Martin Luther und der Verlauf der Reformation (1517-1648)

Wie auch immer man die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte einschätzt, ob man mehr ihre schöpferisch prägende Bedeutung hervorhebt oder sie eher als lebendigen Ausdruck vorhandener Zeitströmungen und Umweltverhältnisse begreift, die deutsche Geschichte der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts kennzeichnen besonders Ereignisse und Entwicklungen, die mit der Person des Wittenberger Reformators Martin Luther (* 1483, † 1546) zusammenhängen. Darüber hinaus haben die Gedanken und Ereignisse, die in einem schmerzlich und außerordentlich dramatisch verlaufenen Prozess die mittelalterliche Glaubenseinheit zerstörten und von Rom losgelöste Kirchen entstehen ließen, in der Folgezeit das Geistesleben des Abendlandes und Nordamerikas in starkem Maße bestimmt. Eine geistige Bewegung wie die Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist ohne die Reformation des 16. Jahrhunderts schlechthin undenkbar. Und noch unsere eigene Gegenwart, für uns gekennzeichnet durch einen früher für unmöglich gehaltenen technischen Fortschritt, kann ohne die in den religiösen Kämpfen der Reformationszeit freigesetzten Denkrichtungen und -möglichkeiten nicht verstanden werden. Wenn irgendwo, dann lässt sich am Beispiel der Reformation und der durch sie in Gang gesetzten Entwicklungen veranschaulichen, dass man die eigene Gegenwart ohne Kenntnis der Vergangenheit nicht erfassen und beurteilen kann. Luthers Jugend: Herkunft und Ausbildung
Martin Luther gehört zu den Menschen, deren Leben und Taten uns sehr genau zugänglich sind. Das liegt nicht nur daran, dass er selbst zeitlebens mit Menschen verschiedener gesellschaftlicher Schichten einen umfangreichen Briefwechsel führte und unzählige Schriften verfasste. Auch zahllose Zeitgenossen äußerten sich über ihn und bezeugten ihre Ablehnung oder ihre Zustimmung. Nimmt man Luthers Vorlesungsmanuskripte und Predigten hinzu, dann kann man dem folgenden Urteil des protestantischen Kirchenhistorikers Bernhard Lohse nur zustimmen: »Über keinen anderen Menschen des 16. Jahrhunderts und der gesamten Geschichte vorher sind so viele Einzelheiten aus seinem Leben wie aus seinem Tageslauf bekannt wie über Luther.« Martin Luther wurde als zweiter Sohn eines Bergmanns am 10. November 1483 in Eisleben (östliches Harzvorland) geboren. Der aus einer bäuerlichen Familie, vom Westrand des Thüringer Waldes stammende Vater Hans Luther überließ den väterlichen Hof gemäß dem Erbrecht seinem jüngeren Bruder und ging selbst in den Kupferbergbau. 1484 siedelte er deshalb von Eisleben nach Mansfeld über, wo es ihm gelang, durch Fleiß und Ausdauer einen bescheidenen Wohlstand aufzubauen. Die Mutter, gebürtig aus Neustadt/Saale, hatte eine Schar von neun Kindern aufzuziehen. Im Rückblick sagte Luther 1533 über seine Eltern: »Mein Vater ist in seiner Jugend ein armer Häuer gewesen. Die Mutter hat all ihr Holz auf dem Rücken heimgetragen. So haben sie uns erzogen. Sie haben harte Mühsal ausgestanden, wie sie die Welt heute nicht mehr ertragen wollte.« Das religiöse Leben der Familie bewegte sich in den gewohnten Bahnen einer normalen mittelalterlichen Frömmigkeit. – Nach dem Besuch der Mansfelder Stadtschule wechselte Luther 1497 auf die Magdeburger Domschule über, an der die Brüder vom gemeinsamen Leben, Mitglieder einer ordensähnlichen Gemeinschaft zur Pflege mönchischer Frömmigkeit, unterrichteten. Die drei Jahre von 1498 bis 1501 verbrachte Luther in Eisenach, wo die Familie mehrere Verwandte hatte. An der dortigen Pfarrschule zu St. Georgen vervollkommnete er seine Lateinkenntnisse so, dass er diese Sprache hinfort fließend sprechen und schreiben konnte. Er fand auch Zutritt zu den Patrizierfamilien Schalbe und Cotta, die für seine Unterkunft und Verpflegung sorgten. Im Jahre 1501 zog Luther in das benachbarte Erfurt, um die dortige Universität zu besuchen. Er absolvierte zunächst ein Grundstudium, das ihm solide Kenntnisse in Grammatik und Rhetorik, aber auch in der Logik, Ethik und Metaphysik des griechischen Philosophen Aristoteles vermittelte. Diese Ausbildung beendete Luther mit der Promotion zum Magister Artium, einem von der Universität verliehenen akademischen Titel. Das Gelübde im Gewitter
Im Jahre 1505 nahm Luther auf väterlichen Wunsch in der gleichen Stadt das juristische Studium auf. Doch riss ihn schon im ersten Semester ein unvorhergesehenes Ereignis aus seiner bis jetzt so normal verlaufenen Lebensbahn. Am 2. Juli 1505 befand er sich auf der Rückkehr von Mansfeld nach Erfurt. Seinem Ziel schon sehr nahe, geriet er bei Stotternheim in ein schweres Gewitter und gelobte, unter Anrufung der heiligen Anna, der Schutzpatronin der Bergleute: »Ich will ein Mönch werden!« Wir wissen, dass der Vater von dem Entschluss seines Sohnes, mit dessen weltlicher Karriere er sicher große Hoffnungen verband, gar nicht erfreut war. Er gab schließlich seine Zustimmung, als er erkannte, dass es seinem Sohn mit dem Gelöbnis wirklich ernst war. Und so trat Luther bereits am 17. Juli in das Kloster der Augustinereremiten in Erfurt ein. Wir dürfen sicher annehmen, dass Luthers durch das Gewitter ausgelöster Entschluss innerlich schon lange herangereift war. Die Zeit stellte ja die Frage nach dem Seelenheil und der Möglichkeit, einmal würdig vor den ewigen Richter zu treten, mit großer Intensität, und das mönchische Leben war nach allgemeiner Überzeugung ein Gott gefälliger Weg, diesem Ziele näherzukommen. Luther fügte sich ohne Widerspruch in die Ordensgemeinschaft ein und befolgte die vielen den Tagesablauf regelnden Vorschriften gewissenhaft. Er übte in der Beichte eine eindringliche Selbstzerfleischung