Anfänge der Industrialisierung und der sozialen Frage

Mit dem Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert trat das Deutsche Reich in ein Zeitalter tiefgreifender sozialer, wirtschaftlicher und politischer Umwälzungen ein. Die nun anbrechende Epoche der Industrialisierung oder »Industriellen Revolution« feierte ein Zeitgenosse sogar voreilig als den »Vorabend einer goldenen Zeit«, und der Historiker Hans-Ullrich Wehler sieht in dieser Umbruchsphase die »tiefste Zäsur der Menschheitsgeschichte seit dem Neolithikum«. Immerhin hat der damals nachhaltig eingetretene Entwicklungssprung Wirtschaft und Gesellschaft Deutschlands so geprägt, dass ohne ihn unsere moderne industrielle Massengesellschaft in ihrer wirtschaftlich-technischen Leistungsfähigkeit und mit ihrer Faszination, aber auch mit ihrer unverkennbaren Problematik undenkbar wäre. Phasen der Industrialisierung in Deutschland
Die industrielle Entwicklung der letzten 150 Jahre war nur möglich als Folge einer Anzahl von Faktoren, die sich gegenseitig bedingten und gleichzeitig verstärkten. Dabei konnte es vorkommen, dass wirtschaftliche oder soziale Wechselwirkungen mit einer bestimmten Verzögerung aufeinanderfolgten und so Wachstumsschübe, Stagnationen oder krisenhafte Erscheinungen hervorriefen, die nicht immer vorhersehbar waren. Verständlicherweise förderte dies bald auch kritische Stimmen gegenüber einer unkritischen und somit letztlich unsozialen Fortschrittsgläubigkeit. Um einen gewissen Überblick zu erhalten, hat man versucht, bestimmte Phasen der Industrialisierung abzugrenzen. Der Historiker Friedrich-Wilhelm Henning unterscheidet dabei drei Hauptabschnitte: den Übergang von der agrarischen Gesellschaft zur allmählich beginnenden Industrialisierung (1780/1800-1825), daneben die »Erste Industrialisierungsphase« (1825-1873), in der sich die Entwicklung stark beschleunigt und in allen Wirtschaftssektoren ein Produktivitätssprung zu verzeichnen ist. Die dritte Phase, der »Ausbau der Industrie« (1873-1914), lässt Deutschland schließlich zu einem modernen Industriestaat heranreifen. Ein internationaler Vergleich macht dem aufmerksamen Betrachter auf einen Blick deutlich, dass in den Anfangsjahren das Deutsche Reich der Entwicklung in Frankreich und erst recht der in England hinterherhinkte. Dabei muss jedoch auf die grundsätzlich andere Situation in den deutschen Territorien hingewiesen werden. Politisch war man hier nicht über den aufgeklärten Absolutismus hinausgekommen, d. h., wirtschaftliche Entscheidungen wurden grundsätzlich von oben getroffen. Fürstliches Wohlwollen steuerte mit vorsichtigen Reformen das Wirtschaftsgeschehen. Zunächst war man dabei sehr bedacht, die ständische Gliederung der Gesellschaft unangetastet zu lassen, denn ein Abbau sollte, wenn schon nicht vermeidbar, nur äußerst langsam geschehen. Ziel also war eine stets kontrollierbare, keine sprunghafte wirtschaftliche und politische Entwicklung. Der Industriestaat England
Ein Konkurrent spielt seine Stärke aus

An der Schwelle zum 19. Jahrhundert trifft man daher in deutschen Landen auf eine funktionierende ständisch-agrarische Ordnung, in der über 80% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig waren, während von den 10% Stadtbevölkerung die meisten in Ackerbürgerstädten lebten, wo Viehställe, Scheunen und Lagerhäuser für Getreide wie selbstverständlich das Straßenbild prägten. In England gehörte dieses Bild vielerorts längst der Vergangenheit an, denn seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde zielstrebig die Industrialisierung vorangetrieben, deren Leistungen in mannigfacher Hinsicht für den Kontinent richtungweisend werden sollten. Wesentlich bestimmend für diesen englischen Vorsprung war eine Anzahl von Faktoren, die auf Deutschland nicht oder noch nicht zutrafen. So konnten die Rohstoffe aus englischen Kolonien durch die wohlorganisierten Handelskompanien der nationalen Wirtschaft des Königreiches zugeführt werden. Das durch die Ausbeutung der Kolonien und ihrer Leistungen schnell verdiente Geld regte wiederum die Investitionstätigkeit an. Seit 1688 herrschte auf der britischen Insel innerer Friede, sodass Vermögen und Wohlfahrt beständig zunahmen, Wissenschaften und Technik sich über lange Jahre ungestört entfalten konnten. Die verkehrsgünstige Lage notwendiger Rohstoffe wie Kohle und Eisen erforderte in England einen vergleichsweise geringen Kostenaufwand, um sie zu erschließen. Außerdem dynamisierte die Durchlässigkeit der englischen Gesellschaftsordnung den aufkeimenden wirtschaftlichen Prozess sehr stark. Adel und Bürgertum stritten gemeinsam ›im freien Spiel der Kräfte‹ innerhalb einer liberalen Wirtschaftsverfassung, auf die von staatlicher Seite kein Einfluss genommen wurde. »Die menschliche Freiheit enthüllt auf Schritt und Tritt ihre eigenwillige und schöpferische Kraft. Nirgends erweist sich die langsame und beständige Tätigkeit der Regierung.