerung dieser neununddreißig souveränen Staaten war zum größten Teil auf dem Lande und in den Kleinstädten ansässig, deren beengtes und dürftiges Leben Spitzweg zu schildern wusste. Dominierend war in diesen Gemeinwesen mit 5000-20000 Einwohnern die dünne Schicht aus Kaufleuten und Handwerksmeistern, von höheren Beamten und Offizieren, die mit Titeln und Orden ihr minderes Einkommen kompensieren mussten. Am angesehensten waren die Rentiers, die ihr Geld arbeiten ließen oder als stille Teilhaber Einkünfte aus Warenlagern, Schiffen oder Banken bezogen. Darunter lag ein Sockel von Bürgern, die aus kleinsten Geschäften und Einmannbetrieben, aus gelegentlichen Aufträgen oder Mieten karge und schwankende Einkommen erzielten, sich aber »besser« dünkten als Handwerksgesellen und Dienstboten, Pferdeknechte oder Waschfrauen oder gar als die Taglöhner, die sich tage- oder stundenweise verdingen mussten. Wollten sie heiraten, so mussten sie ein Mindestvermögen nachweisen, das örtlich zwischen 5 und 50 Gulden schwankte, damit sie nicht der Heimatgemeinde zur Last fielen, die in den Armenhäusern altgewordene Habenichtse durchzufüttern verpflichtet war. Bei intakten Familien lebten die Großeltern im Hausstand mit, hatten Kost, Logis, Kleidung und Pflege frei, versuchten sich dafür nützlich zu machen, indem die Großmutter die Enkel hütete, mit Volkslied und Märchen unterhielt oder über Anstand und Sitte wachte. Die Kinder betuchterer Familien wurden von Hauslehrern unterrichtet, zunehmend auch auf die öffentlichen Schulen geschickt, doch gestattete die allgemeine Schulpflicht, die erst um 1840 in allen deutschen Staaten eingeführt worden war, genügend Ausnahmen. Nicht diese Regelschulen, sondern drei- oder vierklassige Lateinschulen leisteten die Vorbereitung auf die humanistischen Gymnasien, die dünn gesät waren, weil nur wenige Berufe ein Universitätsstudium erforderten. In allen Schultypen hielt man viel vom Pauken (Auswendiglernen) und der Nachahmung klassischer Muster und versuchte Störrische und Faule mit Prügelstrafe, Nachsitzen und Karzer bei Wasser und Brot zu disziplinieren. Die Lehren eines Pestalozzi oder Fröbel, der 1816 ein Landerziehungsheim und 1840 den »Allgemeinen deutschen Kindergarten« schuf, sickerten nur langsam in Schule und Elternhaus ein. Die schlechtbezahlten, mangelhaft ausgebildeten, zu Gemeinde-und Pfarrdiensten gebrauchten Schullehrer waren meist ebenso überfordert wie die nur sporadisch gebildeten Eltern, die jungen Menschen auf eine Welt vorzubereiten, die sich mit ihren Gedanken bald der Antike und dem Mittelalter zuflüchtete, bald durch energische Vorstöße der Naturwissenschaften das technische Zeitalter heraufführte. Es gehörte zu den bestaunten Ausnahmen, wenn Mütter ihre Kinder selbst unterrichteten und ihnen liebevoll in kürzerer Zeit mehr vermittelten als Pauker in sechs Pflichtschuljahren. Modischer SoldatGustav Schwarz »Wachsoldaten der Schlossbrücke«, Berlin (im Hintergrund die Straße »Unter den Linden«), 1834. Berlin, Berlin-Museum. Rückzug in enge Häuslichkeit