und war durch die Absolution (Vergebung der Sünden) nie lange zu beruhigen. Am 27. Februar 1507 erfolgte die Priesterweihe. Gleichzeitig bekam er den Auftrag zum Studium der Theologie, das ihn vor allem mit der Lehre des englischen Scholastikers Wilhelm von Ockham (* 1285, † 1347) in Berührung brachte, der die rationale Beweisbarkeit von Gottes Dasein geleugnet und philosophische und theologische Wahrheit streng getrennt hatte. Luther vertiefte sich ebenso in das Studium der Bibel, der Kirchenväter und theologischer Kommentare. Der verständnisvolle und ihm in seinen Glaubensnöten hilfreiche Generalvikar der Augustinerkongregation, Johannes von Staupitz (* 1465, † 1524), holte Luther im Oktober 1508 in das Augustinerkloster in Wittenberg und betraute ihn mit der Abhaltung von biblischen Vorlesungen an der Universität. Doch schon bald wurde Luther wieder nach Erfurt zurückberufen, um dort Vorlesungen zu übernehmen. Auf den Pfaden der Kirche – Eine Romreise
Eine Romreise, die Luther im November 1510 unternahm, blieb ohne größere Wirkung auf ihn. Erst aus der Rückschau hat er die Verweltlichung der Kirche, die ihm in Rom auf Schritt und Tritt begegnete, scharf kritisiert. Während seines Aufenthalts suchte er eifrig Sündenvergebung und Fegefeuererlass für sich und seine Verwandten, indem er die von der Kirche dargebotenen Gnadenmittel dankbar in Anspruch nahm und die damit verbundenen Pflichten und Auflagen gewissenhaft erfüllte. Nach der Rückkehr von der Romreise, im Sommer 1511, holte ihn der ihm wohlgesonnene Ordensobere der Augustiner Johann von Staupitz wieder nach Wittenberg. Luther übernahm das Amt des Klosterpredigers, erwarb die Würde eines Doktors der Theologie und erhielt schließlich die Lectura in Biblia, eine Professur, die ihn zu exegetischen (auslegenden) Vorlesungen verpflichtete. Wer den bisher geschilderten Lebenslauf überblickt, kommt kaum auf den Gedanken, dass Luther die Laufbahn eines religiösen ›Revolutionärs‹ vorgezeichnet war. Und doch müssen wir die Frage stellen, ob sich in Luthers religiösem Denken und Verhalten bereits Ansatzpunkte finden, die seinen späteren Weg zumindest verstehbar machen. Natürlich hat die Wissenschaft viele Deutungen versucht bis hin zu tiefschürfenden Analysen aller uns bekannten Seelenregungen und Stimmungen des Reformators. Am einleuchtendsten ist es noch immer, dass Luther wahrscheinlich in diesen Jahren die Frage am stärksten bewegte: »Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?« Diese Frage zog all die anderen Fragen, die im weiteren Verlauf der Reformation so wichtig wurden, nach sich: Kann ich überhaupt etwas für mein Seelenheil tun? Können mir die von der Kirche dargebotenen Gnadenmittel helfen? Welche Antworten gibt die Bibel, vor allem das Neue Testament? Sola gratia – sola fide – Erlösung durch Gnade und Glauben
In den Jahren zwischen 1511 und 1517 erarbeitete sich Luther eine theologische Position, die sicherlich zum religiösen Leben seiner Umwelt bereits im Widerspruch stand, aber noch nicht aus dem Raum der katholischen Kirche hinausführte: Unter Berufung auf den Kirchenvater Augustinus behauptete er die Unfreiheit des menschlichen Willens in allen Fragen des Heils. Der göttlichen Gnade sei es allein anheimgegeben, den Menschen von Schuld zu befreien (lat. sola gratia); allein durch den Glauben (lat. sola fide) könne diese Gnade empfangen werden. Dieser Glaube aber verlangt vom Menschen die völlige Selbstaufgabe, das vertrauende Sich-Ausliefern an Gott auf Gnade und Ungnade. Man wird freilich auch behaupten können, dass die rigorose Ausschließlichkeit, mit der Luther diese Aussage in den Mittelpunkt seiner Theologie stellte, eine Konfrontation mit der bestehenden Lehre der Kirche wahrscheinlich machte. Der Streit entzündete sich 1517 an der Ablasspraxis der Kirche. Ablasshandel im Spannungsfeld Landesherrschaft/Rom
Im Jahre 1514 wurde der Kardinal Albrecht von Brandenburg (* 1490, † 1545) zum Erzbischof von Mainz gewählt, wollte jedoch die Erzdiözese Magdeburg und die Administratur von Halberstadt, an deren Spitze er bisher gestanden hatte, behalten. Papst Leo X. (* 1475, † 1513) stimmte dieser in der damaligen Zeit keineswegs aus dem Rahmen fallenden Ämterhäufung zu, forderte aber dafür von Albrecht die Bezahlung einer beträchtlichen Summe. Man wurde sich schließlich einig, ab 1515 einen Ablass für den Neubau der Peterskirche auszuschreiben und die Gelder zwischen Rom und Albrecht zu teilen. Finanziellen Vorteil zog aus diesem Geschäft auch das Augsburger Bankhaus Fugger, das dem Kardinal die von Rom geforderte Summe vorstreckte. Worin bestand nun dieser Ablass? Der Gläubige konnte durch eine Geldspende an die Kirche zeitliche Sündenstrafen, eingeschlossen die des Fegefeuers, tilgen und dieses Gnadenmittel auch Verstorbenen zukommen lassen. In der Theorie war natürlich ehrliche Reue die Voraussetzung für die priesterliche Absolution. Die Praxis allerdings, wie der Ablass angeboten wurde, hatte sich im Lauf der Zeit vergröbert und das Bußsakrament immer mehr in den Hintergrund gerückt. Luther hatte schon einige Zeit dem Ablasshandel misstrauisch gegenübergestanden. Zwar durfte der neue von Rom initiierte Ablass im Kurfürstentum Sachsen – wo Luthers Wirkungsstätte Wittenberg lag -nicht vertrieben werden, da Kurfürst Friedrich dies verboten hatte: weniger freilich aus theologischen Gründen als aus finanzieller Konkurrenz, entging ihm doch als Landesherr durch Vergabe des Ablasses an Albrecht eine gute Geldquelle für sein eigenes Territorium. Der Thesenanschlag zu Wittenberg
