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Der Deutsche Bund zur Zeit der Revolution (1848/49)

Waren es die »tollen Jahre«, wie manche abfällig behaupteten, waren es die »Jahre der verpassten Gelegenheiten« oder war es das »Morgenrot der Freiheit«? – Das Urteil über die dramatischen Ereignisse von 1848 und 1849 schwankte lange. Um die Jahrhundertwende waren sie schon beinahe in Vergessenheit geraten. Das etablierte Bürgertum des Wilhelminischen Deutschland schämte sich der demokratischen Träume und vermeintlichen politischen Sünden seiner Väter. Die Weimarer Republik suchte zwar an den Geist von 1848 anzuknüpfen, aber fast symbolträchtig überlagerte das Schwarz-weiß-rot der Dienst- und Handelsflagge und damit die Wilhelminische Tradition die wieder übernommenen alten Nationalfarben Schwarz-rot-gold von 1848. Und sie verschwanden dann endgültig im sogenannten Dritten Reich. Mit ihnen wurde die Erinnerung an die große bürgerliche Revolution totgeschwiegen, bis nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Jahrhundertfeier 1948 ein neuer Umschwung einsetzte. Doch selbst unsere Zeit neigt je nach der politischen Bewertung in Ost und West dazu, Schwerpunkte und Akzente unterschiedlicher Art zu setzen, wenn heute auch niemand mehr die Bedeutung der Ereignisse von 1848/49 und das Bemühen um eine neue Ordnung im Vorfeld des Kampfes für deutsche Einheit und Freiheit unterschätzt. Einige Probleme bleiben aber trotzdem offen. Schon die Zeitgenossen bewegte beispielsweise die Frage, ob es eines Anstoßes von außen bedurft habe oder ob die Revolution von sich aus gekommen wäre, wie Marx und Engels behaupteten. Eine eindeutige Antwort werden wir hier nicht geben können. Sicher war der Boden vorbereitet, hatte sich die soziale und politische Lage in den einzelnen Ländern des »Deutschen Bundes« in den Jahren des »Vormärz« so verschärft, dass es nur eines Anlasses bedurfte, um einen Umsturzversuch auszulösen. Ebenso sicher haben aber auch die Ereignisse im benachbarten Frankreich auf die Entwicklung entscheidend eingewirkt. Falsch wäre es aber, von der Revolution zu sprechen; denn zumindest beeinflussten zwei unterschiedliche Strömungen das Geschehen: eine liberale, deren Vertreter sich um eine freiheitliche Neuordnung der politischen Verhältnisse in den Einzelstaaten bemühten, und eine nationale, die sich ihrerseits wieder teilte in eine nationaldeutsche Bewegung mit dem Ziel der deutschen Einheit und in die Nationalbewegungen vor allem der nichtdeutschen Bevölkerungsteile der habsburgischen Monarchie, die eine Loslösung aus deren Staatsverband und die Gründung eigener Staaten anstrebten. Das Mit- und Nebeneinander dieser beiden Strömungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten in den verschiedenen Einzelstaaten bestimmten die Ereignisse der Revolutionszeit 1848/49. In Frankreich war es vom 22. bis zum 29. Februar 1848 zum dritten Mal innerhalb von sechzig Jahren zu einer Revolution gekommen, in der Studenten und Arbeiter die Abdankung des Bürgerkönigs Louis Philipp und die Einführung der Republik erzwungen hatten. Drei Tage später brachen in dem Frankreich unmittelbar benachbarten Großherzogtum Baden erste Unruhen aus. Sie waren in ihrer Entwicklung geradezu symptomatisch für die Kräfteverteilung im bürgerlichen Lager; denn deutlich zeichneten sich hier schon eine gemäßigte und eine radikale Strömung ab. Die DDR-Geschichtsschreibung vermeidet diese Unterscheidung und spricht in einer eigenartigen historischen Schizophrenie von liberalen und demokratischen Kräften, als ob die Liberalen keine Demokraten gewesen seien! Forderung demokratischer Freiheiten
Fürsten retten ihre Throne

Unter dem unmittelbaren Eindruck der revolutionären Ereignisse in Frankreich war es schon am Sonntag, dem 27. Februar, auch in Mannheim zu einer großen Volksversammlung gekommen, in der noch das gemeinsame Anliegen der beiden gegensätzlichen Strömungen im Mittelpunkt stand. In einer Petition wurden die wesentlichen Forderungen an die Regierung zusammengefasst: Pressefreiheit, Schwurgerichte, allgemeine Volksbewaffnung und Vereinsrecht. Darüber hinaus wurde aber hier auch erstmals der Ruf nach einem allgemeinen deutschen Parlament laut. Weiterhin hieß es: »Das deutsche Volk hat das Recht zu verlangen: Wohlstand, Bildung und Freiheit aller Klassen der Gesellschaft, ohne Unterschied der Geburt und des Standes.« Verfasser dieses Manifestes war der 1805 in München geborene Rechtsanwalt Gustav von Struve, in der Folgezeit einer der führenden Köpfe des radikalen Flügels, ein in seinen Ideen ungemein konsequenter, wenig kompromissbereiter Mann, doch ohne das Charisma eines Volksführers, der die Massen hätte begeistern können, wie sein Weggefährte Friedrich Hecker. Die badische Regierung war klug genug, auf den Rat liberaler Politiker wie Karl Welcker, Friedrich Bassermann und Karl Mathy zu hören, gab in den wesentlichen Forderungen nach und ersetzte drei als reaktionär geltende Minister durch liberale Politiker. Aber auch solche Zugeständnisse reichten nicht und verhinderten nicht Unruhen unter den Bauern. Erst als am 10. März ein Gesetzentwurf über die Aufhebung aller noch bestehenden Feudallasten aufgenommen wurde, beruhigte sich die Lage wieder etwas. Nur um wenige Tage verschoben, vollzog sich eine gleiche oder ähnliche Entwicklung in allen mittleren und kleineren Staaten. Überall begann es mit Versammlungen und Petitionen, wobei stets die erstmals schon in Baden erhobenen Forderungen nach demokratischen Freiheiten und gleichzeitig nach Einberufung einer nationalen Volksvertretung im Vordergrund standen. Regierungen und Fürsten suchten anfangs abzulehnen oder hinzuhalten, manchmal zögernd, manchmal arrogant selbstsicher. Wenn sie dabei verschiedentlich erwogen, dem allgemeinen Aufruhr mit militärischer Gewalt entgegenzutreten, so wurden sie durch den Gang der Ereignisse doch sehr rasch eines Besseren belehrt und lenkten ein, sodass es in dieser ersten Phase der revolutionären Bewegung glücklicherweise nirgends zu Blutvergießen kam. Stets gingen die Anstöße von den liberalen Kräften des Bürgertums aus, doch kam es verschiedentlich wie in Baden und dann in Nassau auch zu lokalen Aufständen der Bauern. Die kluge Mäßigung der liberalen Politiker erleichterte den eingeschüchterten Fürsten das Nachgeben. Sie beugten sich den Forderungen, bewilligten Versammlungs- und Pressefreiheit, beriefen führende Liberale als Minister und retteten so ihre bedenklich schwankenden Throne. BlusenmännerSchrecken der Obrigkeit und Fürsten – Hoffnung der nach Freiheit Strebenden. Sogenannte »Blusenmänner«, Barrikadenkämpfer von 1848 unter der schwarz-rot-goldenen Fahne. Zeitgenössische Frankfurter Farblithografie. In Bayern stürzt der König
Nur Bayern bildete eine Ausnahme; denn hier stürzte der König, doch nicht wegen seiner reaktionären Haltung, sondern wegen der Liebschaft mit einer Tänzerin. Ludwig I. war dieser Dame zweifelhafter Herkunft, die sich Lola Montez nannte, schon seit 1846 hemmungslos ergeben. Ihren Intrigen gelang es, den ebenso energischen wie erzkonservativen Minister Karl von Abel zu stürzen, der seit 1837 die Staatsgeschäfte leitete. Mit ihm beraubte sich aber Ludwig I. selbst seiner einzigen wirklichen Stütze. Den an sich königstreuen Münchnern wurde die Herrschsucht der Tänzerin zuviel und sie vereinigten sich schon am 7. Februar – also noch vor Ausbruch der Februarrevolution in Frankreich – zu einem Aufruhr, der den König zur Ausweisung seiner Geliebten zwang. Aber die Unruhen dauerten an und erfuhren durch die Ereignisse in den anderen Mittelstaaten neuen Auftrieb. Ludwig I. gab weiter nach und genehmigte die üblichen Forderungen, aber er verkraftete diese Zugeständnisse nicht. Er war zu alt, zu starrsinnig, um sich zu beugen, aber klug genug, im rechten Augenblick seine Grenzen zu erkennen, und so zeigte er sich konsequenter als seine fürstlichen Standesgenossen und verzichtete am 20. März zugunsten seines Sohnes auf die Krone, sehr zur Bestürzung der Münchner. Aufstand in Wien
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Schwergewicht der Revolution schon auf die beiden letzten Bollwerke der Reaktion, nach Österreich und nach Preußen verlagert. Es war bezeichnend für die Lage in Österreich, dass dort die ersten Sturmzeichen aus Preßburg kamen, wo Ludwig (Lajos) von Kossuth vor dem ungarischen Reichstag eine konstitutionelle Monarchie für Ungarn forderte. Seine Anklage gegen das System des allmächtigen Staatskanzlers Metternich löste auch unter den liberalen Bürgern Wiens erregte Zustimmung aus. Den Bürgern folgten schon am 12. März die Studenten mit den gleichen liberalen Forderungen wie in den deutschen Mittelstaaten. Während dort aber alles in erstaunlich gemäßigten Bahnen verlaufen war, überstürzten sich in dem sonst so friedlichen Wien die Ereignisse innerhalb eines Tages. Studentenwachtstube in WienRevolution in Wien. Studentenwachtstube in der alten Wiener Universität. Aquarell von Franz Schams, 1848. Wien, Historisches Museum. Schon am Morgen des 13. März drängten sich die Massen vor dem Ständehaus, wo die niederösterreichischen Provinzstände tagen sollten. Von ihnen erhoffte man eine Unterstützung der konstitutionellen Forderungen. Bald stießen auch an die zweitausend Studenten zu den erregten Bürgern, von denen die ersten Gruppen schon in das Ständehaus eindrangen. Noch konnte der Landesmarschall Montecuccoli die Menge zurückhalten, indem er ihr versprach, die Petitionen persönlich in die Hofburg zu bringen. Da aber setzte gegen Mittag Erzherzog Albrecht als Oberkommandierender seine Truppen ein, um die Straßen säubern zu lassen. Vor dem Ständehaus kam es zu einem Zusammenstoß mit den Demonstranten, und unter den Salven der Soldaten brachen die ersten Opfer dieser Revolution zusammen. Die Schüsse lösten den allgemeinen Aufruhr in der Innenstadt aus, und an verschiedenen strategisch wichtigen Plätzen wurden Barrikaden errichtet. Bürger, Studenten und die Arbeiter aus den Vorstädten kämpften Schulter an Schulter. Fleischmarkt, Mai 1848Barrikade am Fleischmarkt, Mai 1848. Lithografie von Joseph Heicke. Während sich der Tumult zuspitzte und auch auf die Vorstädte übergriff, herrschte in der Hofburg um Kaiser Ferdinand völlige Ratlosigkeit. Anfangs hatte Metternich noch von leicht niederzuwerfenden Straßenkrawallen gesprochen. Als man dann das volle Ausmaß der Empörung erkannte, forderte ein Teil der Erzherzöge und Berater ein scharfes Vorgehen der Armee, während eine gemäßigte Gruppe zum Einlenken riet. Eine Wende bahnte sich am Spätnachmittag an, als die Bürgergarde eine Deputation in die Hofburg entsandte und Abzug der Truppen, Bewaffnung der Studenten und Rücktritt des Fürsten Metternich bis 21 Uhr forderte, sonst würde sie sich an die Spitze der Bewegung stellen. Metternich muss gehen