Zumeist hinderte der große Haushalt mit seinen Waschtagen, den Putz- und Flickstunden, den Orgien des Einmachens von Obst, Gemüse und Sauerkraut die Mütter an der Zukunftsvorsorge, denn auch sie wollten einst in einem wohlversorgten Haushalt ihre alten Tage zubringen. Hausunterricht, Beschäftigung mit Literatur und Musik waren nur da möglich, wo Dienstboten zur Hand gingen, Köchin und Kindermädchen, Diener und Pferdeknecht Arbeit abnahmen. Mäßig bezahlt und oft zur Ehelosigkeit verurteilt, standen sie rechtlich unter dem Schutz des Hausherrn, hatten ein Anrecht, von ihm bis ans Lebensende verköstigt, behaust, gekleidet und für langjährige Treue ausgezeichnet zu werden, auch wenn das Einkommen zurückging, Hungersnöte ausbrachen oder Krankheit dienstunfähig machte. Diesen Haushalt zu finanzieren war Sache des Ehe- und Hausherrn, der dafür eine absolute Stellung beanspruchte, alleine entschied, wer eingeladen wurde, wer als Schneider, Schuster und Friseur ins Haus kommen durfte, was die Söhne lernen, wen die Töchter heiraten sollten, denn Liebesheiraten widerfuhren in der Regel nur Romanfiguren. Angewidert von der Politik oder von Spitzeln eingeschüchtert, zog man sich aufs Wohn- oder Speisezimmer zurück, sah dort seine Freunde, die das gleiche leichte und geschweifte Mobiliar aus Kirsch-, Birn- und Pflaumenholz gekauft hatten, erfreute sich an Scherenschnitten, Karikaturen, Modejournalen und vor allem an köstlichem Essen. Nie mehr sind solche Mengen an Fleisch, Fisch, Geflügel und Gemüse in variantenreichster Zubereitung verzehrt worden wie damals, als wenn man die eigenen Hungerjahre samt denen der Väter hätte ausgleichen müssen. Kein Rezept war zu exotisch, kein Obst zu teuer, als dass man es nicht einmal im Leben hätte kosten wollen. Adolph von Schaden kritisiert diesen Luxus: »Neben dem Zuviel steht immer ein Zuwenig! Dieselben Leute, welche so herrlich wohnen und so kostbar sich kleiden, trinken in der Früh ungemein dünnen Zichoriensaft, essen mittags einen wie den andern Tag bloß Kartoffeln und begnügen sich abends mit einem dünnen Butterschnittchen.« Feinschmecker wie Vielesser wurden durch Hungersnöte getroffen, von denen eine 1816/17 Franken heimsuchte. Das Simmer Korn kostete 18 statt 3 Gulden; wer kein Brot kaufen konnte, musste sich mit Kartoffeln, Kleie oder Wurzeln zufriedengeben. Die Städte mussten »Rum-fordsche Suppenanstalten« einrichten, in denen nach den Empfehlungen des amerikanischen Physikers Rumford kräftige Gemüsesuppen mit Schweinefleisch ausgegeben wurden, und Militär anfordern, das mit gefälltem Bajonett die Plünderer aus den Backstuben jagte. Der elegante LeserWelt des Biedermeier. Häuslichkeit und zurückgezogenes Leben im Rahmen der Familie, aber zugleich Gelehrsamkeit und Aufgeschlossen sein für neue Ideen kennzeichnen die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Liberalität, Weltoffenheit, Nachdenklichkeit durchdringen sich mit kleinbürgerlicher Enge und Vergangenheitsbezogenheit. Friedrich Kersting, »Der elegante Leser«, Weimar 1812. Weimar, Staatliche Kunstsammlungen. Existenz zwischen Bescheidung und Ekstase