Das Verbot fruchtete wenig. Die Gläubigen aus Wittenberg und Umgebung wanderten in das nahe, jenseits der Grenze im Brandenburgischen gelegene Jüterbog, wo der Dominikanermönch Tetzel im Auftrag des Erzbischofs Albrecht den Ablass so marktschreierisch unters Volk brachte, dass sich Luther herausgefordert fühlte: Er veröffentlichte am 31. Oktober 1517 fünfundneunzig lateinische Thesen (Leitsätze) über den Ablass und das Wesen der wahren Buße und forderte mit diesem Schritt zu einem theologischen Gespräch (Disputation) heraus. Wohl kaum konnte er ahnen, welch außerordentliche Wirkung seine Thesen, die in kurzer Zeit in unzähligen Exemplaren im deutschen Sprachraum verbreitet und begeistert aufgenommen wurden, nach sich ziehen würden. Sicherlich erfassten viele den theologischen Gehalt der Thesen nur unvollkommen und freuten sich mehr darüber, dass Finanzpraktiken der Kirche angegriffen wurden. Was Luther besonders bewegte und in seinem Gewissen beunruhigte, war die Zurückdrängung der Buße in der Ablasspraxis Tetzels. So verwundert es auch nicht, dass schon die erste These sein Hauptanliegen zum Ausdruck bringt mit der Feststellung, »dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll«. Unmissverständlich heißt es in der These 52: »Eitel und nichtig ist das Vertrauen, durch Ablassbriefe das Heil zu erlangen, auch wenn der Kommissar, ja der Papst selbst seine eigene Seele zum Pfand dafür gäbe.« Besonders scharf wendet sich Luther gegen das Versprechen, durch Ablasszahlung könne die Fegefeuerstrafe erlassen werden. Ebenso geißelte er die Übertragung des Ablasses auf Verstorbene. Missbehagen in Rom – Verhör in Augsburg
Wenn der lutherische Protestantismus den 31. Oktober 1517 als Beginn der Reformation betrachtet, so hat das seine Berechtigung, angesichts der Folgen, die sich aus dem Streit ergaben. Luther selbst wollte zu diesem Zeitpunkt gewiss keine neue Kirche gründen und hat auch später seine Theologie immer als eine Erneuerung des Urchristentums verstanden. In welch gewaltige Auseinandersetzung er sich mit der Veröffentlichung der Thesen einließ, konnte er damals nicht ahnen. Schließlich hatte es auch vor ihm schon Ablasskritik gegeben. So war etwa die Zuwendbarkeit des Ablasses an Verstorbene unter den Theologen der Zeit durchaus umstritten. Die folgenden Jahre sind nun von einer Reihe dramatischer Ereignisse gekennzeichnet, bei denen sich die religiöse Bewegung mit der politischen Entwicklung aufs innigste verknüpfte. Die Geschichte des Deutschen Reiches wird in diesen Jahren ganz stark durch die von Luther ausgehende Entstehung einer neuen Kirche (Konfession) beeinflusst, und die religiöse Frage bleibt über Jahrzehnte hinweg das wichtigste Thema der von konfessionellem Streit geprägten Reichstage. Doch sollen im folgenden Eigenart und Entwicklung der lutherischen Reformation das zentrale Thema bilden, da das Schicksal des Reiches in dem Kapitel »Deutschland und Europa zur Zeit Kaiser Karls V.« eine gesonderte Darstellung erfährt. Papst Leo X., dieser lebenslustige und elegante Mann aus der Familie der florentinischen Medici, hatte wenig Verständnis für das deutsche »Mönchsgezänk« und hat wohl die Seelennöte des leidenschaftlichen und aufsässigen Wittenberger Theologen in ihrem vollen Ernst nie erfasst. Gleichwohl ahnte die Kurie, dass man die hier aufflammende Revolution zertreten müsse. Gedrängt von seinen Beratern, zitierte Leo X. im August 1518 Luther nach Rom. Doch Kurfürst Friedrich der Weise, als Landesherr Luthers direkt an dem Fall interessiert, schaltete sich ein und taktierte zugunsten Luthers mit kluger Zurückhaltung. Ohne sich offen zu Luther zu bekennen, hielt er seine schützende Hand über ihn. Er erreichte schließlich, dass Luther nicht in Rom, sondern auf dem Reichstag zu Augsburg, also auf deutschem Boden, einvernommen werden konnte. Der Historiker Gerhard Ritter charakterisiert den päpstlichen Legaten so: »Cajetan selber, persönlich eine der ehrenwertesten Gestalten der Kurie Leos X. und der einzige Theologe dieses Renaissancehofes, der imstande war, über die dogmatische Seite des Ablassstreites selbstständig zu urteilen, erkannte recht wohl, dass die Ablasslehre Luthers [...] nicht ohne weiteres ketzerisch im strengen Sinne zu nennen sei.« Luther brach mit bösen Ahnungen nach Augsburg auf, obwohl man ihm freies Geleit ohne alle Gefahr der Verhaftung zugesichert hatte. Cajetan, dem man guten Willen nicht absprechen kann, hoffte Luther theologisch zu überzeugen und ließ sich in ein Gespräch über die wichtigsten seiner Lehrsätze ein. Der kluge Italiener verschwieg zunächst die harten Instruktionen, die man ihm in Rom mit auf den Weg gegeben hatte: Forderung öffentlicher Abschwörung durch Luther und Kirchenbuße auch im Falle des freiwilligen Widerrufs seiner Thesen. Auch vermied der Legat jedes Eingehen auf die Ablasspraxis. »Aber dem deutschen Starrkopf fehlte jedes Empfinden dafür, wie viel dieses Entgegenkommen von allerhöchster Stelle bedeutete« (Gerhard Ritter). Der Ton des Gesprächs wurde immer gereizter, Luther, überzeugt von der Überlegenheit des eigenen schwererkämpften Glaubens, reagierte immer heftiger. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung rief er dem päpstlichen Legaten zu: »Euer Hochwürden glaube nur nicht, dass wir Deutschen nicht auch die Grammatik verstehen!« und Cajetan ließ sich zu der Drohung hinreißen: »Geh und komm mir nicht wieder vor die Augen, es sei denn zum Widerruf!« Text der Zeit
Aus den 95 Thesen Martin Luthers – 1517

1. Da unser Meister und Herr Jesus Christus spricht: »Tut Buße!« Usw. will er, dass das ganze Leben seiner Gläubigen auf Erden eine stete und unaufhörliche Buße sein soll.
2. Und kann noch mag solch Wort nicht vom Sakrament der Buße, d. i. von der Beicht und Genugtuung, so durch der Priester Amt geübet wird, verstanden werden.