Noch war Metternich nur zur Bewilligung eines Pressegesetzes bereit, als aber auch in der Staatskonferenz der Ruf nach seiner Abdankung laut wurde, gab der Staatskanzler überraschend nach und trat zurück. Mehr als dreißig Jahre lang hatte er diplomatisch, klug und allmächtig nicht nur die Geschicke Österreichs gelenkt, sondern auch die Entwicklung im »Deutschen Bund« und darüber hinaus in West- und Mitteleuropa oft unheilvoll beeinflusst. Nun hatte es nur eines einzigen Ansturms und weniger Stunden bedurft, um ihn zu Fall zu bringen. Schon am 14. März verließ er heimlich und unter falschem Namen Wien, um über Mähren und Deutschland nach England ins Exil zu gehen. Die Nachricht vom Rücktritt Metternichs verbreitete sich zwar rasch durch die ganze Stadt, trug aber nur wenig zu einer allgemeinen Beruhigung bei. Im Laufe des 14. März bewilligte der Kaiser zwar die Aufstellung einer Nationalgarde und hob die Zensur auf, eine konstitutionelle Verfassung wurde aber nur mit wenigen Worten versprochen. Die Ernennung des als reaktionären Scharfmachers bekannten Fürsten Windischgrätz zum Zivil- und Militärgouverneur von Wien ließ für die Zukunft wenig Gutes erhoffen. Immerhin trat am 15. März erst einmal Ruhe ein. Berlin – Brutales Eingreifen des Militärs
Drei Tage später erfasste die Revolution als letzten Staat auch Preußen. Gekriselt hatte es hier schon seit dem 6. März. Es waren Tage der »Adressen« (= Proklamationen) und Adressdebatten gewesen, Polizei und Zensur hatten aber weitergearbeitet, ausländische Zeitungen waren konfisziert worden, bis sich dann am Abend des 13. die Unruhen plötzlich steigerten. Die Regierung hatte damit gerechnet und setzte sofort rücksichtslos Truppen ein, um die Demonstranten von vornherein einzuschüchtern. Doch damit erreichte man nur das Gegenteil. Schon die zeitgenössischen Beobachter waren sich einig, dass gerade die dauernde Bedrohung durch die Soldaten die Spannungen nur noch steigerte und Liberale wie Radikale zusammenschweißte. Trotzdem vollzog sich die Entwicklung hier langsamer als in Wien, und die Ereignisse wiederholten sich gleichsam in Zeitlupe. Am 14. ging die Kavallerie erstmals gegen demonstrierende Bürger vor und hieb auf sie ein, tags darauf wurden Barrikaden errichtet, und am 15. fielen die ersten Schüsse. Noch zögerte aber König Friedrich Wilhelm IV. eine Entscheidung hinaus, erst die Nachrichten von den Ereignissen in Wien bestimmten ihn zum Handeln. Er selbst wollte sich an die Spitze einer konstitutionellen Bewegung in Deutschland stellen und damit den Einfluss Österreichs endgültig ausschalten. Aber es war zu spät. Als der König am Mittag des 18. vom Balkon des Schlosses aus der versammelten Menge auf dem Schlossplatz die Aufhebung der Zensur und die Einberufung des Landtags verkünden wollte, forderten die Demonstranten lautstark den Abzug des Militärs. Friedrich Wilhelm befahl, »dem Skandal ein Ende zu machen« und den Platz durch Kavallerie und Infanterie zu säubern. In dieser äußerst gespannten Situation fielen plötzlich zwei Schüsse, und schlagartig brandete die allgemeine Empörung auf. Man hat später versucht, den Ausbruch der Revolution auf radikale oder ausländische Wühlarbeit zurückzuführen, doch war es in erster Linie der aufgestaute Hass gegen die bedrohende Präsenz des Militärs, der die Berliner auf die innerhalb kürzester Zeit entstandenen rund tausend Barrikaden trieb. Dabei kam es zu harten Kämpfen. Nach zeitgenössischen Schätzungen standen 14000 Soldaten etwa 4000 Aufständischen gegenüber, doch scheint letztere Zahl etwas zu niedrig angesetzt. Sicher aber waren die Barrikadenkämpfer, die aus allen Schichten der Bevölkerung kamen, den Truppen weit unterlegen, doch glichen sie diesen Mangel durch verbissene Tapferkeit aus. Berlin: März 1848Revolution in Berlin. Barrikaden in der Breiten Straße in der Nacht vom 18. zum 19. März 1848. Zeitgenössische Farblithografie. Im Gegensatz zu Wien, wo sich die Regierung der loyalen Haltung der Truppe nie sicher sein konnte, hielten die preußischen Soldaten treu zu ihrem König, verübten aber immer wieder unerhörte Grausamkeiten und Rohheiten gegenüber unterlegenen Barrikadenkämpfern. In der Nacht zum 19. schrieb der König den Aufruf »An meine lieben Berliner«, in dem er versprach, die militärische Besetzung der Hauptstadt auf das Schloss und die wichtigsten Gebäude zu beschränken; aber sein Beschwichtigungsversuch blieb ohne Erfolg. Als ihn dann mehrere Deputationen bestürmten, gab der immer unsicherer gewordene Monarch schließlich den Befehl zum Abzug der Truppen, lediglich Schloss und Zeughaus sollten gesichert werden. Aber der angeblich über die »Feigheit« des Königs erbitterte General v. Prittwitz ließ auch diese beiden Orte räumen, sodass ganz Berlin »schutzlos in der Gewalt der Aufständischen« war, wie es Bismarck später einmal dramatisierte. Der König unter der schwarz-rot-goldenen Fahne?
Dass es zu keinen größeren Ausschreitungen kam, spricht für die Besonnenheit und Ruhe der Berliner, unter denen sich nicht wie in Wien radikale und randalierende Elemente durchsetzen konnten. Für wenige Stunden nur richtete sich die ganze Erregung gegen den König. Am Mittag des 19. wurden die Leichen der in den Kämpfen gefallenen Revolutionäre (»Märzgefallene«) in den Schlosshof gebracht, und die begleitende Menge erzwang durch lautes Rufen das Erscheinen Friedrich Wilhelms auf einem Balkon, wo er sich vor den Toten verneigte. Die Aufbahrung der MärzgefallenenMenzels berühmtes, engagiertes Bild: »Die Aufbahrung der Märzgefallenen«. Hamburg, Kunsthalle. Es blieb bei diesem gutgemeinten Akt, und der Volkszorn richtete sich nun gegen Prinz Wilhelm, den Bruder des Königs, in dem man zu Recht den Scharfmacher unter der Hofkamarilla vermutete. Sein Palais wurde besetzt, er selbst musste nach England ins Exil gehen. Noch am gleichen Tage genehmigte der König die Bewaffnung der Bürgergarde und entließ die verhassten vormärzlichen Minister. Ein Übergangskabinett regierte nur zehn Tage, um dann dem liberalen Ministerium des Ludolf Camphausen Platz zu machen. Am 21. März unternahm Friedrich Wilhelm IV., geschmückt mit den schwarz-rot-goldenen Farben, einen Umritt durch die Stadt. Die moderne Geschichtsschreibung spricht von einem »Versuch, sich an die Spitze der Revolution zu stellen«, da er am Abend dieses Tages in einer neuerlichen Proklamation verkündete: »Preußen geht fortan in Deutschland auf.« Wenn allerdings die erst 1881 bekanntgewordene Aussage eines an sich zuverlässigen Augenzeugen, des späteren Polizeichefs Stieber, stimmen sollte, hatte die Stelle des Königs ein ihm ähnlicher und entsprechend maskierter Hofschauspieler eingenommen, und der ganze Umritt war nur ein effektvoller Theatercoup gewesen. Einen Tag danach wurden die 190 in den Kämpfen umgekommenen Zivilisten, darunter fünf Frauen und zwei Kinder, unter der Anteilnahme ganz Berlins feierlich zu Grabe geleitet. Die Beisetzung der zwanzig gefallenen Soldaten erfolgte in aller Stille, »ohne Sang und Klang eingescharrt«, wie die konservative Kreuzzeitung sarkastisch feststellte. Berlin: Friedrich Wilhelm IV.Beschwichtigung und Verachtung. Umritt Friedrich Wilhelms IV. in Berlin, 21. März 1848. Neuruppiner Bilderbogen. Brennpunkt Frankfurt
Ein auffallendes Kennzeichen der dramatischen Wochen und Monate dieser Revolution bildet die deutliche Trennung einzelner Phasen und Schwerpunkte. Dem unbefangenen Laien mag das Geschehen zwar für den ersten Augenblick reichlich verwirrend erscheinen, tatsächlich aber glich das Gebiet des »Deutschen Bundes« einer gewaltigen Simultanbühne, auf der sich in einem gedrängten, aber doch unverkennbaren Nacheinander die Ereignisse in Einzelszenen abspielten und nur manchmal ineinander übergingen oder parallel liefen. Diese Tatsache erleichtert dem Historiker die Darstellung, kann er doch auf dieser imaginären Bühne gleichsam die Rolle des Beleuchters übernehmen, Szene um Szene in das Scheinwerferlicht rücken und so die Aufmerksamkeit des Beobachters von Schwerpunkt zu Schwerpunkt lenken. Nach den Mittelstaaten und den beiden Großmächten Österreich und Preußen bildete Frankfurt a. M. einen weiteren solchen Schwerpunkt, war das Geschehen hier wohl am bedeutungsvollsten für die weitere demokratische Entwicklung Deutschlands. Drei Jahrzehnte lang hatte in dieser Stadt der »Bundestag« sein unrühmliches Dasein als Diplomatenpfründe von Metternichs Gnaden gefristet. Die verschreckten Gesandten hatten schon am 1. März an die »alte Treue« und die »reife Einsicht des deutschen Volkes« appelliert, schließlich eine Revision der Bundesverfassung in Aussicht gestellt und am 10. März das bisher verpönte Schwarz-rot-gold (die aus den vermeintlichen alten Reichsfarben abgeleiteten Farben der Deutschen Burschenschaft) zu den neuen amtlichen Farben für Flagge und Wappen erklärt. Damit erschöpfte sich aber das demokratische Selbstverständnis. Die Paulskirche
Auf dem Weg zu »Vorparlament« und Nationalversammlung

Neue Impulse kamen aus Heidelberg, wo am 5. März eine Gruppe von einundfünfzig liberalen Politikern aus dem Süden und Westen Deutschlands zusammengekommen war und die möglichst rasche Einberufung eines deutschen Parlaments forderte. Diese Politiker gründeten einen Ausschuss von sieben Männern, darunter Heinrich von Gagern (Hessen) und Karl Welcker (Baden), die ihrerseits alle Vorbereitungen zur Einberufung einer parlamentarischen Versammlung, eines »Vorparlaments«, treffen sollten. Die Einladung dazu war an »alle früheren oder gegenwärtigen Ständemitglieder und Teilnehmer an gesetzgebenden Versammlungen in allen deutschen Ländern gerichtet«, aber bei dieser Beschränkung blieb es keineswegs, denn begeisterte Bürgerkomitees wählten in den Städten ihre eigenen Vertreter, sodass schließlich zum vereinbarten Termin am 31. März in Frankfurt an die fünfhundert Delegierte eintrafen, wo sie in der ehemaligen Paulskirche ihre Beratungen begannen. Nach den blutigen Tagen von Wien und Berlin, die keine zwei Wochen zurücklagen, richteten sich die nationalen Hoffnungen aller Deutschen auf diese Versammlung, von der man die Vorbereitungen für die Schaffung eines einigen deutschen Staates erwartete. Aber die allgemeine Begeisterung sollte nur allzu rasch wieder gedämpft werden, denn von Anfang an zeigten sich unüberbrückbare Gegensätze zwischen Republikanern und Monarchisten. Zwar brachten die ersten beiden Sitzungen erstaunlich rasch konkrete Ergebnisse über den Wahlmodus für eine künftige Nationalversammlung, dann aber forderten Gustav Struve (* 1805, † 1870) und Friedrich Hecker (* 1811, † 1881), die Führer der radikalen Republikaner, das Vorparlament solle in Permanenz tagen und die Ausrufung der Republik vorbereiten. Es kam zu heftigen Rededuellen, wobei sich die Mehrheit heftig gegen diese Pläne stellte. Selbst ein Abgeordneter wie der Würzburger Arzt Eisenmann, der wegen seiner politischen Einstellung fünfzehn Jahre in einem bayerischen Kerker geschmachtet hatte, verkündete laut: »Ich lebe und sterbe für die konstitutionelle Monarchie!« Struve, Hecker und SchimmelpenningVom Parlamentarier zum Freischärler: Struve, Hecker und Schimmelpenning als Führer der Freischaren im badischen Oberland. Kolorierter Stahlstich, 1848. Konstanz, Rosgarten-Museum. Die Spannungen entluden sich in der 3. Sitzung am 2. April, als die überwiegende Mehrheit der Delegierten den Permanenzantrag ablehnte und daraufhin Hecker, Struve und etwa vierzig weitere radikale Republikaner den Sitzungssaal verließen. Diese Spaltung konnte in der 4. und letzten Sitzung am 3. April nicht mehr überbrückt werden. Hecker und Struve
