Auswanderung und Auswandererschicksale 17./18./19. Jahrhundert

Soweit wir in der Geschichte zurückschauen, finden wir Wanderungen einzelner Menschen und ganzer Völker, die ständig nicht nur die politischen Grenzen verschoben, sondern auch ganze Kulturen neu entstehen oder auch verschwinden ließen. Etwas einseitig pointiert, könnte man weite Teile der Geschichte als eine Geschichte von Wanderungen bezeichnen. Auch im 17. und 18. Jahrhundert finden wir erhebliche Bevölkerungsverschiebungen. Sie wurden durch wirtschaftliche und religiöse Bedingungen gesteuert wie z. B. die Vertreibung der Protestanten aus Böhmen nach 1621 oder die Auswanderung der protestantischen Salzburger nach Preußen. Sollen wir diese Bewegungen aber als Auswanderung bezeichnen? Als die Salzburger nach Preußen zogen, verließen sie das Territorium des dortigen Erzbischofs und siedelten sich auf dem Gebiet des Königs von Preußen an – aber wanderten sie deshalb aus? Sie blieben ja im Reich! Grenzen sind etwas Relatives. Wir werden die Wanderungen zwischen den deutschen Bundesstaaten, die im Zuge der industriellen Revolution und ihrer wirtschaftlichen Schwerpunktverlagerung zustande kamen, im folgenden nicht behandeln, sondern uns auf jene Menschen beschränken, die das Reich verließen, um für immer anderswo zu leben. Damit fallen auch die zahlreichen deutschen Gastarbeiter und die Emigranten aus unserer Betrachtung heraus, die in der Zeit der »Restauration« oder der »Sozialistengesetze« ihre Heimat verließen, in der festen Absicht, zum frühest möglichen Zeitpunkt heimzukehren. Es bleiben aber auch jene Deutschen außer Betracht, die gegen Ende des Jahrhunderts in die neu gewonnenen Kolonien gingen. Soziale NotUrsache der Auswanderung: soziale Not. Obdachlose vor einem Asyl der Reichshauptstadt Berlin. Holzschnitt nach einer Zeichnung von E. Hosang, 1886. Soziale und wirtschaftliche Ursachen
Für uns ist die freie Wahl des Wohnortes ein selbstverständliches Grundrecht, doch im 18. Jahrhundert waren die meisten Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit drastisch eingeschränkt. Einmal waren die meisten Bauern an die Scholle gebunden und konnten sie nur mit der Zustimmung des Grundherrn verlassen, der daran jedoch kein Interesse hatte, da die Bauern für ihn im Rahmen der Frondienste wertvolle Arbeitskräfte waren. Zum anderen verhinderte die merkantilistische Politik nach Möglichkeit die Auswanderung, da man in einer großen Zahl von Arbeitskräften eine Hauptvoraussetzung niedriger Löhne, damit einer leistungsfähigen Exportwirtschaft und fürstlicher Macht sah. Bevor Auswanderer Deutschland in größerer Zahl verlassen konnten, musste also die Leibeigenschaft abgeschafft und die merkantilistische Politik zugunsten des Freihandels aufgegeben werden. Dies war im großen und ganzen mit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erreicht. Warum sollte aber jemand aus Deutschland auswandern wollen? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns nochmals mit den politisch-sozialen Reformen des 18./19. Jahrhunderts befassen. Manufakturen und erste Industriebetriebe traten um die Wende zum 19. Jahrhundert mit dem Handwerk in immer stärkeren Wettbewerb. Außerdem drängten die Erzeugnisse der englischen Industrie, die während der Kontinentalsperre einen erheblichen technischen Vorsprung erreicht hatte und sich auf billige überseeische Rohstoffe und günstige Verkehrslage stützen konnte, auf die Märkte Europas. Vielfach vermochten es die dem mittelalterlichen Nahrungsideal verhafteten und bisher durch die Zünfte vor Wettbewerb geschützten Handwerksmeister nicht, sich dem modernen kapitalistischen Geist schnell genug anzupassen. Auch fehlte ihnen oft das nötige Kapital. Die »Bauernbefreiung« hob die Bindung der Bauern an den Boden auf. Viele Bauern konnten aber die mit dieser Befreiung verbundenen wirtschaftlichen Lasten nicht verkraften, denn sie