3. Jedoch will er nicht allein die innerliche Buße verstanden haben; ja, die innerliche Buße ist nichtig und keine Buße, wo sie nicht äußerlich allerlei Tötung des Fleisches wirket.
5. Der Papst will noch kann nicht einige andere Pein erlassen, außerhalb derer, die er nach seinem Gefallen oder laut der canonum, d. i. päpstlicher Satzungen, aufgelegt hat.
6. Der Papst kann keine Schuld vergeben, denn allein so fern, dass er erkläre und bestätige, was von Gott vergeben sei [...]
12. Vorzeiten wurden canonicae poenae, d. h. Buße oder Genugtuung für begangene Sünde, nicht nach, sondern vor der Absolution auferlegt, dabei zu prüfen, ob Reue und Leid rechtschaffen wäre.
20. Deshalb meinet noch verstehet der Papst nicht durch diese Worte [Vollkommener Erlass aller Strafen], dass insgemein alle Pein [Strafe] vergeben werde, sondern meinet die Pein allein, die er selbst aufgelegt hat.
21. Deshalb irren die Ablassprediger, die da sagen, dass durch des Papstes Ablass der Mensch von aller Pein los und selig werde.
27. Die predigen Menschentand, die da vorgeben, dass, sobald der Groschen, in den Kasten geworfen, klingt, von Stund an die Seele aus dem Fegefeuer fahre.
32. Die werden samt ihren Meistern zum Teufel fahren, die vermeinen, durch Ablassbriefe ihrer Seligkeit gewiss zu sein.
35. Die lehren unchristlich, die vorgeben, dass die, so da Seelen aus dem Fegefeuer oder Beichtbrief lösen wollen, keiner Reue noch Leides bedürfen.
36. Ein jeder Christ, so wahre Reue und Leid hat über seinen Sünden, der hat völlige Vergebung von Pein und Schuld, die ihm auch ohne Ablassbriefe gehöret.
37. Ein jeder wahrhaftige Christ, er sei lebendig oder tot, ist teilhaftig aller Güter Christi und der Kirche, aus Gottes Geschenk, auch ohne Ablassbriefe.
41. Fürsichtiglich soll man von dem päpstlichen Ablass predigen, dass der gemeine Mann nicht fälschlich dafür halte, dass er den anderen Werken der Liebe werde, vorgezogen oder besser geachtet.
43. Man soll die Christen lehren, dass, der dem Armen gibt oder leihet dem Dürftigen, besser tut, denn dass er Ablass lösete.
49. Man soll die Christen lehren, dass des Papstes Ablass gut sei, sofern man sein Vertrauen nicht darauf setzet, dagegen aber nichts Schädlicheres, denn so man dadurch Gottes Furcht verlieret.
62. Der rechte wahre Schatz der Kirche ist das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.
71. Wer wider die Wahrheit des päpstlichen Ablasses redet, der sei ein Fluch und vermaledeiet [der sei im Bann und im Fluch].
72. Wer aber wider des Ablasspredigers mutwillige und freche Worte Sorge trägt oder sich bekümmert, der sei gebenedeiet.
79. Zu sagen, dass das Ablasskreuz, das mit dem Wappen des Papstes herrlich aufgerichtet wird, gleichen Wert habe wie das Kreuz Christi, ist Gotteslästerung.
81. Solche freche und unverschämte Predigt vom Ablass macht, dass es auch den Gelehrten schwer wird, des Papstes Ehre und Würde zu verteidigen vor derselben Verleumdung, ja vor den scharfen und listigen Fragen des gemeinen Mannes.
94. Man soll die Christen mahnen, dass sie ihrem Haupt, Christo, durch Kreuz, Tod und Hölle nachzufolgen sich befleißigen.
95. und also mehr durch viel Trübsal ins Himmelreich zu gehen, denn dass sie durch Vertröstung des Friedens sicher werden.

Nach der deutschen Übersetzung von 1545. Sola scriptum – Wahrheit allein in der »Heiligen Schrift«, im Evangelium
Der Versuch der päpstlichen Seite, Luther zur Umkehr zu bewegen oder gar zu zwingen, endete in krasser Dissonanz. Cajetan forderte schließlich von Friedrich dem Weisen die unverzügliche Auslieferung Luthers, doch vergebens. Der Reformator selbst hatte unterdessen Augsburg, wo er sich wohl zu Recht nicht mehr sicher fühlte, bei Nacht und Nebel mit kursächsischer Hilfe verlassen. Er, der in den entscheidenden Glaubensfragen nur das an die biblische Offenbarung (sola scriptura = allein durch die Schrift) gebundene Gewissen als Richter anerkennen wollte und alle päpstlichen Dekrete an dieser Überzeugung maß, dürfte nun schon geahnt haben, dass der Bruch mit Rom unvermeidlich geworden war und dass der päpstliche Bannstrahl ihn sicher schon bald treffen werde. »Dass er in die Wüste hinausgestoßen werde, konnte er sich keinen Augenblick länger verhehlen« (Gerhard Ritter). Leipziger Disputation – Kritik an der Vorherrschaft des Papstes
Luther appellierte dennoch an den Papst und bat darum, sich noch einmal vor sachverständigen Theologen an einem sicheren Ort rechtfertigen zu dürfen. Diese Diskussion kam tatsächlich zustande. Hauptgesprächspartner im Namen der Kirche war der Ingolstädter Theologieprofessor Johannes Eck (* 1486, † 1543). Die Auseinandersetzung erreichte ihren ersten Höhepunkt in der berühmten Leipziger Disputation vom 4. bis 15. Juli 1519. Zunächst führte Luthers Wittenberger Kollege Andreas Karlstadt (* 1482, † 1541) das Streitgespräch mit dem redegewandten Dr. Eck, bis schließlich Luther persönlich in die Arena trat. Aufsehen erregte, dass Luther besonders seinen Kirchenbegriff genauer umriss und so ein erstes Abweichen vom römisch-katholischen Kirchenverständnis sichtbar wurde. Johannes Eck, der die katholische Lehre geschickt und wirkungsvoll vertrat, versuchte Luther zu einem Anhänger der Hussiten zu stempeln, deren Lehre auf dem Konzil von Konstanz (1414-1418), das Johannes Hus (* 1369, † 1415), den Begründer der hussitischen Bewegung, zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt hatte, als ketzerisch verdammt worden war. Und tatsächlich behauptete Luther im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung, dass manches, was Hus vertreten habe, »gut evangelisch« sei und dass auch allgemeine Konzilien irren könnten. Gleichzeitig rückte er vom Primat des Papsttums ab. Anschaulich berichtet er am 20. Juli 1519 dem gebildeten, ihm wohlgesinnten Berater und Kaplan seines Kurfürsten, Georg Spalatin (* 1484, † 1545): »Ich hielt Eck umgekehrt die Griechen mit ihrer tausendjährigen Geschichte und die alten Väter entgegen, die nicht unter der Gewalt des römischen Papstes gewesen seien, obwohl ich diesem einen Ehrenvorrang nicht abstritt. Schließlich wurde auch noch über die Autorität des Konzils disputiert. Ich sprach in aller Öffentlichkeit aus, es seien in Konstanz etliche Artikel gottloserweise verdammt worden, welche in offenen und klaren Worten von Paulus, Augustin, außerdem von Christus selbst gelehrt seien.« Verbrennung der Bannandrohung