»Doch in der Mitten liegt holdes Bescheiden«, so schließt Mörike sein »Gebet« gottergeben und spricht den meisten Zeitgenossen aus dem Herzen. Ihnen genügte ein anständiges Auskommen, die »christliche Nahrung«, die durch Gewerbe- und Niederlassungsfreiheit gefährdet wurde. In gewerbereichen Städten wie Fürth gibt es daher Spezialisten wie Glaszieratenschleifer, Plättleinsschläger, Aderlaß-Schneppermacher, Goldpapierpresser und Tabakspfeifenkopfschneider, deren Tätigkeit vom Magistrat geschützt war, die kein Großbetrieb durch Dumpingpreise ruinieren konnte. Für den Schutz des Eigentums und des Berufs, für die Sicherheit der Straßen und die nur vom Nachtwächter unterbrochene Nachtruhe nahm man bürokratische Schikanen und Zeitungszensur, den Bruch des Briefgeheimnisses und das Verbot des Tabakrauchens in der Öffentlichkeit hin, das für den Berliner Tiergarten erst im März 1848 aufgehoben wurde. Diese »Spießbürger«, gerne mit Nachtmütze, Schlafrock und Pantoffeln abgebildet, von Behördenzwang und Morallehren gepresst, hatten einen unstillbaren Durst nach »Spektakel«, den Vieh- und Jahrmärkte, Schützenfeste und Kirmessen boten. Dort gab es Akrobaten, Seiltänzer, Monstren wie Kälber mit zwei Köpfen, Puppentheater, Guckkasten und Panoramen zu besehen. Die Sensation war das Pferdekarussell, das der Schuhmachermeister Zirnkilton erstmals auf der Passauer Maidult 1830 kreisen ließ. Angetan war man vom beschließenden Feuerwerk; es wurde von den Schaustellern bezahlt. Die Gebildeten zog es ins Theater, dessen Attraktion die Opern waren, deren verschwenderische Dekorationen fast alljährlich ein Defizit verursachten, das von Mäzenen oder dankbaren Abonnenten ausgeglichen wurde, die sich verzaubern lassen wollten. Den größten Erfolg erzielte Carl Maria von Weber mit seinem waldromantischen »Freischütz«, der 1821 in Berlin uraufgeführt wurde. Wochenlang fühlte sich Heinrich Heine allüberall von der Melodie des »Wir winden Dir den Jungfernkranz« verfolgt. Blauer Salon»Blauer Salon« mit Biedermeiermobiliar von Heinrich Krüppel im sogenannten Bürglassschlösschen, Coburg 1832. Kolorierter Stich der Zeit. Coburg, Kunstsammlungen der Veste. Ein Leben lang sprachen die in Hausmusiken und Männerchören geschulten Musikliebhaber vom Gastspiel einer Primadonna wie Henriette Sonntag. Nach ihrem Gastspiel in Berlin 1826, das ihr die ungeheure Summe von 7000 Gulden eingebracht hatte, begleiteten Tausende sie nach Hause, wo mehrere Regimentskapellen aufspielten. Zwanzig Jahre später musste man in Berlin Jenny Lind, die »schwedische Nachtigall«, mit einer Leibgarde zum geschlossenen Wagen bringen, weil Fetischisten ihr Stücke aus Mantille und Kleid geschnitten hatten. Die Kunst, einem Publikum den sechsfachen Preis abzufordern, beherrschte der Violinvirtuose Niccolo Paganini, der nicht nur brillant und »dämonisch« spielte, sondern auch durch seine geheimnisvollen Liebes- und Mordgeschichten zu fesseln wusste. Mancher Besucher trug Uhr oder Ring ins Pfandamt, um sich mit anderen Enthusiasten um eine Eintrittskarte prügeln zu können. Angeschwärmt wurde der Pianist Franz Liszt, der im Gegensatz zu Paganini belesen, geistreich und religiös war. Obwohl eine seiner zahlreichen Affären genügt hätte, einen Biedermann für immer zu ächten, wurden ihm alle verziehen, war er doch ein Künstler, ein Genie, an das keine irdischen Maßstäbe angelegt wurden. Der Wiener Walzer, zu Anfang der dreißiger Jahre von Johann Strauß und Joseph Lanner zu Weltruhm gebracht, verhalf jedem für Stunden zu einem »musikalischen Rausch«. Nach anfänglicher Abwehr duldeten die Behörden den »Walzerwahn«. Bei einem Gastspiel der Straußschen Kapelle 1835 in Würzburg legte ein Kritiker den Grund offen: »Man kann nicht immer Braten, wie Kaiser Joseph es getan, in die Vorstädte schicken, um einen Aufstand zu stillen; die Fortschritte in der Zeit und Kultur haben dafür die Geige eingeführt. Strauß ergötzt sein Publikum und es ergötzt ihn – so sind beide Teile gut befriedigt.