Kampf mit badischen und hessischen Truppen

Während das »Vorparlament« einen sogenannten 50er-Ausschuß bestimmte, der die Wahlen zur deutschen Nationalversammlung vorbereiten sollte, gingen Hecker und Struve nach Baden, um dort ihre republikanischen Pläne mit einem Putsch durchzusetzen. Unterstützt wurden sie dabei von dem Dichter Georg Herwegh (* 1817, † 1875), der in Paris eine »Deutsche Legion« gründete und mit ihr nach Baden ziehen wollte, wo Hecker am 12. April in Konstanz die Republik ausrief. Das ebenso begeistert wie dilettantisch vorbereitete Unternehmen war von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil seine Initiatoren die Zustimmung der Bevölkerung überschätzten. Auch Heckers Freischaren erhielten nur geringen Zulauf; mit nur 1200 Mann trat er schlecht bewaffnet am 20. April bei Kandern hessischen und badischen Truppen gegenüber und wurde nach kurzem Kampf geschlagen. Struves Haufe erlitt bei Steinen ein gleiches Schicksal. Bauern aus dem Schwarzwald, die am 22. April Freiburg besetzten, wurden schon zwei Tage später wieder vertrieben. Unrühmlich endete auch die von Herwegh und seiner Frau herbeigeführte Pariser Freischar in Stärke von vierhundert Mann. Eine Kompanie Württemberger zersprengte sie am 27. bei Dossenbach und trieb die Flüchtenden über die Schweizer Grenze. Zwei Wochen nur hatte der ganze Putsch gedauert, den die aufgeschreckten Zeitgenossen nur spöttisch als Farce bezeichneten, während moderne Historiker den Idealismus vor allem Heckers betonen. Ein kritisches Urteil gab Robert Blum ab, der zu den aufrechtesten demokratischen Republikanern gehörte. Am 8. Mai schrieb er: »Hecker und Struve haben das Land verraten nach dem Gesetz – das wäre eine Kleinigkeit; aber sie haben das Volk verraten durch ihre wahnsinnige Erhebung; es ist mitten in seinem Siegeslauf aufgehalten worden, das ist ein entsetzliches VerbrechenMag das Wort »Siegeslauf« auch übersteigert erscheinen, so hatte er doch insofern recht, als der Putsch der jungen demokratischen Idee mehr schadete als nutzte und die Furcht vor möglichen anderen Aufständen das Umsichgreifen reaktionärer Tendenzen förderte. Preußische Intervention in Schleswig-Holstein
Baden war aber nicht das einzige Gebiet, wo Truppen im Auftrag des »Deutschen Bundes« kämpften. Im Norden hatte sich nämlich eine Entwicklung angebahnt, die nicht mit der Revolution zusammenhing, doch zeitweilig von schicksalhafter Bedeutung für die junge demokratische Bewegung werden sollte. In der etwas verworrenen Erbfrage um das Herzogtum Schleswig hatte man dort, um Plänen der »Eider«-Dänen entgegenzutreten, die Schleswig Dänemark einverleiben wollten, zusammen mit Holstein am 22. März eine eigene provisorische Regierung gebildet und die Aufnahme in den »Deutschen Bund« beantragt. Zur Unterstützung und zum Schutz der Herzogtümer waren preußische Truppen in Jütland eingerückt und hatten gerade in den Tagen des Heckerputsches beachtliche Erfolge im Kampf gegen Dänemark erzielt. Für Friedrich Wilhelm IV. war das ein gefährliches militärisches und politisches Unternehmen. Zwar begründete er sein Eingreifen aus dem Bemühen, »einer republikanischen Erhebung zuvorzukommen«, tatsächlich aber isolierte er sich damit machtpolitisch; denn die europäischen Großmächte – allen voran Russland – sahen in seinem Vorgehen eine Störung des Gleichgewichts. Wahl der Verfassunggebenden Nationalversammlung
Nur ein »Professorenparlament«?

In diesen in Süd wie Nord gleichermaßen unruhigen Tagen fanden im gesamten Gebiet des »Deutschen Bundes« – also auch in den österreichischen Teilen – die Wahlen für die geplante Nationalversammlung statt, und am 18. Mai hielten die Abgeordneten unter Geschützdonner und Glockengeläut, begleitet vom Jubel und den Hoffnungen ganz Deutschlands und Österreichs, ihren Einzug in die Paulskirche. Zum ersten, aber auch einzigen Male saßen die frei gewählten Vertreter aller deutschen Stämme gemeinsam in einem Parlament, nicht jedoch die Repräsentanten aller Bevölkerungsschichten; denn unter den rund 600 Abgeordneten, die im Laufe der Tagungszeit nach Frankfurt kamen, dominierten Intellektuelle, Professoren, Beamte, Richter, Ärzte, dazu kamen noch ein paar Geistliche, Grundbesitzer und Kaufleute, aber nur zwanzig gehörten dem Kleinbürgertum, drei dem Bauernstand an, während Arbeiter überhaupt nicht vertreten waren. Man hat abfällig von einem »Professorenparlament«, von einer Versammlung weltfremder Theoretiker gesprochen, aber selten wohl hat ein Parlament so viele bedeutende Köpfe in seinen Reihen gesehen wie diese Versammlung in der Paulskirche. Ludwig Uhland, Jacob Grimm, Ernst Moritz Arndt, der berühmte Orientreisende Fallmerayer, die Historiker Droysen, Waiz, Gervinus gehörten ebenso zu den Mitgliedern wie bekannte Juristen oder Theologen (z. B. Ignaz Döllinger oder der »Arbeiterbischof« Ketteier) und natürlich auch die meisten der in den Jahren des »Vormärz« als »Demagogen« verfemten und verfolgten Männer. Zum ersten Präsidenten des Parlaments wurde der Reichsfreiherr Heinrich von Gagern gewählt, einer der führenden Köpfe der liberalen Bewegung. Wenn ihn auch die Geschichtsschreibung als »einen Verräter der Bourgeoisie an den Interessen der Revolution« bezeichnet, so ist tatsächlich doch seine liberale und demokratische Grundhaltung, vor allem aber seine Fähigkeit als integrierender Leiter der Versammlung unbestritten, und schon Zeitgenossen haben ihn zu Recht mit dem Grafen Mirabeau verglichen, dessen mäßigender Einfluss die erste Phase der Französischen Revolution geprägt hatte. Erste Fraktionen – Vorläufer der Parteien
Parteien im heutigen Sinn gab es noch nicht, doch bildeten sich bald eine Art von Fraktionen, die ihren Namen nach den Frankfurter Wirtshäusern erhielten, in denen sie sich trafen. Deutlich lassen sich dabei drei Gruppen unterscheiden: eine ziemlich unbedeutende konservativ-reaktionäre, eine republikanische mit einem extrem linken Flügel und die große Mitte, der die liberalen, kompromissbereiten und gelegentlich auch kompromisslerischen Vertreter des konstitutionell-monarchischen Gedankens angehörten. Stützten sich die Konservativen auf die Regierungen der Einzelstaaten, hofften die Republikaner trotz mehrfacher Debakel stets auf die Unterstützung der Massen, so suchten die Liberalen auch hier eine Mittellinie zu beziehen und eine demokratische Neuordnung in Verbindung mit einer starken Zentralgewalt und zumindest nicht im Gegensatz zu den Einzelstaaten zu schaffen. Der Historiker Leopold von Ranke hat einmal Stärke und Schwäche des Frankfurter Parlaments mit wenigen Worten charakterisiert: »Die Frankfurter Versammlung ist dadurch einzig in ihrer Art, dass in ihrer Mitte alle Fragen über das Gesamtleben der Nation in freier Diskussion erörtert wurden, und die verschiedensten Standpunkte wie in einer aneinanderschließenden Kette ihre Vertreter fanden. Sie war gleichsam eine Akademie der politischen Wissenschaften in Bezug auf die nationalen Anliegen [... aber] tatsächlich ohne MachtEin Reichsverweser als provisorische Zentralgewalt
Die Abgeordneten spürten diese Ohnmacht und drängten daher auf die Schaffung einer provisorischen Zentralgewalt in der Person eines Reichsverwesers. Der klägliche Versuch, den preußischen König für dieses Amt vorzuschlagen, endete im Hohngelächter der überwiegenden Mehrheit des Hauses. Dann aber lenkte Gagern geschickt die Aufmerksamkeit auf Erzherzog Johann, den Bruder des österreichischen Kaisers und populärstes Mitglied des Hauses Habsburg, »ein kluger und ehrgeiziger alter Herr«, wie ihn ein Zeitgenosse charakterisierte. Tatsächlich hatte man mit ihm den richtigen Mann berufen, denn Politiker wie Fürsten anerkannten ihn gleichermaßen. Unmittelbar nach der Wahl übertrug der Bundestag in Frankfurt alle seine Rechte und Pflichten auf das neue provisorische Staatsoberhaupt, dem ein neunköpfiges Reichsministerium (Auswärtiges, Krieg, Finanzen usw.) zur Seite trat. Erzherzog JohannHuldigung des Reichsverwesers Erzherzog Johann in Berlin am 6. August 1848. Neuruppiner Bilderbogen. Die Schaffung einer wenigstens provisorischen Zentralgewalt war ein beachtlicher Erfolg der Nationalversammlung. Ihre dringlichste Aufgabe wäre es nun gewesen, die Verfassung vorzubereiten, aber die Abgeordneten schreckten vor den sich dabei auftürmenden Problemen zurück und wählten einen bequemeren Weg, indem sie am 3. Juli die Beratung der »Grundrechte des deutschen Volkes« beschlossen. So wichtig diese Grundrechte für das politische Selbstverständnis waren und so nachhaltig sie auch in die Zukunft hineinwirkten, so verlor man doch mit Beratungen bis Mitte September kostbare Zeit. Die Redewut der Parlamentarier war grenzenlos. Bereits am 6. Juli lagen zu den rund hundert Paragrafen des Grundrechtsentwurfs weitere dreihundertfünfzig Änderungsanträge vor. Da sich im Durchschnitt für jeden Paragrafen bzw. Antrag etwa zehn Redner zu Wort meldeten, musste mit rund 4500 Rednern allein zu diesen Grundrechten gerechnet werden! Text der Zeit
Aus der Rede für ein Wahlkaisertum

Ludwig Uhland 1849