Nach der Leipziger Disputation ließ die Kirche Luther nicht lange auf ihre Antwort warten, um so mehr, als Papst Leo X. glaubte, nach der inzwischen erfolgten Wahl des Habsburgers Karl V. zum deutschen Kaiser keine Rücksicht auf Kurfürst Friedrich den Weisen mehr nehmen zu müssen. Leo X. nahm den unterbrochenen Prozess gegen Luther wieder auf und verdammte in der Bannandrohungsbulle »Exsurge Domine« 41 Sätze Luthers ohne Begründung oder Widerlegung als ketzerisch. Der Reformator reagierte äußerst scharf und unversöhnlich. Er erklärte, er verdamme den römischen Stuhl im Namen der Wahrheit, wenn dieser selbst die Unwahrheit nicht verurteile. Die Frist von 60 Tagen, die ihm für einen Widerruf gesetzt wurde, ließ er verstreichen. Am 10. Dezember 1520 verbrannte Luther vor dem Elstertor in Wittenberg eine Reihe von Schriften seiner Gegner, das »Corpus iuris canonici« (Sammlung des kirchlichen Rechts) und warf zuletzt noch die Bannandrohungsbulle ins Feuer. Damit hatte er den endgültigen Bruch mit dem Papsttum herbeigeführt und verfiel dem Kirchenbann. Die Tapferkeit und die Konsequenz, mit denen Luther seit 1517 seine Glaubensüberzeugung vertreten hatte, aber auch das neue Medium des Buchdrucks, das seine Schriften, Bücher, Flugblätter schnell in großer Zahl verbreitete, gewannen ihm innerhalb des Reiches beim selbstbewussten Bürgertum und unter den immer mehr verarmenden Bauern unzählige begeisterte Anhänger und Freunde. Kaum ein Territorium, kaum eine Stadt, in die lutherisches Gedankengut nicht eindrang! Freilich verbanden sich mit der neuen Lehre von Anfang an auch Erwartungen, die die »evangelische Sache« gefährdeten und sie im Dienste weltlichen Machtstrebens oder sozialer Revolutionen missbrauchten. Luther hat gegen den Missbrauch seiner Lehre immer wieder angekämpft, ohne ihn freilich verhindern zu können. Im Schutz starker Landesherren auf dem Reichstag zu Worms
Wie stark die Macht der geistlichen und weltlichen Reichsstände, der Territorialherren und Reichsstädte, die den Reichstag bildeten, gewachsen war, musste der neugewählte Kaiser Karl V. gleich bei seinem ersten Erscheinen auf deutschem Boden erfahren. Obwohl die religiösen Streitigkeiten in Deutschland nicht in sein politisches Konzept passten und er sich als Beschützer der Einheit von Glauben und Kirche verstand, konnte er die »lutherische Pest« nicht mit einem Machtwort beseitigen. Im Gegenteil, er musste sich dazu bequemen, Luther unter Zusicherung freien Geleits zu dem für 1521 in Worms anberaumten Reichstag vorzuladen, und ihm Gelegenheit zur Rechtfertigung vor Kaiser und Reich geben, Zugeständnisse, die Friedrich der Weise in zähem Ringen von dem päpstlichen Nuntius Alexander erreichte. Der Historiker Erich Hassinger beschreibt die Situation treffend mit dem Satz: »Dass ein vom Papst gebannter Ketzer zu einem Verhör vor Kaiser und Reich erscheinen durfte, etwas Derartiges war bis jetzt noch nicht vorgekommen.« Luthers Reise nach Worms glich einem Triumphzug. Bei seinem ersten Auftreten vor dem Reichstag bat Luther auf die Frage, ob er zum Widerruf bereit sei, um Bedenkzeit. Anschaulich schildert der evangelische Kirchenhistoriker Heinrich Fausel den Vorgang: »Am Abend des 18. April steht Luther zum zweiten Male in dem heißen, überfüllten Saal vor dem Reichstag und gibt in einer langen Rede zuerst deutsch, dann auf Verlangen lateinisch, seine Antwort. Er ist bereit, seine Bücher, die er in drei Gruppen einteilt, zu widerrufen, sobald er durch die Schrift eines Besseren belehrt wird.« Und Heinrich Fausel fährt fort: »Nicht Luther, sondern der Reichstag ist nun vor die Entscheidung gestellt. [...] Darum beschließt er, Luther nochmals um eine aufrichtige, ehrliche und unzweideutige Antwort befragen zu lassen.« Luthers berühmte, lateinisch vorgetragene Antwort lautet in deutscher Übersetzung: »Weil Eure Majestät und Eure Gnaden eine schlichte Antwort begehren, so will ich eine solche ohne Hörner und Zähne geben: Werde ich nicht durch Zeugnisse der Schrift oder durch klare Vernunft überwunden – denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, da es am Tage ist, dass sie des Öfteren geirrt und sich selbst widersprochen haben -, so bleibe ich überwunden durch die von mir angeführten Stellen der Schrift und mein Gewissen gefangen durch Gottes Wort. Widerrufen kann und will ich nichts, denn es ist weder sicher noch heilsam, gegen das Gewissen zu handeln. Gott helfe mir, Amen.« Den letzten Satz, mit dem Luther seine Predigten zu schließen pflegte, sprach er deutsch. Da der Reformator trotz des Drängens wohlmeinender Freunde kompromisslos an seiner Entscheidung festhielt, erließ der Kaiser schließlich das Wormser Edikt, das über Luther und seine Anhänger die Reichsacht verhängte, seine Schriften verbot und der Verbrennung auslieferte. Luther hatte schon vorher, am Morgen des 25. April ohne Aufsehen Worms verlassen. Friedrich der Weise, der um Luthers Leben bangt, lässt ihn unterwegs zum Schein überfallen und auf die Wartburg bei Eisenach in Thüringen bringen. Dort verbringt Luther als »Junker Jörg« fast ein Jahr und arbeitet in der Stille seines unfreiwilligen Aufenthaltes an der Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche. Förderer der Reformation – Die Schriften Luthers