« Sichtlich beeindruckt notierte Alexis de Tocqueville, einer der zahllosen Englandreisenden dieser Zeit, diese Sätze in sein Reisetagebuch. Industrieausstellung in München Jahr: 1854Zusammenklang von neuer Architektur und zukunftsweisender Industrieproduktion im »Glaspalast« der Industrieausstellung München 1854. Der neue Unternehmertypus setzt sich durch
Tocqueville kommentierte mit seinen Worten die Auswirkungen des ökonomischen Liberalismus, der auf dem Kontinent nur zögernd gegenüber der merkantilistischen Wirtschaftsweise an Boden gewann. In Holland und England dagegen hatten die puritanischen Minderheiten sich durch ihr religiös bestimmtes Ethos erfolgreich das Recht erstritten, selbstständig und aus eigener unternehmerischer Initiative wirtschaftliche Fragen zu entscheiden. Es war der schottische Nationalökonom und Philosoph Adam Smith (* 1723, † 1790) gewesen, der diese volkswirtschaftlich so wesentliche Entwicklung in Gang gesetzt hatte, indem er die Gedanken des Philosophen John Locke über die politische Freiheit des Menschen auf die Wirtschaft übertrug und eine Theorie vom freien Wirtschaftskreislauf aufstellte, der sich zum Nutzen aller selbsttätig regulierte. Damit war die Bahn frei für den puritanisch-calvinistischen Kaufmann und Unternehmer, der seine Wohlgefälligkeit vor Gott an seinem ökonomischen Erfolg ablesen konnte. Zumindest glaubte er dies, lebte asketisch und investierte das erarbeitete Kapital möglichst wieder gewinnbringend. Zeitvergeudung empfand er als die »erste und schwerste Sünde«. Von da bis zu der berühmten kapitalistischen Maxime »Zeit ist Geld« war es nur noch ein folgerichtiger Sprung, wie der Soziologe Max Weber in einem grundlegenden Aufsatz über die Wurzeln des westeuropäischen Kapitalismus dargelegt hat. Während sich so in den calvinistischen Ländern ein neuer Unternehmertypus herausbildete, rümpften im Deutschen Reich in vornehmen Kreisen noch viele die Nase über den sozialen Makel, der vermeintlich einer nützlichen, gewinnbringenden Beschäftigung anhaftete. Deutschland: Industrielle Entwicklung bis 1850 Die Bevölkerungszunahme
Gewinne konnten nur erzielt werden, wenn Nachfrage nach den Waren bestand, wenn also geeignete Absatzmärkte für eine steigende Produktion vorhanden waren. Außerdem musste sich der Markt aufgeschlossen und anpassungsfähig zeigen, musste technische Innovationen (Ideen, Erneuerungen) mit Leistungsfähigkeit und unternehmerischer Initiative verbinden. In dieser Phase eines sich wandelnden Wirtschaftsverständnisses setzte im 18. und 19. Jahrhundert eine sprunghafte Bevölkerungszunahme in Europa ein, die einerseits die neuen Ideen und Unternehmensformen entscheidend auf die Probe stellte, aber auch zum Motor der massiv einsetzenden Industrialisierung wurde. Denn ohne eine entschlossene Entwicklung von neuen Produktionstechniken und die Bereitstellung Hunderttausender von Arbeitsplätzen konnten diese Massen in naher Zukunft nicht einmal ein kümmerliches Dasein fristen. Eine Herausforderung mit politischem und sozialem Zündstoff von bislang ungekanntem Ausmaß bahnte sich an. Der Bevölkerungsanstieg erreichte in rein landwirtschaftlichen Gebieten Deutschlands das größte Volumen und drohte sich wie eine Lawine von Osten nach Westen auszudehnen, obwohl die einzelnen Regierungen aus Furcht vor den sozialen Folgen eine Binnenwanderung zunächst stark einschränkten. Die Ursachen für die Bevölkerungsexplosion lagen in ganz unterschiedlichen Bereichen: Neue Erkenntnisse in der Medizin und Hygiene hatten die Sterblichkeit rapide zurückgehen lassen, da zum Beispiel Seuchen weitgehend eingedämmt wurden. Auch die Nahrungsgrundlage war durch eine erhöhte landwirtschaftliche Produktivität in gewissen Grenzen vermehrt worden. So trat die Fruchtwechselwirtschaft vielerorts an die Stelle der weniger effektiven Dreifeldwirtschaft. Dieses aus England übernommene Bewirtschaftungssystem war erst der Anfang optimierter Bodenausnutzung, denn die neue »Agrikulturchemie« des Gießener Chemikers Justus v. Liebig (* 1803, † 1873) eröffnete durch die Einführung der künstlichen Düngung für Pflanzenanbau und Viehhaltung bisher ungeahnte Möglichkeiten. Sowohl die Suche nach gewinnsteigernden Produktionsmethoden wie die Aufgabe, eine wachsende Bevölkerung zu ernähren, zwangen dazu, die neuen Erkenntnisse in der Landwirtschaft voll einzusetzen. Wollte man gleichzeitig ausländischer Konkurrenz gegenüber bestehen, mussten mit den Jahren vermehrt die im Laufe der Industrialisierung entwickelten Maschinen eingesetzt werden, was andererseits bedeutete, sehr viele Arbeitskräfte arbeitslos zu machen oder unrentable bäuerliche Betriebe ganz aufzugeben: ein Teufelskreis! Bevölkerungsentwicklung 1850 bis 1910 Fortschritt in eine ungewisse Zukunft