Ich gestehe, einmal geträumt zu haben, dass der großartige Aufschwung der deutschen Nation auch bedeutende politische Charaktere hervorrufen werde, und dass hinfort nur die Hervorragendsten an der Spitze des deutschen Gesamtstaates stehen werden. Dies ist nur möglich durch Wahl, nicht durch Erbgang. [...] Aber in jener Zeit, als wir noch im deutschen Volk einen vollen Rückhalt hatten, als die Staatsmänner noch nicht darauf verzichten mussten, Volksmänner zu sein, wenn wir damals einen Mann gewählt hätten, einen solchen, der in der ganzen Größe bürgerlicher Einfachheit durch den Adel freierer Gesinnung auch die rohe Gewalt zu bändigen, die verwilderte Leidenschaft in die rechte Strömung zu lenken verstanden hätte, gewiss, einem solchen wäre das gesamte deutsche Volk eine Hausmacht gewesen. Ein Hauch jenes ursprünglichen Geistes gab sich noch kund in dem Beschluss der Volksvertretung, lediglich aus der ihr vom Volke verliehenen Macht einen Reichsverweser zu wählen. Ein Fürst wurde gewählt, nicht weil, sondern obgleich er ein Fürst war. Beigefügt war aber die Unverantwortlichkeit und somit bereits in die konstitutionelle Richtung eingelenkt. Besonders infolge dieser Verbindung habe ich nicht für einen Fürsten gestimmt; ich sah schon den doktrinären Erbkaiser auftauchen, dessen Widersacher ich war, als er noch bei den Siebzehnern in den Windeln lag, und der mir auch nicht lieber geworden ist, nun er ernstliche Versuche macht, auf den deutschen Thronsessel zu klettern. Seit jener Wahl ist die Stimmung weiter zurückgegangen, und der neueste Beschluss beschränkt die Wahl auf die regierenden Fürsten. Diese Beschränkung kann allerdings auch so gefasst werden, dass die regierenden Fürsten eben vermöge ihres Regentenberufes, nicht in ihrer dynastischen Eigenschaft zum Oberhaupt würden gelangen können; denn andere Mitglieder der dynastischen Geschlechter sind ausgeschlossen. Das Wahlrecht in sich ist noch vorhanden, aber allerdings der Kreis der zu Wählenden um vieles verengt. Es ist auch die periodische Wahl das, wodurch der äußerste Partikularismus noch beseitigt werden kann, der Partikularismus, durch welchen ein Fürstenhaus und ein Einzelstaat als Volk Gottes immer über die anderen gestellt wird, welche eben damit in das Verhältnis des Dienens treten würden. Die einmalige Wahl, vermöge welcher das zum ersten Mal gewählte Oberhaupt die Würde vererben würde, diese erste Wahl ist ein Letzter Wille, ein besonders feierlicher Verzicht auf das Wahlrecht. Ich hoffe, sie werden diesen Verzicht nicht aussprechen; er steht im Widerspruch mit dem Geist, durch den Sie hierher gerufen sind. Die Revolution und ein Erbkaiser – das ist ein Jüngling mit grauen Haaren. Ich lege noch meine Hand auf die alte offene Wunde, den Ausschluss Österreichs. Ausschluss, das ist doch das aufrichtigste Wort; denn wenn ein deutsches Erbkaisertum ohne Österreich beschlossen wird, so ist nicht abzusehen, wie irgendeinmal noch Österreich zu Deutschland treten werde. Auch hier glaube ich an die erste Zeit erinnern zu müssen. Als man Schleswig erobern wollte, wer hätte da gedacht, dass man Österreich preisgeben würde? Als die österreichischen Abgesandten mit den deutschen Fahnen und den Waffen des Freiheitskampfes in die Versammlung des Fünfziger-Ausschusses einzogen und mit lautem Jubel begrüßt wurden, wem hätte da geträumt, dass vor Jahresablauf die österreichischen Abgeordneten ohne Sang und Klang aus den Toren der Paulskirche abziehen sollten? Die deutsche Einheit soll geschaffen werden; diese Einheit ist aber nicht eine Ziffer, sonst könnte man fort und fort den Reichsapfel abschälen, bis zuletzt Deutschland in Liechtenstein aufginge. Eine wahre Einigung muss alle deutschen Ländergebiete zusammenfassen. Das ist eine stümperhafte Einheit, die ein Drittteil der deutschen Länder außerhalb der Einigung lässt. Dass es schwierig ist, Österreich mit dem übrigen Deutschland zu vereinigen, wissen wir alle; aber es scheint, manche nehmen es auch zu leicht, auf Österreich zu verzichten. Manchmal, wenn in diesem Saale österreichische Abgeordnete sprachen und wenn sie gar nicht in meinem Sinne redeten, war mir doch, als ob ich eine Stimme von den Tiroler Bergen vernähme oder das Adriatische Meer rauschen hörte. Wie verengt sich unser Gesichtskreis, wenn Österreich ausgeschlossen ist! Die westlichen Hochgebirge weichen zurück, die volle und breite Donau spiegelt nicht mehr deutsche Ufer. Es genügt nicht, staatsmännische Pläne auszusinnen und abzumessen, man muss sich in die Anschauung, in das Land selbst versetzen, man muss sich vergegenwärtigen die reiche Lebensfülle Deutschösterreichs. Welche Einbuße wir an Macht, an Gebiet, an Volkszahl erleiden würden, das ist hinreichend erörtert, ich füge nur eins bei: Deutschland würde ärmer um all die Kraft des Geistes und Gemütes, die in einer deutschen Bevölkerung von acht Millionen lebendig ist. Ich glaube, dass, wenn wir mit einem Bundesstaat ohne Österreich nach Hause kommen, unser Werk nicht überall wird gelobt werden; ich glaube dies namentlich von dem südlichen Deutschland sagen zu können. [...] Wir wollen einen Dombau: wenn unsere alten Meister ihre riesenhaften Münster aufführten, der Vollendung des kühnen Werkes ungewiss, so bauten sie den einen Turm und für den andern legten sie den Sockel, – der Turm Preußen ragt hoch auf wahren wir die Stelle für den Turm Österreich! [...] Mitten in der Zerrissenheit dieser Versammlung war mir das ein erhebendes Gefühl, dass, so sehr wir uns oft untereinander aufbäumen, wir dennoch durch das nicht mehr zu brechende, im Volksbewusstsein gefestigte Gebot der deutschen Einheit wie mit eisernen Banden zusammengeschmiedet sind; trennen Sie Österreich ab, so ist das Band zerschlagen. Zum Schlusse: Verwerfen Sie die Erblichkeit, schaffen Sie keinen herrschenden Einzelstaat, stoßen Sie Österreich nicht ab, retten Sie das Wahlrecht, dieses letzte fortwirkende Wahrzeichen des volksmäßigen Ursprungs der neuen Gewalt. Glauben Sie, meine Herren, es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem vollen Tropfen demokratischen Öls gesalbt ist!
Nach: Petzet, W. u. Sutter O. (Hrsg.): »Der Geist der Paulskirche. Aus den Reden der Nationalversammlung«, Frankfurt 1923. (Ludwig Uhland, * 1787, † 1862, der schwäbische Dichter und Germanist, gehörte in der Paulskirche zur Linken des »Zentrums«. Text der Zeit
Die Nationalversammlung in der Paulskirche 1848

Bericht von Wilhelm Zimmermann
Der Raum, worin die Versammlung tagte, war noch geschmackvoller und glänzender ausgeschmückt als im Vorparlament; die blendend weiße hohe Kirche zeigte jede Figur im hellen Lichte und die riesenhaften Fensternischen waren mit grünem Tuch verhangen, und über dem Bureau des Präsidiums waren die roten Vorhänge prachtvoll geworden. Keinen Tag waren die oberen Galerien mäßig voll; selbst in den Tagen, wo nur abgestimmt wurde, brachen sie fast unter dem Gedränge der Zuhörer, die beim Namensaufruf der Abgeordneten jede Abstimmung sich merkten und bald laut, bald leise kritisierten. Unten waren große Räume für die Zuhörer abgeteilt, hart an den Bänken der Abgeordneten; rechts vom Bureau und links fassten diese Zuhörergalerien die Versammlung wie mit zwei mächtigen Armen; oft drängten sich gegen tausend Zuhörer hier zusammen, Herren und Damen, deren Galerien jedoch voneinander abgeschieden waren. Nach der Rechten hin, gegenüber vom Präsidium war die sogenannte Diplomatengalerie. Da sah man die Gesandten von Frankreich und England, von Russland und Nordamerika, von Königen und Fürsten jeden Ranges, wie sie die Geburt und das Wachstum einer deutschen Nation belauschten und überwachten, und um sie her die Bankiers von Frankfurt, die Börsenmänner, auch viele von auswärts. Stundenlang harrten oft innen und jetzt wieder außen an der unmittelbar der Paulskirche gegenüber liegenden Börse die Männer der großen Geldgeschäfte auf eine Abstimmung in der Nationalversammlung, wie auf eine Entscheidung über Leben und Tod. Mehr als einmal sollen auch Männer dieser Galerie, wenn durch Aufstehen oder Sitzenbleiben abgestimmt wurde, mit aufgestanden sein, als wären sie Mitglieder der Nationalversammlung. Einmal, in dem entscheidendsten Augenblick, wurde das nachher mit Beweis erhoben, und mit Namensnennung ohne Widerspruch von der Tribüne verkündet. Zunächst an ihnen sah man die Aristokratie Frankfurts, der umliegenden Fürstenstädte und was von Fremden noch Karten für die einzelnen Sitzungen erlangen konnte; denn alle unteren Galerien waren nur mit Karten zugänglich. Die damals schon in drei Linien vollendeten Eisenbahnen brachten von drei Seiten täglich viele Auswärtige; und eine große Zahl von Fremden, oft aus weitester Ferne her, hatte über die Dauer des Parlaments bleibend Sitz in Frankfurt genommen. Auf dieser Seite vorn in der ersten Bänkereihe, wie oben auf der Galerie, saß die Mehrheit der Journalisten, die in Hunderte von Blättern, selbst in französische oder englische, über die Sitzungen berichteten. Schon auf dieser Galerie waren einige Bänke für die Damen abgeteilt. Der Fürst Lichnowsky hatte es bei dem Präsidium herausgeschlagen, dass ein Teil dieses Raumes, welcher der Rechten und äußersten Rechten gerade vor Augen lag, dem schönen Geschlecht zur Benützung freigegeben wurde. Aber nur wenige Damen setzten sich auf die Rechte; nur wenn die anderen ihnen zugewiesenen Räume an einzelnen Tagen übervoll waren, zogen sie sich zum Teil rechts hinüber. Die meisten zogen es vor, [lieber] vier und fünf Stunden lang links zu stehen als rechts zu sitzen. Eine kleine Galerie über dem Haupte des Präsidiums war fast ausschließlich von solchen Damen besucht, welche rechts gesinnt waren, und zwar österreichisch rechts; denn als später die Trennung zwischen österreichischem und preußischem Patriotismus eintrat, sah man Damen, die bis dahin jenes Galeriechen täglich besucht hatten, einige Male sogar von Kopf bis Fuß schwarzweiß aufgeschmückt, nur auf der Linken Platz zum Stehen oder zum Sitzen suchen. Die eigentliche Damengalerie war nämlich links. [Hier ...] standen und saßen die Frauen in fünf Bänkereihen, die links vom Bureau hinauf zu dem sogenannten Berg der äußersten Linken sich zogen, und ihre Herzen glühten und kämpften mit und folgten jedem Ausfall eines ihrer Lieblinge. [...]
Aus: »Die deutsche Revolution« von Wilhelm Zimmermann. (Der Verfasser, * 1807, † 1878, war eines der württembergischen, zur Linken gehörenden Mitglieder der Nationalversammlung.) Schleswig-Holstein
Nach dem Aussterben seines Herzogsgeschlechts im Jahre 1375 wurde das Herzogtum Schleswig erstmals mit der damaligen Grafschaft Holstein vereint. 1460 wählten die Stände beider Länder den Dänenkönig Christian I. zu ihrem Landesherrn. Dieser gelobte, dass sie »up ewig ungedeelt« bleiben sollten. 1474 wurde dann auch Holstein zum Herzogtum erhoben. Die folgenden dreihundert Jahre waren gekennzeichnet von Erbstreitigkeiten, mehrfachen Trennungen und Wiedervereinigungen. Von 1773 an bildeten die beiden Herzogtümer zusammen mit Dänemark einen »Gesamtstaat«. Grund zu neuen Spannungen wurde durch den »Wiener Kongress« gelegt, der Holstein zu einem Glied des »Deutschen Bundes« erklärte, nicht aber Schleswig. Das führte zum Versuch der Dänen, die alte staatsrechtliche Verbindung der beiden Herzogtümer zu lösen und Schleswig stärker an Dänemark zu binden. König Friedrich VII. verkündete schließlich am 21. März 1848 die Einverleibung Schleswigs in das Königreich. Daraufhin wurde in Kiel eine provisorische Regierung für Schleswig und Holstein gebildet. Die Unterstützung der Herzogtümer durch den »Deutschen Bund« löste den »Deutsch-Dänischen Krieg« aus, der 1850 mit dem »Frieden von Berlin« und der Überlassung Schleswigs und (ab 1852) Holsteins an Dänemark endete. Die Erbfolge in den beiden Herzogtümern wurde aber gemeinsam von den europäischen Großmächten 1852 im »Londoner Vertrag« geregelt.