Um die schnelle Zuspitzung des Streites zwischen Kirche und Luther zu verstehen, muss man die fruchtbare schriftstellerische Arbeit Luthers, der viele seiner Veröffentlichungen nicht in der Gelehrtensprache Latein, sondern auf Deutsch veröffentlichte, kennen. Verwendung der Volkssprache und weite Verbreitung durch den Buchdruck erzeugten ein Echo, das der Amtskirche Sorgen und Schrecken einflößen musste. Schon im Jahre 1520, also vor dem Wormser Reichstag, hatte Luther drei bedeutende Schriften verfasst, in denen er die Grundzüge seiner Lehre entwickelte. Die erste von ihnen trägt den Titel: »An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung«. Diese Programmschrift machte großen Eindruck auf die Reichsritterschaft, so auf den Führer des niederen Adels Franz von Sickingen und auf den humanistisch gebildeten Ulrich von Hutten. Gut vierzehn Tage nach ihrem Erscheinen waren schon 4000 Exemplare verkauft. Luther »legt dem Adel der deutschen Nation einen wohlüberlegten, in seinen Forderungen durchaus mäßigen und ausführbaren, aber die ganze Breite des kirchlichen Lebens umfassenden Plan vor – einen Plan, welcher, wenn er ausgeführt worden wäre, nicht nur die Kirche, sondern das ganze Leben des deutschen Volkes von Grund auf neugestaltet hätte« (Heinrich Fausel). Der Reformator spricht dem Papst das Recht ab, die Bibel bindend auszulegen, und das Privileg (Vorrecht), Konzilien einzuberufen. Er hebt den Unterschied zwischen Priestern und Laien auf und vertritt das allgemeine Priestertum: »Daraus folgt, dass Laien, Priester, Fürsten, Bischöfe und, wie sie sagen, Geistliche und Weltliche wahrlich im Grunde keinen andern Unterschied haben als denjenigen des Amts oder Werks und nicht den des Standes, denn sie sind alle geistlichen Standes, wahrhaftige Priester, Bischöfe und Päpste, aber nicht gleichen und einerlei Werkes. [...] Ein Schuster, ein Schmied, ein Bauer, ein jeder hat seines Handwerks Amt und Werk, und doch sind alle gleichermaßen geweihte Priester und Bischöfe.« Allen Christen steht es zu, die Schrift auszulegen: »Darum gebührt einem jeglichen Christen, dass er sich des Glaubens annehme, ihn zu verstehen und zu verfechten und alle Irrtümer zu verdammen.« Scharf wendet sich Luther gegen die Finanzwirtschaft des Papsttums und die aufgeblähte Bürokratie der Kurie: »Es sind schon allein mehr als 3000 päpstliche Schreiber; wer will die andern Amtleute zählen, wo doch der Ämter so viel sind, dass man sie kaum zählen kann.« Weiter verwirft Luther den Zölibat (Ehelosigkeit) der Priester, den Beichtzwang vor dem Ordensoberen, und schlägt vor, das Fasten den Gläubigen freizustellen. Diese Schrift empfiehlt auch die Auflösung eines Teils der Orden und die Umwandlung von Stiften und Klöstern in freie Schulen. An den Universitäten solle statt des geistlichen Rechts das weltliche gelehrt werden, und an die Stelle des Studiums der Kirchenväter und der päpstlichen Gesetze habe die Beschäftigung mit der Bibel zu treten. Schließlich wendet sich Luther gegen übertriebenen Luxus und eine zu üppige Lebenshaltung und fordert die weltliche Obrigkeit auf, gegen unsittliche Häuser einzuschreiten. Luther mag wohl selbst geahnt haben, welch große Leistung er von den Gläubigen verlangte: »Ich bin auch wohl der Meinung, dass ich hoch gegriffen habe, dass ich vieles aufgestellt habe, was für unmöglich angesehen wird, dass ich viele Stücke zu scharf angegriffen.« In der zweiten, lateinisch verfassten Schrift »Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche« setzt sich Luther mit dem Anspruch der Priester auseinander, über dem Laien stehende Mittler zwischen Gott und den Menschen zu sein. Er verwirft die katholische Sakramentallehre: »Vor allem muss ich die Siebenzahl der Sakramente ablehnen und unter den gegenwärtigen Umständen nur eine Dreizahl an ihre Stelle setzen: die Taufe, die Buße, das Brotbrechen.« Zu den »Gefangenschaften« der Kirche zählt Luther die Verweigerung des Laienkelches, die Lehre von der Transsubstantiation (Wandlung) und den Glauben, »dass die Messe ein gutes Werk und Opfer sei«. »Von der Freiheit eines Christenmenschen«, die dritte Schrift des Jahres 1520, betont, dass es keines Werkes bedarf, um von Gott angenommen zu werden. Sie arbeitet Luthers theologische Grundüberzeugung heraus, die »Rechtfertigung« allein durch den Glauben (sola fide): »So sehen wir, dass ein Christenmensch am Glauben genug hat; er bedarf keines Werks, um rechtschaffen zu sein. Bedarf er nun keines Werkes mehr, so ist er gewiss von allen Geboten und Gesetzen entbunden; ist er davon entbunden, so ist er gewiss frei. Das ist die christliche Freiheit: der Glaube allein. Er bewirkt nicht, dass wir müßiggehen oder übeltun könnten, sondern, dass wir keines Werks bedürfen, um Rechtschaffenheit und Seligkeit zu erlangen!« Wiederum betont diese Schrift das allgemeine Priestertum der Gläubigen und lehnt einen geistlichen Stand mit besonderen Vollmachten ab. Martin LutherMartin Luther, neunundvierzigjährig, auf dem Höhepunkt der von ihm ausgelösten Reformation. Hinter ihm liegen die Ächtung auf dem Wormser Reichstag, aber auch »Confessio Augustana« ist verkündet, und dieses Jahr 1532 bringt den vorläufigen Konfessionsfrieden mit dem Kaiser. Bild von Lucas Cranach d. Ä. Frankfurt, Historisches Museum. Theologie im Konflikt mit der Sozialrevolution