So überkreuzten sich Bevölkerungszunahme und Umstrukturierung der Landwirtschaft in unheilvoller Weise. Gänzlich unkontrollierbar schien die Lage durch die rasch steigende Geburtenzahl als Folge der sprunghaft zunehmenden Heiratsziffern und des sinkenden Heiratsalters: Mit der Bauernbefreiung zum Beispiel in Preußen durch das Edikt vom 9. Oktober 1807 waren die Heiratsbeschränkungen für Abhängige und Mittellose gefallen. Vor allem Preußen wurde nun überflutet von einer bedrohlich erscheinenden Menge besitz- und beschäftigungsloser ehemaliger Landarbeiter. Deren einzige Hoffnung bildeten in der Regel die allmählich von der industriellen Entwicklung erfassten Städte und regionalen Industriezentren, die allerdings schon Tausende aus ihrer näheren Umgebung mit der vagen Aussicht auf Arbeit angezogen hatten. So verdoppelte sich im Deutschen Reich von 1800 bis 1860 die Bevölkerung, während gleichzeitig eine Verstädterung eintrat, die allerdings erst nach 1850 und besonders nach 1870 steil anstieg. Die Entwicklung Berlins mag als eindrucksvolles Beispiel gelten. Hier schnellte die Einwohnerzahl von 200000 um 1815 auf 421000 im Jahre 1852. In der dargestellten Lage hätte die eher schwerfällig anlaufende Industrialisierung bereits viel weiter entwickelt sein müssen, um der anstehenden Probleme Herr zu werden. Das »überhandnehmende Maschinenwesen«, das sich »heranwälzte wie ein Gewitter«, ängstigte zwar den Geheimrat Goethe, konnte aber wahrscheinlich für die Massen allein eine bessere Zukunft in Aussicht stellen, auch wenn einige ›Maschinenstürmer‹ glaubten, durch die mutwillige Zerstörung der technischen Ungeheuer die neue Zeit aufzuhalten und damit ihren Arbeitsplatz zu sichern. Maßstab und Herausforderung für die deutsche Wirtschaft
Viel zu lange war die deutsche Wirtschaft durch die napoleonischen Kriege gelähmt gewesen und hatte sich durch die Zersplitterung des Reiches in kleinkariertem Gegeneinander geschwächt. Die napoleonische »Kontinentalsperre«, die den Kontinent von englischen Warenimporten und Rohstoffen aus Übersee abschnitt, hatte dazu beigetragen, dass sich die linksrheinischen deutschen Industrien blühend entwickelten, da hier unter französischer Regie der fehlende englische Warenstrom mit allen Mitteln ersetzt werden sollte. Zur gleichen Zeit verkümmerten viele rechtsrheinische Versuche einer vorsichtigen Industrialisierung. Insgesamt zwang der Rohstoffmangel auch in Deutschland dazu, eigene Initiativen zu fördern, etwa in der Zuckerrübenverwertung, und die ausbleibenden englischen Waren wurden teilweise selbst produziert. Erste Versuche zu maschineller Fertigung im sächsischen Textilgewerbe waren so vorübergehend sicher vor der billigeren und qualitativ besseren englischen Konkurrenz. Daher bedeutete die »Kontinentalsperre« zugleich wirtschaftliche Lähmung und Impuls. Nach ihrer Aufhebung wurde die ›Scheinblüte‹ von dem hereinbrechenden englischen Warenstrom sofort zunichte gemacht. Außerdem entlarvten sich weitere tiefgreifende Schwächen. Ohne koloniale Verbindungen, ohne ausgedehnten Seehandel und ohne ein geschlossenes, umfassendes Wirtschaftsgebiet fehlte es an einem attraktiven und aufnahmefähigen Markt, vor allem auch an dem nötigen Kapital, um entsprechende technische Neuerungen zu finanzieren. Überwiegend wurde in kleinen Familienbetrieben produziert, die keinen Mut zum Wagnis und keine grundlegenden Neuerungen erforderten. Erst durch die preußischen Reformgesetze zur »Bauernbefreiung« (1807) und zur Einführung der »Gewerbefreiheit« (1810) erhöhte sich die regionale wie auch soziale Mobilität, und die einzelnen Betriebe wurden aus dem engen Korsett zünftig-ständischer Abhängigkeit entlassen. In einer alten Zunftordnung war noch die Maxime festgelegt: »Niemand soll etwas Neues erdenken oder erfinden, sondern jeder soll aus bürgerlicher und brüderlicher Liebe seinem nächsten folgen.