bekamen ja ihre Freiheit nicht umsonst. Zugleich drückten ausländische Billigimporte und der wachsende Wettbewerb der technisch fortschrittlicheren deutschen Großgrundbesitzer die Preise, und so musste mancher Bauer aufgeben. Da die Aufnahmefähigkeit der Industrie für frei werdende Arbeitskräfte nicht schnell genug wuchs, entstand in den Städten und auf dem Land ein Überangebot an Arbeitskräften, das die Löhne lange auf das Existenzminimum drückte. In ihm bildete sich ein erhebliches Auswandererpotential, denn einmal war die soziale Lage in Deutschland objektiv schlecht, und außerdem waren die Verlockungen der Ferne und des Neuanfangs immer schon groß, zumal auch noch die wildesten Gerüchte zu kursieren begannen, wie schnell man jenseits des Horizonts reich werden könne. Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen kam dazu, und auch religiöse Motive spielten eine Rolle. Bevölkerungsexplosion
Zur noch geringen Aufnahmefähigkeit der jungen Industrie kam das Bevölkerungswachstum infolge der verbesserten gesundheitlichen Verhältnisse (bessere Ernährung, Schutzimpfungen, Eindämmung des Kindbettfiebers). Im Gebiet der Bundesrepublik stieg die Bevölkerungsdichte je Quadratkilometer von 50,1 im Jahr 1800 über 72,7 (1850) auf 115,7 im Jahr 1900. Geistige Unruhe begleitete den sozialen Wandel. Auch die aus ihr stammende Abenteuerlust der jungen Generation dürfen wir nicht unterschätzen. Dazu kamen Wirrköpfe und schwarze Schafe, die sich zu Hause nicht einordnen wollten und im Neuanfang in der Ferne eine Chance sahen. So haben wir ein breites Spektrum verschiedenster Motive, die einen Deutschen zum Auswandern veranlassen konnten. Sie bestimmten zum Teil auch die Struktur der Auswanderer, denn es waren vor allem junge und aktive Menschen, die den Sprung wagten, daneben aber Angehörige jener Schichten, die durch politische und soziale Umwälzungen betroffen waren. FriedrichshafenAuswanderer in Friedrichshafen. Häfen des Elends und der Hoffnung. Vor allem politische Gründe veranlaßten nach der 48er Revolution viele Deutsche, die Grenzen zu überschreiten. Wie viele wanderten aus?
Genaue Zahlen haben wir erst ab 1874, als das »Statistische Reichsamt« sie systematisch zu erfassen begann. Für die frühen Jahre sind wir vielfach auf Schätzungen angewiesen, da die Statistiken der deutschen Kleinstaaten unzuverlässig sind oder nicht exakt zwischen Binnenwanderungen innerhalb des Reiches und Auswanderungen unterscheiden. Am Anfang des Jahrhunderts waren die Zahlen noch niedrig. Sie dürften 1815-1829 zwischen 5000 und 12000 pro Jahr gelegen haben. Von 1830-1843 stiegen sie schon auf 22000-40000 im Jahr an, um dann zwischen 1844 und 1854 auf durchschnittlich 115000 pro Jahr emporzuschnellen. Die Zahlen stiegen in dem Maße, in dem der Eisenbahnbau die überseeischen Kontinentalmassen, vor allem in Nordamerika, für die Besiedlung öffnete, sie an den Welthandel anschloss und außerdem in dem gleichen Maße, in dem Dampfschiffe den Transport von Menschen und Gütern beschleunigten, verbilligten und risikoloser machten. Das gilt vor allem für die zweite Hälfte des Jahrhunderts. Wirtschaftskrisen und die politischen Spannungen um 1848 sowie während der Reichseinigungsphase und der Sozialistengesetze (1878-1890) haben die Entwicklung beschleunigt. Einen Höhepunkt erreichte die Auswanderung von 1860 bis 1870. Sie wurde dann durch den »Gründerkrach« (1873) nochmals verstärkt und hielt bis nach der Jahrhundertwende unvermindert an, da das Hauptzielgebiet USA sich stürmisch entwickelte. Insgesamt verließen von 1815 bis 1914 schätzungsweise sechs bis achteinhalb Millionen Deutsche ihre Heimat (1871 hatte das Reich 41 Millionen Einwohner). NotVon existenzieller Not getrieben: Auswandererschiff. Holzstich nach einer Zeichnung von E. Knut, 1874. Traumland Amerika