Es konnte nicht ausbleiben, dass Luthers Theologie, seine Lehre vom allgemeinen Priestertum und der Freiheit der Christen, in den religiösen und politischen Stürmen der Zeit recht verschiedene Auslegungen fand. Von Anfang an begleitet die deutsche Reformation eine Reihe von radikalen Bewegungen (Täufer, Bilderstürmer usw.), die bestimmte Stellen der Bibel anders auslegten und von Luther als »Schwärmer, Rotten und Sakramentierer« abgetan wurden. Auch die sozialen Bewegungen der Zeit sind von Luther stark beeinflusst und aktiviert worden. Es kam zu Plünderungen von geistlichen Stiften, Bilderstürmer forderten gemäß dem alttestamentlichen Bilderverbot die Entfernung jeglichen Schmucks aus den Kirchen. Im Dezember 1520 kam es zu Tumulten in Wittenberg, die Luther zum Verlassen der Wartburg zwangen. Nur mit Mühe stellte er durch eindrucksvolle Predigten die Ruhe wieder her. Von den Bauern wurde die reformatorische Lehre von der »Freiheit des Christenmenschen« als Aufruf zum Kampf für soziale Gerechtigkeit verstanden. Als sie zur Gewalt griffen, wandte sich Luther von ihnen ab, weil er seine Lehre nicht missbrauchen lassen wollte. Er stellte sich auf die Seite der Fürsten, die die Aufstände grausam niederschlugen. Der Abendmahlsstreit zwischen Luther und Zwingli
Dass Luther kein finessenreicher Taktiker war, der um politischer Ziele willen sein religiöses Anliegen verraten hätte, zeigte sich auch beim Abendmahlsstreit. Der Züricher Reformator Huldrych (Ulrich) Zwingli (* 1484, † 1531), das Haupt der schweizerischen reformatorischen Bewegung, die auch auf den Südwesten Deutschlands starken Einfluss ausübte, nahm in der Abendmahlslehre einen anderen Standpunkt ein als Luther. Während Luther an den Einsetzungsworten »Dies ist mein Leib« und »Dies ist mein Blut« festhielt (Realpräsenz), verstanden Zwingli und seine Anhänger das Abendmahl mehr als eine Feier des Gedenkens und der Erinnerung an Christi Opfer. Als dann der Reichstag von Speyer 1529 die Anhänger der neuen Lehre unter den Reichsständen in arge Bedrängnis brachte, sodass diese feierlichen Protest – daher der Name »Protestanten« – einlegten, wollte der aktive Landgraf Philipp von Hessen eine von den evangelischen Reichsständen getragene Front gegen den Kaiser und das Haus Habsburg aufbauen. Zu diesem Zweck versuchte er auch den Abendmahlsstreit aus der Welt zu schaffen und lud Luther und Zwingli zu Gesprächen nach Marburg ein. Doch konnten sich die beiden Reformatoren in Marburg nicht einigen, weil Luther an seinem Abendmahlsverständnis hartnäckig festhielt und keinerlei Kompromissbereitschaft zeigte. Die »Confessio Augustana« – Reichstag von Augsburg 1530
Als Karl V. nach neunjähriger Abwesenheit wieder deutschen Boden betrat, war er entschlossen, die leidige und so viel Unruhe stiftende religiöse Frage in seinem Sinn zu lösen, unterschätzte aber gleichermaßen die Stärke der›evangelischen‹ Stände wie die Stärke der Reformbewegung überhaupt. Auf dem nach Augsburg einberufenen Reichstag legten die evangelischen Reichsstände ein gemeinsames lutherisches Bekenntnis, die »Confessio Augustana« (Augsburger Bekenntnis) vor, die Luthers Mitarbeiter Melanchthon im Auftrag des sächsischen Kurfürsten ausgearbeitet hatte. Die Confessio Augustana gehört zu den wichtigsten Bekenntnisschriften des Luthertums. Sie ist, gemäß der Gesinnung ihres Verfassers, eher maßvoll formuliert und betont mehr die gemeinsamen Überzeugungen, ohne die zwischen den Konfessionen strittigen Punkte zu scharf hervortreten zu lassen. Die Altgläubigen antworteten mit einer Gegenschrift. Zu einer Einigung kam es nicht. Im Gegenteil, die Reichsstände, die an der neuen Lehre festhielten, liefen Gefahr, in Zukunft als Landfriedensbrecher verfolgt zu werden. Die späteren kriegerischen Auseinandersetzungen zeichneten sich bereits am Horizont ab. Doch stellten nun die Protestanten eine Macht dar, deren Unterwerfung kaum mehr möglich schien. Landeskirchen, Gemeinden, Schulen – Weitere Ausbreitung der Reformation
Luther erkannte schon bald, dass es für das Überleben seiner Lehre nicht genügte, wenn sie von einzelnen Menschen angenommen wurde. Er musste einen organisatorischen Rahmen schaffen und die entstehende neue Konfession in das vorhandene staatliche Gefüge einordnen. Es war naheliegend, dass er auf die vorhandenen Ordnungsmächte zurückgriff. Gemäß der mittelalterlichen Auffassung, dass der Fürst auch für das Seelenheil seiner Untertanen Verantwortung trage, forderte er die bestehenden Obrigkeiten, also die Fürsten und Stadtregimenter, auf, Landeskirchen aufzubauen. Die einzelnen Landesfürsten standen als ›Notbischöfe‹ an der Spitze dieser Kirchen. Ein Konsistorium, dem weltliche und geistliche Beamte angehörten, übernahm die eigentliche Leitung der Kirche. Es ernannte die Pfarrer der einzelnen Gemeinden. Diese sollten im Gottesdienst die reine Lehre verkünden, die Sakramente (Taufe und Abendmahl) verwalten und für die rechte christliche Ordnung in der Gemeinde sorgen. Die meisten Pfarrer heirateten nach Luthers eigenem Beispiel und gründeten eine Familie. Das evangelische Pfarrhaus entwickelte sich immer mehr zum religiösen und kulturellen Mittelpunkt der Gemeinden. Da die Kenntnis der Bibel und ein rechtes Verständnis des Evangeliums Voraussetzung für ein gutes Gemeindeleben war, kümmerten sich Luther und seine Helfer, vor allem Philipp Melanchthon (* 1497, † 1560), um den Aufbau eines neuen Schulwesens. Luther selbst verfasste für die rechte Unterweisung der Jugend seinen »Kleinen Katechismus«, der die Evangelische Lehre (Gebote, Glaubensartikel, Lehre vom Abendmahl) in verständlicher Sprache wiedergab und auslegte. Schon 1524 wandte er sich