« Damit musste nun gebrochen werden, Initiative und Unternehmungsgeist waren gefragt. Die Umstellung brauchte allerdings ihre Zeit, da neben der Traditionsgebundenheit auch ein sehr hinderlicher Mangel an technischen und kaufmännischen Kenntnissen viele zurückschrecken ließ. Nach und nach drängten jedoch immer mehr Handwerksgesellen zur Gründung eines eigenen Betriebes, wodurch viele Handwerkszweige überbesetzt wurden. Als die Konkurrenz der Fabriken erheblich drückender wurde, hielten sich die meisten nur mühsam am Leben. Nicht wenige Berufszweige gingen völlig in den neuen industriellen Produktionsstätten auf, wo ungelernte Kräfte billige Massenware produzierten. Am wichtigsten Energielieferanten für die gewerbliche Wirtschaft lässt sich der Wandel am eindrucksvollsten belegen: Die Zahl der Dampfmaschinen in Preußen stieg von wenigen Hundert nach 1840 auf zweitausend um 1850, und um 1870 arbeiteten bereits zwanzigtausend solcher Maschinen in preußischen Betrieben. FabrikFabrikhalle mit Hunderten von dicht an dicht Arbeitenden. Charakteristisch die Transmissionsantriebe der Werkbänke (der Elektromotor war noch nicht erfunden). Chancen für die deutsche Einheit und Wirtschaft
Wirklich lohnend sollte industrielle Produktion allerdings erst werden, als der »trostlose Zustand« beendet war, durch den »achtundvierzig Zoll- und Mautlinien in Deutschland den Verkehr« lähmten, »wie wenn jedes Glied des menschlichen Körpers unterbunden wird, damit das Blut ja nicht in ein anderes fließe«, schrieb Professor Friedrich List 1819 in einer eindringlichen Bittschrift. Sein erklärtes Ziel war ein deutscher Wirtschaftsraum ohne Binnenzölle, der jedoch nach außen durch Schutz- oder Entwicklungszölle gesichert blieb, solange sich die heimische Industrie noch nicht der ausländischen Konkurrenz stellen konnte. List fand zunächst kaum Anklang, denn es bestand wenig Neigung unter den deutschen Ländern, sich dem bereits bestehenden »Preußischen Zollverein« anzuschließen. 1834 endlich überzeugten die wirtschaftlichen Argumente. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Staaten trat dem von Preußen dominierten »Deutschen Zollverein« bei. Überregionale Wirtschaftsplanung konnte von nun an entschiedener vorangetrieben werden. Dies machte sich vor allem im Ausbau des Verkehrswesens bemerkbar. In doppelter Hinsicht wurde damit die Verkehrserschließung zum Motor der Industrialisierung. Kanal-, Straßen- und Eisenbahnbau erschlossen und verbanden Abbaugebiete von Bodenschätzen mit Produktionsstätten, mit weiterverarbeitenden Unternehmen und Abnehmern der fertigen Produkte. Dabei wuchsen die Kapazitäten in kurzer Zeit immens, und die Eisenbahn selbst wurde zum Großabnehmer von Kohle und Stahl. Der einsetzende Bauboom, speziell bei den Eisenbahnen, verschlang Kapitalsummen, die nur noch über die Vermittlung von Großbanken und Aktiengesellschaften aufgebracht werden konnten. Die Zahl dieser Gesellschaften in Preußen stieg bis 1850 auf 102 und bis 1857 sogar schon auf 295. Der Weg führt steil nach oben – Preußen geht voran
Ganz nach den Wünschen des Unternehmers Friedrich Harkort fuhr der »Triumphwagen des Gewerbefleißes mit rauchenden Kolossen bespannt« durch die deutschen Länder. Die einzelnen Staaten im Zollverein orientierten sich dabei wirtschaftspolitisch immer mehr an Preußen, das Österreich zusehends in den Hintergrund drängte. Die in Preußen früh erkannte Bedeutung der Industrialisierung führte stärker als in den meisten anderen deutschen Staaten zu einer gezielten Förderungspolitik. Es gelang daher hier auch am weitesten, durch staatliche Planung, Unterstützung und Finanzierungshilfe, die Textil-, die Eisen- und die chemische Industrie voranzubringen. Entscheidend dürfte gewesen sein, dass man dabei das Zusammenspiel von technischen Neuerungen (z. B. Spinnmaschinen) und Energieausnutzung (Kohle und Dampfkraft) planvoll einsetzte. Allerdings hatte Preußen durch den Gewinn der Rheinprovinz und Westfalens auf dem »Wiener Kongress« auch frühzeitig eines der sich entwickelnden Handels- und Gewerbezentren mit großen Rohstoffvorkommen in der Hand. – Zusätzlich zu den oberschlesischen Besitzungen. Durch den Einsatz neuer Maschinen und Energien konnten vor allem im Bergbau, in der Eisenverhüttung wie auch in der Herstellung von Massenprodukten wesentliche Fortschritte erzielt werden, die gleichzeitig von der Verkehrserschließung profitierten. Die reichen Bodenschätze Oberschlesiens und der preußischen Rheinprovinzen, vor allem Kohle und Erzvorkommen, wurden zum Ausgangspunkt der ersten umfassenden industriellen Ballungsräume, die in wenigen Jahren große Mengen der beschäftigungslosen Landbevölkerung anzogen. Heute gehören das Ruhrgebiet wie