Es gab kein Siedlungsgebiet in der ganzen Welt, an dessen Erschließung Deutsche keinen Anteil hatten. Australien und der Balkan zogen im 19. Jahrhundert deutsche Siedler ebenso an wie Südafrika und Südamerika, vor allem Brasilien, wo es heute noch eine ganze Reihe deutschsprachiger Gemeinden gibt, z. B. Blumenau. Allerdings setzte in den lateinamerikanischen Ländern das Klima Grenzen. Bedeutende Auswandererzahlen nahm nur Brasilien auf (mehrere Hunderttausend – die Angaben gehen sehr weit auseinander) und daneben Argentinien (100000-200000). Auswanderer in BrasilienDie neue Heimat. Während nach 1848 viele Auswanderer in Europa blieben, wurden um die Jahrhundertwende Nord- und Südamerika zu wichtigen Aufnahmeländern. Auswanderer in Brasilien. Stich von J. M. Rugendas. Besonders soll noch die Auswanderung nach Palästina erwähnt werden. Wiewohl sie zahlenmäßig völlig unbedeutend war (2000-2500 Menschen), hatte sie politisch doch erhebliche Folgen. Es handelte sich um Wallfahrer, die im Heiligen Land blieben, um Missionare und um religiöse Schwärmer und Sektierer, vor allem pietistische Templer aus Schwaben, die seit den sechziger Jahren nach Palästina gingen, um zu missionieren und an den Heiligen Stätten ein gottgefälliges Leben zu führen. Sie verfolgten nicht die geringsten politischen Ambitionen, doch wurden sie von den Engländern von Anfang an mit Misstrauen beobachtet. Dies besonders, seit Kaiser Wilhelm II. sich in die Orientpolitik mischte. Man sah in ihnen das Instrument eines deutschen imperialen Aufbaus im Nahen Osten, der die englischen Weltreichspläne zu durchkreuzen drohte. So lieferte ein winziger Seitenzweig der deutschen Auswanderung eines der vielen Mosaiksteinchen in der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges. Das gelobte Land der Deutschen aber war Nordamerika. Schon 1637 waren zwei schwedische Schiffe mit Deutschen dorthin abgegangen. Sie sollten ein Siedlungsprojekt Gustav Adolfs verwirklichen. 1657-1664 zogen deutsche Gruppen auf holländisches Werben nach Neu-Amsterdam (New York), 1684 finden wir deutsche Siedlungstätigkeit in Maryland und 1694 in Philadelphia. Nach der Verwüstung der Pfalz durch die Franzosen zogen zeitweise größere deutsche Gruppen nach Nordamerika. Während der Kolonialkriege gegen Frankreich kam manch deutscher Soldat als englischer Söldner nach Nordamerika und blieb dort. Vor 1800 waren es keine großen Zahlen. Erst ab 1815 wuchsen sie an, bis es ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zu richtiggehenden Massenauswanderungen nach den USA kam. Zwischen 6 und 8 Millionen Deutsche wanderten in die USA aus, davon alleine etwa 3 Millionen in den Jahren 1871-1910. Dabei sind nur Auswanderer aus dem Reichsgebiet in den Grenzen von 1871 erfasst. In Kanada ließen sich weitere 300000-400000 Deutsche nieder. Etwa 90-96 Prozent unserer Auswanderer zogen nach Nordamerika. Daraus ergibt sich die Frage, wieso gerade jene Region eine so große Anziehungskraft ausübte. Da ist einmal die Gunst des Klimas vor allem im nördlichen Teil des Subkontinents. Die Reise nach Nordamerika war verhältnismäßig kurz und billig. Die wirtschaftlichen Verflechtungen Nordamerikas mit Europa waren besonders eng, die Ausstattung mit Bodenschätzen gut. Die wirtschaftliche Entwicklung verlief entsprechend stürmisch und bot viele Chancen. Weitgehende politische und völlige religiöse Freiheit machten die USA anziehender als manches andere Zielgebiet, und schließlich kam es zu einem Selbstverstärkungsprozess, denn dort, wo schon viele Landsleute oder Verwandte waren, zog man lieber hin als in die völlige Fremde. AuswanderungAuswanderung 1820-1914 Auswanderungspolitik und Auswanderervereine