« Mode 1830Eleganz der Mode. Damen-, Herren- und Knabenkleidung des Jahres 1830. Die Tristesse der politischen Realität wurde in der Mode, vor allem aber durch die Vielfalt und Pracht der Uniformen übertönt. Das Elend der Unterschichten freilich blieb in den Vorstädten und in den Dörfern dennoch weithin sichtbar. Die ›Politischen‹: Studenten, Turner, »Demagogen«
Unzufrieden mit der Entwicklung zum reglementierenden Polizeistaat war ein großer Teil der Studenten, die in den Freiheitskriegen als Freiwillige, etwa des Lützowschen Freikorps, nicht für die Wiederherstellung alter Fürstenherrlichkeit gekämpft hatten. Träger der Reformbestrebungen waren die Burschenschaften, deren erste 1815 in Jena gegründet wurde. Die von dem Historiker Heinrich Luden verfassten »Grundsätze der Beschlüsse des 18. Oktobers« forderten staatliche, wirtschaftliche und rechtliche Einheit, eine verfassungsmäßige Erbmonarchie, Rede- und Pressefreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Selbstverwaltung, öffentliches Gerichtsverfahren, Geschworenengerichte, allgemeine Wehrpflicht und eine selbstbewusste Machtpolitik Deutschlands. Aber die vom Frankfurter »Bundestag« zum Gesetz erhobenen »Karlsbader Beschlüsse« erlaubten Verfolgung und Inhaftierung kritischer Geister, vor allem aber der Burschenschafter -erst recht nach dem Sturm auf die Frankfurter Hauptwache 1833, an dem radikale Burschenschafter beteiligt waren. Das Kammergericht Berlin verurteilte 1834-1836 über 200 Studenten wegen umstürzlerischer Tätigkeit, darunter auch den Jenenser Studenten Fritz Reuter, der 1833 verhaftet wurde, drei Jahre in Untersuchungshaft saß, wegen Hochverrates zum Tode verurteilt, dann zur Festungshaft begnadigt, schließlich 1840 amnestiert wurde. »Ut mine Festungstid« heißt seine humorgefärbte Schilderung von 1862. Zusammenhalt und Einfluss der Burschenschafter zeigte sich in der »Frankfurter Nationalversammlung« (Paulskirche) 1848, von deren 585 Mitgliedern immerhin 150 dieser Verbindung angehört haben. Zu den enttäuschten Freiwilligen der Befreiungskriege gehörten auch die Turner, deren Führer Friedrich Ludwig Jahn nicht nur Körperertüchtigung auf dem 1811 in der Hasenheide bei Berlin eröffneten Turnplatz trieb, sondern die nationale Wiedererweckung im Widerstand gegen Napoleon forderte. Nach Kotzebues Ermordung wurde das öffentliche Turnen sofort verboten, weil zwischen den Übungen stets die Schriften Jahns und anderer Verherrlicher eines deutschen Zentralstaates verlesen wurden. Während des Rückzugs in private Räume verlor das Turnen an Vielseitigkeit und politischem Einfluss. Erst 1848 konnten wieder Turn-, Gesangs- und Schützenvereine mit nationalem Charakter gegründet werden. Verfolgt wurden auch die »Demagogen« (Volksverführer), unter welchem Schimpfwort die von Metternich gesteuerte »Zentraluntersuchungskommission« in Mainz alle Regimegegner verfolgte. Verstöße von Autoren und Druckern gegen die Zensurbestimmungen wurden genauso mit Haft geahndet wie Mitgliedschaft in den »Polenvereinen«. Waren die Gegner angesehen, so wurden sie nur aus ihren Ämtern entfernt, so die