Als Dänemark unter Missachtung dieser Bedingungen von London 1863 eine gemeinsame Verfassung zusammen mit Schleswig erließ, kam es 1864 erneut zum Krieg, der zur endgültigen Loslösung der Herzogtümer von Dänemark führte.
Auslösung des Frankfurter Aufstandes durch das Schleswig-Holstein-Problem
Mehrfach erschütterten ernste Unruhen die Beratungen. Die Ohnmacht der Versammlung zeigte sich besonders deutlich in der Schleswig-Holstein-Frage und den daraus erwachsenen Spannungen. Unter dem Druck Englands, Russlands und Frankreichs hatte Preußen Verhandlungen mit Dänemark aufgenommen, ohne auch nur einen Vertreter des Reichsministeriums oder der Paulskirche hinzuzuziehen. Als dann am 26. August in Malmö ein Waffenstillstand zwischen den beiden Kriegführenden Mächten abgeschlossen wurde, empörten sich zwar die Abgeordneten über das eigenmächtige Vorgehen Preußens, doch blieb ihnen letzten Endes nichts anderes übrig, als nachträglich zuzustimmen. Diese Entscheidung löste aber in der Öffentlichkeit -vor allem in den radikalen Kreisen – heftige Proteste aus, die sich in Frankfurt zu offenem Aufruhr steigerten. Der Zorn der Aufständischen richtete sich zuerst gegen die gemäßigte Linke der Paulskirche, die den Waffenstillstand ebenfalls gebilligt hatte. Eine in Eile einberufene Versammlung auf der Pfingstweide, zu der sich aus Frankfurt und seiner Umgebung immerhin an die zehntausend Menschen eingefunden hatten, wurde unter der Führung des »Barrikadenreisenden« Germain Metternich, eines radikalen Scharfmachers, zum Tribunal, vor dem gefordert wurde, die Nationalversammlung auseinanderzujagen. Auch die Linke müsse fort, die mit ihren Halbheiten alles verderbe, und nur die äußerste Linke könne und solle die Bewegung zum Ziele führen! Das sonst so zögernde Reichsministerium handelte überraschend schnell und beorderte am 17. September ein preußisches und ein österreichisches Bataillon zum Schutz des Parlaments nach Frankfurt. Prompt entluden sich die angestauten Spannungen am darauffolgenden Tag in Barrikadenbauten und Straßenkämpfen. Zwei Abgeordnete wurden von einer herumstreichenden Horde ermordet. Erst mit Hilfe von Artillerie gelang es, die verbissen kämpfenden Aufständischen – nach neueren Schätzungen sollen es etwa fünf- bis siebenhundert gewesen sein – zu bezwingen. PaulskircheProtest und Hoffnung. Unruhen vor der Paulskirche nach dem Waffenstillstand mit Dänemark, 18. September 1848. Neuruppiner Bilderbogen. Nationale Erhebungen von Mailand bis Prag
Der Frankfurter Aufstand, so kurz er auch gewesen war, bildete eine deutliche Wendemarke in der Entwicklung. Um sie richtig verstehen zu können, müssen wir unsere Aufmerksamkeit wieder von der Paulskirche weg auf das Geschehen in Österreich und Preußen während der Sommermonate richten. In Österreich nahmen die nationalen Bewegungen der Ungarn, Italiener und Tschechen ein für die Vielvölker-Monarchie bedrohendes Ausmaß an. Wenige Tage nach der Revolution in Wien war in Mailand der »Fünf-Tage-Aufstand« ausgebrochen, in dessen Verlauf die Lombarden den österreichischen Feldmarschall Radetzky und seine Truppen zum Rückzug zwangen. Aber sie nutzten ihre Chance nicht. Zwar erzielte König Karl Albert von Sardinien-Piemont, der den Lombarden zu Hilfe gekommen war, einige Teilerfolge, musste aber nach einer schweren Niederlage bei Custoza (25. 7.) mit Radetzky einen Waffenstillstand schließen. Kroaten gegen Ungarn
Die Forderungen der Ungarn von Anfang März, die den Aufstand in Wien mit ausgelöst hatten, waren von der österreichischen Regierung zwar angenommen worden, aber zugleich suchte diese die nationalen Spannungen zwischen Ungarn und Kroaten auszunutzen. Als sich Anfang September die Kroaten mit ihrem »Banus« Jellacic gegen die ungarische Herrschaft wandten, wurden sie sogleich von der österreichischen Regierung unterstützt, die alle den Ungarn gewährten Sonderrechte widerrief. Damit ergab sich die merkwürdige Situation, dass eine nationale Bewegung noch im Verband der Monarchie durch eine andere bekämpft wurde! Slawenkongress in Prag und Pfingstaufstand
In Böhmen forderten die Tschechen Gleichberechtigung mit den Deutschen und Autonomie, bald aber trat auch hier die nationale Idee in den Vordergrund, und als Gegengewicht zum Frankfurter Parlament wurde ein Kongress aller in Österreich lebenden Slawen nach Prag berufen. Die Teilnehmer wandten sich grundsätzlich nicht gegen die habsburgische Monarchie. František Palacký, der führende Kopf der tschechischen Nationalisten, hatte – seiner Zeit um mehr als ein Jahrhundert voraus – längst erkannt, dass diese Monarchie ein Gegengewicht gegen russisches Universalstreben bildete, und erklärt: »Wahrlich, existierte der österreichische Kaiserstaat nicht schon längst, man müsste im Interesse Europas, im Interesse der Humanität selbst, sich beeilen, ihn zu schaffen [...].« Doch die Kongressteilnehmer forderten die Gleichberechtigung aller Nationen in dieser Monarchie. Auch hier wurde das nationale Streben fast zwangsläufig von der radikal-liberalen Strömung überlagert, die sich vor allem gegen die berüchtigte Persönlichkeit des Fürsten Windischgrätz richtete, der den Oberbefehl über die Truppen übernommen hatte. So kam es schon Pfingsten zu Straßenkämpfen in Prag, die mit der Beschießung der Stadt, der bedingungslosen Kapitulation und Standgerichten ihr blutiges Finale fanden. In Wien hielten die Unruhen den ganzen Sommer über an. Schon im Mai floh Kaiser Ferdinand nach Innsbruck: die Hofkamarilla inszenierte die »Flucht« für den willenlosen Herrscher. Wiener GemeinderatUnterwerfung des Wiener Gemeinderates. Die schwarz-rot-goldene Fahne unter den Hufen des Pferdes von Windischgrätz. Zeitgenössische Lithografie. Wien: »Reichstag« und Bauernbefreiung
Am 22. Juli eröffnete dann Erzherzog Johann endlich den ersten Reichstag in Wien. In manchem lässt sich diese parlamentarische Versammlung mit der Paulskirche vergleichen. Auch hier gab es keine Parteien, sondern nur Gruppierungen mit einer konservativen Rechten, die auf die Interessen des Hofes eingeschworen war, eine klerikal-provinzlerische Mitte und eine Mehrheit der Linken, die sich in ihrer heterogenen Zusammensetzung nur wenig mit der parlamentarischen Linken der Paulskirche vergleichen ließ; denn hier trafen sich großdeutsche Patrioten, die liberalen Deutsch-Katholiken Böhmens, einige slawische Gruppen, Italiener und Juden. Von dieser linken Seite kam auch der wichtigste Antrag, der im Reichstag eingebracht wurde, einer der Marksteine des Revolutionsjahres. Der Sudetendeutsche Hans Kudlich, das jüngste Mitglied des Parlaments, stellte ihn am 26. Juli: »Von nun an ist das Untertänigkeitsverhältnis samt allen daraus entspringenden Rechten und Pflichten aufgehoben, vorbehaltlich der Bestimmungen, ob und wie eine Entschädigung zu leisten sei.« Mit diesem Antrag sollten endlich in der gesamten habsburgischen Monarchie die noch bestehenden Feudallasten abgeschafft werden. Da der junge Reichstag in seiner Redefreudigkeit durchaus dem Schwesterparlament in Frankfurt glich, dauerte es sechs Wochen, bis Kudlichs Antrag nach endlosen Diskussionen, Zusatz- und Änderungsanträgen endlich am 7. September in einer modifizierten Form angenommen wurde. Danach sollte die obrigkeitliche Gewalt der Grundherren ohne Entgelt abgeschafft werden, die Aufhebung der Dienste und Abgaben sollte jedoch nur gegen angemessene Entschädigung durch entsprechende Fonds oder durch die Bauern selbst erfolgen. In einem trotz aller Verzögerungen großartigen Anlauf hatte damit das liberale Bürgertum den österreichischen Bauern die Freiheit erkämpft. Diese aber dankten es dem Reichstag nicht. Sie hatten ihr Ziel erreicht, die Revolution und die damit verbundenen Neuerungen interessierten sie fortan nur noch wenig. Text der Zeit
Revolution in Wien – Arbeiteraufruhr am 23. August 1848

Bericht von Friedrich Hebbel
Heute, Mittwoch, kam es zur Krisis, und leider ist es diesmal nicht wie vorgestern ohne Opfer abgegangen. [...] Am Morgen bereits machten die im Prater auf ihrem gewöhnlichen Arbeitsplatz versammelten Arbeiter, statt wie sonst ans Werk zu gehen, ihrem Unmut dadurch Luft, dass sie aus Lehm eine Puppe kneteten, die den Minister der Arbeiten [Schwarzer] darstellen sollte, und diese feierlich unter allerlei charakteristischen Zeremonien begruben. Dabei erhitzten sie sich mehr und mehr, tumultuarische Szenen traten ein, und zwei Sicherheitswachen, die sich, wahrscheinlich der Beschwichtigung halber, unter sie gemischt hatten, wurden erschlagen, nach dem einen Gerücht aufgehängt, nach dem anderen erwürgt.
Inzwischen war die Nationalgarde, zunächst der Leopoldvorstadt, alarmiert worden und zahlreich ausgerückt. Die Arbeiter schickten sich an, unter vorangetragenen Fahnen in die Stadt zu ziehen, und am Anfang der Jägerzeile, auf dem sich dort nach allen Seiten ausdehnenden freien Platz, kam es zum Zusammenstoß. Die Zahl der Gefallenen und Verwundeten wird höchst verschiedenartig angegeben, dass ich nichts darüber sagen will; drei erschossene Arbeiter habe ich selbst liegen sehen. [...] Wer trägt die Schuld? Wahrlich nicht die Arbeiter selbst, denn die sind im Kern brav und gut, sondern die Hohlköpfe, die unbekümmert um die Natur der Dinge, und den in der realen Welt allein gültigen Maßstab der Gerechtigkeit und der Möglichkeit verschmähend, ihnen ihre eigenen unreifen sozialistischen Träumereien einimpfen, und die freilich noch unendlich viel schlechteren Spekulanten, die sich durch eine Massenbewegung in die Höhe bringen möchten. Ich weiß sehr wohl, dass Blut nicht unter allen Umständen ein zu kostbarer Saft ist, und würde mich leicht darein gefunden haben, wenn im März, wo es das Heiligste galt, ganze Ströme vergossen worden wären. Aber ich habe heute nicht ohne herzzerreißenden Schmerz die drei Leichen, deren ich oben erwähnte, erblicken können, denn ich musste mir sagen: sie haben sich allerdings Gewalttätigkeiten erlaubt, aber sie waren in einem Irrtum befangen, den sie selbst nicht als solchen erkennen konnten, und sie sind von jedem Standpunkt aus beklagenswert. Obendrein soll die Sicherheitswache sich, wie ich aus sehr glaubwürdigem Munde vernahm, arge Rohheiten gestattet und sogar bei ihrer Rückkehr in die Stadt grüne Reiser aufgesteckt haben, als ob sie von einer ruhmreichen Schlacht käme.