Die Massenauswanderung vollzog sich unorganisiert. Versuche einer systematischen Auswanderungspolitik blieben in den Ansätzen stecken. Wer seinen Wehrdienst abgeleistet und alle privaten und Steuerschulden bezahlt hatte, konnte gehen. Es gab keine staatlichen Einrichtungen, die sich um die Auswanderungswilligen kümmerten. Dies blieb Geschäftemachern überlassen, die oft mit falschen Versprechungen lockten und die Auswanderer in der Fremde ihrem Schicksal überließen, sobald sie die Unkundigen geschröpft hatten. Es gab auch keine geeigneten Schiffskapazitäten für den Transport so großer Menschenmassen, viele Auswanderer hätten auch gar keine angemessene Beförderung bezahlen können, und so kam es auf dem Weg in die erhoffte goldene Zukunft oft zu menschenunwürdigen Verhältnissen. Allerdings hat eine nationalistische Kritik, die in der Auswanderung ein Unglück sah, weil sie die Bevölkerung in der Heimat und damit die Zahl der Wehrfähigen senkte, in ihrer Gegenpropaganda oft stark übertrieben. Trotzdem, die Verhältnisse waren manchmal schlimm genug. Abhilfe versuchten private Einrichtungen. Ihr Ziel war vor allem, die Auswanderer zu beraten. So entstand 1843 in Düsseldorf ein erster Hilfsverein, 1848 folgten ihm andere in Dresden, Leipzig und Frankfurt am Main, ab 1849 gab es Versuche zur Bildung solcher Vereine auf nationaler Ebene. Mit Ausnahme einer lokalen Organisation in Frankfurt am Main blieben sie aber ohne große Wirkung. Das gilt auch für die Versuche wohlhabend gewordener Deutscher in den Einwanderungsländern, Hilfsvereine für ihre neu ankommenden Landsleute zu gründen. Ab der Mitte des Jahrhunderts versuchten wenigstens Hamburg und Bremen als Haupteinschiffungshäfen, die größten Missstände abzustellen, indem sie Beratungsstellen einrichteten und Werbeagenturen, Gastwirte und Reedereien scharfen Bestimmungen unterwarfen. So vollzog sich also die Auswanderung weitgehend regellos und mit manch unerfreulichen Begleiterscheinungen. Wir dürfen aber nicht übersehen, dass sie auch deshalb ein so großes Volumen annahm, weil die Berichte der früher Ausgewanderten über ihre neue Heimat in der Mehrzahl durchaus positiv waren. Die Wirkungen der Auswanderung für die alte Heimat
Der Abzug so vieler Menschen hatte positive und negative Seiten. Die Heimat verlor junge und aktive Kräfte und mit ihnen viel Kapital, denn nicht alle Auswanderer waren mittellos. Andererseits entstanden Verbindungen in die dynamische Neue Welt, und außerdem milderte der Abstrom überflüssiger Arbeitskräfte die soziale Lage. Zu beachten ist auch, dass von den in die USA Ausgewanderten etwa ein Drittel zurückkam, aus Argentinien fast die Hälfte. Teilweise waren es jene, die im Ausland nicht Fuß fassen konnten, es kamen aber auch Erfolgreiche zurück und mit ihnen Kapital, vor allem aber neue Ideen. Werfen wir ein Blick auf Schicksal und Bedeutung zweier deutscher Auswanderer, die manchen der oben erwähnten Punkte illustrieren. Carl Schurz (* 1829 in Liblar bei Köln, † 1906 in New York) flüchtete 1849 nach dem Scheitern der Revolution ins Ausland und ging 1852 nach den USA. Dort schloss er sich Lincoln an und hatte wesentlichen Anteil an dessen Wahlsieg 1860. Er wurde Gesandter der USA in Madrid (1861), im Bürgerkrieg Divisionskommandant in der Unionsarmee und 1877-1881 Innenminister. In diesem Amt war er wesentlich an den Reformen beteiligt, die dem Staat sein heutiges Gesicht gaben. Die zu seinem Gedächtnis 1930 gegründete Carl Schurz Memorial Foundation hat nach dem Zweiten Weltkrieg viel zum Ausgleich zwischen Deutschland und den USA beigetragen. Friedrich List (* 1789 in Reutlingen, † 1846 in Kufstein) verfocht als Professor in Tübingen und Abgeordneter der Württembergischen Kammer liberale Ideale, wurde deshalb zu Festungshaft verurteilt und durfte 1822 nach den USA auswandern. 1830 kehrte er als amerikanischer Konsul zurück. In den USA hatte er die Vorzüge großer Wirtschaftsräume erkannt und setzte sich deshalb in Deutschland für Eisenbahnbau, Zollverein und Erziehungszölle ein. Diese beiden Namen mögen stellvertretend für all jene Deutschen stehen, die als Auswanderer für ihre neue Heimat und als Rückwanderer für ihre alte Großes geleistet haben.