Universitätsprofessoren Ernst Moritz Arndt in Bonn, Karl Rotteck und Karl Theodor Welcker in Freiburg i. Br.; waren sie nur von lokaler Bedeutung, erhielten sie Festungshaft von unbestimmter Dauer. Unter »Junges Deutschland« fassten die Zensurbehörden eine Gruppe von Schriftstellern zusammen, die, zumeist Einzelgänger, in polemisch-witziger oder journalistischer Prosa gegen Konventionen, Feudalismus und Absolutismus vorgingen. Heinrich Heine und Ludwig Börne, Heinrich Laube und Karl Gutzkow gehörten zu ihnen und viele andere. Vorboten des Industriezeitalters
Die Kontinentalsperre hinderte bis 1813 nicht nur die Einfuhr von Kolonialwaren nach Deutschland, sie brachte England einen Vorsprung in der Herstellung technischer Güter, vor allem der Nutzung der Dampfmaschine, der erst in rund drei Jahrzehnten aufgeholt werden konnte. Bezeichnend war, dass zwar die Waggons der ersten deutschen Eisenbahn, die 1835 von Nürnberg zum 6,2 km entfernten Fürth fuhr, in Bayern hergestellt wurden, die Lokomotive »Adler« aber aus Stephensons Fabrik in Newcastle bezogen werden musste. Wilson, der erste Lokführer, bezog daher das Geld eines Ministerialrates, weil er nicht nur den »Dampfwagen« aus Tausenden von Einzelteilen wieder zusammengesetzt hatte, sondern auch den Lokführernachwuchs schulte. Hier zeigte sich wie bei der Dampfbootherstellung, dass die moderne Technik nicht die gemächliche Fortentwicklung handwerklicher Methoden war, sondern auf exakt-wissenschaftlicher Forschung und vertiefter Realbildung beruhte. Es dauerte Jahrzehnte, bis neben das humanistische Gymnasium Realschulen traten, deren Absolventen in technischen und bergbaulichen Fachschulen, später in Fachhochschulen sich die Kenntnisse aneigneten, die für technische Berufe erforderlich waren. Neben das durch Geburt und Kapital bevorzugte Bürgertum drängten nun die technisch vorgebildeten Aufsteiger. Zur populären Verbreitung der in rascher Folge anfallenden Forschungsergebnisse trug der Verleger Joseph Meyer aus Hildburghausen (* 1796, † 1856), der Gründer der »Groschenbibliothek«, bei, der für seine Heftchen auch die Schlagworte prägte: »Bildung für alle«, »Wissen macht frei«, »Bildung ist Macht«. Staatliche Förderung erhielt zunächst nur die »moderne« Landwirtschaft, die sich an den Lehren des Landwirts Albrecht Daniel Thaer (* 1752, † 1828) und des Chemikers Justus von Liebig (* 1803, † 1873) orientierte, weil ihre Techniken Arbeit beschafften, Wohlstand erhielten und Hungersnöte eindämmten, also erkennbar nützlich waren. Die Unternehmungen im Bergbau, Hütten- und Verkehrswesen waren sehr abhängig vom schleppenden Absatz und der meist zu geringen Kapitalausstattung. Die Privatbanken, ausgenommen das Haus Rothschild, waren zu klein und spekulierten auf raschen Gewinn. Ein besseres Klima für die aufstrebenden Industriebetriebe schufen die Fördervereine wie der von dem preußischen Finanzbeamten Peter Christian Wilhelm Beuth 1821 begründete „Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes in Preußen« oder der von Friedrich List und einigen Kaufleuten 1819 in Tübingen gegründete »Deutsche Handels- und Gewerbeverein«. Sein Hauptziel, die Abschaffung der binnendeutschen Zollschranken, wurde in der Neujahrsnacht 1834 erreicht, als sich die meisten deutschen Staaten zum »Deutschen