in einer Schrift an die »Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen«. Darin gibt er praktische Ratschläge für den Schulaufbau und meint, dass ein geregelter Besuch der Schule für jedes Kind zu empfehlen ist: »Man lasse die Knaben täglich eine Stunde oder zwei in eine solche Schule gehen und dann nichtsdestoweniger im Hause schaffen«. – Die künftigen Pfarrer sollten auf evangelischen höheren Schulen ausgebildet werden, zu deren Finanzierung man den Ertrag der eingezogenen Kirchengüter verwendete. Kein Zweifel, dass Luther und die von ihm ausgehende reformatorische Bewegung eine außerordentliche Veränderung der deutschen Verhältnisse bewirkte. Außer dem Kernland der lutherischen Reformation, dem Kurfürstentum Sachsen, schlossen sich die meisten nord-und mitteldeutschen Territorien der neuen Bewegung an: Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Brandenburg, Pommern und Hessen, aber auch die geistlichen Territorien Magdeburg, Halberstadt und Naumburg. In Süddeutschland wurden Ansbach-Bayreuth, Württemberg, Baden-Durlach, aber auch viele Reichsstädte wie Nürnberg, Frankfurt, Ulm, Augsburg und Straßburg evangelisch. Katholisch, jedoch nicht unberührt von der reformatorischen Bewegung, blieben die meisten Bistümer im Westen und Süden Deutschlands, Baiern und die habsburgischen Lande. Für viele Jahrzehnte blieben die Dinge noch im Fluss, so in Böhmen, Schlesien und Ungarn. Die Reformation hat nicht nur zu einer »Kirchenspaltung« im negativen Sinne geführt. Gewiss ist es erschreckend, mit welcher Intoleranz sich die konfessionellen Parteien bekämpften, wie mitleidlos sie miteinander umgingen und wie grausam sie in einer Reihe von Religionskriegen übereinander herfielen. Unendlich viel Blut musste fließen, bis die Konfessionen bereit waren, aufeinander zu hören und sich gegenseitig zu tolerieren. Man darf aber auch die segensreichen Wirkungen nicht übersehen. Die katholische Kirche, durch die Reformation in ihren Grundfesten erschüttert, machte einen Prozess der Erneuerung durch, und viele Missstände, die Luther so leidenschaftlich angegriffen hatte, wurden schon durch das Konzil von Trient (1545-1563) beseitigt. Und unsere Gegenwart scheint bereit zu sein, noch weitergehende Konsequenzen zu ziehen. Der neue Reformation 1564Reichsstädtisches Dokument der Reformationszeit: Titelseite der »verneuten« Reformation zu Nürnberg, 1564. Religiöse Erneuerung und Reform der Rechtsprechung und Verwaltung gehen vielerorts Hand in Hand – entsprechend dem Ziel einer nationalen Reichsreform. Bad Windsheim, Stadtbibliothek im Augustiner-Kloster. Luthers Leben und Wirken in Daten
10.11. 1483 Geburt in Eisleben.
1505 Durch einen Blitzschlag Bekehrungserlebnis, Abbruch des weiteren juristischen Studiums, Eintritt in den Augustinerorden, Theologiestudium.
1508 Universität Wittenberg.
1510 Romreise. Erschütterung über die Verweltlichung der Kirche.
1512 Doktortitel, Professur für Bibelauslegung. »Turmerlebnis«: Vergebung der Sünden nicht durch gute Werke, sondern durch Vertrauen in das Evangelium und den Glauben an die Gnade Gottes.
1517 95-Thesen-Anschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg als Aufforderung zur Diskussion über den Ablass.
1518 Verhör in Augsburg durch päpstlichen Legaten.
1519 Disputation zwischen Johann Eck sowie Luther und Karlstadt. Luther bestreitet den Vorrang des Papstes, die Bedeutung der Kirchentradition und die Unfehlbarkeit der Konzile und stellt das Wort der Heiligen Schrift und den Glauben an das Evangelium als allein verbindlich dar, riskiert also den Bruch mit dem Papst.
1520 Aufruf zu einem Nationalkonzil in seiner Schrift »An den christlichen Adel deutscher Nation«. Anerkennung nur zweier Sakramente entsprechend dem Evangelium (Abendmahl und Taufe) in der Schrift »Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche«. Nur im Glauben finden wir zur Gnade Gottes: in der Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« Verbrennung der Bannandrohung in Wittenberg.
1521 Ächtung auf dem Wormser Reichstag. »Wormser Edikt« verbietet Verbreitung und Lektüre seiner Schriften.
1521/22 Als Junker Jörg auf der Wartburg. Übersetzung des Neuen Testaments (ersch. 1522).
1522 Bilderstürmer in Wittenberg.
1522/1523 Reichsritter-Aufstand.
1525 Bauernkrieg. Verurteilung in der Schrift »Wider die stürmenden Bauern« Heirat der ehemaligen Nonne Katharina von Bora.
1526 1. Reichstag zu Speyer – Stillhalten zwischen den Konfessionen.
1529 2. Reichstag zu Speyer. Evangelische Stände protestieren (daher Protestanten) gegen »Wormser Edikt« Marburger Religionsgespräch mit Zwingli Erscheinen des kleinen Katechismus.
1530 Reichstag zu Augsburg. Bestätigung des »Wormser Edikts« und Bekenntnis der evangelischen Stände zum neuen Glauben in der »Confessio Augustana«. Luther auf der Veste Coburg. Weiterarbeit an der Übersetzung der Bibel Schrift »Sendbrief vom Dolmetschen«
1531 Bildung des Schmalkaldischen Bundes der evangelischen Fürsten.
1532 »Nürnberger Anstand«. Religionsfrieden wegen Türkengefahr.
1546/47 Schmalkaldischer Krieg. Niederlage der Evangelischen in der Schlacht bei Mühlberg. Gefangennahme der Protestanten Philipp von Hessen und Friedrich von Sachsen.
18.2.1546 Tod in Eisleben.
1547/48 »Geharnischter Reichstag zu Augsburg«. Zugeständnis des Laienkelchs und der Priesterehe, aber ansonsten Beharren auf katholischem Standpunkt. Magdeburg wegen Weigerung in Reichsacht.
1551/52 Fürstenrebellion unter Moritz von Sachsen, Vertrag mit Frankreich gegen Preisgabe von Metz, Toul, Verdun. Sieg über den Kaiser.
1552 Vertrag von Passau bestätigt bestehende Verhältnisse.
1555 Augsburger Religionsfriede: »Cuius regio, eius religio«.