auch Oberschlesien zu den ausgedehntesten industriellen Zentren Europas. Kaum vorstellbar für den Besucher ist die Tatsache, dass Ruhrmetropolen wie Dortmund oder Essen vor 1850 noch völlig dörflichen Charakter mit nur verstreuten Gewerbeansiedlungen besaßen, da die ungestüme Entwicklung aufgrund neuartiger Fördertechniken erst nach 1860 voll einsetzte. Nicht zu unterschätzen ist bei diesen Umwälzungen die Rolle der frühen deutschen Unternehmer, die, selbst aus dem Handel, dem Handwerk oder technischen Berufen kommend, durch persönliche Initiative, außerordentliches Durchsetzungsvermögen oder eigene Erfindungen ihr Kapital zu vervielfachen verstanden. Namen wie Thyssen, Krupp, Siemens, Bosch, Zeiss, Benz und Daimler, um nur einige zu nennen, traten besonders in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts als Begründer heute weltweit führender Unternehmen auf. Industrieausstellung in Paris Jahr: 1867Industrie im Dienst der Rüstung. Kruppsche »Riesenkanone« auf der Weltausstellung Paris 1867. Mit der Reichsgründung 1871 setzte eine überschäumende Wirtschaftseuphorie ein, die durch die Gebietsgewinne aus dem Deutsch-Französischen Krieg und die Kriegsentschädigung von fünf Milliarden Franc in Gold angeheizt wurde. Am Ende der durch Spekulationsfieber künstlich angeheizten Konjunktur wartete die Ernüchterung im sogenannten »Gründerkrach«, an den sich eine langandauernde Wirtschaftsdepression anschloss. Trotz der schlimmen wirtschaftlichen, vor allem aber sozialen Folgen war das Deutsche Kaiserreich, entstanden aus »Eisen und Blut«, vielleicht mehr noch aus »Kohle und Stahl«, unbestritten zur ersten Wirtschaftsmacht des Kontinents aufgestiegen. Das Elend der Proletarier
Fortschrittsgläubigkeit, Faszination der Technik und wirtschaftliche Aufbruchsstimmung verstärkten in bürgerlichen Kreisen die Neigung, so lange wie möglich vor den negativen Begleiterscheinungen der ersten Industrialisierungsepoche die Augen zu schließen. Nur zögernd stellte man sich der sogenannten »sozialen Frage«, nicht selten getrieben von der Angst, die Masse der Besitz- und häufig Beschäftigungslosen könnte recht bald zum »Totengräber« der ökonomisch herrschenden Klasse und ihrer wirtschaftlichen Ordnung werden. Tatsächlich war die Entwicklung geprägt von einem Missverhältnis zwischen dem steigenden Bevölkerungswachstum und der insgesamt unzureichenden Zunahme an Arbeitsplätzen. Ein schier unerschöpfliches Reservoir an Arbeitskräften ließ die Reallöhne zunächst stetig sinken. Erstmals war man konfrontiert mit geballt auftretender Massenarmut, der nur mit Armenfürsorge nicht mehr beizukommen war. Periodisch auftretende Krisen verschärften die beklagenswerte Situation der Verelendenden noch zusätzlich. Insbesondere in den Jahren vor 1848 verschlimmerten Missernten, steigende Lebenshaltungskosten, sinkende Arbeitslöhne dramatisch die soziale Lage der unteren Schichten. Scheinbar apathisch ertrugen sie ihr Schicksal. An den Namenslisten der Berliner Märzgefallenen von 1848 lässt sich jedoch leicht nachweisen, dass Arbeiter, vor allem aber Handwerker und Lehrlinge, ganz vorne auf den Barrikaden kämpften und fielen. Ihr sozialer Abstieg bis hin zum völligen Ruin hatte viele von ihnen radikalisiert. Den zunehmend arbeitslosen Landarbeitern und den nicht mehr existenzfähigen Handwerkern musste das Dasein als Fabrikarbeiter sogar noch erstrebenswert erscheinen, da sie hier zumindest ein regelmäßiges Einkommen erwarten konnten. Nirgendwo dürfte die Not so bitter und ausweglos gewesen sein wie unter den Heimwebern im südwestfälisch-ravensbergischen Raum und vor allem in Schlesien. In einer aussichtslosen verzweifelten Revolte bäumten sich die schlesischen Weber 1844 dagegen auf. Die Hoffnung auf eine kümmerliche Existenz als Fabrikarbeiter führte sie in Massen dem Proletariat der Städte zu. Mit dem Wort »Proletarier« bezeichnete man diejenigen Menschen, die nur sich selbst und die Arbeitskraft ihrer zahlreichen Kinder auf dem Arbeitsmarkt anbieten konnten. Der StreikStreikende Arbeiter. Holzschnitt nach dem Gemälde »Der Streik«, 1886, von Robert Köhler. Milwaukee, Public Library Gallery. Durch Hunger und Elend ganz in die Hand der Unternehmer gegeben, erduldeten sie erniedrigende Formen der Ausbeutung. Schikanöse Betriebsordnungen gehörten zum trostlosen Alltag ebenso wie tägliche Arbeitszeiten bis zu 17 Stunden. Erst nach 1870 ging man allmählich allgemein zum 12-Stunden-Arbeitstag über. Frauen und Kinder waren häufig die traurigen Sieger im Kampf um einen Arbeitsplatz, da ihr Verdienst noch niedriger, ihre