Zollverein« zusammenschlossen. Lists Eintreten für ein nationales Eisenbahnnetz führte zwar zunächst zur Gründung der Leipzig-Dresdner Eisenbahn, doch setzten sich bei den weiteren Strecken die Einzelstaaten durch, die »ihre« Linien sternförmig von der Hauptstadt ausstrahlen ließen, an den Grenzen auf militärische Belange Rücksicht nahmen. Gefördert wurde der Sinn für technische Neuerungen auch durch Ausstellungen. Bayern veranstaltete 1818 als erster deutscher Staat eine »Landesgewerbeausstellung«; 1822 gelang Beuth in Berlin eine »Ausstellung preußischer Gewerbeerzeugnisse«, deren bedeutendste Nachfolgerin die Berliner Ausstellung von 1844 war. Nur zögernd wurden Industrie- und Handelskammern zugelassen, deren Mitglieder an der Beratung von einschlägigen Gesetzen und Verordnungen beteiligt werden wollten. Während die preußische Regierung die unter französischer Besatzung linksrheinisch gegründeten Handelskammern stillschweigend duldete, wurde in Berlin 1820 nur eine gefügige kaufmännische Korporation zugelassen. Erst 1830, als die »Nützlichkeit« von Kammern anerkannt wurde, durfte sich eine in Elberfeld (Wuppertal) bilden, um die Interessen der dortigen Textilindustrie zu vertreten. Nach weiteren Gründungen in Düsseldorf und Wesel gestattete die Regierung 1840 auch Kammern in den östlichen Provinzen Preußens. In Bayern wurden 1830 an den Sitzen der sechs rechtsrheinischen Regierungsbezirke Handelskammern auf Wunsch König Ludwigs I. eingerichtet, die 1850 durch eine Handelskammer für die bayerische Pfalz ergänzt wurden. Im gewerbefleißigen Württemberg veröffentlichte als erste Kammer die zu Stuttgart 1855 einen Bericht, kurz darauf gefolgt von den Kammern in Ulm, Heilbronn und Reutlingen. LaufmaschineAuf dem Weg zu neuen Verkehrsmitteln: Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn auf der von ihm erfundenen Laufmaschine. Lithografie der Zeit. Krisen der »gemütlichen« Gesellschaft
Die Gesellschaft sah sich in ihrer Mehrheit als idealistisch an und schätzte die Pflege der »Gemütswerte« über alles. Was sie nährte, wurde unterstützt, so musikalische Bestrebungen, vor allem die Vokalmusik, aber auch die Sammlung von Liedern, Märchen, Erzählungen und Zeugnissen des Volkes, die von den Brüdern Grimm und manchen Zeitgenossen angelegt wurden, voller Zufriedenheit, dieses kostbare Volksgut vor dem Untergang gerettet zu haben. Der Materialismus, so fürchtete man, würde das Volk in Einzelwesen aufspalten, das geschlossene Weltbild zerstören und den Profit und seine Mehrung als Lebensziel an die Stelle der seelischen und geistigen Vervollkommnung rücken. Die um ihre innere Bildung so bemühte bürgerliche Schicht übersah dabei vollkommen die wachsende Heerschar derer, die am Existenzminimum dahinlebten, weder Zeit noch Geld besaßen, sich zu idealen Menschen zu formen. Die von Stein und Hardenberg eingeleitete »Bauernbefreiung« wurde zum »Bauernlegen«, zum Vertreiben zahlreicher bäuerlicher Familien, weil die Forderungen der Gutsbesitzer nur durch Landabtretungen zu erfüllen waren, die zu beschleunigen der Gutsherr als Patrimonialrichter in der Hand hatte. Über 1 Million ha Bauernland ging nach 1816 in Preußen in Gutshand über. Das städtische Proletariat rekrutierte sich aber nicht nur aus der zweiten und dritten kinderreichen Generation der Verjagten, sondern