Bericht in der »Augsburger Allgemeinen Zeitung« von Friedrich Hebbel. (Der Dichter Friedrich Hebbel, *1813, † 1863, lebte seit 1845 in Wien.) Abgedruckt in: Klein, T. (Hrsg.): 1848. Der Vorkampf deutscher Einheit und Freiheit, Leipzig 1914. Berlin: Nationalversammlung und andauernde Unruhen
Stärkung der Reaktion

Latente Unruhe und politische Unsicherheit charakterisierten auch den Sommer 1848 in Preußen. Am 25. Mai war hier die aus freien Wahlen hervorgegangene Nationalversammlung erstmals im Berliner Schloss zusammengetreten. Ein Parlament der zweiten Garnitun, so urteilten schon die Zeitgenossen; denn die fähigsten politischen Köpfe hatte man nach Frankfurt geschickt. Immerhin spiegelte die Zusammensetzung die sozialen Verhältnisse etwas besser als in der Paulskirche. Zwar dominierte auch hier das intellektuelle Bürgertum, aber wenigstens ein Viertel der 402 Abgeordneten waren Bauern und Handwerker. Zu den Merkwürdigkeiten dieser Versammlung gehörte es, dass Prinz Wilhelm von Preußen, gegen den sich wenige Wochen zuvor noch der ganze Volkszorn gerichtet hatte, nun als Abgeordneter eines pommerschen Wahlkreises seit dem Juni an den Sitzungen teilnahm! Gleich am ersten Sitzungstag legte die Regierung einen Verfassungsentwurf zur Beratung vor, der zwar der belgischen Verfassung nachgebildet war, in einigen wesentlichen Punkten aber Veränderungen aufwies, die dem Besitzbürgertum erhebliche Vorteile und Vorrechte einräumte. Die nur zögernd anlaufenden Beratungen der Versammlung wurden überschattet durch ständige Unruhen in Berlin, wo sich eine zunehmende Radikalisierung bemerkbar machte. Die daraus erwachsenden unsicheren wirtschaftlichen Verhältnisse erschreckten das Bürgertum und trieben es allmählich auf die Seite der Reaktion. So berichtete der bayerische Gesandte aus der Hauptstadt: »Man erblickt jetzt in den Straßen Individuen und Gruppen, welche sonst niemals zum Vorschein kamen und ein Bild der Frechheit und Trunkenheit darbieten, das an die Zeiten des Terreur von 1792 in Paris erinnert. [...] Die Bürger sind in Besorgnis und fangen an müde zu werden.« Veit Valentin, einer der besten modernen Kenner des revolutionären Geschehens, spricht in diesem Zusammenhang zu Recht von »deutlichen Fieberzeichen des sozialen Zersetzungsprozesses«. Ihren Höhepunkt erlebte die Berliner Volksbewegung Mitte Juni, als radikale Arbeiter und Studenten in der Nacht des 15. auf der Suche nach Waffen ins Zeughaus eindrangen und dort plündernd schweren Schaden anrichteten. Die Bürgerwehr erwies sich in dieser Nacht unfähig, für Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Ein gefährliches Omen für den bevorstehenden reaktionären Wandel war die Berufung General Wrangeis, des Siegers gegen die Dänen, als Oberbefehlshaber in den Marken sowie die Zusammenziehung von 50000 Mann in der Umgebung von Berlin. Weiterwachsende Reaktion
Hatten die Ereignisse im März und April bis zur Einberufung der Paulskirchenversammlung die aufsteigende Phase der revolutionären Bewegung gebildet, und waren die Sommerwochen bis zum Frühherbst eine Art Zwischenspiel, so bildeten Spätherbst und Winter 1848/49 die Phase des Niedergangs, der dann im Sommer 1849 noch das tragische Nachspiel folgen sollte. Und wie die Februarrevolution in Paris das Fanal für die deutschen Revolutionäre gewesen war, so sollte die Junischlacht von 1849 in Paris, in deren Verlauf der bewaffnete proletarische Aufstand durch die Truppen der Nationalversammlung niedergeworfen wurde, nicht ohne Auswirkung auf die Entwicklung in den Staaten des »Deutschen Bundes« bleiben. In den Klein- und Mittelstaaten vollzog sich die Wende seit Sommer 1848 fast unmerklich. Nur Baden, wo Hecker trotz seines missglückten Putsches immer noch zahlreiche Anhänger hatte, erlebte einen neuen Aufstand. Am 21. September 1848 kam Struve, der »Terrorist aus Überzeugung« (Valentin), mit einigen Gesinnungsgenossen aus der Schweiz und proklamierte in Lörrach die Republik. Diesmal setzte er alles auf eine Karte und erpresste zur Durchführung seiner Pläne von der Bevölkerung Geld. Zahlreiches Gesindel hängte sich an ihn und plünderte auf eigene Faust. Wieder griff die badische Regierung rasch ein und sandte zwei Bataillone in das Oberland, wo sich die Putschisten in Staufen verschanzt hatten. Sie wurden schon nach kurzem Kampf besiegt, Struve flüchtete mit seiner Frau, wurde aber aufgegriffen und zu Gefängnis verurteilt. L. Häusser, ein zeitgenössischer Beobachter, fasste zusammen: »Die Republikaner vom April (unter Hecker) hatten wie leichtsinnige Abenteurer, die vom September wie Räuber und Wegelagerer gehandelt.« Lörrach: 21. September 1848Ausrufung der Republik in Lörrach am 21. September 1848. Kolorierter Stich. Der dritte Aufstand in Wien
In der habsburgischen Monarchie führte die Entwicklung in Ungarn zu einer Verhärtung der Lage. Im September 1848 hatten die Magyaren beim Reichstag um Hilfe gegen die sie bedrohenden Kroaten nachgesucht, doch war ihre Delegation gar nicht erst vorgelassen worden. Die Slawen hatten sich auf die Seite der österreichischen Nationalisten gestellt, und die Regierung bot Jellacic sogar Unterstützung bei seinem Kampf an. Diese Entscheidung entfachte erneut die Revolution; denn ein Grenadierbataillon, das nach Ungarn abgehen sollte, meuterte am Morgen des 6. Oktober in Wien, und die Empörung griff auf die Bevölkerung über, die nun im Gegensatz zum Frühjahr von den Truppen unterstützt wurde. Auch die Nationalgarde spaltete sich. Beschwichtigungsversuche des Reichstags blieben erfolglos, ganz Wien geriet in hellen Aufruhr, die Zahl der bewaffneten Studenten, Bürger und Arbeiter wird auf hunderttausend geschätzt, also weit mehr als in den Märztagen. Innerhalb weniger Stunden erlangten auch hier die militanten radikalen Elemente das Übergewicht über die bürgerlichen Revolutionäre. Der Kriegsminister wurde bestialisch ermordet, und die in unmittelbarer Nähe bereitstehenden Truppen rührten keinen Finger zu seiner Rettung! Auf die Nachricht von den Ereignissen hin reisten die Frankfurter Abgeordneten Robert Blum, Julius Fröbel und zwei andere nach Wien, um den Kämpfenden die Sympathien eines Teiles der Linken zu bekunden. Alle vier wurden begeistert aufgenommen und zu Ehrenmitgliedern der »Studentischen Legion« ernannt. Aber dieses Zeichen der Sympathie nutzte der bedrohten Stadt wenig. Fürst Windischgrätz übernahm den Oberbefehl über die Truppen, und ihm ging es nicht um Verhandlungen, sondern wie in Prag einzig und allein um die bedingungslose Unterwerfung. Mord …
Am 26. Oktober setzten seine Truppen, unterstützt von den Kroaten Jellacics, zum Sturm auf die Stadt an. Die Kämpfe zogen sich bis zum 1. November hin, dann mussten die Aufständischen kapitulieren. Ihre Niederlage bedeutete zugleich das Ende der Revolution. Zuerst wurden Verhaftungen vorgenommen, dann Standgerichte eingesetzt. Unter den vierundzwanzig zum Tode Verurteilten befand sich auch Robert Blum. Seine Hinrichtung war legalisierter Mord; denn der Fürst wollte damit beweisen, dass ihn das Frankfurter Parlament überhaupt nicht kümmere. Während in Ungarn verbissen weitergekämpft wurde, arrangierte sich Österreich, allen voran die Hauptstadt, sehr rasch mit dem Sieger. Der Reichstag blieb weiterhin bestehen und tagte vom 22. November an in dem kleinen mährischen Städtchen Kremsier. Noch schien nicht alles verloren, worum man in den letzten Monaten gekämpft hatte; denn die neue österreichische Regierung unter Fürst Schwarzenberg zeigte sich kompromissbereit und vertrat in ihrem Programm die konstitutionelle Monarchie ebenso wie die Gleichberechtigung aller in Österreich-Ungarn lebenden Völker. Am 2. Dezember präsentierte Schwarzenberg überraschend einen neuen Kaiser. Schwarzenberg hatte Ferdinand zur Abdankung bewegen können, und an die Spitze der Monarchie trat dessen erst achtzehnjähriger Neffe Franz-Joseph. Mit ihm sollte sich auch die Monarchie wieder verjüngen, ein neuer Anfang schien gemacht, nur der Reichstag zeigte sich nicht bereit, in den von oben verordneten Zukunftsoptimismus einzustimmen und diskutierte die Verfassungsprobleme mit verbissener Gründlichkeit. Preußens Uhren laufen rückwärts
Unterdrückung der Nationalversammlung

Mit folgerichtiger Selbstverständlichkeit wiederholte sich nun die Entwicklung des Frühjahrs. Der Aufstand in Wien hatte die Revolution in Preußen ausgelöst. Der Sieg der Reaktion in Österreich stärkte auch die reaktionären Kreise Preußens. Doch stärker als in Wien, wo jeder die Schwächen des »gutmütigen«, in Wahrheit aber doch geistig beschränkten Kaisers kannte, richtete sich in Preußen die allgemeine Aufmerksamkeit auf den König und seine Entscheidungen. Friedrich Wilhelm IV. hatte sich von Berlin nach Potsdam zurückgezogen, wo er weitgehend unter den Einfluss der Hofkamarilla geriet, die eine Regierung neben der Regierung zu bilden suchte, stets mit dem Ziel, die Macht des Adels und der Armee im alten Umfang wiederherzustellen. Für sie war die preußische Nationalversammlung nur eine »miserable, anstößige Bande«. Während in Wien das Volk seine entscheidende Rolle auch in der letzten Phase der Revolution spielte, verlagerten sich hier die wesentlichen Auseinandersetzungen auf den Spannungsbereich zwischen König, Regierung und Nationalversammlung. Die Beratungen über den Verfassungsentwurf führten Mitte Oktober zu ersten Kontroversen zwischen König und Nationalversammlung, als diese nämlich bei der Titulatur des Königs den Fortfall der Formel »von Gottes Gnaden« forderte. Kurz danach beschloss sie mit 200 gegen 153 Stimmen die Abschaffung des Adels, und bald lag auch hier in Berlin der Antrag zum Abbau aller noch bestehenden bäuerlichen Lasten auf dem Tisch. Da berief Friedrich Wilhelm IV. den Grafen von Brandenburg, einen illegitimen Hohenzollernspross, zum Ministerpräsidenten. Seine Ernennung war eine bewusste Kampfansage an das Parlament, das seinerseits sogleich die Abberufung des neuen Mannes forderte. Der König ließ die Abgesandten einfach stehen, so sicher war er bereits wieder in seiner reaktionären Haltung. Wenige Tage später erschien der neue Ministerpräsident vor der Nationalversammlung, erklärte, dass man ihre Sicherheit nicht mehr gewährleisten könne, sie müsse sich daher bis Ende November vertagen und werde dann von Berlin nach Brandenburg verlegt. Für den Augenblick schien die Revolution noch einmal aufzuflackern; denn die Berliner Arbeiter wollten dieser Entscheidung mit dem Parlament zusammen gewaltsamen Widerstand entgegensetzen, letzteres war aber nur zum passiven Widerstand bereit und tagte einfach weiter. Daraufhin besetzte General Wrangel mit 13000 Soldaten das Stadtzentrum und verwehrte den Abgeordneten den Zutritt zu ihrem Tagungsort. Witzige Anekdoten über den alten Wrangel und seine Originalität können nicht über den Gewaltakt hinwegtäuschen. Die Bürgerwehr wurde aufgelöst, die Abgeordneten mussten sich jeden Tag ein anderes Tagungslokal suchen. Steuerstreik als Widerstand
Trotzdem rafften die Abgeordneten sich noch zu einem letzten Akt symbolischen Widerstandes auf und erklärten am 15. November, das Ministerium Brandenburg sei nicht befugt, Steuern einzuheben. Im ganzen Land kam es zwar zu Sympathiekundgebungen, in einigen Städten auch zu Straßenkämpfen, doch war der Widerstand nirgends so gut organisiert, dass er sich gegen das Militär durchsetzen konnte. Zu den publizistischen Verfechtern der Steuerverweigerung gehörte vor allem auch die »Neue Rheinische Zeitung« (NRZ) in Köln, deren Herausgeber Karl Marx und Friedrich Engels seit dem Frühjahr 1848 für die Schaffung einer »Republik Deutschland« eintraten. Hatten sie sich in den ersten Monaten der Revolution verhältnismäßig zurückgehalten, da nach ihrer Auffassung die Zeit für eine Entscheidung noch nicht reif war, so rief die NRZ nun zum kompromisslosen Widerstand auf, um »der Gewalt jede Art von Gewalt« entgegenzusetzen. Das Besitzbürgertum in den preußischen Provinzen hielt sich aber weitgehend zurück und war bereit, die Staatsgewalt gegenüber den radikalen Kräften als das kleinere Übel anzusehen. Preußische Verfassung von Königs Gnaden
Solche Einstellung und die geradezu loyale, nach wie vor nur auf den passiven Widerstand beschränkte Haltung der Nationalversammlung erleichterte dem König einen entscheidenden Schlag. Am 5. Dezember löste er die Nationalversammlung auf und verkündete von sich aus eine Verfassung, die, wie es schien, einen durchaus liberalen Charakter hatte und sich ausdrücklich auf die Grundrechte der Paulskirche berief. Die Pferdefüße waren allerdings unverkennbar. So gestattete sie der Regierung, außerhalb der Tagungszeit des Parlaments Notverordnungen mit Gesetzeskraft zu erlassen. Immerhin schien es, als seien König und Regierung um eine Neuordnung ehrlich bemüht. Der Adel zeigte sich beunruhigt, das liberale Bürgertum war zufrieden. Innerhalb weniger Monate sollte sich aber herausstellen, dass sich beide getäuscht hatten. Frankfurt diskutiert weiter – Kleindeutsch oder großdeutsch?