Bereitschaft, sich ausbeuten zu lassen, jedoch noch größer war als bei männlichen Beschäftigten. Mit einem durchschnittlichen Wochenlohn konnte um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Arbeiter seine Familie alleine nicht versorgen. Frau und Kinder traten also notgedrungen als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt auf. Es bedarf wohl keines besonderen Hinweises, dass gerade Kinderarbeit – in wöchentlich sieben Tag- und Nachtschichten bis zu 15 Stunden – zu dem deprimierendsten Kapitel der Industrialisierung Deutschlands zählt. Erst als die Zerrüttung der Gesundheit solche Ausmaße erreichte, dass die Kinder in großer Zahl für den Militärdienst unbrauchbar zu werden drohten, griff man 1839 in Preußen mit staatlichen Schutzbestimmungen ein. Die WeberKäthe Kollwitz: Das Ende des Weberaufstandes (aus dem Zyklus »Die Weber«). »Jeder ist seines Glückes Schmied«
Durchweg nahmen die Fabrikanten wenig Rücksicht auf Gefahren am Arbeitsplatz. Im Gegenteil, wen der ungewohnte Umgang mit Maschinen, die kaum nennenswerte Schutzvorrichtungen besaßen, zum Invaliden machte, der stürzte vollkommen ins Elend, und ein anderer trat an seine Stelle. Von der sozial engagierten Schriftstellerin Bettina von Arnim (* 1785, † 1859) liegen uns Aufzeichnungen vor, die Armenschicksale um die Jahrhundertmitte aus eigener Anschauung beschreiben. Dort, »wo die Hoffnung ausgerottet ist«, besuchte Frau von Arnim Kranke und Elende in ihren menschenunwürdigen Behausungen. Die Wohnungsnot zwang vielfach sechs- bis achtköpfige Familien, in einem Zimmer zu leben, ja ihre Schlafstellen sogar noch tagsüber stundenweise zu vermieten. Einrichtungsgegenstände, soweit überhaupt vorhanden, mussten bei Krankheit und damit Lohnausfall versetzt werden, bevor man selbst auf die Straße gesetzt wurde. Wer das ›Äußerste litt‹ ohne die geringste Sicherheit für das Alter, war der nicht auch ›zum Äußersten bereit‹? Selbst wenn man berücksichtigt, dass qualifizierte Arbeiter, etwa Buchdrucker oder Maschinenbauer, um 1863 einen stattlichen Akkordwochenlohn bis zu 13 Talern erreichen konnten, bestimmte der Kampf um die nackte Existenz das Leben der arbeitenden Menschen. Von staatlicher Seite war dabei zunächst keine Besserung zu erhoffen, solange die Idee des Liberalismus, die Selbstbestimmung und Selbstbehauptung des Individuums im freien Spiel der Kräfte, als tragende Säule der bürgerlichen Gesellschaft angesehen wurde. Als Garant der ökonomischen Freiheit und des Eigentums musste der Staat den Proletariern daher als Agent derjenigen Klasse gegenübertreten, die sie für ihr Schicksal verantwortlich machten. HungerHunger. Die Entwurzelung der Unterschichten – Landarbeiter, Kleinhandwerker, Fabrikarbeiter -, Arbeitslosigkeit und geringe Löhne führten teilweise auch zur Versorgungsnot: Hungeraufruhr in Stettin, 1847. Zeitgen. Holzstich. Text der Zeit
Weben und Spinnen für die Industrie (1853)

Viel trauriger, meint man, können die Zustände anderer Leidensgefährten in der Rietbergschen Senne des Kreises Wiedenbrück, wohin man von dort aus gelangt, nicht sein. Und doch, wenn man weiter vordringt, in die wüsten Haiden, welche zwischen der Forst des Schlosses Holte und den Bauernschaften Sende, Liemke, Verl und Kaunitz sich hinziehen. Man findet bald, dass es noch eine tiefere Stufe des Elends giebt, als diejenige war, die zu beschreiben ich mich eben bemüht habe. Mitten in jener öden Haide, welche [...] mit trockenem Haidekraut und verkrüppeltem Kiefernaufschlag bewachsen, auf sandigem todtem’Boden dem Auge den Anblick der trostlosesten Dürre gewährt, wo kein freier Blick auf grüne Fluren fällt, wo kaum eine Blume des Feldes, außer der rötlichen Blüte des Haidekrautes, der traurigen Immortelle und den kleinen Moosen, die sich kümmerlich dem Sande entwinden, an den Reichtum der Natur jenseits der fernen Berge, des buchengekrönten Teutoburger Waldes erinnert, [...] hier hat sich in zahlreichen Hütten [...] eine Bevölkerung gebildet, welche, aus dem hungrigen Sandboden erwachsend, für den Hunger lebt und erzogen wird. [...] Hier schaut, wohin der Blick sich wendet, das Dach einer solchen Hütte über die Kiefernsträucher, in deren engen Raum oft zwei Familien mit Weib und Kind und Eltern ihr trauriges Dasein durch Spinnen zu fristen suchen. Wovon die »entlehnte« Kuh ernährt wird, deren hungriges Brüllen dem Eintretenden entgegen tönt, man weiß es nicht. Wovon die bleiche Schaar hohläugiger Kinder von den blassen Eltern ernährt wird, die in ihrer Hütte nichts haben und auf ihrem Lande nichts zu erarbeiten vermögen, man