auch aus dem Personenüberschuss der Güter, verdoppelte sich doch die ländliche Bevölkerung Deutschlands innerhalb vierzig Jahren. Erst ab 1850 konnte die wachsende Industrie im Ruhr- und Saargebiet, in Mitteldeutschland und Oberschlesien die verarmten Massen in Brot setzen. Mit Hungerlöhnen mussten die sächsischen und schlesischen Textilarbeiter, meist Heimarbeiter, auskommen, damit die Fabrikanten die englische Massenware wenn möglich unterbieten konnten. Der schlesische Weberaufstand 1844 – eine »bittere Frucht des Freihandelssystems« – wurde vom Militär niedergeschlagen; Gerhart Hauptmann hat die Zustände in seinem Drama »Die Weber« (1893) geschildert. Neue Sozialeinrichtungen – Hilfe für die Entwurzelten
Gegen den Hunger ging man mit Suppenküchen, gegen den Frost mit Wärmstuben, gegen den Bettel mit Almosen und Kleiderspenden an. Staatliche Schutzmaßnahmen wurden abgeschwächt oder außer Kraft gesetzt, da nach der herrschenden liberalen Anschauung sich der Markt, auch der Arbeitsmarkt, durch eigene Kraft regulieren würde. Nur Einzelgänger gingen gegen diese Theorien an, so der »Zentrums«-Mitbegründer August Reichensperger (* 1810, † 1892), der Zollschutz, ein soziales Steuersystem und die Dezentralisation der Gewerbe als Heilmittel gegen die Verelendung empfahl. Um gegen Hungerlöhne vorzugehen, schlug er die Bildung von Arbeitervereinen vor; um die Jugend zu fördern, sollten Freischulen und Volksbüchereien eingerichtet werden. Aus der Diakonie der Erweckungsbewegung kam der Theologe Johannes Daniel Falk (* 1768, † 1826), der mit seiner »Gesellschaft der Freunde in der Not« den Lutherhof in Weimar für Waisen und jugendliche Landstreicher einrichtete, damit sie bei Handwerkern eine abgeschlossene Lehre erreichten. Eine ähnliche Aufgabe hatten die Rettungsanstalten des Grafen von der Recke in Overdyck bei Bochum und Düsseltal bei Düsseldorf zu erfüllen. Nachahmung fand das 1833 von dem Theologen Johann Hinrich Wichern (* 1808, † 1881) in Hörn bei Hamburg gegründete »Raue Haus«, in dem je 12 Kinder einem Elternpaar zugeordnet wurden; die Knaben erlernten ein Handwerk und die Landwirtschaft, die Mädchen die Arbeiten einer Dienstmagd und Hausfrau. Seine Gedanken verbreitete Wichern seit 1842 in einer eigenen Druckerei. Er gab auch den Anstoß zur Gründung der »Inneren Mission« auf dem Kirchentag 1848 in Wittenberg. Auf Wunsch der preußischen Regierung richtete er 1848 Rettungsstationen gegen Hunger und Typhus ein, konnte aber seine Reform des Gefängniswesens 1857 nur teilweise verwirklichen. Sein Mitstreiter, der Theologe Theodor Fliedner (* 1800, † 1864) errichtete 1836 in Kaiserswerth (Düsseldorf) die erste Diakonissenanstalt zur Krankenpflege, die aus religiösen Motiven und ohne die ortsübliche (tarifliche) Bezahlung geschah. Neben diesen Einrichtungen, die bis heute existieren, gab es vor allem in Süddeutschland viele private Initiativen, die jedoch wegen Kapitalarmut oder Tod der Gründer meist nur eine Generation überlebten. Scheitern mussten alle Versuche, die sich an vorindustriellen Mustern orientierten, also in der Landwirtschaft den einzigen Beruf und in der patriarchalischen Familie die einzige Lebensform sahen.

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Info 18.12.2017 00:18
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