In Frankfurt wurde während dieser Wochen und Monate diskutiert, als sei gar nichts geschehen. Sicher gehörten einige Reden dort zu den besten, die je in einem Parlament gehalten wurden, aber die Gegensätze waren zu groß, als dass sich eine Einigung über die Reichsverfassung leicht hätte herbeiführen lassen. Die Beratungen über den von einem Ausschuss vorgelegten Verfassungsentwurf begannen am 19. Oktober, zu einem Zeitpunkt also, da sich in den Einzelstaaten schon wieder reaktionäre Tendenzen festigten. Wenn auch Gustav Droysen schon lange vor Beginn der Beratungen ausdrücklich erklärt hatte: »Wir wollen nicht die Zerrüttung aller territorialen Ordnung und Regierung, [...] wir wollen aufbauen und mit dem guten Willen der Regierungen und Regierten [...] ein überwölbendes neues Werk schaffen«, so gab es bei allem guten Willen und aller demokratischen Bereitschaft doch eine Reihe gewichtiger Probleme, an denen sich die Gegensätze entzünden konnten. So standen sich Republikaner und Monarchisten gegenüber, wenn auch letztere eindeutig in der Mehrheit waren. Dann gab es die Frage nach einer großdeutschen oder kleindeutschen Lösung, die zugleich auch die Interessen der beiden mächtigsten Einzelstaaten Preußen und Österreich nachhaltig berührte. Während die Kleindeutschen für ein neues deutsches Reich ohne Österreich eintraten, forderten die Großdeutschen den Einschluss Österreichs, allerdings ohne seine nichtdeutschen Völker. Schon am Ende der ersten Beratungswoche wurden die Artikel 2 und 3 der neuen Reichsverfassung angenommen, wonach »kein deutsches Land mit nichtdeutschen Ländern zu einem Staat vereinigt sein dürfe«. Dieser eindeutig gegen den Bestand der österreichischen Gesamtmonarchie gerichteten Entscheidung widersprach Fürst Schwarzenberg bei der Neueröffnung des österreichischen Reichstages in Kremsier mit seinem Programm einer festgefügten habsburgischen Monarchie, und er erklärte: »Erst wenn das verjüngte Österreich und das verjüngte Deutschland zu neuen festen Formen gelangt sind, wird es möglich sein, ihre gegenseitigen Beziehungen staatlich zu bestimmen.« Damit aber war schon eine Entscheidung gegen die großdeutsche Monarchie gefallen. Die deutliche Missachtung der Frankfurter Beschlüsse durch die neue österreichische Regierung festigte die Position der Kleindeutschen unter der Führung Heinrich von Gagerns. Auch die preußische Regierung unterstützte den Plan eines engeren Bundes unter der Führung Preußens – und das in den Tagen, in denen sie ihr eigenes Parlament vertrieb! Die Vorentscheidung für die kleindeutsche Lösung beeinflusste zugleich aber auch die Diskussionen in der Frage nach dem Reichsoberhaupt. Die Kleindeutschen waren Unitarier: Sie wollten eine starke Reichsgewalt mit einem gewählten Reichsministerium und einem Erbkaiser, der nach Lage der Dinge natürlich nur der preußische König sein konnte. Demgegenüber votierten andere Abgeordnete, vor allem die großdeutschen Föderalisten, für eine möglichst schwache Reichsspitze mit einem Wahlkaiser. Der Antrag, das Reichsoberhaupt vom Volk wählen zu lassen, fand nur bei einem Viertel der Abgeordneten Zustimmung. Das habsburgische Ultimatum – Kleindeutschland aus Trotz
Die endlosen Debatten zogen sich über Weihnachten bis zum Frühjahr 1849 hin, dann führte Österreich indirekt eine Entscheidung herbei. Am 4. März hatte dort Schwarzenberg eine Verfassung oktroyiert, die zwar einige liberale Rechte einräumte, jedoch die Völker durchaus zentralistisch zusammenband. Nun forderte er die Aufnahme des so geeinten Kaiserstaates – also auch seiner nichtdeutschen Teile – in den neuen Bund, der von einem Fürstendirektorium geführt und an dessen Spitze ein Reichsstatthalter stehen sollte, und zwar im jährlichen Wechsel der österreichische Kaiser und der preußische König. Diese eklatante Missachtung des Parlaments und seiner bisherigen mühsamen Arbeit löste unter den Abgeordneten einen Schock aus, und Karl Theodor Welcker, ein Wortführer der Großdeutschen, stellte am 12. März den entscheidenden Antrag, die Reichsverfassung en bloc anzunehmen und die erbliche Kaiserwürde dem König von Preußen zu übertragen. Noch einmal flammten die Gegensätze kurz auf, dann aber einigten sich die großdeutschen Linken mit den Kleindeutschen, und am 27. März wurde die kleindeutsche Verfassung mit 267 gegen 263 Stimmen angenommen. Den Ausschlag hatten vier Deutsch-Österreicher gegeben, die mit diesem Votum gegen die zentralistische Politik ihres Ministerpräsidenten protestierten. Einen Tag später erfolgte die Wahl Friedrich Wilhelms IV. zum Kaiser. 248 Abgeordnete stimmten für ihn, 290 enthielten sich der Stimme. Trotz vieler Misshelligkeiten hatten die Abgeordneten ein stolzes Werk vollbracht und Deutschland die erste von liberalem Geist geprägte Verfassung gegeben. Mochte ihr auch ein gewisser Kompromisscharakter anhaften und war ihr auch kein Bestand beschieden, so wirkt sie doch vor allem in den Grundrechten bis zum heutigen Tag fort. So war die Arbeit der Abgeordneten auf die Dauer gesehen nicht umsonst, sondern als politische Willensäußerung eines Volkes etwa von gleicher Bedeutung wie das Werk der Französischen Nationalversammlung. Eine Krone mit dem »Ludergeruch der Revolution«
Für den Augenblick allerdings schien es so, als sei alles umsonst gewesen; denn als wenige Tage nach der Entscheidung eine Delegation der Nationalversammlung nach Berlin reiste, um Friedrich Wilhelm IV. offiziell die Kaiserkrone anzutragen, lehnte dieser in wohlgesetzten, verklausulierten Worten ab. In einem Brief an den Freiherrn von Bunsen wurde er wesentlich deutlicher, sprach von »einem Reif aus Dreck und Letten gebacken«, dem »der Ludergeruch der Revolution« anhafte, und schloss mit den Worten: »Gegen Demokraten helfen nur Soldaten.« Verlegung des Parlaments nach Stuttgart
Mit der Zurückweisung der Kaiserkrone endete der zweite Akt der Revolution. Was nun folgte, war nur noch trauriges Nachspiel, teils klägliches, teils tragisches Ende eines großen Geschehens. Immerhin nahmen in den ersten Apriltagen neunundzwanzig der Mittel- und Kleinstaaten die Verfassung an, nicht aber die beiden Großmächte. Schwarzenberg rief schon am 5. April die österreichischen Abgeordneten aus Frankfurt zurück, Preußen folgte Ende des Monats. Daraufhin erklärte ein Teil der Verbliebenen, unter ihnen Gagern und Arndt, ihren Austritt aus der Versammlung. Der verbliebene Rest beschloss Ende Mai die Verlegung des Parlaments von Frankfurt nach Stuttgart und richtete eine sechsköpfige »Reichsregentschaft« ein. Aber auch hier vermochten sich die etwa hundertdreißig Abgeordneten nur noch wenige Tage zu halten. Das Schwergewicht verlagerte sich eindeutig zugunsten der radikalen Republikaner. Zu den wenigen gemäßigten Vertretern der Linken, die bis zum bitteren Ende ausharrten, gehörte der Dichter Ludwig Uhland. Das Ende kam dann sehr rasch, als der württembergische Minister Römer, selbst einer der führenden liberalen Politiker und zeitweilig Mitglied der Nationalversammlung, am 18. Juni weitere Sitzungen verbot und württembergische Truppen die Abgeordneten am Betreten des Sitzungslokals hinderten. Neben dem Streit um Verfassung und Kaiserkrone bewegte gerade in diesen Tagen noch einmal der Streit um Schleswig-Holstein die deutsche Öffentlichkeit. Nach dem Waffenstillstand vom Herbst 1848 war am 3. April der Krieg erneut aufgeflammt. Hannoveranische, bayerische, sächsische und preußische Truppen kämpften gemeinsam mit Verbänden aus Schleswig-Holstein gegen die Dänen und erzielten beachtenswerte Erfolge. Bayern und Sachsen erstürmten die Düppeler Schanzen, die Preußen rückten in Jütland ein, aber Friedrich Wilhelm IV. verhandelte gleichzeitig mit dem Gegner und lähmte damit die Entschlusskraft der Truppen. Das wiederum führte zu einem Überraschungserfolg der Dänen und schließlich zu einem erneuten Waffenstillstand am 10. Juli 1849. Aufstände in Sachsen
Das vorläufige Ende des Kampfes um Schleswig-Holstein fiel mit dem Ende der letzten Aufstände des Revolutionsjahres zusammen. Während die Liberalen weitgehend resignierten, hatten sich noch einmal vorwiegend radikale Kräfte in Sachsen, der Pfalz und in Baden aufgebäumt. Ihr Aufstand wurde im Mai durch die Ablehnung der Reichsverfassung ausgelöst und wandelte sich rasch zu einem Kampf um die Errichtung einer deutschen Republik. In Sachsen, wo es bisher weitgehend ruhig geblieben war, brach der Aufstand am 3. Mai 1849 aus. Turner- und Handwerkergruppen stürmten in Dresden das Zeughaus, um sich Waffen zu verschaffen, und errichteten in der Altstadt mehr als hundert Barrikaden. Als die königliche Familie und die Regierung flüchteten, bildeten die Bürger eine provisorische Regierung. Führender Kopf war anfangs der Advokat Tschirner, doch schon am 5. Mai traf der russische Anarchist Bakunin in Dresden ein und übernahm die Leitung des Aufstandes. Die Chancen für die Revolutionäre, zu denen auch Gottfried Semper, der Erbauer des Hoftheaters, und Richard Wagner gehörten, standen anfangs nicht schlecht, aber sehr bald lösten sich die Liberalen und die Dresdner Bürgergarde wieder aus dem Kampf, in den schon am 7. Mai preußische Truppen eingriffen und ihn am 9. Mai beendeten. Die Aufständischen hatten etwa zweihundert Tote zu beklagen, meist junge Männer, auffallenderweise stammte die Hälfte von ihnen nicht aus Dresden. Zu den Flüchtlingen, die nach dem Putsch das Land verlassen mussten, gehörte auch Richard Wagner. Aufstände an Rhein und Wupper
Zu kleineren blutigen Aufständen kam es in den gleichen Tagen auch in Bonn, Elberfeld und Düsseldorf. Ihre Niederwerfung durch preußische Truppen brachte zugleich auch das Ende der »Neuen Rheinischen Zeitung«, deren letzte »rote Nummer« mit dem Abschiedswort Ferdinand Freiligraths am 19. Mai erschien. Aufstände in der Rheinpfalz und in Baden