begreift es nicht. Brod und Fleisch sind hier wie dort unbekannte Genüsse, Kartoffeln, so weit sie gewachsen sind und sich vor der Krankheit erhalten haben, Steckrüben und Wurzeln, das sind die Lebenselemente dieser Bevölkerung, die in Lumpen gehüllt, ohne Gegenwart und Zukunft, von einem Tage zum andern sich durchzuarbeiten sucht. Sie säen, aber sie ernten nicht; sie arbeiten, aber sie erhalten keinen Lohn. Man möge es nicht für eine Übertreibung halten, wenn ich anführe, dass ich gesehen, wie Kinder von 4 bis 5 Jahren sich an die vertrocknete Brust ihrer Mutter drängten, um dort einige Nahrung zu suchen, dass ich es gesehen, wie eine alte Frau von 63 Jahren, elend, krank am Fieber, ohne irgend jede Spur von Besitz als den ihres kranken elenden Lebens und der Lumpen, die ihren siechen Körper bedeckten, in einer Stube hinter dem Ofen lag, ohne Pflege, ohne Bett, ohne Lager und Decke auf bloßer Erde, ein jammervolles Bild der äußersten Verlassenheit. [...] Ich fand nicht weit in einer anderen Hütte der Bauerschaft Sende, [...] den Erbpächter Buschmann seit Monaten so krank, dass er nicht aus seinem elenden Lager sich erheben konnte [...]. Zwei hungernde Kinder teilen des kranken Vaters Elend, der abgezehrt, bleich und zitternd in seiner Ecke liegt und den kommenden Tod mit Sehnsucht erwartet. Und doch gerade hier, auf der äußersten Stufe des Jammers, verdient es zur Charakteristik der Gegend und ihrer Bewohner der ausdrücklichen Erwähnung, dass der Glaube und die Liebe, diese letzten Anker der christlichen Ergebung, die Stätte nicht geräumt hatten, wo ein anderer Segen nicht mehr weilte. Dieser Mann, der unter den 16 Millionen des Preußischen Staates wohl der elendsten einer ist, rief, als er des Oberförsters von der Holte, der mich geführt hatte, ansichtig wurde, nicht Klagen der Not und Bitten um Unterstützung, nein, nur ein Gebet des Dankes gegen Gott, dass er ihn seinen Wohltäter noch einmal habe sehen lassen, dass er ihm danken könne für das, was er an ihm getan. »Ich«, rief er aus, »kann nichts vergelten, denn ich bin arm und krank! Aber Gott der Herr wird es Ihnen dort oben nicht vergessen! Bei ihm ist Vergeltung und Lohn für Alles!« [...] Die unglücklichen Bewohner dieser Hütten sind es, welche jene feinen Fäden spinnen, die zu dem kostbarsten Leinen und zu den Belgischen Battisten verwebt werden. Wie wenig mögen diejenigen, die reich genug sind, solche Gewebe zu tragen, daran denken, dass an ihnen die Tränen des höchsten Elends und die Seufzer des dahin sterbenden Siechtums haften. Sie wissen nicht und dürfen nicht wissen den Schmutz und den Ekel, die in diese kaum sichtbaren Fäden eingesponnen werden. [...]
Aus: Bericht des Königlichen Regierungs-Rath C. H. Bitter von 1853 über die Zustände in Ostwestfalen, insbesondere über die Not der Landbevölkerung und die in Heimarbeit für die Leinenindustrie arbeitenden Kleinstbauern und Kötter. Soziales Engagement einzelner: Ein Lichtblick, keine Lösung
Wenigstens einige Unternehmer erkannten ihre soziale Verantwortung. Wenn auch nicht ganz uneigennützig, stellten sie Überlegungen an, was die Lage der Arbeiter und damit die Produktivität verbessern könnte. Alfred Krupp (* 1812, † 1887), einer der Vorreiter betrieblicher Sozialpolitik, zahlte zum Beispiel Leistungsprämien, gründete eine Betriebskrankenkasse und baute Werkswohnungen. Dafür nahm er für sich in Anspruch, seinen Arbeitern das Politisieren untersagen zu dürfen, ja vollkommene Ergebenheit zu verlangen. Firma KruppSchmiedehammer »Fritz« von 1861 der Firma Krupp zum Verschmieden schwerster Schiffswellen und anderer Massenobjekte. Mit der Feststellung, ein Fabrikunternehmen könne nur unter »militärischer Führung« gedeihen, rechtfertigte der Unternehmer Ferdinand Stumm (* 1836, † 1901) unverschämte Kontrolle und Einmischung in das Privatleben seiner Untergebenen bis hin zum Heiratsverbot bei missliebigen Verbindungen. Belohnt wurden die so Schikanierten mit der Aussicht auf Betriebsrenten, Werkswohnungen, Werkskantinen und andere Vergünstigungen. Bei aller Kritik aus heutiger Sicht sollte bedacht werden, dass gleichzeitig viele Unternehmer durch das sogenannte »Trucksystem« den Lohn teilweise in Form überteuerter Waren aus fabrikeigenen Läden auszahlten, wodurch sie die Arbeiter praktisch doppelt ausbeuteten. Insgesamt blieben unternehmerische Initiativen vereinzelt, ebenso wie die Hilfsmaßnahmen von kirchlicher Seite. Die katholische Amtskirche überließ es Männern wie Adolf Kolping (* 1813, † 1865) und Bischof Wilhelm Emanuel Freiherr von Ketteier (* 1811, † 1877), einerseits durch Gesellenvereine und praktische Hilfsmaßnahmen, andererseits durch mutiges Eintreten für den verachteten »Vierten Stand«, den Staat an seine sozialpolitische Verantwortung zu erinnern. Für die evangelische Kirche traten z. B. Johann Hinrich Wichern (*1808, † 1881) mit seinem »Rauen Haus«, einem Wohn- und Arbeitsheim für Jugendliche, und Friedrich von Bodelschwingh (* 1831, † 1910) hervor, der Gründungsvater von Bethel, des heute größten sozialen Zentrums in der Bundesrepublik Deutschland. Die eigentlichen Ursachen des Elends konnten so freilich nicht beseitigt werden. Dazu bedurfte es eines grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandels, an dem allerdings nur eine Gruppe interessiert sein konnte: das Proletariat selbst. Die Furcht vor dem Proletariat
Die Armen auf dem Lande hatten lange geduldig ihr Schicksal ertragen, die in den Städten zusammengepferchten proletarischen Massen dagegen waren nicht berechenbar. Hier gärte es, während der Staat tatenlos auf die »Stufenfolge der Verelendung« blickte, die, wie es der Historiker Gerhard Armanski zusammenfasst, »vom gelernten Handwerk über ungelernte Fabrikarbeit und Heimarbeit zur Arbeitslosigkeit führte«. Für weitsichtige Unternehmer muss die Entwicklung bedrohliche Formen angenommen haben, wenn sie von der »Ausrottung dieser Zuchthauskandidaten«, von den »verlorenen Söhnen ohne Reue« sprachen, die den Aufwieglern in Gestalt von »verdorbenen Schreibern, schlechten Rechnungsführern, Haarspaltern und Doktoren ohne Kranke, Judenjungen, weggejagten Militärs und allen Taugenichtsen« in die Hände getrieben würden. Die Rede war vom Proletariat, von der Revolutionsfurcht der herrschenden Kreise, und die Worte hatte Friedrich Harkort 1849 ausgesprochen, also ein durchaus sozial engagierter Unternehmer. Ihm dürfte der Schrecken der gescheiterten Revolution von 1848 noch in allen Gliedern gesessen haben, einer Revolution, die nicht zuletzt in den aufgestauten sozialen Spannungen ihre Ursache hatte. Dennoch war die Furcht vor einem Umsturz vor und nach 1848 völlig unrealistisch. Durch Koalitionsverbot, scharfe Zensurmaßnahmen und außergewöhnliche Überwachung konnte sich nur schwer ein organisierter Zusammenhalt unter den Arbeitern entwickeln. Zunächst galt es, die ärgste Not in »Selbsthilfevereinen« mit Kranken-und Sterbekassen zu lindern bzw. in »Bildungsvereinen« den Informationsstand und das Selbstbewusstsein vor allem der abgesunkenen Handwerker zu stärken. Wandernde Handwerksgesellen waren es auch, die fortschrittliche Ideen, gepaart mit revolutionärem Elan, aus dem Ausland nach Hause brachten. Teilweise gründeten sie im Exil politische Geheimbünde mit dem Ziel »einer Gesellschaft ohne Klassen und ohne Privilegien«. Dies propagierten etwa Karl Marx und Friedrich Engels 1847 für den »Bund der Kommunisten«. Die Elenden in den Massenquartieren erreichten utopische Ideale dieser Art nicht. Die meisten von ihnen hätten sicher einen »Platz im gemeinsamen Vaterlande« vorgezogen, den Stephan Born mit der Gründung der »Allgemeinen Arbeiterverbrüderung« (1848) für sie anstrebte. Völlig im ungewissen darüber, wie sie sich am folgenden Tag ernähren, womit sie sich kleiden sollten, zudem ohne jegliches politische Bewusstsein, standen die Proletarier radikalen Umwälzungen ebenso verständnislos gegenüber wie der Tatsache, dass die Kluft zwischen ihnen und der bürgerlichen Gesellschaft, für die sie ihre ganze Arbeitskraft gegen kümmerlichen Lohn aufopferten, unüberbrückbar schien. Als Ferdinand Lassalle 1863 den »Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein« gründete, sahen viele Zeitgenossen darin einen hoffnungsvollen Anfang zur Überwindung der sozialen Frage und gleichzeitigen Integration der Arbeiter. Lassalle glaubte, die Verelendung der Proletarier überwinden zu können mit der Abschaffung des »ehernen Lohngesetzes«, das den Arbeiter stets an der unteren Grenze des Existenzminimums leben ließ. Nach seinem Konzept hielt er es für eine Aufgabe des Staates, auch für den »Vierten Stand« ein freies, menschenwürdiges Dasein zu gewährleisten. In scharfem Gegensatz zum revolutionären, internationalistischen Sozialismus der Anhänger von Karl Marx stellte er sich damit an die Spitze des Teils der seit den sechziger Jahren erstarkenden Arbeiterbewegung, die in gesellschaftlichen und politischen Reformen den einzigen Weg in eine bessere Zukunft sah, frei von Not und Unterdrückung.

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Info 24.09.2017 - 03:07
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