Auch in der bayerischen Rheinpfalz erhoben sich Bürger und Arbeiter für die Reichsverfassung, sie konstituierten eine Art Parlament und erklärten die Lostrennung des Landes von Bayern. Ihren Höhepunkt aber erlebte die noch einmal aufgeflammte Bewegung wieder in Baden, dem Land, in dem die deutsche Revolution ein Jahr zuvor so hoffnungsvoll begonnen hatte. Dort verbündeten sich jetzt die Truppen mit den Verfassungskämpfern. Die Gründe für die Truppenmeuterei waren dabei vorwiegend sozialer Natur; denn die Besoldung der Soldaten lag bei einem Existenzminimum. Die Empörung begann in der Festung Rastatt und griff gleichzeitig auf verschiedene Garnisonen und das Land über. Während der Großherzog und seine Minister in das benachbarte Elsass flüchteten, eilten die Republikaner aus allen Teilen des Reiches, mit ihnen auch Ungarn, Franzosen und Polen, nach Karlsruhe. Den Vorsitz über die provisorische Regierung übernahm der Advokat Lorenz Brentano, »eine Jakobinernatur mit viel praktischem Instinkt« (Valentin). Da er sich auf die liberal-bürgerlichen Kräfte zu stützen suchte, feindeten ihn sogleich die Radikalen wie Struve und der aus Sachsen hierher geflüchtete Tschirner an. Der innere Zwist, der die Bewegung lähmte, wirkte sich auch bald auf die Verteidigungskraft aus. Während sich badische Truppen und Freischärler zu einer Armee von etwa 45000 Mann zusammenschlossen, traten ihnen Preußen, Bayern und Württemberger mit einem Aufgebot von rund 70000 Mann entgegen. Die Kämpfe setzten Mitte Juni ein und erreichten die Intensität eines Bürgerkriegs, wie ihn das Revolutionsjahr bisher noch nicht erlebt hatte. Die zahlenmäßige Überlegenheit der regulären Truppen entschied bis Ende Juni den Feldzug. Nur in der Festung Rastatt hielten sich noch 6000 Revolutionskämpfer bis zum 23. Juli, dann mussten auch sie kapitulieren. Die Revolution war zu Ende. Das Ende: Gefängnisse und Erschießungskommandos
Nun setzten Verhaftungen, Verurteilungen und Exekutionen ein. Dabei erbitterte vor allem die zufallsgeprägte Willkür, mit der Behörden und Gerichte vorgingen und ihre hohen Haftstrafen verhängten. Nur in Sachsen und der bayerischen Pfalz gab es keine Standgerichte. Tausende wanderten nun vor allem in die Vereinigten Staaten aus, unter ihnen Hecker, Struve oder Carl Schurz, dem es wenigstens vorher noch gelang, Professor Gottfried Kinkel aus dem Zuchthaus Spandau zu befreien und mit nach Amerika zu nehmen. Viele von ihnen wie etwa Brentano oder Schurz leisteten ihrem neuen Vaterland wichtige Dienste und erreichten hohe Stellungen. Die Frage drängt sich auf, warum die Revolution scheiterte. Politiker und Historiker sind zu keiner klaren Antwort gelangt. Die bürgerliche Geschichtsschreibung sucht die Ursachen in der zunehmenden Radikalisierung, die marxistische im Versagen des liberalen Wirtschaftsbürgertums. Sicher spielte die Zersplitterung der politischen Kräfte eine Rolle, wohl auch die Unerfahrenheit und die daraus häufig erwachsene unrealistische Einschätzung der Lage aufseiten der Revolutionäre, während umgekehrt die Regierungen sich ja nur auf ihre reaktionär-absolutistischen Prinzipien versteifen brauchten. Lagen Schuld und Versagen allein beim Bürgertum, das hier zum ersten Mal in der deutschen Geschichte eine maßgebende politische Rolle spielte, oder bei den Fürsten, die zu keinen Zugeständnissen im liberalen Geist bereit waren? Es scheint müßig, die oft gestellten und letztlich nie klar beantworteten Fragen hier noch einmal zu wiederholen. Doch wenn irgendwo die Geschichte als Lehrerin dienen kann und gedient hat, dann hier; denn aus dieser Revolution haben letzten Endes doch alle Beteiligten gelernt, mehr vielleicht, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Und so sollten wir unsere Aufmerksamkeit auch weniger auf das Scheitern, sondern auf die Wirkung richten, auf das politische Erwachen der Arbeiter, auf die neuen Erfahrungen der Bürger wie der Fürsten, waren doch hier die politischen Grundrechte einer Nation zum ersten Mal bis zur letzten Konsequenz im Parlament wie auf den Barrikaden diskutiert, durchdacht, erkämpft und verteidigt worden. Der Boden war tief durchpflügt, es kam auf die Saat an, die einmal daraus erwachsen sollte. Stichworte
Volksbewaffnung:
Die Forderung nach einer allgemeinen Volksbewaffnung gehört zwar zu den Grundforderungen im März 1848, wurde aber nie richtig verwirklicht. Die sogenannten Bürgerkorps oder Bürgerwehren in Wien und Berlin sahen sich selbst bewusst als Ordnungselemente des etablierten Bürgertums. In Wien bildete das Bürgerkorps einen Teil der vom Kaiser bewilligten Nationalgarde. Aus dieser waren von vornherein Handwerksgesellen, Dienstboten und Tagelöhner ausgeschlossen. Die Studentische oder Akademische Legion bildete ebenfalls ein Sonderkorps der Nationalgarde.
Andauernde Unruhen in Europa: In Europa kommt es trotz oder wegen des Metternichschen Systems der »Restaurierung« und Überwachung überall zu aufflackernden Unruhen oder Freiheitskämpfen. Wachsende Sozialprobleme verschärfen die Situation: Erste Kämpfe und neue Verfassung 1847/48 in der Schweiz; Februar 1848 in Paris erzwungener Rücktritt des Bürgerkönigs nach Aufstand von Studenten, Arbeitern, Nationalgardisten. Seit 1847 Aufstände in Italien, die in den nationalen Freiheitskampf überleiten.
Übergreifen der Revolution auf Deutschland: Forderung nach Vereins- und Pressefreiheit sowie Schwurgerichten leiten im März in Baden, Sachsen und Schlesien die Revolution ein, die schnell auf Wien (13. März), Berlin (18. März, »Barrikadenaufstand«), München (20. März, Sturz Ludwigs I.) übergreifen. April Ausrufung der Republik in Konstanz durch Hecker. Kämpfe in Baden und Elsass. September Aufstand in Frankfurt gegen Nationalversammlung nach Waffenstillstand im Deutsch-Dänischen Krieg. Nach Auflösung der Paulskirchenversammlung in Frankfurt Aufstände in Baden, in der Pfalz, in Rastatt, in Dresden, in Berlin und am Rhein (Juni 1849).
Revolution in Wien, Böhmen, Ungarn: Vertreibung Metternichs aus Wien im März 1848. Zwei weitere Aufstände im Mai und Oktober, Juni 1848 Slawenkongress in Prag und Pfingstaufstand, Aufstände in Ungarn, Kämpfe gegen Österreich unter Kossuth im April 1849.
Suche nach einer Nationalvertretung auf parlamentarischer Basis: Intellektuelle, Industrielle und einige wenige Handwerker (ursprünglich rund 500, dann 586) begründen das »Frankfurter Vorparlament«, aus dem die »Verfassunggebende Nationalversammlung« hervorgeht. Verabschiedung von Grundrechten, Bildung einer »Provisorischen Reichsregierung« und Wahl eines Fürsten zum »Reichsverweser« kennzeichnen die Arbeit der sich herausbildenden demokratischen, liberalen, konservativen Kräfte, die schließlich am Streit über Konstitutionsfragen und »klein-« oder »großdeutsche Lösung« erstickt. Preußen und Österreich nutzen die Zerstrittenheit, um ihre Abgeordneten zurückzurufen, der preußische König lehnt die von der Revolution befleckte Würde des Erbkaisers ab, die Paulskirchenversammlung wird aufgelöst, ebenso das folgende Rumpfparlament von Stuttgart. Das Fürstentum siegt über die uneinigen, unsicheren Bürger. Verfassungsspiele, nationaler Krieg, Sozialismus, Arbeiterbewegung. Preußen wie auch andere deutsche Staaten suchen durch Verfassungszusagen und politisches Entgegenkommen, das beliebig revidiert wird, die Unruhen und Spannungen zu entschärfen. Der Deutsch-Dänische Krieg um Schleswig-Holstein, im Auftrag des Bundes von Preußen geführt, setzt nationale Impulse frei, lenkt aber auch von den inneren Problemen ab.
Die sozialen Umschichtungen und Probleme fördern die Entwicklung des Sozialismus und der Arbeiterbewegung: 1847 Verkündung des »Kommunistischen Manifests«. Marx und Engels werden zu Kritikern des Kapitalismus und der Ausbeutung der Lohnarbeiter. Mehrwert-Akkumulation beim Unternehmer, Kapitalkonzentration und Überproduktion als Ursache von Not und Armut der Arbeiter bezeichnet. Parallel dazu fordert der christliche Sozialismus private Hilfe für die Notleidenden und staatliche Sozialreformen (von Ketteier). Von England her erfährt die »Solidaritätsidee« der Arbeitenden Impulse, die langfristig in die Gründung von Gewerkschaften, Genossenschaften, Konsumvereinen einmünden werden. Verlauf der Revolution
1. Phase (Februar bis Mai 1848)

Der bürgerliche Mittelstand wird zum Träger der liberalen Forderungen nach Pressefreiheit, Schwurgerichten, Vereinsrecht und Volksbewaffnung. Die monarchische Idee dominiert, eine republikanische Erhebung in Baden wird unterdrückt. In der habsburgischen Monarchie versuchen Ungarn und Italiener ihre nationale Unabhängigkeit zu erlangen, während die Slawen eine Umformung der Monarchie anstreben, nicht jedoch die Loslösung von ihr.
2. Phase (Mai bis Oktober 1848)
Gekennzeichnet vom Streben nach einer deutschen Einheit. Die Nationalversammlung in der Paulskirche zu Frankfurt a. M. sucht eine neue deutsche Verfassung zu schaffen. Eine groß- und eine kleindeutsche Richtung gegenüber. Anfangs dominiert die großdeutsche Idee eines neuen Deutschen Reiches mit Einschluss Österreichs und unter der Führung Habsburgs. Eine kleinere radikalere Gruppe setzt sich für die Republik ein. Die liberalen Forderungen finden ihren Niederschlag in den in dieser Phase verabschiedeten Grundrechten.
3. Phase (Oktober 1848 bis Juni 1849)
Gekennzeichnet durch rasches Erstarken reaktionärer Kräfte in Österreich und Preußen. Zurückdrängung der liberalen Kräfte und Oktroyierung von Verfassungen. Abschluss des Verfassungswerkes in Frankfurt. Da die österreichische Regierung die Aufnahme Gesamtösterreichs mit seinen nichtdeutschen Teilen in das neue Reich fordert, Kompromiss der Republikaner mit den Kleindeutschen; Schaffung einer kleindeutschen Verfassung. Die Ablehnung der Kaiserkrone durch den preußischen König führt zum Scheitern der Nationalversammlung. In den letzten Wochen noch einmal Aufflackern von Aufständen in Sachsen, der bayerischen Pfalz und vor allem in Baden, die mithilfe vor allem preußischer Truppen niedergeworfen werden.

emu